Vorgeblättert

Sven Lindquist: Wüstentaucher, Teil 1

RICHTUNG SMARA

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"Wie ein Perlentaucher mußte ich sofort wieder umkehren", schrieb Michel Vieuchange in sein Tagebuch.
Michel las "Südkurier" 1928, als das Buch erschien. Er war vier Jahre jünger als Saint-Exupery. Auch er hatte Nietzsche und Rimbaud gelesen, auch er hatte seinen Militärdienst in Marokko abgeleistet, und er träumte ebenfalls von der Wüste. Eines Tages, im September 1930, verschwand er, als Frau verkleidet, in den Gebieten der unbesiegten Stämme nördlich von Tiznit. Er war auf dem Weg nach Smara.
Dorthin war Saint-Ex nie gekommen. Zwar flog er jeden Morgen eines der Flugzeuge auf Cap Juby, um das Kondenswasser aus den Zylindern zu treiben - die Flugzeuge von damals brauchten wie Pferde ihren Auslauf. Manchmal verließ er dann die Flugroute längs der Küste, und einmal flog er bis zum "mystischen Smara mit seinen jungfräulichen Ruinen, genauso verboten für den weißen Mann wie Timbuktu".
Tatsächlich war Timbuktu schon 1893 von den Franzosen besetzt worden, verboten war diese Stadt also nicht mehr. Smara wurde 1913 von französischen Truppen zerstört. Aber die Ruinen wurden immer noch von sahrawischen Stämmen verteidigt. Daß Saint-Ex über Smara hinwegflog, war allein schon riskant, fast leichtsinnig. 
Dorthin war nun Michel Vieuchange unterwegs. Zu Fuß.

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Ich nehme das Auto.
Es ist ein eigenartiger Tag. Der Wind, der die ganze Woche über vom Meer her geblasen hat, kommt jetzt aus der Wüste, heiß wie aus einem Fön. Die Landebahn von Tarfaya war in feuchten Meeresdunst eingehüllt dagelegen, heute ist sie eingehüllt in heißen, trockenen Wüstennebel aus nichts als Staub.
Ich kratze den Sand vom Auto, wie man den Schnee von einem schwedischen Winterauto kratzt, und als ich in den weißen Nebel hineinfahre, ist es, wie in einen Schneesturm zu fahren. Erst nach und nach wird mir klar, daß dies, da ich mich ja in der Wüste befinde, ein Sandsturm sein muß.
Dämmerung senkt sich über den frühen Morgen, das Blickfeld schrumpft, ich sehe nur ein paar Meter weit. Als ich anhalte und aussteige, kann ich kaum das Gleichgewicht halten. Der Sand sticht wie Eisnadeln in die ungeschützte Gesichtshaut. Es ist unmöglich, in Windrichtung zu atmen. Ich steige rasch wieder ins Auto und fahre, so schnell ich es wage, durch die wachsenden Haufen.
Der Sand ist nicht rutschig. Aber er ist manchmal gefährlich locker, manchmal gepreßt und steinhart. Der Staub ist feiner als Schnee und dringt ins Auto ein, sodaß die Luft dick und schwer zu atmen wird. Der Geruch ist mineralisch scharf, ganz anders als der euphorisierende Schneeduft.Vor allem ist das Körpergefühl ein anderes. Der Körper erstickt, wenn er schweißlos schwitzt. Jede Feuchtigkeit verschwindet augenblicklich von der Haut, übrig bleibt eine krakelierte Salzschicht, worin der Körper wie in einer Gußform eingeschlossen ist. 
Als ich klein war, phantasierte ich oft von Sandstürmen. Bevor ich einschlief, umgab ich mich mit dem pfeifenden, weißen Nebel. Ich ging rückwärts mit dem Rücken gegen den Wind, um atmen zu können. Meine Uhr füllte sich mit Sand und blieb stehen. Ich trank die letzten Tropfen aus meinem verschrumpelten Wasserbeutel und wußte, daß ich sterben würde. In diesen Sandsturmträumen gab es zum Schluß immer einen spiegelblanken See mit klarem Süßwasser, der mein Leben rettete, kurz bevor ich einschlief.
An Wasser in der Wüste zu glauben, ist nicht so verrückt, wie es klingt. Manchmal regnet es ja tatsächlich. Eben jetzt bewahrheiten sich meine kindlichen Träume von Wüstenlachen, die in den Senken glitzern, und von einem grünen Schleier, der über dem Sand liegt. Ich fahre durch eine grüne Wüste, die vor Feuchtigkeit schimmert - obwohl die halbe Sahara durch die Luft kommt und mich beinahe erstickt.
Kein Gegenverkehr. An der Abzweigung Richtung Bu Craa werde ich von einer Militärkolonne angehalten: offene Wagen, dunkle Schibrillen, hohe Kampfbereitschaft. Die Rebellen der Polisario schlagen gewöhnlich im Schutz eines Sandsturmes zu.
Ich kehre um und übernachte in El Aaiun. Zwei Panzerkämpfe werden in dieser Nacht geführt, der eine in der Nähe von Bu Craa, zwischen marokkanischen Truppen und den noch nicht unterworfenen Sahrawis.

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Vieuchange versuchte, als Frau verkleidet nach Smara zu gelangen. Sein posthum veröffentlichtes Tagebuch handelt viel von der Verkleidung an sich und den Lebensbedingungen, die ihm die Frauenrolle aufzwingt.
Er rasiert seine Beine. Er gewöhnt sich an, seine Hände nicht zu zeigen. Er liegt immer zusammengerollt wie ein Hund, niemals auf dem Rücken - nur eine Jüdin liegt auf dem Rücken. Er sitzt mit den Knien auseinander, niemals dicht zusammen. Wenn er reitet, hält er die Fersen tiefer als die Zehen.Tagsüber steckt er schweißgebadet in seiner blauen Kleidung, die ihn wie ein Zelt umgibt. Vergeblich sehnt er sich danach, den Wind im Gesicht zu spüren, sich frei bewegen zu können. Er will wissen, wo er ist, er will die Weite sehen, will die Männer sehen, die kommen und gehen. Aber er sieht nur den Boden.
Wenige Beschreibungen der Sahara widmen sich so intensiv dem Boden in der Wüste, den kleinen, geborstenen Steinen, dem groben Sand, den steinigen Flußbetten, der schwarzen, geplagten Erde. Er sieht nur das.Er sieht nicht die Sonne beim Sonnenaufgang, sondern eine goldene Lichtwelle, die über den Boden gleitet und kleine Seen aus Nacht in den Senken hinterläßt.
In den Städten sieht er bloß das Zimmer, in dem er wie ein Verbrecher eingeschlossen bleibt: die groben Wände, die bei Berührung abbröckeln, die niedrige rauchgeschwärzte Decke und das Licht, das durch tiefe Löcher dringt. Diese sind so eng, daß er nicht hinaussehen kann. 
In der Hitze gießt er Wasser über seinen verschleierten Kopf, um sich durch die Verdunstung etwas Abkühlung zu verschaffen. Das Fleisch, das von der Decke hängt, ist unter der Fliegenschicht unsichtbar. Er ißt nichts davon, er ißt kaum etwas, lebt von süßem Pfefferminztee.
In kalten und feuchten Nächten pressen die Frauen wärmesuchend ihre Leiber an seinen - vielleicht auch aus anderen Gründen, die ihn bloß mit Ekel erfüllen. Frierend und durchnäßt wartet er darauf, daß die goldene Welle des Sonnenaufgangs endlich über den Boden gleitet, der alles ist, was er sieht.

Teil 2