Vorgeblättert

Pawel Huelle: Castorp. Teil 2

14.01.2005.
Der junge Mann neigte höflich den Kopf und lief, mit den Fingern einen Marsch auf dem Geländer trommelnd, die Treppe hinunter zum Ausgang. Hier jedoch hielt er, als er aus dem Augenwinkel den Hausmeister sah, der trockene Blätter zusammenkehrte, einen Moment inne und dachte, er wisse eigentlich gar nicht, wohin er gehen solle. Der Kastanienweg war, wie es schien, der letzte bebaute Teil der Stadt. Hinter dem Haus erstreckten sich irgendwelche Lagerhallen, Fabrikschuppen, dahinter Gärten und schließlich Felder, zwischen denen die verschwindende Straßenbahnlinie einen eigentümlichen, ganz unwirklichen Eindruck machte. Castorp erinnerte sich zwar, daß er auf dem Weg durch das Zentrum von Langfuhr außer einigen Geschäften auch die Markise eines Straßencafes gesehen hatte, aber das war recht weit, und beim bloßen Gedanken daran, daß er noch einmal mit der Straßenbahn fahren müßte, spürte er eine verständliche Empörung. So ging er nolens volens einfach vor sich hin und fand sich nach ein paar Minuten, nachdem er auf einem Steg einen Bach überquert hatte, vor der Backsteinmauer der Kaserne wieder, in der zweifellos Oberleutnant Wibbe gedient hatte. Weiter gelangte Castorp zu einer ausgedehnten Rasenfläche, wo soeben Übungen stattfanden, besser gesagt: Vorbereitungen zu einer Parade. Flott spielte das Regimentsorchester Preußens Gloria, die Klänge der Posaunen, Trompeten, Trommeln und Tschinellen hallten in der Oktoberluft, und eine Schwadron Rekruten in feldgrauer Uniform trainierte das Reiten zur Musik, wobei ständig die Aufstellung geändert wurde. Es lief nicht, wie es sollte, und Castorp, der jetzt etwas langsamer ging, hörte immer wieder das Gebrüll des Feldwebels. "Seid ihr eine Bande von Schweinen?!! Ihr fetten Eber, ihr werdet im Schlachthaus enden, zurück, noch einmal antreten!!" Nach diesem Kommando brach das Orchester die Melodie mitten im Takt ab, um von vorn zu beginnen, nachdem die Abteilung sich umgruppiert und wieder aufgestellt hatte. Als sie nach mehreren Malen wieder im Schritt ritten, bockte unter einem der Reiter das Pferd, der Husar flog aus dem Sattel und landete auf der Erde. Während er langsam, angeschlagen wieder aufstand und sich das schmerzende Knie rieb, sprang der Feldwebel hinzu:

"Habacht!" brüllte er, "den Gurt nicht richtig geschnallt?!"

Der Habacht stehende Rekrut nickte bejahend und wollte, sicher als Rechtfertigung, etwas hinzufügen, als der Feldwebel ihm plötzlich die Peitsche über das Gesicht zog und ihm eine Lektion zu erteilen begann.

"Den Sattelgurt", rezitierte er laut und schlug dem Unglücklichen mit der Gerte jede Silbe ins Gesicht, "überprüfen wir vor dem Sturz! Und nach dem Sturz hast du, bevor du dir den Arsch abwischst, das Pferd zu halten! Wiederholen!!"

Der Rekrut versuchte den Befehl auszuführen, doch in angespannter Habachtstellung etwas zu sagen, während er jedes Mal, wenn er den Mund aufmachte, einen brennenden Schlag ins Gesicht bekam, ging offensichtlich über seine Kräfte. Er trat zwei Schritte zurück und verdeckte den schon stark blutenden Kopf mit den Händen, was den Feldwebel noch mehr in Rage brachte.

"Hab ich gesagt - rühren?!" schrie er und sprang zu dem Burschen, "hab ich dir erlaubt, dich auch nur einen Zentimeter zu entfernen?" Dabei drosch er auf ihn ein, wie es gerade kam, und die ganze Schwadron sah schweigend zu.

"Keine schlechte Schule", hörte Castorp eine Stimme dicht hinter sich, "kein Dienst für feine Bürschchen, was?!"

Der untersetzte Rothaarige, der diese Worte an unseren Helden richtete, sah aus, als sei er belustigt. Er war wie aus dem Nichts auf dem Bürgersteig aufgetaucht und hatte entschieden die Absicht, ein Gespräch anzufangen, denn gleich fügte er hinzu: "In diesem Regiment hat niemand das Recht, vom Sattel zu fallen, findest du nicht auch? Das ist, als würde ein Fräulein am Hof einen saftigen Furz lassen!"

"In diesem Falle", erwiderte Castorp auf der Stelle, "schlagen wir sie auch mitten ins Gesicht, nicht wahr?" Und er drehte sich um und entfernte sich schnell von dem Platz, auf dem wieder die Trompeten ertönten. Das heisere Lachen des Unbekannten war schrecklich. Castorp kam es vor, als hörte er es noch gute fünfzig Meter. Während er ziellos weitermarschierte, konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, er habe diese aufgedunsene, niederträchtige Physiognomie schon irgendwo gesehen. War es bei einem Besuch in den Hamburger Docks gewesen? Oder während der Ferien in Travemünde, wo man ähnliche Typen des niederen bürgerlichen Standes treffen konnte, wenn man an einem billigen Gasthof vorbeifuhr? Hans Castorp wußte nicht warum, aber der Unbekannte hatte etwas Fremdländisches an sich, obwohl kein Detail seiner ausgedienten, ein wenig altmodischen Garderobe - und noch viel weniger sein Akzent - zu diesem Schluß Anlaß gaben.

Hinter der Kasernenmauer, bei der Schleuse am Bach hielt Castorp endlich an und holte tief Luft. Er hatte große Lust auf ein zweites Frühstück, vor dem er sich gerne die Hände gewaschen, Gesicht und Hals mit einem feuchten Handtuch und ein wenig Kölnisch Wasser erfrischt und schließlich Krawatte und Manschetten zurechtgerückt hätte. Doch wohin war er geraten? Auf der anderen Seite des Baches, zwischen ärmlichen einstöckigen Häusern, rollte eine Schar schmuddeliger Kinder einen Metallreifen um einen sumpfigen Teich. Zur Straßenbahnlinie und dem Haus, in dem ihn niemand erwartete, waren es etwa drei Kilometer, zum Hotel Deutsches Haus vielleicht elf und nach Hamburg, für das er unverhofft ein zartes Gefühl von Heimweh empfand, noch viel, viel weiter. Dies war auf keinen Fall eine tragische Lage. Mit epischer Gewissenhaftigkeit könnten wir sie schlimmstenfalls als unpassend für unseren Helden bezeichnen, er jedoch war geneigt, diesen Augenblick seines Lebens als fatalen Knoten zu sehen, dessen Entwirrung die Möglichkeiten seines erschöpften Nervensystems überstieg. Und deshalb verfiel Hans Castorp in einen jener jugendlichen Zustände der Teilnahmslosigkeit, von denen Doktor Heidekind gesagt hatte, sie könnten sich, wenn sie auch verständlich und nicht besonders gefährlich seien, in Zukunft zur Melancholie entwickeln. Dieser Zustand beruhte auf einer vollkommenen Ausschaltung der Aufmerksamkeit und der Reflexion unter Beibehaltung der Fähigkeit, stärkere Sinneseindrücke wahrzunehmen. Etwas bildhafter gesprochen - wäre in diesem Moment über Langfuhr ein Gewitter oder ein Schneesturm hinweggezogen, so hätte er sicherlich Unterschlupf gesucht. Da Derartiges jedoch nicht drohte, blieb Hans Castorp reglos auf dem Backsteinabsatz der Schleuse stehen und befand sich, den Blick auf die grüne Wasserfläche geheftet, außerhalb der Zeit. Selbstverständlich nur subjektiv gesehen, denn außerhalb seines Bewußtseins herrschte, abgesehen von der - wenn wir so sagen dürfen - Res cogitans, der denkenden Substanz, eine recht große Betriebsamkeit; die Zeit verging also tatsächlich und unerbittlich.

Als auf den nahegelegenen Hügeln das hohe Geläut einer Dorfkirche erklang, schüttelte Castorp seine Lethargie ab. Wie immer in solch einer Situation hätte er nicht sagen können, wie lange er außerhalb des eigentlichen Lebensstroms verharrt hatte. Eine Stunde? Drei Viertel? Eine halbe Minute? Sein noch einen Augenblick auf das Wasser konzentrierter Blick notierte die vom Wind gewiegten Fäden des Altweibersommers und ein kleines Rindenschiffchen, dessen Konstruktion, ausgestattet mit einem Mast, einem Papiersegel sowie einer unglaublich findigen Miniatur-Selbststeuerung, seine unverhohlene Bewunderung weckte. Erst jetzt bemerkte er, daß ihn von der anderen Seite der Schleuse, auf das Geländer gestützt wie er, ein hellblonder Junge betrachtete. Sein wirrer Haarschopf, das zu weite Hemd über der Drillichhose und die nackten Füße in schäbigen Sandalen ließen darauf schließen, daß Castorp ein Kind der Vorstadt vor sich hatte.

"Ist das dein Schiff?" fragte er.

Der Kleine nickte. Obwohl ihm zwei Vorderzähne fehlten, hatte er ein sympathisches Lächeln.

"Hast du es getauft? Wie heißt es denn?"

Der Junge schwieg.

"Danzig? Santa Maria? Wenn nicht Danzig oder Santa Maria, dann weiß ich auch nicht", sagte Castorp freundlich, "vielleicht suchst du ja erst einen Namen?"

"Nein. Ich habe es Paul Bennecke genannt", erwiderte der Junge ruhig. Dann schaute er Castorp direkt ins Gesicht, sagte einen langen, unverständlichen Satz, lachte laut und verschwand über einen Trampelpfad zwischen Brennesseln und großen Klettenblättern wie ein erfahrener Jäger im Urwald. Die Sache war die: Castorp erkannte zwar die zischelnde polnische Sprache, verstand aber kein Wort, während der Bengel, der ihm einen harmlosen Streich gespielt hatte, sicher beide Sprachen beherrschte.

"Ein seltsames Gefühl", dachte er und machte sich auf den Rückweg in die Stadt, "keinen Zugang zu etwas zu haben, was für andere selbstverständlich ist wie die Luft zum Atmen."

Teil 3