Vorgeblättert

Melanie Arns: Heul doch! Teil 2

20.07.2004.
Vor dem Essen: Ess ma gut! Beim Essen: Schmecktet? Nach dem Essen: So, dat ham wir auch schon wieder auf! Wenn ich weggehe: Gehste auch schon wieder weg? Wenn ich nichts zu tun habe: Haste auch nix zu tun? Wenn ich wieder da bin: Biste auch wieder da? Wenn sie sich langweilt: Und sonst geht's ... 
Sag ich nicht, weil sie es beim ersten Mal gar nicht, beim zweiten Mal halb und beim dritten Mal falsch verstehen würde. Aber schlimmer noch als ihre Schwerhörigkeit ist, dass sie überhaupt nichts dafür kann. 

Es schellt, ich öffne, Karneval steht vor der Tür. Max und Moritz, mit Pfläumchen und Feigling in den Taschen. Sei kein Frosch, mach mit! Die Fun-Generation hat ihren Auftritt, du gehörst dazu. Oder nicht? Was sonst. Ich verkleide mich. Als Opfer. Aber das gehört nicht hierher.
Es ist 11.11 Uhr, alle sind glücklich. Ich auch. Wir stehen am Straßenrand und grölen. Der Zug rollt an, helau! Der Schützenverein bewirft uns mit Bonbons aus der Mottenkiste, der Trecker walzt über Konfetti und Schneematsch, Pipi Langstrumpf verliert ihre Zöpfe, Kleinkinder suchen ihre Eltern. Ein Bekannter stopft mir seine Zunge in den Hals. Ich werd ihn nicht mehr los.
Wer noch lebt, fällt zum Bürgerhaus. Es wird geschunkelt, der Ortsvorsteher macht sich zum Affen, man klatscht und stößt an, die Tanzgarde schmeißt sämtliche Beine in den Himmel, heidewitzka, das Leben ist schön! Tatütata, Platz da! Einem Kind wird der Magen ausgepumpt.
Danach quetscht sich das gesamte Dorf in die kleinste Kneipe der Welt. Ein Muss. Mein Begleiter kotzt mir einen Kuss ins Gesicht. Es wird getanzt, Löcher aus dem Käse, Polonaise was das Zeug hält, helau. Meine Eltern hängen an der Theke und warten schon. Komm, Mäuschen, trink mit uns! Nein danke, ich bin Antialkoholiker, also bekloppt. Papa grapscht mir ganz karnevalistisch an den Hintern und gibt ne Runde. Max, Moritz und der Bekannte sind begeistert und bedanken sich. Ich betrink mich mit Orangenlimonade und werde ausgelacht. Mutter sticht mir mit lackiertem Fingernagel das rechte Auge aus dem Kopf und schmeißt sich an meinen Begleiter heran. Der schreckt zurück, wir gehen. Ich weine nicht. Werde in den Arm genommen und ins Bett gezerrt. Fräulein Spielverderber dreht sich weg und faltet die Hände.
Bald wird das Christkind ans Kreuz genagelt und keiner will?s gewesen sein.      

Wieder zu Hause. Oma macht ein Kreuzzeichen. Der Tag beginnt mit Aspirin, mit Atemgold und Lüftungszwang. Keine Orientierungsschwierigkeiten vortäuschen! Haltung bewahren, Position einnehmen. 
Wir beim Frühstück: Der Toaster gibt den Startschuss: Brötchen, Käse, Schinken, Graubrot, Ei und Kaffe. Schnauf, schmatz, schlürf - Magen vollgepumpt, Fresswahn befriedigt. Was nun? Die Zeitung! Vater den Sportteil, Mutter die Sensationen, Oma das Lokale. Feuilleton fällt untern Tisch, ich hinterher. Alles in Rekordzeit. Und was gibt's zum Mittagessen?

Vater hört nicht auf zu nörgeln. Mutter hört nicht auf, sich zu entschuldigen. Oma hört nicht auf zu sterben. Ich fang erst gar nicht an.
Er furzt die Gegend leer und vergewaltigt sein Kotelett.
Omas beste Freundin: irgend so ne Gymnastiktante. Mutters beste Freundin: Linda de Mol und ihre "Traumhochzeit". Seine beste Freundin: die Fernbedienung. Ich habe keine Freunde.
Bei Werbeunterbrechungen schalten wir den Ton ab, und wenn es endlich weitergeht, schalten wir ihn wieder ein. Im Fernsehen ein Jugendlicher, der seine Eltern und sämtliche Verwandte erschossen hat. Oma kommentiert das Wetter und alle geben ihr recht. Wir haben keinen Waffenschrank. Tatsächlich: Ich kann auf beiden Augen heulen. 
Großeinkauf. Eine Maßnahme. Ich werde geschmückt. Mutter schleppt tausend Sachen an.
"Guck ma! Das ist doch süß, oder nicht?"
Ein gleichgültiges Nicken meinerseits.
"Moooment!"
Die väterliche Qualitäts- und Preiskontrolle. Ein nicht wegzudenkender Faktor des effizienten Einkaufsvorganges.
"Ja, kannste anprobieren."
Ausschließlich die Kraft der oberen Hierarchieebene ist weisungsbefugt und am Zahlungsverkehr beteiligt.
"Oh, das möchte ich aber auch mal eben anprobieren!" 
Mutter in ihrem Element, hechtet von einem Kleiderständer zum nächsten.
"Ihr könnt ja schon vor gehen, ich guck dann allein noch ein bisschen."
Da das ausführende Personal keinerlei Entscheidungskompetenz besitzt, wird dies nicht geduldet. So ist den Leitlinien des Chefs in Richtung Parkhaus gehorsamst Folge zu leisten. Stumm, korrekt geordnet und im Gleichschritt.

Wenn ich noch weiter so blöd lache, dann wird mir "der Geldhahn zugedreht!".
Wenn das Telefon schellt: Der Organisator tritt an den Apparat. Wer sonst. Stolz, bierbäuchig. Prüfendes Melden. Ein Glück: nicht für mich. Heute kein Verehrer. Aufgeblasener Datenaustausch. Schnell, schnell! Einen Kuli braucht der Herr. Mutter pennend im Bett, ich tot im Sessel. Schließlich legt er den Hörer beiseite, trällert durch den Raum - ich raff´s nicht -, bester Laune. Ein Liedchen summend, wühlend in den Schubladen. 
"Wo ist denn jetzt der Kugelschreiber wieder!"
Ich bin zu sehr mit Verwesen beschäftigt. Er sucht immer hektischer, fast schon panisch, aber immer noch pfeifend. Laut pfeifend. Sowas kommt in den besten Familien vor.
Wenn ich schon schlafe: Jemand klingelt Sturm. Wochenende, 1.30 Uhr, das kann ja nur einer sein - ich rühre mich nicht. Mutter aus dem Bett, springend, stürzend, hechtend zur Tür. Er metzelt ein paar besoffene Worte ins Haus, Mutter betroffen entschuldigend. Ich horche. Szenenwechsel. Die Küche. Monotoner Brummton. Er spricht. Berichterstattung. Das Neuste vom Neuesten. Wochenrückblick. Durchgekautes vom Stammtisch. Mutter schluckt geduldig, am Herd - wo sonst - kochend. Bratkartoffeln. Er unterbricht sein Gelalle, haut rein, sabbernd. Mutter sieht zu, lächelnd. Man kennt das. 

Mein übrig gebliebenes Auge tut weh. Lichtempfindlichkeit. Mutter macht sich Sorgen. Und wie! Sie versteht das nicht ...
"Es muss doch irgendwas sein. Warum finden denn die Ärzte nichts! Lange lassen wir uns das nicht mehr gefallen, das kann doch so nicht weitergehen! Vielleicht finden sie was in der Neurologie. Neurologische Untersuchung, das heißt doch so, Neurologie, oder?"
"Ja, das heißt so."
"Dann finden sie vielleicht was Neurologisches; nicht, dass du noch ganz blind wirst, das wollen wir ja nicht, um Gottes Willen! Nicht, dass da noch ein Tumor ist oder ... nein, nein!, davor brauchen wir keine Angst zu haben, ein Tumor ist da nicht und ganz blind wirst du auch nicht. Ganz sicher nicht."
Sie macht sich solche Sorgen, und sie hat mich so lieb. Sie hält es kaum aus und ich auch nicht, so lieb hat sie mich. 
"Ich halt das kaum aus, ich mach mir solche Sorgen. Die ganze Woche lauf ich schon mit Kopfschmerzen durch die Gegend. Das kann doch so nicht weitergehen. Wie soll denn das weitergehen! Ein Riesenberg Wäsche liegt da, bestimmt schon vier Tage, aber ich schaff es einfach nicht. Das ist alles viel zu viel für mich. Du könntest doch auch mal ... aber das geht ja nicht mit dem Auge, das versteh ich schon. Ich hab so Angst um dich und immer diese Kopfschmerzen. Und morgen kommt Besuch und ich muss das Wohnzimmer noch putzen und die Küche und bald ist Mittwoch und dann hab ich bestimmt auch noch Kopfschmerzen, wie letzte Woche. Ach Kind, wenn du wüsstest, ich bin überhaupt nichts mehr wert."
Und einkaufen muss sie auch noch. Wann soll sie das denn alles machen! Und wann sollen sie zur Klinik fahren mit mir! Ihr Mann kriegt schon immer schlechtere Laune, die ganzen Urlaubstage gehen dabei drauf. Und überhaupt, es geht überhaupt nichts mehr. Oma ist krank, der Rasenmäher ist kaputt. Aber eins möchte sie mal sehen: was, wenn sie mal krank wird, was dann passiert, was dann werden soll, das möchte sie mal sehen. Und was ihr Mann dann macht, das möchte sie mal wissen. Nein, das möchte sie lieber gar nicht wissen, was der dann macht.
"Wie soll denn das weitergehen!"
Und wo soll denn ihr Mann hin, wenn sie krank wird und mittwochs Kopfschmerzen hat, mit seiner Erektion! Wo soll er denn dann bloß hin damit! - Das weiß kein Mensch. Mäuschen liegt im Bett und hat Angst. Sonst nichts.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Jung und Jung

Informationen zum Buch und zur Autorin hier