Vorgeblättert

Pawel Huelle: Castorp. Teil 3

14.01.2005.
Der Zufall wollte es, daß gleich hinter der Ecke der Kaserne, aus einer ungepflasterten, verstaubten Straße, die aus unerfindlichen Gründen den stolzen Namen Hubertusburgerallee trug, eine Droschke kam. Unser Held, wenn auch leicht erstaunt von diesem Anblick, winkte sie her und machte es sich, nachdem er dem Fiaker die Adresse von Frau Wibbe genannt hatte, in der klapprigen Kutsche bequem. Er schenkte der Umgebung jetzt keinerlei Aufmerksamkeit mehr. Die Häßlichkeit der Militäranlagen, an denen er noch einmal vorbeikam, die kränklichen, erst vor kurzem angelegten Grünflächen, auf denen sich herrenlose Hunde herumtrieben, die Skelette der im Bau befindlichen Häuser - all das verschwand vor Castorps Augen zugunsten der Erinnerungen, die das Rindenschiffchen auslöste. In seiner Kindheit hatte er zwar nie von weiten Seereisen geträumt, denn er hatte sich schon in jungen Jahren die Arbeit in den Hafenanlagen und Laderäumen angesehen und realistisch betrachtet, doch die Tatsache, daß der Junge mit dem strohgelben Haar sich als Baumeister eines so schlau konstruierten Spielzeugs erwiesen hatte, erinnerte ihn an seine eigene kindliche Leidenschaft, im Teich des Botanischen Gartens Schiffchen schwimmen zu lassen. Keines von ihnen, das mußte er zugeben, war so perfekt ausgeführt gewesen wie das des Jungen, aber schließlich ging es nicht um den Vergleich. Wenn er damals in Gesellschaft seines Großvaters vom St.-Katharinen-Friedhof nach Hause ging, bat er ihn oft, für eine Weile - bevor sie in die Kutsche steigen würden - in den nahegelegenen Botanischen Garten zu gehen. Senator Hans Lorenz ließ sich in der Regel, wenn er auch auf die Uhr sah, was ein deutliches Zeichen war, daß sie sich nicht zum Vesper verspäten dürften, von seinem Enkel überreden. Auf den Stock aus Ebenholz gestützt, schritt er langsam die Allee entlang, vorbei an exotischen Agaven und Eukalyptusbäumen, und der kleine Hans lief ein Stück vor ihm her und erreichte als erster den Teich, der wie ein geheimnisvolles grünes Auge inmitten eines kleinen, im Dickicht verborgenen Platzes lag. Wenn der Großvater an dem abgelegenen Ort ankam, sah er sich aufmerksam und ein wenig schüchtern um, als suchte er ein spezielles Versteck für sich. Es war immer die gleiche Steinbank, die in einer Kaskade von Efeu versank und mit dem Relief einer Meduse verziert war. Hier holte der Senator eine vergoldete Schnupftabakdose hervor, nahm ein, zwei Prisen des braunen Pulvers und versank in kurzes Nachdenken. Der Enkel hatte inzwischen das zuhause geschnitzte Schiff ins Wasser gelassen und schubste es jetzt mithilfe einer Weidenrute in den Archipel der Seerosen. Während er jetzt, viele Jahre danach, mit der Droschke durch die fremde Stadt fuhr, erinnerte sich Hans Castorp daran, daß er die riesigen, flachen Blätter, auf denen sich Libellen niederließen, mit den seltsamsten Namen von Kontinenten bedacht hatte, die niemand kannte. Doch das Vergnügen hatte nie lange gedauert. Senator Hans Lorenz schaute auf die Uhr, erhob sich von der Bank, strich die Schöße seines Rocks zurecht, marschierte los, ohne etwas zu sagen, und der Enkel, der es nie gewagt hätte, die Geduld des Großvaters auf die Probe zu stellen, lief ihm nach, wobei er oft genug nicht einmal sein Schiff aus den Tiefen des Ozeans rettete.

Am Seitentor der Kaserne hielt die Droschke an. Von den Übungen zurückkehrend, überquerte die Schwadron in loser Aufstellung die Fahrbahn, während Hildegard Wibbe jenseits der Kreuzung und der Straßenbahnlinie soeben den Hauseingang im Kastanienweg 1 betrat. Hans Castorp konnte sie natürlich nicht sehen, und dank dessen hielt die Erinnerung an den Botanischen Garten, den Teich, die Schiffchen und Großvater Hans Lorenz, der ihm - übrigens nicht allzu lange - die früh verstorbenen Eltern ersetzte, noch etwas an. Erst jetzt wurde sich Hans Castorp darüber klar, daß die Spiele am Teich dem Senator nie gefallen hatten. Sicherlich wäre er, hätte das Wasserauge an einem von der Öffentlichkeit mehr frequentierten Platz gelegen, der Bitte des Enkels nicht nachgekommen und hätte ihm erklärt, daß sich für ein Mitglied ihrer Familie so manches nicht schicke. Doch so weit war es nie gekommen, und wenn sie sich wieder in die Kutsche setzten, zog der Senator ein Batisttüchlein heraus, sagte: "Du hast dir schon wieder die Knie verschmutzt" - und das blieb der einzige Kommentar zu der Situation. Als die Droschke in den Kastanienweg einbog, mußte Castorp an den starken Geruch von Geißblatt denken, der an heißen Sommertagen über dem Teich des Hamburger Gartens schwebte. Wie zum Kontrast hing jetzt über ganz Langfuhr der dichte Rauch aus den Gärten, wo man um diese Jahreszeit, vor dem ersten Frost, trockenes Laub und Gras verbrannte. Unser Held bezahlte die Fahrt. Der Herbst, den er zum ersten Mal im Leben nicht auf der von Laternen erleuchteten, belebten Esplanade oder dem ähnlich eleganten Harvestehuder Weg verbrachte, würde sicher melancholisch und traurig werden, dachte er.

"Was für ein schreckliches Mißverständnis", hörte er schon auf der Treppe die etwas heisere Stimme von Hildegard Wibbe, "natürlich ist ihr Gepäck heute früh angekommen, Herr Castorp, nur hat mein Mädel, diese kaschubische Gans, es nicht mit Ihnen in Verbindung gebracht, ich hab´s ihr schon eingebläut, da ist jedes Wort überflüssig, aber ich sehe, Sie sind trotzdem erholt und zufrieden, ja, in Ihrem Alter, Herr Castorp, hat der Mensch noch Freude am Leben, da gibt´s nichts, hatten Sie einen schönen Spaziergang? Unsere Luft ist sauber, gesund, jodhaltig und ohne Kurtaxe" - lachte sie laut. "Taxe zahlen die Gäste nur in Zoppot und nur in der Saison, bitte, bitte sehr" - sie führte ihn durch einen langen Korridor an einigen schweren, nach Mottenpulver riechenden Schränken vorbei - "hier ist Ihr Nestchen, reizend, nicht wahr" -, sie ließ ihn vor und betrat nach ihm das Zimmer - "Schüssel, Krug und Handtuch sind hier hinter der spanischen Wand, das Bad können Sie täglich gegen Bezahlung benutzen und ohne Bezahlung jeden Samstag, das WC befindet sich am Ende des Korridors neben dem Dienstmädchenzimmer, Herr Castorp, unter dem Bett haben Sie auch einen Nachttopf, Entschuldigung, das alles hätte das Mädchen Ihnen erklären sollen, na, aber ich hab's ihr eingebläut, und jetzt muß ich für sie einspringen, damit sie mit dem Mittagessen fertig wird, der Ofen wird bei der ersten Kälte geheizt, aber dieser Herbst ist sehr warm, nicht wahr, damit haben wir also vorläufig kein Problem, was das Bettzeug betrifft, Herr Castorp, da gibt's nichts, es wird einmal im Monat gewechselt, und die Wäsche lassen Sie bitte einmal in der Woche in dem Weidenkorb, der hier ist speziell für Sie, die Wäscherin ist sehr solide, wenn auch Polin, aber billiger als die Bottcherowa an der Ecke, und stellen Sie sich bloß vor, die trinkt..."

Doch Hans Castorp wollte sich gar nichts vorstellen anhand dieser Erzählung, und ganz bestimmt nicht die Physiognomie der ständig betrunkenen Wäscherin an der Ecke Kastanienweg und Ahornweg; von diesem Augenblick an prallten die Worte der Witwe an ihm ab, er nickte nur höflich, öffnete einfach seinen Koffer und holte seine Sachen heraus. Da waren zunächst einige dicke Bücher, darunter die "Technik des Schiffbaus", in beige-graues Leinen gebunden, ein Holzkasten, in dem sich ein beträchtlicher Vorrat seiner Lieblingszigarre Maria Mancini befand, ein Reisenecessaire aus japanischem Lack, eine Gummischüssel zum Waschen und Rasieren, eine ganze Palette von Unterhemden, die Schalleen vor seiner Abreise mit schönen Monogrammen bestickt hatte, dann eine Reisedecke, vier Paar Schuhe, zwei Schlafanzüge, ein Schlafrock, eine Hausjacke, zwölf Hemden, gestärkt und - ebenfalls von Schalleen - steif gebügelt wie Rüstungen, ein Sommer- und ein Winteranzug, zwei sportliche Hosen, zu denen spezielle Tennishemden gehörten, dann die gesondert gepackten Kragen, Manschetten, Krawatten samt Nadeln, Socken, Unterhosen, Taschentücher und schließlich die Schreibsachen, unter denen sich sein Lieblingsfüllfederhalter der Marke Pelikan befand. All das brachte Hans Castorp dann auf einem kleinen Regal, in den Schubladen einer Nußbaumkommode, auf dem Schreibtisch und in einem eintürigen Schrank mit Innenspiegel unter, und er hätte beinahe den Moment verpaßt, als Frau Wibbe ihre Erzählung mit den Worten beschloß: "Mein Gott, ich langweile Sie, da ist jedes Wort überflüssig" - und sie verließ das Zimmer, wobei sie verkündete, daß das Mittagessen in drei Viertel Stunden im Speisezimmer serviert werde. Als alles verstaut war, wusch sich Hans Castorp sorgfältig Hände und Gesicht, wechselte das Hemd, und erst dann schaute er sich genauer im Zimmer um.

An den Wänden mit den gemusterten Tapeten im Berliner Stil waren einige Gravierungen und Stiche aufgehängt. Sie stellten ausnahmslos Ansichten des alten Danzig dar und waren in recht düsteren Tönen gehalten. Das Eisenbett hätte ein zweitklassiges Gasthaus schmücken können, ähnlich wie der abgeschabte, aber saubere Teppich, auf dem Sektkorken, Zigarrenasche und Absätze von Damenschuhen unauslöschliche Spuren hinterlassen hatten. Der nicht allzu große runde Tisch gehörte zusammen mit dem Schrank, der Kommode, dem Sofa, dem Schreibtisch, dem Regal, dem Nachttischchen und den Stühlen zu einer kompletten Einrichtung, die gewiß örtlichen Ursprungs war. Ihre einfache Form und das halbmatte Furnier machten einen angenehmen Eindruck. So auch der Leuchter über dem Tisch und die Leselämpchen - eines auf dem Schreibtisch, das andere auf dem Nachttisch. Mit starken Glühbirnen ausgestattet, gaben sie ein solides, konzentriertes Licht, wovon sich Castorp überzeugte, indem er den Plüschvorhang zuzog und dann die Ebonitschalter betätigte. Die größte und ganz unerwartete Freude bereitete ihm jedoch der Blick aus dem Fenster. Das Zimmer ging nämlich nicht auf den Kastanienweg hinaus, sondern es hatte einen großen Erker in Richtung der Gärten und Felder, die sich bis zum Horizont erstreckten, um dann in die sanfte Linie der Hügel überzugehen. Da das Haus in einem bestimmten Winkel zu dem Weg nach Oliva stand, verdarb auch nicht der kleinste Teil der Backsteinkaserne den fast ländlichen Ausblick, der von der Strecke der elektrischen Straßenbahn durchschnitten wurde. Hans Castorp zündete sich eine Zigarre an, betrachtete die grau-rötlichen Kumuluswolken, die von der Bucht zu den Hügeln zogen, und dachte, er habe es eigentlich ganz gut getroffen, abgesehen von der Person der Wirtin, die - vom ersten Satz an - in ihm das geweckt hatte, was die Engländer abomination nannten. "Ist es möglich", überlegte er, "daß die Frau eines Offiziers so frisch von der Leber weg redet? Und daß sie ständig Wendungen wie da ist jedes Wort überflüssig gebraucht?" Obwohl er in seinem bisherigen Leben nichts mit militärischen Dingen zu tun gehabt hatte, war sich Castorp darüber im Klaren, daß in einem Korpus, in dem fast jeder Offizier ein "von" vor dem Namen trug, eine solche Person nur schwer zu tolerieren war. Zum Glück wollte und mußte er sich nicht in das schon verflossene Leben des Oberleutnants Wibbe vertiefen, und das einzige, was ihm jetzt Sorgen machte, war die Perspektive des nahenden Mittagessens in Gesellschaft der Witwe.



Mit freundlicher Genehmigung des C.H. Beck Verlages

Informationen zum Buch und Autor hier