Vorgeblättert

Uta Ruge: Windland, Teil 2

01.09.2003.
Vom Herbst 1938 an lebte meine Mutter zwei Jahre in Boltenhagen. Und weil eine der Frauen eine Kamera hatte, gibt es dieses Album, dessen Aufnahmen mich als Schülerin tief verstört haben. Für mich als Nachkriegskind waren Hakenkreuzfahnen und Führerbilder zu Emblemen des absolut Bösen geworden - hier fand ich sie ganz selbstverständlich in den Alltag eingebettet. Da gibt es Fotografien von den Gräbern der Hitlereltern in Braunau am Inn, mit Kränzen voller Hakenkreuzschleifen geschmückt, zu datieren in den Dezember 1938 - Österreich war seit dem März annektiert. Oder Bilder von der Thingstätte Pasewalk, einem Aufmarschort und Kultgelände für schwülstiges Deutschsein, von dem meine Mutter ein Mäppchen mit zwölf kleinen Aufnahmen mitgebracht und nach sorgfältiger Rückenbeschriftung in ihr Album geklebt hat: "Ehrenhalle mit Mosaikbildnis", "Die Büste des Führers", "Blick von der Ehrenhalle auf die Büste", "Blick aus der Ehrenhalle auf die Stadt", "Blick in das SA-Wachtzimmer", "Blick in die erleuchtete Ehrenhalle", "Mosaikbild: Der erste politische Soldat".
Dieser erste politische Soldat ist ein breitbeinig stehender Mann mit hartem Gesicht, gekleidet in die Gefreitenuniform des Ersten Weltkriegs und dargestellt als Drachentöter nach Art des Erzengels Michael. Um ihn herum eine Inschrift, die ich mit der Lupe entziffern kann: "Der die Sorge um Deutschland im Herzen trug". Andere Inschriften sind ebenfalls Hitlerzitate, die eine auf den Deckenbalken der Ehrenhalle, die andere hinter der Hitlerbüste: "Wer ein Volk retten will, muss heroisch denken" und "Ich aber beschloss, Politiker zu werden". 
Als ich dieses Album damals aus dem Regal meiner Mutter holte und bestürzt Seite für Seite umblätterte, begriff ich das Wichtigste gleich: dass dies ihr größtes Geheimnis war, dass an diesen Orten und in diesen Symbolen alles gesammelt war, auf das sich die Leidenschaft meiner Mutter als junge Frau richtete. 
Das Schweigen über diese Leidenschaft wurde hörbarer, wenn es auf Fernsehsendungen und Filme traf, wie sie in den sechziger und siebziger Jahren zu uns in die Wohnstube kamen und beklemmende Bilder von dem zeigten, was anderen in der Zeit der Hitlerbüsten und Drachentöter geschehen war.
Denn während meine Mutter zusammen mit ihren Arbeitsdienstkolleginnen in Schlafsälen schlief, ihren Alltag mit allmorgendlichem Fahnenhissen und gemeinschaftlichen Leibesübungen begann, während sie etwas dicker wurde, weiterhin nur mit geschlossenem Mund lächelte und ihre billige, unelegante Kleidung und die klobigen Schuhe der Arbeitsmaiden als Zeichen deutscher Weiblichkeit schätzen lernen sollte, wurden unweit von Boltenhagen fünfzehntausend staatenlose, meist aus Polen stammende Juden mit einem Handkoffer und zehn Reichsmark an die polnische Grenze transportiert und dort im Niemandsland in der Nähe von Schneidemühl, heute Pi∏a, abgesetzt. Es war die erste Deportation von Juden aus Deutschland, auch wenn sie noch nicht so genannt wurde. Vielleicht war Salomon Lewin aus Saßnitz dabei, dessen Staatenlosigkeit ihn 1935 noch vor der Abschiebung geschützt hatte.
Hätte es genützt, wenn sie mit eigenen Augen hätte sehen können, wie unerträglich die Bedingungen für die aus dem Land geworfenen Menschen waren, nur hundert Kilometer von ihrem Schlafsaal und ihrem Essraum entfernt? Womöglich hätte sie auch dann nur gedacht: ?Es wird ihnen schon nicht schaden?, und es schnell wieder vergessen haben. 
Nach der Kindheit in Nobbin, der Dienstmädchenzeit in Stettin und der Lehre in Mandelkow wird sie den militärischen Drill und das spartanische Lagerleben des Arbeitsdienstes als erholsam empfunden haben. Die Worte und Bilder, die in dieser Zeit als einzige noch zu ihr gelangten, werden sie überzeugt haben, dass ein besseres Leben nur auf Kosten anderer möglich ist. Und dass diese anderen, die im Niemandsland zwischen zwei feindlichen Staaten endlos auf Entscheidungen warteten, Schuldige, Verbrecher und Schädlinge waren, die bestraft, unschädlich gemacht, ausgemerzt werden mussten, damit es einer wie ihr nie wieder schlecht ging. Dies sei, so tönte es ihr von allen Seiten entgegen, ihre beste Zeit. Sie war jung und bereit zur Hingabe. Und ihre eigene Not hatte sie vorbereitet auf die geforderte Zähigkeit und Härte auch gegen andere.
Und wenn sie doch einmal ein widerstrebendes Bedürfnis gehabt hätte? Wenn sie sich etwa aus dem ständigen Gemeinschaftsleben in ein wenig Privatheit hätte zurückziehen wollen? Es war inzwischen schwer geworden, solche Gedanken überhaupt zu denken. So viele Worte wurden gebrüllt und geschmettert, die dem Denken Grenzpfähle und Zäune setzten: gemeinschaftsfremd, unsportlich oder undeutsch, unnatürlich oder ehrvergessen, verweichlicht, pflichtvergessen oder entartet. Wer von denen, die in ihrer anfänglichen Zustimmung noch eine freie Entscheidung gesehen hatten, konnte sich mit solchem Geschrei in den Ohren seine Enttäuschung eingestehen? Wer konnte sich Ausgrenzungen und Bestrafungen vorstellen, die anfingen, jenseits jeder Vorstellungskraft zu liegen? Der Terror gegen die anderen, gegen Sozialdemokraten und Kommunisten, Intellektuelle und Juden hatte auch diesen Zweck erfüllt.
Als kurz nach der Ankunft meiner Mutter im Arbeitsdienstlager in allen Städten und Städtchen, sogar in den Dörfern des Landes, Schaufenster eingeschlagen, Synagogen in Brand gesetzt, Nachbarn, Freunde, Bekannte und Geschäftspartner auf offener Straße gedemütigt wurden und verschwanden - auch auf Rügen, auch in Stettin und Schivelbein -, konnte jeder wissen, dass schlichte Menschlichkeit längst schon kein gültiges Argument mehr war. Fundamentale Gesetze menschlichen Zusammenlebens waren bereits außer Kraft gesetzt.

Auf einer gemeinsamen Rügenreise mit dem Arbeitsdienst, ein halbes Jahr vor Beginn des Krieges, besuchte meine Mutter ihre Familie. Zwei Fotografien zeigen sie in Bergen mit ihrem Bruder. In dicken Mänteln stehen die beiden Geschwister im Märzschnee nebeneinander. Meine Mutter trägt den Uniformmantel des Arbeitsdienstes. An ihrem linken Ärmel ist das Hakenkreuz zu sehen, ihr Hut ist über dem rechten Auge ein wenig in die Stirn gedrückt. Misstrauisch schauen sie in die Kamera; etwas ist geschehen, und sie haben es nicht mitbekommen. 
Am Ende des Arbeitsdienstes ist aus dem schüchternen, traurigen Mädchen von Nobbin eine jener Angst einflößenden jungen Frauen geworden, deren Anblick uns Nachgeborenen den Schrecken in die Glieder fahren lässt. Es gibt ein Bild von ihr, in dem sie ihr Gesicht der Kamera zuwendet: neunzehnjährig, in Arbeitsdienstuniform, vom Jackenkragen halb verdeckt die Hakenkreuzbrosche. Das dichte rote Haar ist aus dem Gesicht gekämmt und am Hinterkopf zusammengesteckt, alles ist straff und stramm und starr. Ihre schönen schrägen Augen über den hohen Wangenknochen zeigen Bereitschaft. Ihr Mund ist schmaler geworden, sie lächelt nicht, und nichts verrät, ob sich hinter den Augen, hinter der Uniform manchmal noch etwas anderes regte.

Teil 3