Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Victor Catala: Solitud. Teil 2

30.07.2007.
Er hatte Mühe, sich auszudrücken, sein unsteter Blick mied den ihren, und seine rauhe Stimme wurde immer heiserer, bis sie ihm gänzlich versagte.

Als der Mann über den Hof davongegangen war, kehrte Mila durch den Stall und die Sakristei in die Kapelle zurück.

Die Sonne schien durch die weit offene Tür, fiel schräg auf den Fliesenboden bis zu den Altarstufen und schickte funkelnde Glanzlichter über die Wände.

Mila stieg wieder auf den Altar, und während sie dem hölzernen Engel Händchen und Bein putzte, peinigte sie ein Gedanke: 'Wo habe ich bloß diesen Mann schon einmal gesehen? Ich bin ganz sicher, daß ich ihn irgendwo schon gesehen habe. An dieses komische Zahnfleisch und diese weißen Zähne kann ich mich gut erinnern ?'

Doch da sie ihrem trägen Gedächtnis nicht auf die Sprünge helfen konnte, hörte sie nach einer Weile auf, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, und widmete sich mit neuem Eifer dem Heiligen und seinen Weihgaben.

Mila graute vor den bösen Augen der Heiligenfigur, einer schäbigen, plumpen Schnitzarbeit. Die Unterlider hingen, wie manchmal bei alten Leuten, schlaff herunter und zeigten ihre rötliche Innenseite, und dazu kamen zwei Augäpfel, die so schief saßen, daß das ganze Gesicht verzerrt schien. Diese Grimasse, der pralle, runde Bauch und der beutelähn liche große Fuß erinnerten Mila immer an den Traum ihrer ersten Nacht und die bittere Häme des Heiligen.

Und daneben die Votivgaben, diese kümmerlichen Ärmchen und Beinchen, die aussahen wie abgehackte Gliedmaßen toter Säuglinge, diese vom Schweiß schmutziger Hände getränkten Krückstöcke, die abgeschnittenen Haarlocken und Unmengen dunkler Bildtäfelchen, die Wände und Säulen bedeckten - alle diese Dinge kamen Mila vor, als müßten sie die Übel, die sie bekämpfen und heilen sollten, durch ihren verderbten Zynismus erst recht heraufbeschwören. Darum überlief es sie kalt, sobald ihre Fingerspitzen an eine der vielen staubigen Reliquien menschlichen Elends rührten, sie zog rasch die Hand zurück und verschob die lästige Arbeit auf später, immer wieder auf später, als hegte sie die vage Hoffnung, jemand würde sie ihr abnehmen.

Und so fuhr sie fort, die Altäre abzuwaschen, die Fliesen zu schrubben und die Kerzen umzuordnen: diesen Wald von Kerzen aller Größen, einige davon armdick, und alle verziert mit Girlanden, goldenen Lettern und buntem Kreppapier ?

Irgendwann jedoch war den stumpfen, abgeblätterten Vergoldungen beim besten Willen nicht mehr Glanz zu entlocken, alle Heiligenfi gürchen, herausgeputzt wie zur Kirchweih, lächelten selig von ihren Sockeln herab, alle Fransenborten waren wieder angenäht, die Wachskerzen weiß und duftend im Altarraum aufgereiht, und da die ersehnte Hilfe noch immer auf sich warten ließ, blieb Mila keine andere Wahl, als selbst zu entscheiden, was mit diesen Votivgaben geschehen sollte, die wie bizarre Stalaktiten in einer vergessenen Höhle hingen. "Hilfst du mir, Matias? Es ist so viel, das schaffe ich nie allein!" flehte sie ihren Mann an, die hellen Augen ganz verzagt. Doch Matias kratzte sich nur im Nakken und murmelte etwas vom Herrn Pfarrer, der ihn ausgerechnet an diesem Tag zu sich bestellt habe ?

Milas frostiges Lächeln unterband jede weitere Erklärung.

"Geh nur, geh zum Herrn Pfarrer, der Arme fühlt sich ja ohne dich so einsam!"

Und mit wütender Verachtung zog sie einen Eimer Wasser aus dem Brunnen, ergriff Seife und Putzlappen und stürmte in die Kapelle. In fliegender Hast, die ihr tausend Hände zu verleihen schien, machte sie sich allein über die Devotionalien her, angefangen bei den Gelübdetäfelchen. Eines nach dem anderen nahm sie sie herunter und entstaubte, wusch und schrubbte sie, bis Patina und Schmutz spurlos verschwunden waren. Überrascht und erleichtert stellte sie fest, daß die rauhe Liebkosung des Scheuerlappens eine unbekannte Welt zum Vorschein brachte, die Farben auffrischte, Gegenstände und Szenen erkennbar machte: Berge, deren symmetrische Kämme wie Zahnreihen in den Himmel ragten; Frauen, die mit flatternden Haaren eine Treppe hinunterfielen; zügellos über smaragdgrüne Felder galoppierende rote Pferde; in hellen Flammen stehende Kirmesbuden; Schiffe mit Schlagseite, deren gesamte Besatzung in Reih und Glied an Deck stand und die Arme reckte wie eine Zeile Ypsilons in der Fibel eines ABCSchützen ? Ein flammender Bilderbogen von greller Farbigkeit, derber Plastizität und ungeheurer Ausdruckskraft, eine kindliche, unbedarft schwelgende Kunst, von der ein geheimnisvoller Zauber ausging, ein Duft nach urwüchsigem Glauben, der Mila allmählich umfing, so daß ihre Vorbehalte schwanden und sie immer öfter Neugierde, Mitleid, leisen Schrecken empfand, kurze Gemütswallungen, nach denen sie um so ruhiger wurde.

Von diesem Tag an waren die Täfelchen für sie gewöhnliche Gegenstände; und als sie, sauber und leuchtend wie frisch gemalt, zum Trocknen in der Sonne lagen, brachten sie Mila sogar zum Lachen. Sie kam sich vor wie der Vell dels Romanços, der lange, spindeldürre Bänkelsänger, der jedes Jahr zur Kirmes in ihr Dorf gekommen war und die gesamte Breite der Hausfassade beansprucht hatte, wenn er bei der Schmiede seinen Stand errichtete: eine Vielzahl bunter Bögen, in der Mitte gefaltet und über gespannte Schnüre gehängt. Auch auf diesen Blättern, die sie als Kind mit großen Augen bestaunt hatte, gab es Brände, Stürze, gewaltsam weggeschleifte Menschen ? aufregende Vorfälle aller Art, die durch die Form der Darbietung und die Bildunterschriften noch aufregender wurden, genau wie auf den Votivbildchen, nur mit dem Unterschied, daß auf den einen von "Schicksalsschlägen" und auf den anderen von "Wundern" die Rede war, und während es auf ersteren keinen Heiligen gab, auf letzteren immer in irgendeiner Ecke Sankt Pons zu sehen war, umgeben von Wölkchen, mit seiner ewig erhobenen Rechten und seiner mit dem Krummstab verschweißten Linken.

Mila konnte die tiefe Verehrung für den Heiligen, die ihr auf Schritt und Tritt begegnete, nicht recht nachvollziehen, und so blickte sie immer wieder andächtig zu der Heiligenfi gur auf und gab sich redlich Mühe, Hochachtung und Ehrfurcht zu empfinden. Doch wurde sie eine gewisse Skepsis und den vagen Verdacht nicht los, daß zwischen ihr und dem Schutzpatron dieser Gegend immer etwas Unvereinbares, eine stille Feindschaft bestehen würde.

'Dieser Heilige ist anders als die anderen', überlegte sie. 'Irgendwie schaut er mich so böse an ?''

Und um sich dieses unbehaglichen Gefühls zu erwehren, machte sie sich mit neuem Eifer wieder ans Werk. Nach den bemalten Täfelchen waren die Straußeneier an der Reihe, vom anderen Ende der Welt bis hierher gebracht und an Seidenschnüren aufgehängt; die Modellschiffchen, bestückt mit Röllchen und Seilwinden wie die echten großen Schiffe; die struppigen Haarschöpfe, abgeschnitten in voller Schönheit, die jetzt knisterten wie trockene Ähren und, obwohl seit vielen Jahren tot, noch immer den Geruch nach Krankenschweiß auszudünsten schienen; die schiefgetretenen Schuhe, die aussahen wie Tierklauen und einstmals verkrüppelte Füße bekleidet hatten; die aus Jerusalem mitgebrachten Rosenkränze aus mandelgroßen Perlen ? all dieses kunterbunte Durcheinander, das sich in dieser Höhle der Frömmigkeit angesammelt hatte und an einen arabischen Basar erinnerte.

Unter den zahlreichen Devotionalien, mit denen sie nichts anfangen konnte, fiel Mila jedoch ein Gegenstand ins Auge, der sie tief berührte. Es war ein weißes Seidenkleidchen, verziert mit alter, unübertrefflich zarter Spitze. Die Seide war leicht vergilbt, der zerfetzte Spitzenbesatz bewegte sich hin und her, sobald ihr Atem ihn streifte, und in der feuchten Luft der Kapelle war der Staub mit den Jahren zu einer gummiartigen Schicht geworden, die den Stoff steif hielt. Mila wollte es ausschütteln, stellte aber fest, daß die Falten zusammenklebten und das Gewebe sehr brüchig war, und darum hängte sie das Kleid, aus Angst, es könnte ihr wie Zucker zwischen den Fingern zerbröseln, vorsichtig an seinen Platz zurück. Doch jedesmal, wenn sie die starre leere Stoffhülle an der Wand hängen sah, stellte sie sich sehnsuchtsvoll das rosige, weiche Körperchen, die unruhigen Fäustchen, die gebannten Äuglein und das Fischmäulchen eines wenige Monate alten Babys darin vor, einen himmlischen Winzling, von dem sie schon geträumt hatte, als sie noch nicht einmal verheiratet war.

Wie mit allem anderen, wurde sie schließlich auch mit den Votivgaben fertig, und als sie erleichtert den letzten Putzeimer säuberte, sah sie über dem Grat des Roquis Mitja den Schäfer auftauchen, gefolgt von Baldiret und der Herde. Der Schäfer kam gemächlich den Hang herab, die Fellmütze über die Brauen gezogen und den Stab aus Zürgelholz unter dem Arm.

Ohne recht zu wissen warum, hatte Mila unwillkürlich das Bedürfnis, ihn auf sich aufmerksam zu machen, und stimmte - so laut, daß sie noch auf dem Paß zu hören sein mußte - La filla del marxant* an. Der Schäfer blickte auf und sah sie.

*traditionelles Volkslied

Teil 3

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