A. L. Kennedy

Einladung zum Tanz

Roman
Steidl Verlag, Göttingen 2001
ISBN 9783882437713
Broschiert, 310 Seiten, 19,43 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Ingrid Rosenberg und Gerd Stratmann. Eine Zugfahrt von Glasgow nach London wird für Margaret Hamilton zu einer Reise in die Vergangenheit. Während die Landschaft an ihr vorüberzieht, überlässt sie sich ihren Träumen und Erinnerungen: an die Kindheit ohne Mutter, an den Geruch ihres geliebten Vaters beim Tanz, an Colin, ihren Verlobten, den sie zurückgelassen hat ...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.03.2002

Schon vor einigen Jahren hat der Steidl Verlag die Rechte an A.L. Kennedys im Original bereits 1993 veröffentlichtem Debütroman erworben - an die Publikation herangewagt hat man sich erst jetzt, da die schottische Autorin mit ihrer Geschichte "Gleißendes Unglück" und neuen Kurzgeschichten auch in Deutschland zu einiger Bekanntheit gelangt ist. Während es in den kürzeren Texten Kennedys eher um psychische Grausamkeiten gehe, steht hier, wie die Rezensentin Maike Albath feststellt, "ein grausamer Akt" im Mittelpunkt, die Kreuzigung eines Mannes "zu den Klängen von Mozart". Darin verdichtet sich jedoch nur das Grundanliegen des Romans, der, so Albath, "eine Studie privater Unterdrückungsverhältnisse" ist. Darüber hinaus hält sie die Atmosphäre der britischen achtziger Jahre unter Margaret Thatcher für sehr treffend eingefangen - und auch die befreiende Kraft, die der Gewalt am Ende innewohnt, scheint ihr glaubwürdig geschildert.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.09.2001

Thomas David ist hin und weg! Da hat es einen Rezensenten richtig gepackt, soviel ist zu spüren, wenn er mit Wörter wie "Luzidität", "kristallin", "gleißend", "außerordentliche Präsenz" ein lichtmetaphorisch getränktes, verbales Feuerwerk zu Ehren dieser Autorin entzündet, von der auf deutsch drei neue Bücher vorliegen - ein neuer Roman, Erzählungen sowie ein kaum klassifizierbares Buch über den "Stierkampf".
1) A.L. Kennedy: "Einladung zum Tanz. Roman"
2) dies.: "Ein makelloser Mann. Erzählungen"
Thomas David feiert A.L. Kennedy als Autorin von außergewöhnlicher Sprachkraft, die es schafft, "ohne jede Spur von Sentimentalität" Momente des Glücks zu beschreiben, die auf das plötzliche Bewusstwerden und intensive Erleben der eigenen Existenz zurückzuführen sind - also keineswegs dem Klischee klein - oder großbürgerlichen Glücks im trauten Heim entsprechen. Kennedy führe ihre Figuren stets in Räume "unverstellter Alltäglichkeit" schreibt David, also Büros, Wohnungen, Fitnesscenter, in denen jähes Erwachen lauere: Momente des Schreckens würden in plötzliche Selbsterkenntnis und intensive Glücksgefühle umschlagen, wenn man die neuen Erzählungen der schottischen Autorin auf einen Nenner bringen wolle. Einen ähnlich gewaltsamen und fast kathartischen Moment beschreibt David aus ihrem Roman "Einladung zum Tanz", der in einer Kreuzigungsszene gipfelt, die dem Gepeinigten hilft, seine verloren geglaubte Liebe wiederzufinden.
3) dies.: "Stierkampf"
Auch in diesem Buch begibt sich Kennedy, so David, auf die Suche nach dem Gefühl äußerster Intensität, das sie beim Stierkampf vermutet und findet. Nun sollte man sich das Buch nicht als kulturhistorische Abhandlung des Stierkampfs vorstellen, sondern vielmehr als Selbstportrait der Autorin vor spanischer Kulisse. "Stierkampf" ist eigentlich ein Selbstportrait, behauptet David, und die Geschichte einer Selbstfindung, da die Autorin ihre Schreibblockade durch dieses Thema zu bezwingen hoffte. Laut David zieht Kennedy den gewagten Analogieschluss zwischen Stierkampf und Schreiben, erklärt beides zum "Blutsport", das nach ähnlichen Regeln und Stationen wie Angst, Schmerz, Freude, Tod, Transzendenz ablaufe. Wie der Stier fühle sich der Schriftsteller nackt und schutzlos, wenn es darum geht, dass er sich etwas abringen muss, erklärt David, und wie der Stierkampf vollziehe sich das Schrieben als Ritual in äußerster Konzentration. Bloß unblutiger.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.08.2001

Ein schlichter Stoff: Ein wenig Familiengeschichte, etwas Sozialarbeitermilieu, ein unsicheres Liebesverhältnis sowie das Leitmotiv des befreienden Tanzes. Für den Rezensenten ergibt das gleichwohl einen "intensiven, emotionsreichen und zugleich gedanklich subtilen Roman." Wie das? Literarische Sabotage sei im Spiel, erklärt Eberhard Falcke und meint den Bruch mit sämtlichen Erklärungsmustern unserer Zeit, psychologischen, genderspezifischen, sozialen. Indem die Autorin ihre Figuren "nicht als fest umrissene Charaktere, sondern eher als Empfindungsbündel" präsentiere, indem sie außerdem das Unwägbare formuliere, unterlaufe sie "das vermeintlich sichere Wissen über so alte Beschwernisse wie Einsamkeit, Angst, Liebe und Fremdheit in der Welt." Heutzutage sei das "eine leise, aber eindringliche Provokation."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.06.2001

Reinhard Baumgart stellt uns die junge schottische Erzählerin A. L. Kennedy vor, die seiner Meinung nach über das gewisse Etwas verfügt, das den meisten jungen Autoren fehlt. Zwei Bücher der Autorin hat er sich genauer angesehen: den Roman "Einladung zum Tanz", erschienen im Steidl Verlag, und "Stierkampf", erschienen bei Wagenbach.
1) A. L. Kennedy: "Einladung zum Tanz"
Was also ist es, was Kennedy den anderen voraushat und was jenseits von Talent, Stil, Thematik liegt? Baumgart konstatiert bei diesem Roman eine "intensive Empfindlichkeit für Schmerz und Gewalt", dazu ein "religiöses Glücksverlangen - eine eher archaische als postmoderne Mischung". Voilà. Und dann kann sie erzählen, Kennedy, dass Baumgart nur so staunt. Über ein "Kaleidoskop der Bilder, Dialoge, Gedanken, bald jäh und knapp, dann wieder aus- und scheinbar abschweifend, mit harten Schnitten, weichen Blenden, aber immer traumwandlerisch sicher." Entsteht eine Lebensreise, Liebesgeschichte und ein Panorama der britischen Achtziger, deren Handlungsverlauf nachzubuchstabieren, dem Rezensenten Pein verursacht, denn nicht vermitteln lasse sich, "wie nüchtern und doch fassungslos" hier wahrgenommen und erzählt werde, wie sich Pathos und Komik aneinander reiben.
2) A. L. Kennedy: "Stierkampf"
Ist das erlaubt, fragt der Rezensent, den Leser so peinlich nah an sich heranzuziehen? Der Leser auf Tuchfühlung mit der Autorin als einem schaffens- (lebens-?) müden Menschen also, und vor dem Hintergrund einer kleinen Kulturgeschichte des Stierkampfs. Aber ja doch, meint Baumgart, weil er nämlich daran nicht zu glauben wagt, an die gescheiterte Autorin Kennedy. Eine Autorin, "die immer zum Äußersten geht, um ihrer Kunst den unvergleichlichen Stempel ihrer eigenen Erfahrung aufzuprägen."