Wo wir nicht sind
Sehnsucht nach Kälte
Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Thekla Dannenberg
29.12.2025. Hoch oben im arktischen Norden, nahe am Pol, funktioniert der Kompass nicht mehr: Mit ihrem Roman "Wo das Eis niemals schmilzt" öffnet uns die finnische Autorin Inkeri Markkula nicht nur die Augen für die Schönheit des Nordens und die Lebenswelt seiner indigenen Bewohner. Sie setzt auch dem räuberischen Griff der Autokraten und Rohstoffkonzerne eine Literatur der Sensibilität entgegen
Die meisten Menschen zieht es nach Süden, in die Wärme, das Licht, die Lebendigkeit. Der Süden verspricht Schönheit, Sinnlichkeit und Lebensart. Unni aber hasst den Süden. Sie ist im hohen Norden Finnlands mit einem samischen Vater aufgewachsen, bis die Mutter mit dem Kind zurück nach Helsinki ging, 1.200 schreckliche Kilometer weiter weg vom Norden.Schon der erste Schultag in der fremden Stadt ist die Hölle. Vor Angst macht sich das Mädchen in die Hose. Die Pisse rinnt ihr in die Gummistiefel, die Hose und ihre Socken sind klatschnass. Was kann sie schon anderes tun, als die Pisse aus den Stiefel zu kippen und zu hoffen, dass die anderen Kinder es nicht merken. Aber natürlich merken sie es. Unni wird verlacht und schikaniert, immer wieder lauern ihr die bösen Jungs auf dem Nachhauseweg auf, um sie in eine Pfütze zu schubsen. Jeden einzelnen Ferientag verbringt Unni deshalb bei ihrem Vater in Lappland, der ihr zum Trost ein verwaistes Rentierkälbchen schenkt. Mit dem Tier durchstreift sie das Fjäll, eine jener baumlosen Hochebenen, in denen nur Moose, Flechten und ein paar Moltebeeren wachsen. Sie bringt ihm bei, das Moor zu überqueren, immer auf das rote Moos zu treten und nur auf den Höckern des Permafrosts zu rasten. Nachts schläft Unni auf dem von flauschigem Fell überzogenen Bauch ihres Rentiers. Wie sollte ein Leben in der Stadt da mithalten?
Das sensible Kind, das lieber allein unter Tieren lebt als zusammen mit anderen Menschen, ist ein immer wieder berührendes Motiv im nature writing. Auch Inkeri Markkulas Roman "Wo das Eis niemals schmilzt" ist durchzogen von Unnis feinsinnigen Naturbeobachtungen, ihrem Blick für das eindringliche Sommerlicht und ihrer Liebe zur Stille, die nur vom Flüstern des Sumpfes durchbrochen wird: "Stille ist gut, wenn man sie selbst gewählt hat", sagt der Vater. Die finnisch-samische Autorin schult nicht nur unsere Wahrnehmung nördlicher Naturschönheit. Sie weckt in uns Sehnsucht. Sehnsucht nach Norden und nach Kälte.
Unni wird Gletscherforscherin. Für ihre Abschlussarbeit erkundet sie die Penny-Eiskappe in Kanadas arktischem Norden. Um herauszufinden, in welche Richtung das schmelzende Wasser abfließt, wirft sie Gummienten in eine der zahlreichen Gletschermühlen, in der Hoffnung, dass sie an den Ufern der Baffin Bay wieder auftauchen. Gletschermühlen sind jene blau leuchtenden Spiralspalten, durch die Schmelzwasser abfließt. Sie können heulen, knallen und knurren. Ein Schauspiel von erhabener Schönheit.
Rundum den Gletscher herrscht sture Kälte. Die arktischen Winde schneiden Querfalten in die Gesichter der Menschen, die ihnen ausgesetzt sind. Je niedriger die Temperaturen, umso schöner das Eis. "Die Gletscherwand leuchtet so stark, dass es blendet. Sie gleicht einem gigantischen gefrorenen Wasser oder einem vertikalen Meer. Ihre Farbe wechselt von Hellblau zu schwarz geflecktem Türkis." Der Glanz der Plejaden verspricht, dass die Kälte anzieht.
Der Penny Gletscher liegt weit oben im Norden von Nunavut, dem autonomen Gebiet der kanadischen Inuit. Er liegt so nah am Nordpol, dass kein Kompass mehr funktioniert. Auyuittuq nennen die Inuit die Region auf der Baffin-Insel: das Land, das niemals schmilzt. Aber von wegen: Die weiße Unendlichkeit der Landschaft mit ihren Karibus, Moschusochsen und weißen Wölfen ist noch immer imposant, aber sie trägt in sich bereits den Geruch von Motorschlitten und schmelzendem Eis.
Hier begegnet Unni dem Dänen Jon, den alle für einen Grönländer halten. Während draußen ein gewaltiger Schneesturm tobt, verbringen die beiden eingeschneit in Jons Hütte eine Woche der Leidenschaft. Die Schlittenhunden draußen vergraben sich zum Schutz vor dem kalten Wind im Schnee. Wenn Unni und Jon die Hütte verlassen, müssen sie auf allen Vieren kriechen. Die einzige Streitfrage ist, ob sie das Gewehr schon geladen schultern sollen oder erst entsichern, wenn sie den Eisbären sehen. Zum Frühstück gibt es Heidelbeeren und frischen Fisch.
Um sie herum ist nichts als Eis und Schnee, da lernt man zu unterscheiden: Starkes Eis, das der Wind nicht brechen kann; Eis, das vom Wind gebrochen wurde; Eis, das vom Sturm aufs Meereis geschoben wird; Schnee, der gerade gefallen ist; leichter Schnee, der vom Wind mitgeführt wird; Schnee, der trägt; Schnee, der sich zu einer weiche Wehe aufgebaut hat. Es sind die berühmten zahllosen Begriffe der Inuit für Schnee, die alles Kuriose verlieren, wenn man seinen Massen ausgeliefert ist.
Mit dem verschlossenen Jon, der seufzt wie die Fjälls im Frühjahr, kommt eine sehr politische Komponente in den Roman: Mit seinen mandelförmigen Augen sieht er aus wie ein Grönländer, aber tatsächlich hat er Inuit-Wurzeln, was ihm selbst lange nicht klar war. Seine dänische Mutter hat sich ihm schweren Herzens offenbart. Sie ahnte schon immer, dass es bei der Adoption in Montréal nicht mit rechten Dingen zugegangen war, wollte es aber lieber nicht genauer wissen. Sie wollte niemandem ein Kind wegnehmen, sondern einfach nur eines haben. Niemand in diesem Roman ist Täter aus böser Absicht, niemand Opfer in edler Schlichtheit. Markkula zeichnet ihre Figuren mit Sorgfalt: Jon in seiner kummervollen Verlorenheit, die Adoptivmutter in ihrer Reue, die leiblichen Eltern in Einsamkeit und Verzweiflung.
Dem nature writing hing mitunter ein etwas konservativer Zug an. Helen Macdonald etwa lehrte uns mit ihren berührenden Büchern den Blick für das Zarte und Besondere in der Natur, doch verbunden war mit der Beschwörung der Naturschönheit immer auch eine Abkehr von der modernen Gesellschaft. Inkeri Markkula dagegen verbindet in ihrem Roman die Themen, die von den Indigenen in den nordischen Gesellschaften aufgeworfen werden: Der Klimawandel, die Landrechte der indigenen Minderheiten, die erzwungene Assimilation im 20. Jahrhundert, Unglück und Verzweiflung unter den Inuit, die ihren Eltern entrissen, adoptiert oder in Internate gesteckt wurden, die ihre Sprache nicht sprechen und ihre Kultur nicht leben durften. Das ist viel Last für einen Roman. Doch der Wille, Naturwahrnehmung, Klimawandel und indigene Perspektiven zusammen zu betrachten, bleibt bei Inkeri Markkula nicht politisches Programm wie mitunter bei der engagierten Climate Fiction, sondern verschmilzt zu einer Literatur der Sensibilität gegenüber Mensch und Natur.
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Verzweiflung und Not unter den Inuit sind so groß wie eh und je. Die Selbstmordrate unter jungen Menschen in Nunavut ist die höchste der Welt, noch höher als die in Grönland. Wenn die Dänen jemanden verächtlich machen wollen, sagen sie noch immer, er trinke wie ein Grönländer. Wie schwer sich die Dänen damit tun, ihr herablassendes Verhältnis zu den Grönländern zu revidieren, beschreibt James Meek sehr eingängig in einer Reportage in der London Review of Books. Selbst Drohung Donald Trumps, die arktische Insel den USA einzuverleiben, mache sie kaum demütiger. Historisch sehen sie sich auf der richtigen Seite - als verdienten nicht die Grönländer Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht, sondern die Dänen für die viele Sozialhilfe, die sie den Trunkenbolden im Norden hinterhergeworfen haben.Die grönländische Autorin Niviaq Korneliussen erzählte in ihrem Roman "Das Tal der Blumen" von einer jungen Frau, die mit einer beneidenswerten Freundin in Nuuk und einem Stipendium für die Uni in Arhus vielversprechend ins Leben startet und doch in einem Strudel aus Selbstzweifeln und Haltlosigkeit versinkt: Sie hasst ihre Eltern, die sie als Kind immer wieder ins Pflegeheim abschoben haben, wenn wieder mal das ganze Geld versoffen war. Sie hasst die Dänen, die ihr gegenüber noch immer Witze über Iglus und Hundeschlitten machen. Am Ende hasst sie auch sich selbst, wenn sie im Vollrausch durch Arhus torkelt. Korneliussen erzählt mit einem anderen Temperament als Markkula, krasser, drastischer, auch witziger. Bei ihr wird nicht der Ruf der Wale besungen, sondern dicke Robbensuppe serviert. Aber auch bei ihr verbinden sich die traurigen Lebensrealitäten mit der imposanten Schönheit ostgrönländischer Landschaften. 2021 erhielt Korneliussen als erste Grönländerin für diesen Roman den Nordischen Literaturpreis.
Die Kanadier, stets auf der Seite des Fortschritts, sind natürlich weiter. Justin Trudeau hat als Premierminister bereits 2017 unter Tränen die First Nations um Verzeihung gebeten für das Unrecht, das ihnen in den Internatsschulen, kaum mehr als Verwahranstalten, angetan worden war. Die kanadische Wahrheits- und Versöhnungskommission hat in ihrem Abschlussbericht festgehalten, dass die Umstände, unter denen die indigenen Kinder ihren Eltern entrissen und entfremdet wurden, einem kulturellen Völkermord gleichkämen. Den Kindern war verboten worden, ihre Sprache zu sprechen und ihre Kultur zu leben. Viele von ihnen waren nach dem Internat so gebrochen wie ihre Eltern.
In der NYRB erinnert Helen Epstein daran, dass Forscher oder Entdecker des 19. Jahrhunderts immer wieder Sanftmut und Fürsorglichkeit der Inuit priesen, was in starkem Kontrast stehe zu der Verwahrlosung und auch Verrohung, die heute in vielen Inuit-Gemeinden herrsche. Dass der Alkoholismus, die Gewalt und auch der Missbrauch mit der Sesshaftmachung der einst nomadischen Inuit zusammenhängt, stehe außer Frage. Doch auch Epstein hält es nach wie vor für strittig, unter welchen historischen Umständen die kanadische Regierung ihr fatales grausames Integrationsprogramm begann. In der einen Version sah sich die Regierung dazu gezwungen, weil Not und Elend unter den Inuit zu groß geworden waren, nachdem der Pelzhandel, aber auch die Wildbestände zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammengebrochen waren. Der anderen Version zufolge wollte die kanadische Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg Ansprüche der USA auf die arktischen Gebiete abwehren, indem sie sie als kanadisch besiedelt markierte.
Eines der bewegendsten Bücher zu diesem Thema ist Joe Saccos Comic-Reportage "Wir gehören dem Land", die schildert, wie die kleine Nation der Dene in Kanadas hohem Norden versucht, für sich eine Perspektive zu finden: Sollen sie zurück zu ihrem ursprünglichen Leben, wie es die jungen Aktivisten fordern? Oder sollen sie darum kämpfen, an den sprudelnden Gewinnen der Rohstoffkonzerne beteiligt zu werden? Ein grandioses Werk der offenen Recherche, das nur Fragen kennt, keine Antworten, das alle Beteiligten zu Wort kommen und Widersprüche stehen lässt, während der umweltbewusste Reporter in Schneemobil und Hubschrauber über die Landschaften des ewigen Eises hinwegfliegt.Der Griff nach den arktischen Gebieten und ihren Bodenschätzen bestimmt mehr denn je die Agenda der Autokraten. Ihre Logik der räuberischen Geopolitik scheint sich unaufhaltsam auszubreiten: Keiner möchte derjenige sein, der aus moralischer Überzeugung leer ausgeht. Doch demgegenüber ist die Literatur nicht gänzlich machtlos. Sie setzt dem Nihilismus ihre Wahrheit entgegen, den Blick auf den Menschen und seine Lebenswelten.
- Inkeri Markkula: Wo das Eis niemals schmilzt. Roman. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Mare Verlag, Hamburg 2025, gebunden, 320 Seiten, 25 Euro (bestellen)
- Niviaq Korneliussen: Das Tal der Blumen. Roman. Aus dem Dänischen von Franziska Hüther. btb, München 2023, gebunden, 288 Seiten, 24 Euro (bestellen)
- Joe Sacco: Wir gehören dem Land. Aus dem Amerikanischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, Zürich 2020, gebunden, 256 Seiten, 25 Euro (bestellen)
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