A. F. Th. van der Heijden

Die zahnlose Zeit

Romanzyklus in sieben Bänden
Cover: Die zahnlose Zeit
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518414330
Gebunden, 3000 Seiten, 128,00 EUR

Klappentext

Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Die zahnlose Zeit ist ein großer, vielbändiger Romanzyklus, ein Welttheater, dessen einzelne Teile dank ihrer Akteure aufeinander Bezug nehmen, aber zugleich - wie andere große Zyklen der Literatur - vollkommen selbständig und in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.08.2003

Martin Lüdke ist von diesem siebenbändigem Romanzyklus, der in der Zeit von der holländischen Nachkriegszeit bis in die 80er Jahre spielt, tief beeindruckt. In seiner eingehenden Rezension preist er die "monumentale Kunstanstrengung", die nicht ohne Risiko und seiner Meinung nach durchaus "mit Mängeln behaftet" ist und bei der dennoch "Rang" dieses Werks außer Frage steht. Der Zyklus beschreibt das Leben Albert Egberts, der in eine Arbeiterfamilie mit einem Säufer als Vater hineingeboren wird, fasst der Rezensent zusammen. Lüdke beschreibt die Romane als eine fortlaufende "Provokation", wobei diese seiner Ansicht nach nicht in den minutiös protokollierten sexuellen Ausschweifungen und den eindringlich beschriebenen Drogenexzessen der Protagonisten besteht, sondern darin, dass A. F. Th. van der Heijden die Auflösung von Fragen und jeglichen "Sinn" konsequent verweigert. Für den Rezensenten ist es damit ein "imponierendes Werk", das die ganze "unmenschliche Brutalität und Verrohung und Zerstörung" der Welt darstellt, ohne auch nur ein bisschen "Trost" zu bieten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.08.2003

Glücklich ermattet wirkt die Rezensentin Dorothea Dieckmann nach der Lektüre dieses 1.400-seitigen Romanzyklus, der nun, sieben Jahre nach Erscheinen des letzten niederländischsprachigen Originalbandes, in der "hervorragenden" deutschen Übersetzung von Helga de Beuning vorliegt. "Die zahnlose Zeit" verlange allerdings nicht nur dem Leser einige Energie ab; für den Autor habe dieser Zyklus fünfzehn Jahre Kampf mit der "Hydra einer assoziativ wuchernden Handlung" bedeutet. Und auch wenn der Rezensentin zwei der Handlungsstränge zu "melodramatisch-exotisch" geraten sind, so dass sie kaum ins Gesamtbild passen wollen, ist sie dennoch begeistert von van Heijdens Erzähltechnik, die zuweilen auch mit "novellistischer Konzentration" aufwarten kann. Van Heijdens "unerschöpfliche Mittel sprachlicher Weltschöpfung" und seine "phänomenale Einbildungskraft", die in Motiven, Metaphern und Allegorien explodiere, seien Entschädigung genug für so manchen etwas leblosen, zu sehr der Erzählerinstanz verpflichteten Dialog. Und so lautet Dieckmanns Fazit: Trotz einiger "Ermüdungserscheinungen" und geradezu "uferlosen Materials" bleibt "Die zahnlose Zeit" ein Werk, "dessen literarische Technik und drastische Zeitkritik ihresgleichen sucht".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.07.2003

Endlich liegt das Opus magnum des niederländischen Schriftstellers van der Heijden komplett auf deutsch vor: 3640 Seiten insgesamt, rechnet Hermann Wallmann, der ihrer Übersetzerin Helga van Beuningen ein großes Lob ausspricht. Van der Heijden, geboren 1951, ist noch relativ jung, und so entwirft der Romanzyklus ein Gesamtpanorama der niederländischen Gesellschaft von den fünfziger bis in die achtziger Jahre, zitiert Wallmann van der Heijdens Kollegen Cees Nooteboom. Auch ein niederländischer Literaturwissenschaftler namens Carel Peeters wird aufgerufen, das literarische Programm der "Zahnlosen Zeit" zu charakterisieren: auf experimentelle Weise versuche der Autor herauszufinden, was von einem Menschen "übrig bleibt", der in der Gosse landet. (Drogen scheinen in dem Roman eine größere Rolle zu spielen.) Das "experimentell" bezieht sich vor allem auf van der Heijdens literarische Methode, erklärt Wallmann, sich an anderen Autoren wie Proust, Joyce oder Kafka zu orientieren, sie aber wie lästige Vorbilder zugleich wieder souverän abzuschütteln. Der Zyklus ist als ein großer Roman gedacht, führt der völlig hingerissene Rezensent aus und empfiehlt zum Kennenlernen statt des Prologs das Intermezzo "Der Widerborst", das von einem geschwindigkeitsbesessenen jungen Mann erzählt. Danach sei man van der Heijden-süchtig, versichert Wallmann, und könne sich ans Gesamtwerk machen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.05.2003

Dem niederländischen Autor geht es bei den beiden Abschlussbänden zu seinem Romanzyklus "Zahnlose Zeit" um nichts weniger als um "alles", meint Gerrit Bartels, und er stellt fest, dass A. F. Th. van der Heijden dafür Lesern, Übersetzerin und nicht zuletzt sich selbst ganz schön viel abverlangt. Denn nicht nur der bloße Umfang stellt hohe Anforderungen, sondern es handelt sich dabei auch keineswegs um "schnell konsumierbares Lesefutter", warnt der Rezensent. Er bemerkt interessiert, dass sich der Horizont des Romanzyklus, der sich bisher in den Grenzen Hollands bewegt hat, nun sowohl thematisch - es geht um Drogensucht und Kinderhandel - als auch geografisch - bis nach Italien und Thailand - ausgedehnt hat. Als "Leitmotiv" erkennt Bartels den Versuch, der "Wirklichkeit auf die Spur" zu kommen und dabei die Realität in Schönheit umzuwandeln. Dass das "nicht immer gelingt", wundert den Rezensenten nicht und er betont, dass auf die Dauer ein "Übermaß an Glanz" auch "gewisse Abnutzungseffekte" hat. Er meint, dass bei der Opulenz der Bände auch dem "engagiertesten Leser zuweilen die Puste ausgeht" und gibt zu bedenken, dass trotz zusätzlichem Registerband, der die Personen des Romanzyklus aufführt, die letzten beiden Bände kaum selbständig und unabhängig von den vorhergehenden Bänden gelesen werden können. Trotzdem erklärt er das "Experiment", die "Wirklichkeit zu entkrusten" insgesamt für gelungen.
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