Vorworte

Leseprobe zu Devika Rege: Die rastlosen Jahre

Über Bücher, die kommen.
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Wir stellen Devika Reges Roman mit einer Passage aus dem Streitgespräch im dritten, "Stillstand" betitelten Teil vor. Nicht alle im Buch auftretenden Figuren konnten im Rahmen des "Vorworts" erwähnt werden. Die neben Rohit, Naren und Omkar an der Diskussion teilnehmenden Charaktere werden deshalb hier kurz eingeordnet:

Gyaan und Cyrus sind die Kollegen, mit denen Rohit sein Filmstudio gegründet hat. Gyaan ist dort der Kameramann; hinter seinen Attacken auf Omkar stehen nicht nur divergente Überzeugungen, sondern auch berufliche Rivalität. Cyrus ist "der Mann vor der Kamera"; er ist homosexuell und gehört in Indien zur kleinen parsischen Minderheit. Gyaans Freundin Iffy/Ifra ist CEO der Stiftung, die das Hilfswerk im Armenviertel Deonar betreibt, bei dem Amanda arbeitet; als Muslimin steht sie im Visier der Hindu-Nationalisten. Kedar, Cousin der Agashe-Brüder, ist der im Vorwort kurz erwähnte Investigativreporter, der kommunistische Ideale vertritt. Die am Schluss nur kurz erwähnte Manasi trägt einen Nachnamen, der ihre Abkunft aus einer niederen Kaste erkennen lässt; dennoch hat sie Karriere gemacht und wird mit ihrer stillen, aber bestimmten Art Narens Herz gewinnen.


Schließlich landet das Gespräch bei einem Thema, von dem Gyaan sicher weiß, dass der Moralapostel eine Meinung dazu hat: Bollywood. In einem Ton, als spräche er ins Universum (und doch ist jedem klar, an wen die Worte gerichtet sind), sagt er: "Hat eigentlich jemand bemerkt, dass all die neuen Filme irgendeinen vorbritischen, nicht mogulischen, hinduistischen Glanz verbreiten wollen? Erst machten sie 'Mohenjo-Daro', jetzt drehen sie 'Shivaji', danach ist 'Bajirao' dran. Sie können nicht ertragen, dass ein muslimisches Reich der Höhepunkt unserer Kultur war. Und dann diese Heuchelei. Ich sehe es an meinem Onkel. Redet die ganze Zeit vom Hindu-Staat, aber beim Autofahren hört er sentimentale persische Ghazals. Und auf Hochzeiten trägt er einen prachtvollen Sherwani …"

Omkar schluckt den Köder. "Gyaan-ji", sagt er, "kann es sein, dass Ihr Onkel im Herzen noch im kolonialen Denken feststeckt? Wenn Sie Sawant lesen, werden Sie sehen, dass selbst Hindus an den Mogulhöfen Persisch gesprochen und Porträts gemalt haben, auf denen sie an Rosen rochen. Auch heute denken wir noch in entweder-oder, weil man es im Westen so macht."

"Kann man die Moguln überhaupt Kolonialherrscher nennen?", fragt Gyaan. "Sie haben sich hier angesiedelt. Sie haben ihr Taj Mahal in Indien gebaut. Zwei Zivilisationen sind zusammengekommen, und alles, was wir heute als indische Kultur preisen, ist das Ergebnis dieser Synthese. Der Name Hindu wurde zuerst von Muslimen für die Menschen südlich des Indus verwendet. Ihre Kurta, Omkar - Ihre Kurta wurde von den Moguln nach Indien gebracht. Davor trugen wir nichts am Leib - nur Lendenschurze."

Lachen bricht aus, und mittendrin sagt Rohit: "Du und deine Muslim-Fixierung, Bro. Für alle, die Gyaan Mahajan nicht kennen: Er gerät in Ekstase, wenn er auf der Mohammad-Ali-Road Eid feiert. Und an Diwali sagt er seiner Mutter, dass ihn Rituale nicht interessieren."

Also hat Rohit seine Seite gewählt! Der Ausdruck "Muslim-Fixierung" lässt Gyaan nervös zu Iffy blicken. Mit wohlformulierter Höflichkeit - und wie er sie dafür liebt! - lenkt sie die Debatte zurück auf eine sachliche Ebene: "Die Moguln waren nicht nur Muslime. Sie waren definiert durch ein bestimmtes Regierungssystem, eine bestimmte Ästhetik und Lebensweise …"

"Wenn ich zu dem Thema der Namen etwas sagen darf", übertönt der Puritaner sie, seine Stimme nun fester, da Rohit hinter ihm steht. "In unseren Veden hatten bereits die Arier einen Namen für unser Land der sieben Flüsse. Der Teil, der von König Bharata regiert wurde, war Bharat, und unsere Religion war Sanatana Dharma. Dann sind die Muslime eingedrungen und haben unseren Sindhu-Fluss Hindu genannt, also wurden wir Hindus und unser Land Hindustan. Danach kamen die Briten und nannten den Sindhu Indus, also sind wir jetzt Indien und Inder …"

"Sie meinen die Griechen", wirft Gyaan trocken ein. "Die Griechen haben ihn Indus genannt. Die Perser nannten ihn Al-Hind."

"Ich meine: man kann uns nennen, wie man will - die hinduistische Identität gibt es seit fünftausend Jahren."

"Fünf oder fünftausend", sagt Iffy gereizt. "Warum soll eine Religion unsere nationale Kultur definieren? Aur koi way nahin ho sakta, Omkar?" Gibt es keine andere Möglichkeit?

Der Fundamentalist erwidert in seinem akzentuierten Englisch, das ihm schwerfällig über die Zunge rollt: "Zuerst beantworten Sie mir bitte dies: Warum sagen Sie, Hindu ist eine Religion? Religion ist nur ein Aspekt der hinduistischen Kultur."

"Hindu-Kultur, Hinduismus - das ist doch verdammte Wortklauberei", brummt Gyaan gelangweilt. "So setzt die Rechte das Skalpell an, und die Ironie daran ist: An ihrer Ideologie ist überhaupt nichts
Hindu. Sie ist ein fundamentalistisches Credo, das seine Metaphern von westlichen Faschisten übernimmt. Hinduismus bedeutet Gewaltlosigkeit, bedeutet Toleranz."

Omkar beginnt: "Lassen Sie mich das klarstellen. Wir wollen keinen Dogmatismus …"

"Wer ist wir?", fragt Kedar von seinem Platz an der Bar.

"Unser Freund hier ist ein BSL-Volunteer", antwortet Gyaan, als wäre damit alles gesagt.

Omkar verteidigt sich: "Die Leute hören das Wort nationalistisch und denken sofort an Fundamentalismus. Bitte, wir sind nicht die Taliban. Wir glauben an Reformen, denn wie kann es Einheit geben, wenn alle Kasten und Ränge gegeneinander kämpfen? Aber Reform bedeutet nicht die völlige Ablehnung unserer Kultur. Wie eine Person hat jede nationale Identität eine feste Basis, während andere Teile sich mit neuen Erfahrungen verändern. Freiheitskampf, Demokratie - all das ist nicht arisch, und doch nehmen wir es in unsere nationale Kultur auf."

"Das ist ein politischer Geniestreich", mischt sich Naren ein. "Indem sie hinduistische Kultur und Hinduismus trennen, bringt die Bharat Brotherhood achtzig Prozent des Landes unter ein ideologisches Dach."

"Und der Rest kann sich verpissen", murmelt Cyrus über einem Zigarettenpapier.

Gyaan runzelt die Stirn. Also ist Naren so einer. Er macht sich auf eine längere Auseinandersetzung gefasst. Sieht so aus, als würde heute Nacht mehr als eine Person die Hosen runterlassen.


Ifra spürt, wie ihre Brust und ihr Gesicht zu einer undurchdringlichen Wand werden, während Omkar, beflügelt von den Agashes, mit zunehmend eindringlicher Stimme sagt: "Wenn ich eines sagen darf: Laut Oberstem Gerichtshof umfasst die hinduistische Kultur vier Religionen: Buddhismus, Jainismus, Sikhismus und Hinduismus. Alle sind südlich des Himalaja entstanden, alle beziehen sich auf die Veden - das ist unsere Lebensart. Christentum und Islam sind westliche Vorstellungen; sie haben andere Grundlagen. Wir sagen nicht: Lebt nicht hier. Wir sagen: Wenn ihr hier lebt, respektiert unsere Gefühle. Wenn ich in Dubai bin, respektiere ich deren Gefühle. Wenn ich in Rom bin, respektiere ich die Christen …"

Ifra reagiert nicht auf seine Verwendung von "deren" für Muslime. Sie erkennt einen Papagei, wenn sie ihn sieht. Aber ihr Freund, fasziniert von Omkars Kohärenz - so verdreht sie auch sein mag -, beginnt, sich auf die Diskussion einzulassen. Gyaan sagt: "Um zu Ifras Punkt zurückzukehren: Ob vier Religionen oder eine, die italienische Kultur hat nichts mit dem Christentum zu tun."

Es scheint eine Debatte zu sein, die sie in ihrem verfaulten Geäst immer wieder führen, denn der Papagei entgegnet keck: "Italien ist ein kleines Land, in dem alle Italienisch sprechen. In Indien verändert sich von Dorf zu Dorf die Sprache, die Hautfarbe, die Kleidung. Vielfalt ist gut, aber im Essen reicht eine Prise Salz oder Zucker. Wir sagen immer: Einheit in Vielfalt. Wenn Sie mich fragen, woher diese Einheit kommen soll, sage ich: Achtzig Prozent des Landes leben die hinduistische Kultur. Wenn ich Sie frage, woher die Einheit kommen soll, haben Sie keine Antwort. Oder höchstens irgendein hyperintellektuelles Konzept für außergewöhnliche Leute."

Kedar sagt zu Omkar: "Deshache samvidhan, ha pun ek paryaya aahe?" Wie wäre es mit unserer Verfassung?

"Er wird die Verfassung wohl kaum gelesen haben", wirft Ifra ein. "Was glauben Sie, Omkar, woher kam unsere Einheit wohl, bevor es Ihre Brotherhood gab? Zur Zeit der Unabhängigkeit glaubte niemand, dass eine so diverse Nation wie die unsere überleben könnte. Aber sie hat es, und das Unglaubliche am indischen Experiment ist, dass es keinen Präzedenzfall gab. Ein Intellektueller nach dem anderen hat darüber geschrieben."

"Was, wenn sie falsch liegen?", fragt Naren. "Was, wenn das Einzige, das uns zusammengehalten hat, die hinduistische Lebensart ist? Die Unabhängigkeit war keine säkulare Utopie; es gab die Spaltung, es gab Sprachunruhen. Frauen und Kasten bekamen Rechte, aber die Veränderung blieb auf der Ebene von Reformen. Die Verfassung lehnt immer noch das Schlachten von Kühen ab - unsere Nation war von Anfang an eine hinduistische Nation. Um es klarzustellen: Ich bin Atheist. Wenn ich im Gebetsraum klatsche, dann nicht, weil ich Kühe verehre, sondern weil ich meine Kultur schätze, die die Menschen zusammenbringt."

Dieser Hochstapler, denkt Ifra. Er hält sich Omkar gegenüber für überlegen, weil er versteht, dass Religion ein Weg zur Macht ist. Er will die hinduistische Identität, auch wenn er nicht an Rama glaubt. "Weißt du was, Naren? Leute wie du schaffen das Klima, in dem Despoten ungestraft davonkommen können …"

"Iffy, Schatz, entspann dich", sagt Rohit mit der Selbstsicherheit eines Alters, in dem man die Freude an starken Meinungen entdeckt und zur eigenen Überraschung feststellt, dass die Erwachsenen zuhören. Man verliebt sich auf der Stelle in die eigene Stimme. "Sie sagen doch nur, wir müssen akzeptieren, dass eine große Anzahl an Indern diese Identität fühlt. Du kannst nicht immer alles nur ex negativo definieren. Kannst nicht immer nur neti neti sein, nicht dies nicht das. Du musst schon sagen, wofür du stehst, und zwar so einfach, dass es verstanden wird. Wenn die Nationalisten so effektiv sind, dann liegt das daran, weil dein säkulares Gerede für den Mann auf der Straße völlig bedeutungslos ist."

Ifra steigt darauf ein: "Die Nationalisten sind effektiv, weil Hass einfacher zu verkaufen ist als Liebe."

"Hast du Harari gelesen?", fragt Naren. "Unsere Fähigkeit, in großen Mengen zu kooperieren, ist die Grundlage unserer Dominanz als Spezies. Und was diese Kooperation möglich macht, sind gemeinsame Mythen. Deshalb sind die Brutstätten von Krieg und Terror nicht dort, wo es starke Nationalstaaten gibt, sondern dort, wo sie scheitern. Wenn dir die aktuellen Mythen nicht gefallen, dann gib den Menschen deine eigenen."

"Auch wenn sie dafür die Geschichte umschreiben, um jeden Mogul zum Schurken zu machen?", fragt Ifra. "Und um kleine hinduistische Könige Schlachten gewinnen zu lassen, die sie eigentlich verloren haben?"

"Geschichte wird schon immer kuratiert", antwortet Naren mit einer so kühlen Stimme, dass sie Ifras Hitzigkeit unterläuft. "Länder wie Indien wollen ihr Goldenes Zeitalter, bevor sie psychologisch so gefestigt wie der Westen sind. Wenn wir erst mal reich geworden sind, werden die Leute weniger empfindlich sein."

"Das ist die Heuchelei der Rechten", erklärt Kedar und nimmt einen Schluck von seinem Rum. "Mit der einen Zunge singt ihr das Hohelied des Kapitalismus, mit der anderen das der hinduistischen Kultur. Öffnet eure Märkte ruhig immer weiter und schaut, wie lange eure Hindu-Kultur noch überlebt."

"Ihr Cousins geht beide davon aus, dass Fortschritt automatisch zu Progressivität führt", sagt Gyaan, während er durch eine Rauchwolke blinzelt. "Wenn dem so wäre, warum erlebt Indien dann gleichzeitig ein beispielloses Einkommenswachstum und eine religiöse Wiederbelebung? Die Antwort ist: Modernisierung. Die Menschen fühlen sich von ihren Wurzeln abgeschnitten. Alles ändert sich so schnell, dass sie Werte und Überzeugungen brauchen, die Bestand haben - und die hinduistischen Nationalisten nutzen das aus."

Ifra atmet schneller. Unerträglich diese Männer, ihre vermeintliche Objektivität - und dabei ihr unglaubliches Talent, das Offensichtliche zu übersehen. Sie würde Gyaan gern eine weniger freundliche Antwort geben, nämlich dass der Traum von wirtschaftlicher sowie kultureller
Vorherrschaft auf ein und demselben Fundament beruht: dem männlichen Ego. Ihr Blick wandert zur Terrasse, wo Manasi noch immer telefoniert, und zu Amanda, die gedankenverloren in ihr Weinglas starrt. Sie ist nicht wie diese Männer, aber sie muss sich zurückhalten, bis keine Emotion mehr in ihrer Stimme liegt.

Mit freundlicher Genehmigung von Culturebooks

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