Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Victor Catala: Solitud. Teil 3

30.07.2007.
Da bereute Mila, wieder ohne recht zu wissen warum, was sie gerade getan hatte.

Der Schäfer schickte den Jungen und die Tiere weiter in Richtung Osten zum Stall und ging selbst querfeldein zum Vorplatz der Einsiedelei hinunter.

"Einen guten Abend wünsch ich ? Soll das etwa heißen, Ihr seid noch immer bei der Arbeit, Einsiedlerin? Übertreibt Ihr nicht ein bißchen? Die armen Heiligen sind solchen Aufruhr gar nicht gewohnt, und ich könnt mir denken, daß sie die Verschönerung sogar übelnehmen ? Ihr solltet auf mich hören und die Dinge in Ruhe angehen. Wenn Ihr alles an einem Tag erledigt, wißt Ihr nachher gar nicht mehr, wie Ihr hier in den Bergen die Zeit totschlagen sollt!"

Und der Schäfer lachte, breitbeinig unter einer Zypresse.

Und auf ihren fragenden Blick hin versetzte er: Übermütig vor Freude zeigte Mila ihm das Ergebnis ihres Großreinemachens in allen Einzelheiten.

Und die schlichten Lobesworte des Schäfers klangen wie galante Komplimente.

"Also wirklich, Einsiedlerin, so gut hatte es Sankt Pons noch nie ? Alles blinkt wie Gold in der Mittagssonne ? Hatte ich doch gleich von Anfang an das Gefühl, daß wir mit Euch einen guten Fang gemacht haben ? Morgen, gleich nach dem Aufstehen, geh ich runter nach Murons und sag dem Herrn Pfarrer, er soll sich das hier einmal an sehen ? Er wird begeistert sein, verlaßt Euch drauf."

"Nein, Schäfer, bloß nicht!" wehrte Mila erschrokken ab. "Erst wenn ich die Altartücher gewaschen und gebügelt habe, vorher bin ich nicht fertig ?"

"Gut, dann also noch die Altartücher, so lang wird das ja nicht dauern ? Ich kann?s nämlich kaum erwarten, wißt Ihr?" Und unvermittelt: "Habt Ihr auch all die Wunder geputzt?"

"Seit drei Tagen tu ich nichts anderes, Schäfer!" Und schalkhaft fügte sie hinzu: "Und wie mir scheint, hat Sankt Pons fast ein paar zuviel vollbracht ?"

"Paßt nur auf, kleine Ketzerin, daß er Euch nicht den Krummstab überzieht! Denn eine kleine Ketzerin seid Ihr ja wohl, stimmt?s, oder hab ich recht?" fragte der Schäfer halb im Spaß, halb im Ernst.

"Ich? Gott bewahre."

"Ab und zu seh ich Euch dem armen Heiligen scheele Blicke zuwerfen!" Das Lächeln des Schäfers war verschwunden, als er nun sagte: "Ihr tut ihm Unrecht, Einsiedlerin. Ihr solltet Sankt Pons lieben. Wenn Ihr wüßtet, wie er hilft in der Not. Ihr braucht nur hier niederzuknien und ihm Euren Kummer zu erzählen, und nach kurzer Zeit habt Ihr das Gefühl, er bewegt die Augen und sieht Euch geradewegs ins Gesicht ? Und unter diesem Blick wird Euch das Herz frei, und alle Traurigkeit verfliegt ? Ach, Sankt Pons, Sankt Pons ?!"

Gedankenverloren und gerührt schüttelte der Schäfer den Kopf.

Mila schien er in diesem Moment weit weg von ihr, in eine andere Welt entschwunden.

Doch der Schäfer kehrte bald zurück, mit seinem Lächeln und seinen blitzenden Augen.

"Wißt Ihr was, Einsiedlerin? Wir sollten Eure Arbeit einmal ins rechte Licht setzen ?" Und auf ihren fragenden Blick hin versetzte er: "Ich treibe nur schnell die Schafe ein, der Kleine ist ja schon unten, und bin gleich wieder da."

Und mit langen Schritten eilte er über den Hang davon. 'Was für ein lieber Kerl er doch ist! Für jeden da, wie ein Vater oder Bruder ?', dachte Mila, während sie ihm nachblickte und zuerst die Beine, dann der Körper, zuletzt die Pelzkappe des Schäfers hinter der Kuppe verschwanden. Als sie nichts mehr von ihm sehen konnte, bückte sie sich nach dem Eimer, den sie halb gescheuert stehen gelassen hatte.

Es war ein altes Messingbecken, in das ringsum eine lateinische Inschrift aus langen Buchstaben eingraviert war, die Mila vergeblich zu entziffern versuchte. Auf dem flachen Rand hatte ein Schlag eine haselnußgroße Delle hinterlassen, und es hatte Mila wunde Finger und den Saft einer Zitrone gekostet, den Grünspan daraus zu entfernen. Danach allerdings konnte sie auf dem Grund ihr Spiegelbild sehen, winzigklein, aber klar und scharf wie auf einem kolorierten Photo.

'Ich bin richtig hübsch so!' dachte sie, hob spontan das Metallbecken an die Lippen und küßte ihr eigenes Spiegelbild.

Sie wurde rot und blickte sich verschämt nach allen Seiten um.

'Ach Gott, was ist nur heute mit mir los?' dachte sie verwirrt, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Und als der Schäfer zurückkam, begrüßte sie ihn mit dem schüchternen Lächeln eines Kindes, das etwas zerbrochen hat.

Der Schäfer näherte sich mit munterem Schritt, schwenkte ein langes Schilfrohr und bat sie um einen Kerzenrest. Das Rohr war an einem Ende eingekerbt, und in die Kerbe steckte er den Talgstummel.

"Würdet Ihr bitte das Tor zumachen, Einsiedlerin?"

Geistesabwesend ging Mila auf das Tor der Kapelle zu, zog erst den einen, dann den anderen Türfl ügel heran und betrachtete, ohne sie loszulassen, hingerissen den karminroten Fleck, den die untergehende Sonne wie einen Blutspritzer auf der letzten Bergkette am Horizont zurückgelassen hatte.

'Wie seltsam die Sonne aussieht ? Als ob sie sterben würde ? Es ist so traurig, sterben zu müssen ?' Und der Gedanke an den Tod durchfuhr ihren verwirrten, ahnungslosen Geist und ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Als sie sich wieder umwandte, konnte sie einen Aufschrei nicht unterdrücken. Auf allem, was es in der Kapelle an Anzündbarem gab, Kerzen, Kandelaber und Fackeln, züngelte ein Flämmchen. Die Lichter spielten in der Dunkelheit über den goldglänzenden Hintergrund, als wäre der Altar ein von verborgenen Händen bewegter Teppich.

Von der Mitte der Kapelle aus, ohne Mütze und noch immer seinen Stock in der Hand, betrachtete der Schafhirt das Ergebnis.

"Heilige Maria! Warum habt Ihr das getan?"

Der Schäfer ging langsam auf sie zu.

"Die Leute hier sind einfältig und können einfach nichts richtig machen. Sie stellen dem Hei ligen die Kerzen zwar hin, lassen ihn aber das ganze Jahr im Finstern sitzen. Bis zum Morgen seines Feiertags zünden sie ihm nie eine an, und kaum ist die Messe vorbei, wird es gleich wieder Nacht um ihn ? Abgesehen davon achtet sowieso keine Seele darauf, wie es hier aussieht, keiner bringt auch nur eine Spur von Andacht auf ? Die kommen alle nur zum Essen, Tanzen und Feiern und um sich zum Narren zu machen ? Es ist traurig mitanzusehen. Wißt Ihr, Feste für alle sind Feste für keinen ? Ich verbringe sie lieber still für mich ? Wenigstens stört mich dann niemand ?"

Er berührte ihren Arm und bedeutete ihr, ihm zu folgen, führte sie in die dunkelste Ecke des Chors, ließ sie auf der Steinbank Platz nehmen und setzte sich neben sie.

"Seht Euch das an, Einsiedlerin! Glänzt es so nicht herrlicher als in der Mittagssonne? Aber das werden die hiesigen Trampel nie verstehen. Wenn Ihr wüßtet, wie leid sie mir manchmal tun. Die Ärmsten werden diese Welt verlassen, ohne zu wissen, was wirklich Freude macht ?"

Er verstummte. Aus dem Augenwinkel sah Mila ihn unbewegt dasitzen und blicklos auf das Lichtermeer starren; und in der Geborgenheit dieses dunklen Winkels spürte sie entlang ihres rechten Armes sanft den warmen Körper des Mannes, und während sie den entrückten Ausdruck auf diesem bartlosen Gesicht im Kerzenlicht betrachtete, die schimmernde Stirn voller Tagträume, begriff sie, daß er wieder einmal weit, weit weg war, ihr unendlich fern ? ein Wanderer in entlegenen, geheim nis vol len Landschaften.

Und in diesem Augenblick bekam die Gleichgültigkeit, die sie immer wie eine lange, vollkommen glatte Mauer umschlossen hatte, erste Sprünge, und verstohlen wie Berggeister schlüpften unbekannte, zauberische, verstörende Gefühle durch die Ritzen.


Mit freundlicher Genehmigung des Verlages SchirmerGraf
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