Vorgeblättert

Leseprobe zu Ulli Kulke, Reinhard Mohr (Hrsg.): "Wenn das Denken die Richtung ändert"

Ausgewählte Leseproben.
03.03.2026.
"Glücklich sein heißt ohne Schrecken seiner selbst innewerden können." (Walter Benjamin, Einbahnstraße 1928)

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Einmal Dissident, immer Dissident?

Bin ich erschrocken über mich, weil ich in jungen Jahren abstrusen Ideen gefolgt bin, und trotz guter Ausbildung mitunter politischen Unfug gedacht habe? Eigentlich nicht. Irrtümer begleiten die freudig bis mühselige Erkenntnissuche, führen zuweilen in Sackgassen, aus denen man herausfinden kann. Groß geworden in einem evangelischen Pfarrhaus, ist mir immer noch der mahnende Satz meines Vaters im Ohr: "Du bist für diese Welt verantwortlich." Ich nahm ihn offensichtlich schon als Kind sehr ernst. Ende der 1960er Jahre, der Vietnamkrieg tobte, war man in Frankfurter Pfarrerskreisen friedensbewegt und links. Heiter zog ich im Laufschritt, gefolgt von meinen jüngeren Brüdern, durch den Pfarrgarten und intonierte "Ho Ho Ho Chi Minh". Ich hatte im Radio diese Parole aus der Berichterstattung über die Protestdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg aufgeschnappt. Nicht ahnend, dass es sich um den Begründer der Kommunistischen Partei Vietnams handelte, der später in Nordvietnam als Diktator wüten sollte. Die Amerikaner kämpften an der Seite Südvietnams, um eine Ausbreitung des Kommunismus in Südostasien zu verhindern. Die USA und der Kapitalismus waren bei uns zu Hause nicht sehr hoch angesehen. Maoistin bin ich dennoch nicht geworden. Stattdessen hat mich der Slogan von Willy Brandt "Mehr Demokratie wagen" in den folgenden Jahren begleitet. 1969 wurde er mit knapper Mehrheit zum Kanzler gewählt. Im Umfeld der Jungsozialisten traf ich auf Leute, die mehr wollten: nämlich die permanente Revolution. Es handelte sich um sogenannte Lambertisten, eine trotzkistische Splittergruppe, deren Gründer Pierre Lambert noch zu Lebzeiten Leo Trotzkis Mitglied der IV. Internationale war. Ihre Anwerbeversuche waren so erfolgreich, dass ich den Kandidatenstatus erhielt. Mich faszinierte damals ihre seltsam klandestine Art. Sie gaben sich Tarnnamen, die Treffen sollten geheim bleiben. Sie waren überzeugt, dass hinter jeder Ecke ein Spitzel Stalins mit einem Eispickel lauern könnte. Leo Trotzki war ja bekanntlich im Exil in Mexiko mit just diesem Instrument ermordet worden. Unser Stelldichein weilte nicht sehr lange. Denn ich las damals neben den verordneten Schriften von Karl Marx, Lenin und Trotzki lieber Bücher von Leo Tolstoi und Sigmund Freud. Meine Anregungen als Jungspund in diesem Kreis, doch auch Trotzkis Texte zur Literaturkritik und Psychoanalyse und seine Freundschaft mit Alfred Adler zu rezipieren, kamen nicht sonderlich gut an. Besonderen Tadel zog ich auf mich, weil sie mich dabei ertappten, als ich mit einem Vertreter einer anderen trotzkistischen Splittergruppe in einer Bar ein Glas trank. Galt doch in den linksradikalen Gruppen damals eine Art politischer Inzest: Paarungen nur in der eigenen Gruppierung. Das ging mir entschieden zu weit. Die permanente Revolution hatte ich mir anders vorgestellt. Meine Empörung wurde gekontert mit dem Vorwurf, ich sei als Berufsrevolutionärin ungeeignet, da zu bürgerlich, zu individualistisch und obendrein noch zu anarchistisch. Wir trennten uns dann einvernehmlich. Links blieb ich dennoch und fühlte mich im Frankfurter Club Voltaire recht heimisch. Öffentliche Veranstaltungen und Netzwerkarbeit verbanden die unterschiedlichen Strömungen und Grüppchen der Linken. Die Aktivitäten reichten von Rockkonzerten gegen rechts bis zu Debatten über linken Antisemitismus. Maoisten, Trotzkisten, Sozialisten, Spontis, Jungsozialisten, gar Sympathisanten der RAF trafen sich dort. Die marxistische Linke mischte sich mit der Neuen Linken, Dritte Welt Gruppen, Palästinenser-Freunde und Antifa-Gruppen, Sozialistisches Büro, Kommunistischer Bund, KBW oder KPD/ML und die Gründer der Grünen. Es gab natürlich immer wieder großen Krach zwischen den diversen Vertretern: Reform oder Revolution, Kollaboration mit sogenannten bürgerlichen Kräften oder politische Autonomie, reine Lehre und Klassenkampf - ein ziemlich irrsinniger Zirkus seinerzeit. In Antikapitalismus, Antiamerikanismus und Antikolonialismus war man sich allerdings im Groben dennoch einig. Und natürlich auch wie heute im Kampf gegen rechts: also all jene politischen Kräfte und Parteien, die rechts von der SPD angesiedelt waren.


Lehrjahre in der Frankfurter Schule

Ich konnte mir Ende der 1970er Jahre noch eine Art Studium Generale organisieren, kein Vergleich zu den völlig verschulten Studiengängen heute. Der Campus war eine aufgeheizte politische Arena, die Debatten und Auseinandersetzungen wurden natürlich auch in die Seminare und Vorlesungen getragen. Anfangs noch fasziniert und später immer erboster nahm ich in überfüllten Hörsälen an Vollversammlungen teil, in denen kleine, aber äußerst selbstbewusste und robuste Minderheiten taktisch und strategisch geschickt Mehrheitsentscheidungen zu Wege brachten. Auf der Agenda standen nicht nur neue Studienordnungen, sondern die Solidarität mit Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt oder Protest gegen die Räumung besetzter Häuser im nahegelegenen Westend. Sehr beliebt war die Parole "Legal, illegal, scheißegal" und der "revolutionäre" Straßenkampf. Im antiautoritären Kampf gegen Kapitalismus und die bürgerliche Gesellschaft ging es natürlich auch um neue Lebensformen: "Fantasie an die Macht". Aber auch: "Macht kaputt, was Euch kaputt macht", die Parole der beliebten Rockgruppe "Ton, Steine, Scherben". Für diese Experimente hatte ich weniger Zeit, da ich mein Studium selbst finanzierte und halbtags im Suhrkamp Verlag arbeitete. Doch nächtliche, stundenlange und heftige Debatten über das Elend der Welt und revolutionäre Kräfte, dies es richten sollten, bei viel Wein, spanischen Brandy und vielen Gauloises gehörten damals auch zu meinem Alltag.

In den Räumen der Politikwissenschaft lieferten sich die Studenten nach ausgiebiger Lektüre hitzige Gefechte über die russische oder chinesische Revolution. Oft wurden mehrere Koreferate gehalten, je nach politischer Gruppenzugehörigkeit. Doch selbst in diesen ideologischen Kämpfen wurde noch mit Argumenten gefochten, und nicht verletzte Gefühle in Anschlag gebracht, wie heute üblich geworden. Sozial- und Geisteswissenschaften waren in der Folge der Studentenbewegung hoch politisiert, in der Soziologie ging es ebenfalls klassenkämpferisch zu.

Lehrreiche Ausnahme war Ulrich Oevermann, ihm verdanke ich mein soziologisch-hermeneutisches Handwerkszeug. Seine Max Weber-, Sigmund Freud- oder Norbert Elias-Vorlesungen, die Debatten in seinen Seminaren waren sehr erhellend und mutig gegen den Zeitgeist gebürstet. Als bekannt wurde, dass er ein Forschungsprojekt gemeinsam mit dem hessischen Landeskriminalamt realisierte und Mitglied des "Bundes Freiheit der Wissenschaft" war, ging ein Aufschrei durch die linke Studentenschaft auf dem Campus. Oevermann hatte sich nach seiner Assistenzzeit bei Jürgen Habermas von ihm abgewandt und eigene Wege beschritten.

Das Frankfurter Institut für Sozialforschung war bereits vor dem Zweiten Weltkrieg berühmt. Die jüdischen Gelehrten hatten sich nach ihrer Flucht vor den Nazis während ihres Exils in den USA einen Namen gemacht mit ihren Studien zum Autoritären Charakter, ihren Analysen und Anstößen zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Im linken Zeitgeist der 1968er Folgejahre spiegelte sich der Versuch, Marxismus und Psychoanalyse zu vermählen. Vertreter der Frankfurter Schule und Kritischen Theorie wie Leo Löwenthal oder Herbert Marcuse waren neben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno führend darin. In Frankfurt hatten wir zudem das Sigmund Freud Institut und hervorragende Psychoanalytiker, deren Seminare ich besuchte.

Neben Politik und Soziologie studierte ich Germanistik, bei den Philosophen schaute ich natürlich auch vorbei. Hier versammelten sich nicht nur die Frankfurter Schüler alten Schlags, sondern auch die Anhänger des selbst ernannten Erben Adornos, Jürgen Habermas. In den Geisteswissenschaften war die neomarxistische Variante in Gestalt der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule hegemonial: ein revidierter Marxismus, der die linke Gesellschafts- und Kulturkritik in eine ganz neue Sprache gegossen und modernisiert hatte. Ausdrücklich ging es um die Kritik und daraus folgend die Transformation der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft. Ansätze der französischen Strukturalisten und Konstruktivisten hatten es hingegen schwer auf dem Frankfurter Pflaster. Hannah Arendt mit ihrer Totalitarismuskritik spielte ebenfalls keine große Rolle in den Debatten.

Theodor W. Adorno und Walter Benjamin waren damals auch meine Favoriten. Habermas ließ mich hingegen kalt. Man gab sich zu erkennen durch eingestreute, gut platzierte Zitate wie: "Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt…", vermutlich der am meisten zitierte Satz aus Adornos "Minima Moralia". Zurückgekehrt Anfang der 1950er Jahre aus den USA war er bald eine zentrale moralische Instanz als öffentlicher Intellektueller, Soziologe und Philosoph für die Studenten der Nachkriegsgeneration geworden. Als Identifikationsfigur war er gleichsam das Gegenbild zu den Vätern und Großvätern, die häufig in die Verbrechen der Nazis verstrickt waren. Adornos Raunen vom "gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang", oder sein Diktum "Das Ganze ist das Unwahre" haben mich damals in Bann gezogen. Obwohl ich später diese unerbittliche Kritik an der Geschichte des westlichen Zivilisationsprozesses, diese radikalen westlichen Selbstzweifel bis zum Selbsthass für falsch hielt, hat die damalige Auseinandersetzung mit seiner Dialektik der Aufklärung und Vernunftkritik, seine Negative Dialektik mein Denken geschärft.


Neue Horizonte im Osten

Ich schlug mich in den universitären Debatten dann aber auf die Seite Walter Benjamins. Er war mir mit seiner tragischen Biografie, seinem Selbstmord auf der Flucht über die Pyrenäen, seiner Liebe zu Paris, seinem illustren Freundeskreis mit den gegensätzlichsten Positionen von Gershom Scholem bis Bertolt Brecht, seinen Widersprüchen und intellektuellen Konflikten näher und sympathischer als der vergleichsweise etablierte Adorno. Eine klassische akademische Laufbahn hatte ihm sein Freund Teddie Adorno, vor der Flucht vor den Nazis schon Professor in Frankfurt, vermasselt, als er dessen Habilitationsschrift ablehnte. Das hinderte Adorno allerdings nicht daran, später mächtig von seinem Freund Benjamin abzukupfern. Auch das verstärkte meine Parteinahme für Benjamin. Seine Skepsis gegenüber dem akademischen Betrieb - "Diese fränkische Postreise ist nicht mein Weg" - gefiel mir. Sein Ringen zwischen Marxismus, Linksradikalismus, jüdischem Messianismus und Unabhängigkeit berührten mich damals. Das Schwanken zwischen politischem Engagement, Parteinahme und Rückzug in die einsame intellektuelle Arbeit und akribische Beobachterposition hatten es mir angetan. Obwohl er ein Linker war, und ich immer skeptischer wurde gegenüber dem Linkssein.

Denn parallel dazu haben sich mir in dieser Zeit ganz andere Zusammenhänge eröffnet. Ich war an einer Weggabelung angekommen. Es begann mit einer Reise nach Polen.

Meine Mutter ist in Ostpreußen geboren, mitten in der masurischen Seenlandschaft. Ende der 1970er Jahre fuhren wir mit der Familie in ihren Geburtsort. Ein freundliches älteres Ehepaar gewährte uns Einlass in das Haus, in dem meine Mutter groß geworden war und das sie überstürzt Ende Januar 1945 verlassen musste. Meine Großmutter floh mit ihren vier Kindern kurz vor Kriegsende vor den Russen über das gefrorene Frische Haff nach Westen. Der jüngste Sohn starb währenddessen, er wurde in Prag begraben. Nachdem sie Hab und Gut verloren, Grauenvolles erlebt, aber überlebt hatten, siedelten sich meine Großeltern in der Nähe von Regensburg an.

Der Besuch in Polen hat mich tief berührt. Die Lärchen- und Kiefernwälder, der sandige Boden, das Licht, dass sich in den Seen spiegelte, kamen mir seltsam vertraut vor. Erinnerungen aus den Erzählungen meiner Großmutter mischten sich mit den neuen Eindrücken und riefen zugleich Bilder wach aus der Lektüre von Tolstois "Anna Karenina". Wir verbrachten drei Wochen in dieser wunderschönen Landschaft. Ich freundete mich auf dem Zeltplatz direkt am See mit einer Clique polnischer Studenten an, die dort ihre Rabotnik-Wochen in der Fischfabrik absolvieren mussten. In den einen verliebte ich mich, der andere brachte mir Chopin nahe, mit dem dritten politisierte ich. Er machte mich auch vertraut mit polnischer Lyrik und Czeslaw Milosz, dem großen Literaten und Autor des antitotalitären Schlüsselwerks "Verführtes Denken" (1953). Er beschreibt darin, ähnlich wie später Raymond Aron in "Opium für Intellektuelle" (1957), die unheimliche Faszination des Kommunismus auf Intellektuelle. Meine drei polnischen Freunde und ich waren unzertrennlich. Wieder in Deutschland begann ich, Polnisch zu lernen. Und verfolgte nun mit großer Aufmerksamkeit die Entwicklungen in dem neu entdeckten Land hinter dem Eisernen Vorhang. Auf meinen nachfolgenden Reisen nach Polen und heimlichen Treffen mit weiteren polnischen Freunden in Ost-Berlin erfuhr ich von den Anfängen der Solidarnosc, dem KOR (Komitee zur gesellschaftlichen Selbstverteidigung der Arbeiter). Und verstand allmählich, was es hieß, Dissident zu sein und im Untergrund zu arbeiten, zu lernen und zu lehren. Im Sommer 1976 hatte es in Polen den ersten Volksaufstand mit Streiks der Arbeiter gegen die kurzfristige Erhöhung der Lebensmittelpreise gegeben. Es kam in Windeseile zu landesweiten Demonstrationen. Das Aufbegehren gegen die kommunistische Herrschaft wurde von den Ordnungskräften brutal niedergeschlagen. Das damals gegründete KOR sammelte Spenden für die Familien der Verhafteten, versuchte Rechtsbeistand zu organisieren und vernetzte die aufkeimenden Untergrundaktivitäten zwischen Betrieben, Studenten und Professoren, Künstlern, Literaten und Musikern. Die Intellektuellen unterstützen die Arbeiter, ohne sich in leninistischer oder trotzkistischer Manier an ihre Spitze zu setzen. Sie berieten natürlich, organisierten Infrastruktur im Untergrund, Kopierer oder Druckerpressen, regten mit Ideen an und halfen mit Formulierungen. Sie verstanden sich aber nicht als Avantgarde, die an die Macht strebte. Nicht von ungefähr sind in Polen später 1989 noch vor der Samtenen Revolution in Ostmitteleuropa die Runden Tische entstanden, um eine friedliche Machtübergabe der Kommunisten an die Protagonisten der Demokratiebewegung auf den Weg zu bringen. All dies faszinierte mich und riss mich mit.

Im Suhrkamp Verlag lernte ich György Konrad kennen, dessen Buch, zusammen mit Ivan Szelenyi, "Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht", gerade erschien. Es sollte für die ostmitteleuropäischen Bürgerrechtsbewegungen ein Schlüsselwerk werden. Ich blieb mit Konrad bis zu seinem Tod 2019 befreundet.

In Frankfurt suchte ich die Nähe zu Emigranten-Gruppen, zu Polen, Tschechen und Ungarn, woraus neue Freundschaften und politische Verbindungen entstanden. Eine Gruppe von Emigranten, Intellektuellen und Studenten gründete das Komitee zur Verteidigung der "Freiheit der Meinung, Wissenschaft, Kunst und Literatur in Ost und West". Uns einte die Überzeugung, dass Freiheit nicht teilbar sei, Mauer hin, Eiserner Vorhang her. Anfang 1978 anlässlich des 1. Jahrestags der Gründung des tschechoslowakischen Bürgerrechtskomitees "Charta 77" organisierten wir eine große Veranstaltung im Frankfurter Gewerkschaftshaus der IG Metall (!) zur Unterstützung der Bürgerrechtler und Dissidenten in Ostmitteleuropa. Der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann war dabei, ebenfalls die ausgebürgerten Schriftsteller Jürgen Fuchs und Musiker Gerulf Pannach und Christian Kunert, oder Rudi Dutschke - der übrigens damals schon für die Wiedervereinigung eintrat. Auch der polnische Historiker und Dissident Adam Michnik war zugegen. Nach seiner Rückkehr nach Warschau landete er wieder im Gefängnis. Von tschechischer Seite waren Jiri Pelikan, Herausgeber der Exilzeitschrift Listy Blätter, und der Schriftsteller Pavel Kohout dabei. Es wurde nicht nur die Freiheit der Meinung in Ost und West gefordert, sondern auch die Freilassung der immer wieder neu verhafteten Bürgerrechtler, wie etwa Vaclav Havel in Prag. Das polnische KOR kooperierte längst mit der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung Charta 77 im Untergrund. Beide Organisationen sorgten für die Verbreitung von Samisdat-Literatur und erfanden die "Fliegenden Universitäten" im Untergrund. In wechselnden Privatwohnungen trafen sich hier Bürgerrechtler zu wissenschaftlichen Vorlesungen, Debatten und Literaturlesungen, immer gewahr, dass jederzeit die Staatssicherheit klingeln konnte. Familien verhafteter Dissidenten wurden unterstützt, im Kinderwagen Flugblätter und verbotene Literatur von einem Stadtteil in den anderen transportiert. Backstage der Theater und Konzertsäle fanden konspirative Treffen statt. Aus dem Westen wurden diese Aktivitäten von Exil-Verlagen und Exilorganisationen unterstützt. Als Studentin übernahm ich diverse Kurierfahrten nach Polen, verbotene Bücher im Gepäck für meine Dissidenten-Freunde, en retour gen Westen transportierte ich dann Manuskripte etwa für die renommierte Exilzeitschrift Kultura in Paris. Auch Richtung Prag übernahm ich mehrfach Kurierdienste für die Listy Blätter. In einem eigens präparierten VW Bus mit doppeltem Boden transportierten wir dünn gedruckte Samisdat-Literatur und verstauten sie dann in Schließfächern am Prager Bahnhof. Anschließend übergab ich den Schlüssel an einen Mittelsmann.


In der Falle: Dauerverhöre wechselten mit Isolationshaft

Im darauffolgenden Jahr ging die Sache leider schief. Nach getaner Arbeit erwartete uns auf der Karlsbrücke ein Wagen der Staatssicherheit. Es war eine Falle gewesen, unsere "staatsfeindliche Tätigkeit" war bereits per Video aufgezeichnet worden nach einer Denunziation aus der Exilorganisation sowie von Kollaborateuren in Prag. Dauerverhöre wechselten mit Isolationshaft ab, eine Verlegung in das politische Gefängnis Ruzyne in der Nähe des Flughafens sollte mir den Eindruck der Endgültigkeit vermitteln - zumal ich keinerlei Kontakt zur Deutschen Botschaft oder einem Anwalt hatte. 5 Jahre wären das Strafmaß gewesen: staatsfeindliche Tätigkeit im Auftrag einer ausländischen Macht, der CIA, so die Anklage. Es waren sehr harte Wochen für mich, zumal zwischenzeitlich auch die Berichte der Staatssicherheit aus Polen und Ostberlin eingetroffen waren. Sie haben, wie ich später in Gesprächen mit meinen gefängniserfahrenen Dissidenten-Freunden rekonstruieren konnte, ziemlich alle Register gezogen im Vollzug und in den Verhören. Nach einigen Wochen geheimer diplomatischer Verhandlungen zwischen Prag und Bonn, Gefangenen-Austausch und Geld, von denen ich erst viel später erfuhr (Dank Hans-Jürgen Wischnewski, genannt Ben Wisch), wurde ich abgeschoben. In der Folge hatte ich bis 1989 Einreiseverbot in die Tschechoslowakei, nach Polen, Ungarn und die DDR. Die ersten halbfreien Wahlen in Ungarn und Polen im Frühjahr und Sommer 1989 und später die Friedlichen Revolutionen in Prag, Warschau und Budapest konnte ich dann mitfeiern und war in den folgenden Jahren oft dort, um den Transformationsprozess dieser Länder auf dem Weg in die Demokratie zu verfolgen.

Nach meiner Gefängniserfahrung in Prag 1978 war für mich nichts mehr wie vorher. Es war ein gewaltsames Ein- und Untertauchen in einer grauenhaften Welt mit völlig anderen Maßstäben, Prozeduren, Verkommenheiten und Abgründen, denen ich mich nicht entziehen konnte – ein Bruch mit meinem bisherigen Leben. Ich brauchte ungefähr ein halbes Jahr, um mich, wieder in Freiheit, zu sortieren. Und kam mir mit dieser Erfahrung in meinen "westlichen" Freundes- und politisch-intellektuellen Kreisen sehr fremd vor. Es gab dort immer noch genügend Leute, die auch nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 die kommunistischen Regime weichzeichneten, die Verstaatlichung der Produktionsmittel und Banken in den "Volksdemokratien" jenseits des Eisernen Vorhangs und die bessere Stellung der Frauen aufgrund der Kinderbetreuung hochlobten. Viele Linke und Sozialdemokraten waren in den 1970- und 1980er Jahren darüber hinaus davon überzeugt, die ostmitteleuropäischen Bürgerrechtsbewegungen würden die Entspannungspolitik und den Frieden in Europa gefährden und die Nachkriegsordnung destabilisieren. Man hatte sich ja mit den Diktaturen jenseits der Mauer und des Eisernen Vorhangs recht kommod eingerichtet. Wandel durch Annäherung war die sozialdemokratische Losung, immer mit Blick nach Moskau, dass man nicht erzürnen wollte. Frieden war wichtiger als Freiheit. Dissidenten galten als Störenfriede; die polnische Solidarnosc, da auch katholisch geprägt, gar als fünfte Kolonne des Papstes. Skepsis bis Ablehnung hegten viele Linke, Linksliberale und Sozialdemokraten gegenüber den ostmitteleuropäischen Bürgerrechtsbewegungen, weil ihnen deren Forderungen nach demokratischen Rechten und Freiheiten und Kapitalismus zu bürgerlich erschienen.

Meine Gefängniserfahrung trug ich damals nicht lautstark vor mir her. Doch nicht von ungefähr ist dann Freiheit in all ihren Facetten mein Thema geworden, auch das Aufbegehren gegen Zwang und Nötigung, welcher Art auch immer.

In den folgenden Jahren kam mir das Zugehörigkeitsgefühl zur Linken immer mehr abhanden. Seltsam fehl am Platz kam ich mir in den oft weltfremden und schrägen Debatten in den Uni-Seminaren vor. Besonders entsetzten mich die studentischen Reaktionen am 13. Dezember 1981. Bis heute ist mir der Tag in Erinnerung, als in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde, viele meiner Freunde verhaftet wurden, ihre Arbeit verloren, für Jahre im Gefängnis landeten, ihre Kinder verschleppt wurden. Zeitgleich wurde ein Protestcamp am Frankfurter Flughafen geräumt. Zu den Hunderten von Verhaftungen in Polen und der Gefahr eines russischen Einmarsches an der Frankfurter Universität kein Wort, dafür eine Feier der studentischen Helden, die 'antifaschistischen' Widerstand gegen die polizeiliche Räumung des Hüttendorfs an der Startbahn-West geleistet hätten. Erschütternd war auch die Reaktion einiger Sozialdemokraten. Darunter Kanzler Helmut Schmidt, der Verständnis zeigte, falls sich in Polen die Sowjetunion engagieren würde, denn sie müsse als Führungsmacht ihren Laden sauber halten. Diese Haltung hat ja bis heute in großen Teilen der Sozialdemokratie und Linken überdauert, wie man an der halbherzigen Unterstützung der Ukraine sehen kann.

Es gab dann immer wieder Reibungspunkte und Debatten, die meine Abkehr von der Linken beschleunigten und mich allmählich dem Liberalismus in die Arme trieben. Auch mein zwischenzeitlicher Ausflug in den Feminismus und seine Theorien erwies sich als Sackgasse. Die Umbenennung der Frauenforschung in Gender Studies fand ich damals unsinnig – auch die Neigung, sich vom allgemeinen Wissenschaftsbetrieb abzukoppeln in den ersten "safe spaces". Außerdem überzeugte mich nicht, dass Frauen friedfertiger oder bessere Menschen seien aufgrund ihrer Gebärfähigkeit. Diesem biologistischen Ansatz setzten andere Frauen bereits die Ideen vom Geschlecht, einzig als soziale Konstruktion, entgegen, erste Anfänge vom "fluiden Geschlecht", weswegen wir heute von "menstruierenden und gebärenden Menschen" hören. Einig war frau sich allerdings im beklagten Opferstatus, der mir erst recht nicht behagte. Also zog ich weiter.

Wer vor 1989 in der Bundesrepublik das Aufbegehren der Dissidenten gegen die kommunistische Diktatur unterstützte, galt im linksliberalen intellektuellen Milieu und bei vielen Sozialdemokraten als kalter Krieger, als reaktionär und rechts. Nur eine Minderheit in der Linken sah das anders. Für Antikommunismus fürchtete man den Beifall von der falschen Seite. So löste das Ende des Eisernen Vorhangs und der Fall des "antifaschistischen Schutzwalls" bei vielen Intellektuellen keineswegs Freudentänze aus. Denn mit der vereinigten Nation haderten sie und wähnten einen neuen Nationalismus. Jürgen Habermas schwadronierte über den "DM-Nationalismus" der Ostdeutschen. Hatten doch er und seine Eleven immer von der Überwindung des Nationalstaats geträumt. Für weiteres Unbehagen sorgte, dass mit dem Ende der sowjetischen Herrschaft die Abgründe kommunistischer Verbrechen zumindest für kurze Zeit wieder ein Thema öffentlicher Debatten auch im Westen wurden. Den Vorwurf, ich sei rechts, hörte ich damals schon des Öfteren. Auch während meiner Zeit in Bonn in der Redaktion der Frankfurter Hefte/ Neue Gesellschaft wurde dann erwartungsgemäß kräftig gestritten über die langjährige brüderlich-freundschaftliche Verbundenheit zwischen SPD-Politikern und KP-Funktionären. Ein von mir für eine Zeitschriftenausgabe ausgewähltes Foto mit Johannes Rau - damals 1993 Kandidat für das Bundespräsidentenamt - und Egon Krenz im Bruderkuss vereint, tilgte man vorsichtshalber, die Ausgabe wurde eingestampft. Selbst dem Chefredakteur, der streitlustige Peter Glotz, der mir lange Zeit den Rücken freigehalten hatte, war es zu bunt geworden.

Mein späteres Stelldichein an Jan Philipp Reemtsmas Hamburger Institut für Sozialforschung war ebenfalls recht lebhaft während meines Forschungsprojekts über die unterschiedlichen antitotalitären Traditionen in Deutschland und Frankreich. Damals tobte der Streit um den Umgang mit den kommunistischen Verbrechen. Zumindest erlaubte mir diese Arbeit häufige Forschungsaufenthalte in Paris. Den Emigrantenkreisen dort und den Renegaten, die ihre linke Vergangenheit hinter sich gelassen hatten, fühlte ich mich enger verbunden als den Intellektuellen in Deutschland, Kooperationen und Freundschaften entstanden. Ich vermisse sehr die Gespräche mit Antonin Liehm, Gründer von Lettre Internationale, dem Politologen Jacques Rupnik, dem Philosophen Edgar Morin, dem Historiker Francois Furet oder dem Schriftsteller Jorge Semprun. Besonders fehlt mir allerdings der leidenschaftliche Antitotalitäre André Glucksmann. Die Freundschaft mit ihm hat mich ermutigt und bestärkt, meinen Weg zu gehen. Neben Paris war ich in diesen Jahren oft in Budapest, Warschau oder Prag. Auch meine Freundschaften mit György Konrád, Adam Michnik oder Jiri Grusa verband unsere antitotalitäre Überzeugung. Das waren meine Leute!

Erst in dieser Zeit, während meiner Recherchen in Paris, Budapest, Prag und Warschau, erhellte sich für mich die Beschuldigung des Prager Generalstaatsanwalts 1978, ich sei eine Agentin im Dienste der USA beziehungsweise der CIA gewesen. Immer wieder war ich in meinen Verhören mit dem Namen Pavel Tigrid konfrontiert worden. Er leitete seinerzeit die tschechische Abteilung des von den USA finanzierten Radio Free Europe. Der Sender war damals von großer Bedeutung für die Untergrundarbeit der Bürgerrechtsbewegungen und Tigrid einer der meist gehassten Personen der ostmitteleuropäischen Geheimdienste. Ich hatte den Namen vor meinen Kurierfahrten noch nie gehört, zum Glück.

Es gab tatsächlich ein aus den USA finanziertes internationales Netzwerk von Intellektuellen, die bereits vor der Niederschlagung der ungarischen Revolution 1956 Dissidenten unterstützten und mit ihren Aktivitäten den Eisernen Vorhang durchlöcherten. Gegründet wurde es 1950 in Berlin mit einem fulminanten Kongress für kulturelle Freiheit (KKF). Der Schriftsteller Arthur Koestler und der Journalist Melvin Lasky waren die Hauptakteure des KKF. Sie organisierten über viele Jahre internationale Konferenzen nach außen, ein Netzwerk von Zeitschriften (Preuves, Der Monat, Encounter und andere) und vor allem die Unterstützung der Kollegen jenseits des Eisernen Vorhangs mit Geld, Druckmaschinen und Samisdat-Literatur. Auch Pavel Tigrid spielte eine wichtige Rolle. Ignazio Silone, Czeslaw Milosz oder Denis de Rougemont waren dabei. Vor allem aber der Soziologe Raymond Aron, den Francois Bondy als den "Steuermann des Kongresses" bezeichnete. Fast alle hatten Erfahrungen mit der Unfreiheit gemacht und waren Renegaten. 1966 kam heraus, dass der Kongress für kulturelle Freiheit von der Ford Foundation und der CIA finanziert wurde. Damit geriet der gesamte KKF in Misskredit in Zeiten der großen Proteste gegen die USA und ihren Vietnamkrieg. Fortgesetzt wurde die Arbeit dennoch von der Fondation Pour une entr'aide intellectuelle européene in Paris, finanziert von der Ford Foundation und der Soros Foundation. Das Netzwerk war bis nach 1989 aktiv. Die darin verbundenen Intellektuellen, auch Václav Havel, Tadeusz Mazowiecki oder Adam Michnik meldeten sich auch später immer wieder zu Wort, sei es in den Debatten über den Krieg in Ex-Jugoslawien oder im Streit um das "Schwarzbuch des Kommunismus" in den 1990er Jahren.


Freiheitslektionen

Dass die Linke antitotalitäre Impulse und Traditionslinien mehrheitlich verachtete oder totschwieg, habe ich ihr nie verziehen. Umgekehrt machte ich mich in linken und linksliberalen Kreisen erst recht unbeliebt nach Erscheinen meines Buchs über den "Sündenfall der Intellektuellen" 2000. Es brachte mir immerhin den Titel der "Halbalphabetin" ein, verliehen von Hermann L. Gremliza in einem mir gewidmeten Editorial seiner Zeitschrift konkret. Nicht nur in seinen Kreisen galt ich nun endgültig als gefallener Engel. Es wurde also nichts mehr mit der Linken und mir.

Gruppenzugehörigkeiten waren mir schon immer suspekt. Und die beliebten Standpunkttheorien, die jeweils aus einer kollektiven Identität und Perspektive heraus die Gesellschaft, den Staat, den Kapitalismus, den Imperialismus, den Kolonialismus oder das Patriarchat kritisierten, hatte ich schon länger verworfen. Die Klasse als Ausgang des Standpunkts als erstes, später dann das Geschlecht, darauf wollte ich mich nun keineswegs beschränken lassen. Es ist wie so oft, aus anfangs guten Absichten und emanzipatorischen Bewegungen, die nach Selbstermächtigung strebten, ist Ideologie geworden.

Es begann ja im Zuge der Neuen sozialen Bewegungen seit den 1970er Jahren durchaus emanzipatorisch. Völlig zurecht schlossen sich Frauen und soziale Minderheiten zusammen, um für ihre Rechte einzutreten. Sie machten auf historische und aktuell bestehende Diskriminierungen aufmerksam, begehrten gegen Sexismus und Rassismus auf und markierten Lehrstellen in der Wissenschaft und Forschung. Doch immer radikaler wurden dann aber die freiheitlichen Errungenschaften der westlich europäischen Zivilisation in Frage gestellt. Und gegen die patriarchale, weiße, kapitalistische, koloniale Herrschaft polemisiert. Der Universalismus der Aufklärung, eine allgemeine Vernunft und Wahrheit seien Trugbilder. Immer neue soziale Gruppen, die sich als Opfer von Ungerechtigkeit und gesellschaftlicher Benachteiligung verstanden, entwickelten ihre jeweils unterschiedlichen Opfernarrative. Entstanden ist daraus über die Jahrzehnte eine ausgeprägte Identitätspolitik, die ausdrücklich kollektive religiöse, kulturelle, sexuelle und ethnische Zugehörigkeiten ins Zentrum stellt – ein umgekehrter Rassismus. Nicht für Individuen werden Rechte eingefordert, sondern für die jeweiligen Opferkollektive. Aus den ehemals emanzipatorischen Bestrebungen sind identitäre Communities entstanden, die ihre Anliegen ideologisiert haben und einen lautstarken moralisierenden Feldzug gegen die sogenannte Mehrheitsgesellschaft führen.

NGOs, die Gleichstellungsstellen oder Diversity Management sind längst bedeutsame Transmissionsriemen für die Durchsetzung der Ideen der Critical Social Justice Theories geworden: Gender Studies, Postcolonial Studies, Critical Race Studies bis zu den Queer Studies haben sich besonders in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften und im Kulturbetrieb fest etabliert. Es ist eine krude Mischung aus Marxismus, Neo-Marxismus, Kritischer Theorie, Poststrukturalismus, besonders auch Antonio Gramscis‘ Anleitungen zur Gewinnung der kulturellen Hegemonie.

Der linken Identitätspolitik geht es schon lange nicht mehr um die Verbesserung der gesellschaftlichen Lage und die Gleichberechtigung aller und jedes Individuums, sondern um eine neue Ständeordnung. Deren Hierarchie orientiert sich am Ausmaß des realen oder vermeintlichen Leids der jeweiligen Opfergruppe. Besonders ärgert mich, dass mit den eingeforderten Sonderrechten und Quotierungen das Prinzip der Gleichheit jedes Einzelnen vor dem Recht ausgehebelt wird. Auch die Prinzipien der individuellen Qualifikation und Leistung und des Wettbewerbs werden aufgegeben zugunsten der Quotierung nach Gruppenzugehörigkeit. Dies ist umso aberwitziger, als wir uns doch über Jahrhunderte schmerzvoll aus den Zwängen wechselnder Kollektive emanzipiert haben. Diese neue Ständeordnung, die sich an kollektiven Zugehörigkeiten und Identitäten orientiert, kommt zwar fortschrittlich daher, ist aber im Kern rückschrittlich. Sie widerspricht v.a. allem einem grundsätzlichen Prinzip unserer rechtsstaatlichen Ordnung: jeder und jede ist vor dem Gesetz gleich, gerade unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit und Religion.

Auch wenn Teile der Linken diesen cultural beziehungsweise. racial turn kritisieren und sich wie Sahra Wagenknecht gegen den Wokismus positionieren, gibt es doch viele Kontinuitätslinien zwischen der alten, der neuen Linken und den heutigen woken Kämpfern für die Critical social Justice Theories. Das Hohelied auf den Multikulturalismus, die Glorifizierung fremder Kulturen besonders des Globalen Südens, die Relativierung unserer westlichen Kultur, die Verherrlichung des Islam und Weichzeichnung des Islamismus haben eine längere Tradition. Es begann schon 1989 mit der Fatwa gegen Salman Rushdie. Die Linke schwieg weitestgehend. Auch 2006, anlässlich des Streits um die Mohammed-Karikaturen, kuschte die Linke erneut. Denn der Islam wurde und wird immer noch als die Religion der Unterdrückten angesehen. Doch längst hatte sich in dieser Religion weltweit ein identitärer Islam etabliert, der dem Westen und seinen Ungläubigen den Kampf angesagte. Und die Linke hatte nichts Besseres zu tun, als den Propagandabegriff der Muslimbrüderschaft des "antimuslimischen Rassismus" affirmativ aufzugreifen. Der Begriff hat ja bekanntlich längst im öffentlichen Dienst, im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb und in Bildungsprogrammen reüssiert. Die Palästinenser und Hamas als "Befreiungskämpfer" und die Dämonisierung Israels als illegitimer Brückenpfeiler der imperialistischen USA zählen zum Traditionsbestand linker Ideologien. Die antisemitischen Tumulte an den Universitäten und im Kulturbetrieb verwundern vor diesem Hintergrund nicht. Jahrzehnte lang hat sich dort ein als Wissenschaft verbrämter Postkolonialismus etabliert, der im Kern antisemitisch ist. Das rechtfertigt allerdings keineswegs die rabiate antiwoke Säuberungspolitik von Donald Trump, die der Wissenschaft und Wissenschaftsfreiheit den Garaus bescheren will.

Wie von links und dem Islam gibt es seit langem auch eine Identitätspolitik von rechts, die ein ethnisch-homogenes Volk will. Alle drei Identitätspolitiken verbindet ein zutiefst anti-westliches Ressentiment und der Hass auf die Moderne und den Liberalismus. Solch westlicher Selbsthass ist nicht nur dekadent, sondern brandgefährlich und selbstzerstörerisch. Die Identitätspolitiken sind kollektivistisch und separatistisch zugleich, sie spalten, polarisieren und attackieren unsere liberale Gesellschaftsordnung. Die Kulturkämpfe in den USA, aber inzwischen auch bei uns, legen darüber beredtes Zeugnis ab. Angesichts dieser Entwicklungen hat die durchaus heterogene Linke auf ganzer Linie versagt. Ihr Kampf gegen rechts geht an den zentralen Herausforderungen völlig vorbei – wie ihre Feier der unkontrollierten Einwanderung dokumentierte. Ich will die Gefahren des Rechtspopulismus keineswegs kleinreden. Aber sein Erfolg hat nicht nur mit dem Versagen der Mitte zu tun, sondern auch mit verbohrten Linken, grünen Apokalyptikern und selbstgewissen Moralaposteln, die die Bürger erziehen und ihnen vorschreiben wollen, wie sie zu reden, zu essen, zu denken und zu leben haben. Es ist die Fortsetzung des alten linken Paternalismus, die Menschen, ob ihres "falschen" Bewusstseins, mit Hilfe des Staats in die vermeintliche richtige Richtung zu dirigieren - zuweilen sozialstaatlich fürsorglich, aber gleichzeitig auch autoritär und streng.

Gerne schwingen sie sich als Fürsprecher von Minderheiten auf, denen sie prompte Anleitung und Hilfestellung liefern, um sie begleitend auf den richtigen Pfad zu lenken. Moralisierung und Pädagogisierung flankieren diese Fürsorge. Umgekehrt lassen sie sich auch aus schlechtem Gewissen, und Feigheit und Konformismus von Minderheiten vor sich hertreiben. Das ist Konservativen auch nicht fremd, weil sie dem gemeinen Bürger nicht immer über den Weg trauen: zu ungebildet, zu unreif, zu individualistisch. Gerne wird dann auch das Hohelied auf die Gemeinschaft und die Tradition angestimmt, mit der man das Abendland vor allem Fremden retten möchte. Die Rechten wiederum sehen das wütende Volk wabern, und wünschen sich zu dessen Zügelung und Züchtigung starke Führer in völliger Abschottung, am besten dann in ethnisch-homogener Verfasstheit. Und nur keine Intellektuellen, die dagegenhalten könnten. In all dem spürt man das Misstrauen gegenüber dem Individuum und seinen Fähigkeiten zur Selbstermächtigung, Selbstsorge und Selbstbestimmung. Und eine Infragestellung der Pluralität der Lebensstile - die zu etablieren ja eine unserer westlich-freiheitlichen Errungenschaften ist.

Aus diesem Grunde ist seit vielen Jahren der Philosoph und Ökonom John Stuart Mill mein Compagnon de Route geworden.

Seine Freiheitsprinzipien aus seiner Schlüsselschrift Über die Freiheit (1859) sind immer noch anregend und erfrischend. Neben seiner leidenschaftlichen Rede für die Meinungsfreiheit, die ja in den letzten Jahren schwer gelitten hat, gefallen mir zwei besonders gut: "Über sich selbst, über seinen Körper und Geist, ist der Einzelne der Souverän." Und: "Die einzige Freiheit, die den Namen verdient, ist das Recht, unser Wohl auf unsere Weise zu suchen, solange wir nicht versuchen, andere ihrer Freiheit zu berauben oder ihre darauf gerichteten Bemühungen zu behindern."


Es ist noch nicht alles verloren

Was mich indes über viele Jahre fassungslos gemacht hat, ist der völlige Mangel an Selbstreflexion und Selbstkritik der Linken und Linksliberalen. Der Kampf gegen rechts und für die Demokratie wird unbeirrt und selbstgewiss fortgesetzt, eigene Fehleinschätzungen und schwerwiegende politische Fehler werden nicht eingestanden. Dies eignet leider auch anderen politischen Lagern, den Konservativen wie den Liberalen. Inzwischen hat sich die politische Mitte in Sachen Wirtschaftspolitik, nachhaltige Migrationskontrolle, innere Sicherheit, realistische Sozialpolitik und Wehrhaftigkeit nach innen und außen derartig disqualifiziert, dass ihre Parteien immer weniger gewählt werden.

Es gab in der Vergangenheit wenig Köpfe, die Liberalismus und Antitotalitarismus zusammen dachten. Ralf Dahrendorf zählte zu ihnen. Gerne würde ich heute seine Einschätzungen hören. Er hat mich seinerzeit sehr ermutigt, mein Buch über den "Eros der Freiheit" zu schreiben. Es war eine Hommage an unsere freiheitlichen Errungenschaften und zugleich ein Kassandra-Ruf – obwohl die Zeiten 2008 noch besser und hoffnungsvoller waren.

Auch wenn die Lage heute sehr düster ist, in den USA die Freiheit verludert, wir einer Selbstenthauptung des Westens beiwohnen, Russland uns immer heftiger bedroht, China hegemonial wächst und Europa denkbar schwach ist, möchte ich die Flinte nicht ins Korn werfen. Der Abgesang auf den Liberalismus scheint mir zu früh zu sein. Ich möchte mich auch nicht auf die Seite jener schlagen, die jetzt breitbeinig nur noch auf Geopolitik, Großmächte in einer multipolaren Welt und nationale Interessen pochen, auch wenn wir letztere zu lange vernachlässigt haben. Dass unsere westlichen Freiheitswerte, unsere Demokratie und unsere Art zu leben von unterschiedlichen Seiten schon seit vielen Jahren angegriffen werden, ist lange unterschätzt worden. Dennoch: die Freiheitsliebenden hat immer eine gewisse Beharrlichkeit ausgewiesen. In all dem Streit, in dem wir uns befinden und den wir mutig ausfechten müssen, wäre ein neuer antitotalitärer Konsens sicherlich hilfreich. Bis dahin geht es tapfer weiter, denn "einmal Dissidentin – immer Dissidentin". Zwischen den Stühlen sitzend, eher heimatlos, zu weilen einsam, wie es sich für Intellektuelle gehört, als "Spectatrice engagée" (in moderner Abwandlung der so treffenden Bezeichnung von Raymond Aron) die weiteren Krisen aufmerksam verfolgend, ohne darüber den Humor und den Kopf zu verlieren. Mit Nonkonformismus wird man zwar nicht reich, hütet aber seine Freiheit.

Ulrike Ackermann

Mit freundlicher Genehmigung des Kohlhammer Verlags

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