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Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Magazinrundschau

Harvey explodierte

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
26.02.2013. In The Brooklyn Rail erzählt der Animationsfilmer Ralph Bakshi, warum er Glück hatte, arm aufzuwachsen. Die NYT erklärt, warum wir Zucker, Salz und Fett nicht widerstehen können. Genau darum muss der Staat uns vor uns selbst schützen, lernt die NYRB. Und The Atlantic sammelt schon mal die Daten, die beweisen, wie sehr wir beim Essen gesündigt haben. Im New Statesman singt Jeannette Winterson ein Loblied auf den kreativen androgynen Geist. Im Guardian erzählt Aleksandar Hemon, warum er als Erwachsener seine ästhetischen Prinzipien revidieren musste. Und in El Pais erklärt Sergio Alvarez, warum der magische Realismus nicht mehr zeitgemäß ist.

Brooklyn Rail (USA), 25.02.2013

Lange Zeit war es still gewesen um Kult-Animationsfilmer Ralph Bakshi, der in den 70ern mit einer Reihe subkulturell geprägter, urbaner und freizügiger Zeichentrickfilme das Disney-Monopol aufbrach und die Animationsfilmkunst endgültig vom Stempel braver Familienunterhaltung befreite. Für Brooklyn Rail hat sich nun Gregory Smulewicz-Zucker mit dem Filmemacher unterhalten, der aktuell auf Kickstarter eine Crowdfunding-Kampagne für seinen ersten Film seit über 15 Jahren führt. Bakshi erzählt unter anderem, wie seine Kindheit in Brownsville, Brooklyn als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer den Nährboden für seine Filme bildete: "Meine Familie war sehr arm, doch arm fühlten wir uns nie. ... Wir fanden nicht, dass Spielsachen und der ganze Scheiß, den die Leute kaufen, irgendwie wichtig waren. Musik war sehr wichtig. Erst war da Swing, absolut wunderbar. Die Musik der 40er war atemberaubend, ich liebe sie noch immer. Dann kam Rock'n'Roll. Ein beträchtlicher Teil meiner Jugend gehörte dem Jazz. Er lehrte mich, Dinge improvisatorisch anzugehen. ... Mein Stil entstand in Brownsville. Er rührt vom Schmutz auf dem Boden her, von der Farbe, dem alten Holz und wie sich all diese Dinge mischen. Das war keine saubere Vorstadt mit Bäumen, von denen die Blätter perfekt auf den Boden hinabsinken."

Wie sich diese urbane Melange in seinen Filmen niederschlug, vermittelt diese Szenencollage aus "Fritz the Cat":


Stichwörter: Brooklyn, Crowdfunding

Elet es Irodalom (Ungarn), 22.02.2013

Dass mit Călin Peter Netzers "Poziţia copilului (Child's Pose) ein eher mittelmäßiger rumänischer Film die diesjährige Berlinale gewonnen hat - zumal lange nach dem Beginn des Triumphzugs rumänischer Filmkunst -, zeigt, dass das deutsche Filmfestival kein Trendsetter ist, findet der ungarische Filmkritiker Zsolt Gyenge. Dies habe auch damit zu tun, dass Festivalleiter Dieter Kosslick mehr auf Masse als auf Klasse setzt und damit die Berlinale zu einem Giga-Event mit etwa 400 Filmen pro Jahr gemacht hat - ein Umstand, dem Gyenge dann doch etwas Positives abgewinnen kann: "Die unglaublich hohe Zahl der Filme macht die vielen Sektionen und Aufführungen fast unübersichtlich, dennoch erhalten hier auch experimentelle Werke oder erst werdende Künstler die Möglichkeit, sich zu präsentieren, die in einem Festival-System wie von Cannes beispielsweise keine Chance hätten. Zum Vergleich der beiden Festivals genügt es, ihre Talentförderprogramme nebeneinander zu stellen: Cannes bietet in den renommierten Werkstätten Atelier und Cinéfondation jährlich etwa zwei Dutzenden jungen Filmemachern diese Möglichkeit, während am Talent Campus der Berlinale pro Jahr knapp 500 Leute teilnehmen können."
Stichwörter: Dieter Kosslick

Atlantic (USA), 01.03.2013

Jonathan Cohn schildert, wie Roboter, Computer, Big Data und das Internet die Medizin revolutionieren. Vieles ist Zukunftsmusik, aber einiges schon heute möglich - und für manches reicht bereits ein Smartphone: "Firmen entwickeln Sensoren, die, an Smartphones angeschlossen, biologische Daten aller Art sammeln. The Firmen Withing und iHealth bieten beispielsweise Blutdruckmanschetten fürs iPhone an, die die Daten dann per Email an Gesundheitsspezialisten schicken oder direkt in die Patientenakte eintragen können. Andere Hersteller verkaufen Geräte, mit denen Diabetiker ihren Blutzuckerspiegel messen können. In Großbritannien hat ein Konsortium eine Smartphone-App entwickelt, mit der sich der Nutzer auf sexuell übertragbare Krankheiten testen kann. (Der Test beinhaltet offenbar, auf einen ans Handy angeschlossenen Chip zu urinieren.)" Ausgewertet werden all diese Daten am Ende nicht mehr von ihrem Arzt, sondern von Watson, dem Supercomputer. Noch lernt er...

Außerdem: Graeme Wood erzählt, wie Ethnologen große Firmen mit Konsumentendaten versorgen. Emily Bazelon erzählt, wie Experten von Facebook, vom MIT und von Anonymous jeder auf ihre Art versuchen, Internet-Bullies zu stoppen (in dem Zusammenhang lesenswert ist auch die Geschichte von Adalia Rose Williams, einer 6-Jährigen, die unter Progarie leidet - vorschnelles Altern - und die, seit sie in einem Video zu "Ice Ice Baby" tanzte, Licht- und Schattenseiten des Internetruhms erfuhr). Christopher Orr beklagt den Niedergang der romantischen Komödie im Film. Großes Lob von Benjamin Schwarz für Karl Schlögels Buch über Moskau 1937, das zu den "spannendsten Werken der Wissenschaft und der historischen Vorstellungskraft gehört, das ich seit Jahren gelesen habe". Und eine Kurzkritik empfiehlt "The Master of us all", Mary Blumes Biografie über Cristobal Balenciaga, als eine der "intelligentesten Biografien, die je über einen Modedesigner geschrieben wurden".
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Twitterfeed der Verlage

Archiv: Atlantic

Guardian (UK), 23.02.2013

John Freeman porträtiert den bosnisch-amerikanischen Autor Aleksandar Hemon, der in seinen Erinnerungen sehr drastisch beschreibt, was es bedeutet, ästhetische Prinzipien zu revidieren: "Der Mann, der Hemon beibrachte, kritisch zu lesen und zu schreiben, erklärt er in seinem 'Book of My Lives', erwies sich während des Bosnienkrieges als rechter Wegbereiter des Genozids. Alles, was der Mann in Hemon gesät hatte, erschien nun beschmutzt. Geradezu brutal las Hemon noch einmal seine eigene Arbeiten: 'Ich nahm mir noch einmal alles vor, was ich in den Neunzigern geschrieben hatte, und es blieb nur ein einziger Absatz, der mir wirklich gefiel.'" (Hier eine Leseprobe aus dem Buch)

Weiteres: Andy Beckett findet in David McKnights Murdoch-Biografie Anzeichen dafür, dass der australische Medienmogul vielleicht doch nicht allmächtig ist. Ian Thomson trommelt für die Pasolini-Retrospektive im Londoner BFI und verzeiht dem Großmeister auch seine späten Ausfälle gegen die Moderne. Nicholas Wroe porträtiert Javier Marias.
Archiv: Guardian
Stichwörter: Javier Marias

El Pais (Spanien), 21.02.2013

Der kolumbianische Autor Sergio Àlvarez erklärt im Interview mit Massimiliano Minocri, warum man seinen neuen Roman "35 Tote" durchaus auch als Manifest gegen den magischen Realismus verstehen kann, den er nicht mehr zeitgemäß findet: "Es ist so, dass diese literarische Bewegung, die einmal ausgezeichnet war, sich in eine Entschuldigung für alle Gräueltaten verwandelt hat. Sowohl in meinem Buch 'La lectora' als auch in '35 Tage' ist es mir wichtig zu zeigen, dass in Kolumbien schreckliche Dinge passieren. Aber es kommt immer jemand, der sagt, 'Ja klar, aber das ist doch das Land des magischen Realismus.' Meine Bücher zielen auf das Gegenteil ab. Sie zeigen die rohen Seiten, damit man sieht, dass diese schrecklichen Dinge nicht zu rechtfertigen sind. (...) Die Grausamkeiten in der Gesellschaft, von denen '35 Tote' erzählt, entsteht aus dem Unvermögen unseres Kontinents, seine sozialen und kulturellen Elemente in Übereinstimmung zu bringen. Wir wissen immer noch nicht wie weiß und wie westlich, wie indianisch und atavistisch oder wie schwarz wir sind."
Archiv: El Pais

Vanity Fair (USA), 15.02.2013

20 Jahre soll das nun schon wieder her sein? Im Mai 1993 jedenfalls stellte Quentin Tarantino den letzten Drehbuchentwurf für "Pulp Fiction" fertig, der als erster Indiefilm mit einem Einspielergebnis von über 200 Millionen Dollar in die Filmgeschichte eingehen würde. Mark Seal hat sich für Vanity Fair mit vielen Leuten aus der Produktion getroffen und erzählt anhand von Anekdoten, wie dieses Filmwunder geschah. So erfährt man etwa, dass der damalige Business-Frischling Tarantino die Besetzung des damals völlig abgeschriebenen John Travolta zur conditio sine qua non erhoben hatte und sich damit gemeinsam mit seinem Agenten Mike Simpson selbst noch gegenüber berüchtigten Wadenbeißern wie den Produzenten Bob und Harvey Weinstein durchzusetzen verstand: "Während eines Telefonats spät in der Nacht akzeptierten die Weinsteins sämtliche Bedingungen, mit einer Ausnahme - die Besetzung John Travoltas. ... Simpson erklärte ihnen, entweder kriegen sie auch das oder der Deal platzt. Harvey explodierte, doch Simpson hielt stand. 'Draußen sitzen zwei weitere Käufer, (...) ihr habt 15 Sekunden, um zuzustimmen. Wenn ich auflege, war's das. ... Harvey sprach weiter und argumentierte, aber ich sagte nur, OK, 15, 14 - bei acht hörte ich Bob sagen, Harvey, wir müssen zustimmen. Und Harvey sagt, OK, scheiß drauf.'"

Außerdem erfahren wir, warum Tarantinos Jubel über seinen ersten Drehbuch-Oscar seinerzeit von einer Schwarzblende überdeckt war. Sein mitausgezeichneter Co-Autor Roger Avary rächte sich damit für Tarantinos Streiche: "Ich hatte dem Kameramann 500 Kröten zugesteckt, damit er die Kamera [im entscheidenden Moment] ausschaltet." Der Scherz ist gelungen, wie man sieht:


Archiv: Vanity Fair

Economist (UK), 23.02.2013

Die Zeit für Syrien läuft davon, fürchtet der Economist. "Es sieht mehr und mehr danach aus, als falle das Land verfeindeten Kriegsherren, Islamisten und Gangs zur Beute - ein neues Somalia, das inmitten des Vorderen Orients verrottet. Wenn dies geschieht, liegt das Leben von Millionen in Trümmern. Zudem würde ein zersplittertes Syrien den globalen Dschihad begünstigen und gewaltvolle Rivalitäten im Nahen Osten befeuern. Es steht zu befürchten, dass Assads jetzt noch sicher lagernde chemische Waffen in die falschen Hände geraten könnten. Diese Katastrophe würde im gesamten Nahen Osten und jenseits davon spürbar sein."

Die Umsätze der Filmindustrie wachsen zwar, doch sie wachsen im Vergleich zu anderen Unterhaltungsformen zu langsam, warnt der Economist: Längst schon nehmen Fernsehproduktionen einen größeren, vor allem aber einen für die Bilanz wesentlich verlässlicheren Anteil in den Kalkulationen der großen Studios ein. Zudem steigen die Kosten: "Der Wechsel von analogem zu digitalem Film gestattet perfektionistischen Regisseuren mehr Takes, die sie im Nachhinein bearbeiten können. Produktion und Schnitt dauern dadurch kostenempfindlich länger. Zudem produzieren die Studios mehr 'Zeltstangenfilme': Große Titel, die das niedere Segment der Produktionen tragen. Um ein globales Publikum zu erreichen, verlassen sich diese wiederum eher auf teure Spezialeffekte als auf ein ansprechendes Skript. ... Doch legen teure Filme eine Bruchlandung hin, sind die Verluste angsteinflößend. Disney hat nach dem Flop eines einzigen Films, 'John Carter', ein verwirrendes Sci-Fi-Abenteuer, 160 Millionen in den Sand gesetzt."

Außerdem fragt sich der Economist, warum sich die NASA, die doch ohnehin seit Jahren abwickelbar sei und nur noch bestehe, um Steuergelder abzugreifen, sich nicht mal nützlich macht und ein Asteroidenabwehrnetz konstruiert.
Archiv: Economist
Stichwörter: Dschihad, Somalia

New Yorker (USA), 11.02.2013

Jetzt erst Online ist eine wunderbare Reportage von Kelefa Sanneh über die Wiederbelebung der Whisky-Destillerie Bruichladdich (mehr) auf der schottischen Insel Islay. Der Londoner Weinhändler Mark Reynier hatte sie letztlich gekaufte, um seinen Lieblings-Whisky zu retten. "Niemand weiß, warum Bruichladdich-Whisky schmeckt, wie er schmeckt, aber viele Leute glauben, es zu wissen. Nach Reyniers Ansicht macht die Nähe zu einer seichten Bucht etwas aus (Bruichladdich ist Gälisch für 'erhöhter Strand'). Bei Ebbe werden Algen der Luft ausgesetzt, was den Alkohol während des Alterns beeinflusst und ihm einen intensiven Meergeschmack verleiht." Man erfährt viel über die Whisky-Produktion, aber auch über Probleme mit der gelegentlichen Gewöhnungsbedürftigkeit des Getränks. "Die bekannteste Destillerie der Insel ist vermutlich Laphroaig, deren Aushängeschild penetrant rauchig und bestürzend medizinisch ist, und dessen Geschmack manchmal mit dem Desinfektionsmittel TCP verglichen wird. In vernüftigen Maßen und unter richtigen Bedingungen kann Laphroaig köstlich sein, aber seine Bekanntheit ist ein zweifelhafter Segen für die Branche, denn Whisky-Neulinge, die ihn probieren und nicht ausstehen können, kommen vielleicht nie wieder auf Whisky zurück."
Archiv: New Yorker

New Statesman (UK), 25.02.2013

Die Autorin Jeannette Winterson singt ein Hohelied auf Virginia Woolfs Roman "Orlando", der lehre "nichts auszulassen und alles zu fordern" und Zeit wie Geschlecht irrelevant mache: "Woolf glaubte, dass der kreative Geist androgyn ist. Sie war Expertin in elisabethanischer Literatur. Sie liebte die Weite und die Gewissheit des Renaissance-Denkens. Shakespeare, der seine Sonette mit derselben Leidenschaft an Jungen wie an Frauen richtete, der die Männlichkeit eines Soldaten so gut verstand wie die Intensität einer Nonne, Shakespeare schien für sie zu sein, wie wir alle sein könnten - größer, weiter und befreit von allen Konventionen und Heucheleien."

So ein "grandioser Verteidiger der Werte der Aufklärung, des Säkularismus und Internationalismus" würde der britischen Linken zur Ehre gereichen, meint George Eaton, kann aber nach der Attacke "The Trial of Christopher Hitchens" des Hamas-Unterstützers Richard Seymour gut verstehen, warum Hitchens mit dieser nichts mehr zu tun haben wollte. Und Richard Holloway findet in John Grays neuem Buch "The Silence of Animals" einen Schatten von Hoffnung für die Menschheit: "gottloser Mystizismus" kann uns zwar nicht retten, aber helfen, eine Art "kontemplative Dankbarkeit für das einzige Leben zu entwickeln, das wir haben".

Al Ahram Weekly (Ägypten), 19.02.2013

Der Fotograf Sherif Sonbol erzählt die Geschichte der deutschen Buchhandlung Lehnert und Landrock in Kairo. Die Gründer waren zwei Fotografen aus Sachsen und Österreich. "Ich erinnere mich, dass ich ihnen meine Bilder angeboten habe und sie lehnten ab. In wenigen Jahren würde ich der erste ägyptische Fotograf sein, der einen Bildband veröffentlicht hat, aber egal. Vor ein paar Wochen kehrte ich mit Nina Awadley dorthin zurück, um mir das jüngste Buch anzusehen, dass sie veröffentlicht hatten. Lehnert und Landrock: Postkarten aus der Vergangenheit. ... Ich war neugierig zu sehen, wie Ägypten aussah auf den 170 Postkarten, die in dem Buch reproduziert waren: wie die Straßen weder Schmutz noch Straßenverkäufer aufwiesen, wie sauber die Dörfer waren, wie ordentlich und ruhig der Verkehr war."

New York Times (USA), 26.02.2013

Das NYT Magazine druckt einen hochinteressanten Auszug aus einem Buch des Reporters Michael Moss über die Nahrungsmittelindustrie. Das Problem ist allseits bekannt: Zu viel Zucker, Salz und Fett in Fertiggerichten und Fastfood haben dazu geführt, dass in den USA inzwischen über die Hälfte der Einwohner Übergewicht hat und ein Viertel fettleibig sind. Die Industrie weigert sich, etwas dagegen zu tun, mit der einfachen Begründung: Die Leute wollen diese Nahrungsmittel. Wenn wir sie ihnen nicht geben, kaufen sie sie von einer anderen Firma. Und so gibt es inzwischen ganze Berufszweige - von Vermarktern bis hin zu Chemikern - die Menschen davon überzeugen sollen, dass sie nicht weniger, sondern immer mehr von diesen schmackhaften Schadstoffen wollen, schreibt Moss. "Um ein besseres Gefühl für ihre Arbeit zu bekommen, rief ich Steven Witherly an, einen Lebensmittelchemiker, der einen faszinierenden Führer für Industrieinsider geschrieben hat, 'Warum Menschen Junk Food lieben'. Ich brachte ihm zwei Einkaufstüten mit, die gefüllt waren mit Chips in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Er griff sofort nach den Cheetos [Flips mit Käseschmack, d. Red.]. 'Das', sagte Witherly, 'ist eines der am großartigsten konstruierten Nahrungsmittel auf diesem Planeten - jedenfalls was den reinen Genuss angeht.' Er nannte einige Eigenschaften der Cheetos, die dem Hirn sagen: mehr. Am meisten aber beschäftigte ihn die unheimliche Fähigkeit des Flips, im Mund zu schmelzen. 'Man nennt es schwindende Kaloriendichte', sagte Witherly. 'Wenn etwas so schnell schmilzt, glaubt das Hirn, es habe keine Kalorien ... man könne für immer weiter essen.'"

Wer sich für die fast schon diabolischen Fähigkeiten von Chemikern in der Nahrungsmittelindustrie interessiert, sei auch auf diesen Auszug aus Eric Schlossers "Fast Food Nation" hingewiesen, den Atlantic Monthly 2001 unter dem Titel "Why McDonald's fries taste so good" veröffentlichte.

Außerdem: In der Sunday Book Review bespricht Joshua Hammer Christa Wolfs Roman "Stadt der Engel".
Stichwörter: Fast Food

New York Review of Books (USA), 07.03.2013

Ist es Aufgabe des Staates, dem Bürger vorzuschreiben, wieviel Zigaretten er rauchen oder wieviel überzuckerte Getränke oder fette Speisen er zu sich nehmen darf? John Stuart Mill hat das strikt verneint: Jeder wisse für sich selbst am besten, was er zu tun habe. Die Philosophin Sarah Conly widerspricht in ihrem Buch "Against Autonomy", erzählt der Jurist Cass R. Sunstein, der Conlys Argumente für staatliche Intervention trotz einiger Bedenken recht wohlwollend aufnimmt: "Sie geht davon aus, dass wir uns im Lichte der jüngsten Forschungen einig sein müssten, dass Mill unsere Fähigkeit, richtig zu wählen, falsch einschätzte. 'Wir sind zu fett, wir haben zu viele Schulden und wir sparen zuwenig für die Zukunft.' Mit diesen Feststellungen im Kopf besteht Conly darauf, dass Zwang nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden sollte. Sie möchte viel weiter gehen als nur einen leichten Schubs zu geben. Ihrer Ansicht nach sollte die angemessene Antwort der Regierung auf menschliche Irrtümer nicht von hochabstrakten Überlegungen über den Wert von Wahlmöglichkeiten abhängen, sondern von pragmatischen Urteilen über Kosten und Vorzüge einer paternalistischen Intervention geleitet sein. Selbst wenn man sich nur selbst Schaden zufügt, sollte und muss sogar ihrer Meinung nach die Regierung bevormundend reagieren, solange die Vorteile die Kosten rechtfertigen."

In diesem Frühjahr entscheidet der Oberste Gerichtshof in den USA, ob die Myriad Genetics Corporation DNA patentieren lassen kann, die sie von den zwei menschlichen Genen BRCA1 und BRCA2 isoliert hat. Diese beiden Gene erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau an Brust- oder Eierstockkrebs erkrankt, beträchtlich. Mit der Patentierung, berichtet Daniel J. Kevles, könnte Myriad jede Erforschung dieser Gene außerhalb der eigenen Firma verhindern: "Die Patente von Myriad sind weitreichend, sie umfassen sowohl beschädigte als auch normale Versionen jeder islolierten Form von BRCA-DNA sowie all ihre Mutationen und inneren Veränderungen, einschließlich derer, die bisher noch unbekannt sind - implizit für das BRCA1-Gen und explizit für das BRCA2-Gen. Die Patente erfassen jeden vorstellbaren Gebrauch der drei Typen von DNA für Diagnose, Therapie, Medikamentenforschung und der Indentifizierung anderer Krebsarten, an denen eines der Gene beteiligt ist. Die Patente würden Myriad praktisch den alleinigen Zugang zu Forschung und Diagnose an der Wirkungsweise von BRCA1- und BRCA2-Genen sichern, denn Forschung und Diagnose setzen meist Analysen und Manipulationen der isolierten DNA voraus. Indem Myriad die Macht nutzt, die in der Exklusivität der Patente liegt, behält es sich jede diagnostische Analyse der ihr bekannten DNA eines Patienten vor."

Weitere Artikel: Ian Frazier stellt ein hochinteressantes Buch des indischen Fotografen und Aktivisten Subhankar Banerjee über den Klimawandel in der Arktis vor: "Arctic Voices: Resistance at the Tipping Point", versammelt Stimmen von 37 Autoren, die er kompiliert und mit seinen Kommentaren versehen hat. Michael Lewis bespricht John Lanchesters Roman "Kapital" (man erfährt dabei, dass London in den frühen 80ern so lethargisch wie Berlin gewesen sein muss)
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Archiv: Magazinrundschau

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