Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Silvia Bovenschen: Älter werden. Teil 2

17.08.2006.
War ich das alles wirklich?
Ich weiß nicht, woher das Bild in meinen Kopf kam. Es war plötzlich da, detailgenau. Und ich - lassen wir mich elf oder zwölf Jahre alt sein - war darauf.
In diesen Pubertätsjahren besuchte leider nur vorübergehend - wir hatten uns ein wenig angefreundet - eine farbige Amerikanerin unsere Klasse. Sie schenkte mir, meine begehrlichen Blicke bemerkend, ein Button-down-Hemd. Dieses Hemd war für lange Zeit mein ganzer Stolz. Ich - zu dieser Zeit ansonsten völlig ignorant in kleiderästhetischen Fragen - war sicher, daß ich das erste und einzige Mädchen in Deutschland, vielleicht sogar in Europa war, das so ein Hemd besaß. Dieser Besitz war die erste gesicherte Zutat zu dem Bild, auf dem ich selbst die prominente Rolle spielen wollte. Im Mittelpunkt des Bildes aber stand ein Chevrolet, der dem Vater (ein Bonvivant in biederer Zeit) einer anderen Freundin gehörte. Dort hineinzukommen war kein Problem, denn ich wurde oft zur Mitfahrt eingeladen. Ich wartete auf den Sommer. Zuvor mußte ich noch ein Beschaffungsproblem lösen. Zu diesem Zweck ging ich in das IG- Farben-Hochhaus, das zu meinen bevorzugten Spielstätten gehörte. Man konnte sich dort durch nicht ganz erlaubtes, riskantes Auf- und Abfahren im hauseigenen Paternoster amüsieren. Ein dicker - wie man damals noch sagte - Negeroffi zier hatte mich gelegentlich dabei beobachtet und mir verschwörerisch zugezwinkert. Ihm lauerte ich auf, streckte ihm meine Börse mit dem Ersparten entgegen und bat ihn, mir eine "Pilotensonnenbrille" aus dem PX mitzubringen. (Ich habe keine Erinnerung daran, wie ich die Sache sprachlich bewältigte.) Es funktionierte. Ich konnte jetzt mein Bild realisieren. An einem Sonnentag wurde ich wieder eingeladen, mit den Eltern meiner Freundin aufs Land zu deren Wochenendhaus zu fahren. Mir wurde zugesichert, daß ich auf dem Beifahrersitz Platz nehmen dürfe. Ich hatte mein Button-down-Hemd angezogen, und die etwas zu große Pilotensonnenbrille aufgesetzt. Und dann kam die große Desillusionierung. Zur Erfüllung des Bildes gehörte nämlich unabdingbar, daß ich meinen Arm lässig aus dem heruntergekurbelten Fenster lehnen sollte. Dafür war ich aber zu klein. Ich sah mich selbst in dem Wagen sitzen, und ich sah: der Arm ragte in einem lächerlichen spitzen Winkel über die gummigefaßte Kante der Beifahrertür. Aus!
Ich war zu klein für das Bild, oder das Bild war zu groß für mich.
Vielleicht hatte ich Jean Harlow oder Ava Gardner in einem Film oder auf einem Plakat in dieser Pose gesehen.
Nur zu exakt diesem Zeitpunkt hatte das Bild für mich eine Bedeutung. Ich wuchs nicht hinein. Die Zeit, das Bild und ich kamen nicht zusammen.
Damals war das eine Niederlage. Heute aber liebe ich kleine Schiefl agen und Vergeblichkeitssignale in gekonnten Stilisierungen.


*

"Ja, mach nur einen Plan ..."
Jetzt, Anfang 2003: Einen Essay will ich schreiben. Über das Älterwerden. Ich bin guten Mutes. Schon einmal hatte ich einen kurzen Text über das Alter geschrieben, hatte eine Affinität zwischen der Essayistik als Form und dieser Thematik behauptet.
Ich begebe mich auf vertraute Pfade. Mache einen Plan, sammele Material, nehme zur Kenntnis, was Bedeutende schon gesagt haben. Wie man das eben so macht. Dann aber irritiert mich der zähe Widerstand, den das Thema meiner frischen Bemühung entgegensetzt. Mit hohen Zielen bin ich angetreten, will gedanklich neue Räume schaffen, will eigene Fragen und Antworten exponieren und auf der Grundlage dessen originelle Ausblicke gewähren. (Ausblicke?) Ich erobere kein neues Terrain.
Für diese unerwartete Unzugänglichkeit suche ich eine Erklärung und glaube sie darin zu finden, daß ich mich - ganz im Gegensatz zu meiner kühnen These von einst - im essayistischen Spiel, wie ich es verstehe, eingeengt fühle durch die ehernen Eckdaten, die diese Thematik auszeichnen: der festgelegte Ausgang des Alterns, (das, worin fortschreitendes Leben endlich mündet, im bislang unausweichlichen Tod) und die unumkehrbare Richtung des Älterwerdens, dessen Zwangsläufi gkeit. (Ein gutes Wort: der Zwang des Laufs.)
- Diese Pointen stehen immer schon fest.
Das Eigene, zu diesem Schluß komme ich, könnte ich allenfalls in der Besonderheit meiner individuellen Wahrnehmung dieses Zwangsgangs finden.
Ich ändere den Plan: gebe den Anspruch allgemeiner Gültigkeit, der dem Essay doch nicht ganz zu nehmen ist, auf.
Das erzwingt eine andere riskantere Form. Ich muß den Schutz der Begriffsnetze verlassen, muß "ich" sagen. Auch gut. Was soll mir in meinem Alter noch passieren? (Vielleicht ist das gar nicht wahr, Ausrede nur, vielleicht habe ich schlicht keine Lust mehr an den geschlossenen Formen.)


Eignungsanmaßung
Jetzt, Anfang 2006: Warum glaube ich an meine besondere Zuständigkeit für dieses Thema? Weil ich alt bin. 60! "Sechzig! Das ist eine böse Zahl. Da ist nichts mehr zu machen. Mit sechzig ist man alt. Noch immer. Frauen sind mit sechzig älter als Männer mit sechzig. Noch immer", sagt meine Freundin S. Sch., die diese Altersschwelle schon überschritten hat.
Und ich beanspruche für mich eine zusätzliche Qualifikation. Wegen meiner gesundheitlichen Einschränkungen machte ich zeitversetzt früh schon Erfahrungen, die meistenfalls erst das Alter prägen.
"Wenn ich aufgestanden bin, mich geduscht, mich angezogen habe, dann bin ich so fertig und müde, daß ich gleich wieder ins Bett gehen könnte", sagt meine achtundachtzigjährige Freundin F. G. am Telephon. "Das kenne ich", sage ich. "Wenn ich kleine Arbeitsgänge im Haushalt erledigt habe, die ich früher so nebenbei hinter mich gebracht hätte, muß ich mich gleich wieder hinlegen", sagt sie. "Das kenne ich", sage ich. "Für alles, wirklich für alles, was ich tue, brauche ich jetzt die doppelte, wenn nicht dreifache Zeit", sagt sie. "Das kenne ich", sage ich. "Es vergeht kein Tag, am dem ich nicht an den Tod denke", sagt sie. "Das kenne ich", sage ich. Dann erzählt sie mir übergangslos eine witzige Alltagsbeobachtung, die mir sagt, daß sie noch gerne lebt. Dieses Nebeneinander kenne ich auch.
So gesehen, nach Maßgabe solcher Erfahrungen, hätte ich das Buch schon vor zwanzig Jahren schreiben können.

Verkaufsüberlegungen
Einst sollte dieses Buch den Titel "Einst" erhalten. Ich mag dieses diffuse Wort. In seiner Unbestimmtheit entspricht es dem Zustand meines Gedächtnisses. Diese Analogie überdeckte ein leichtes Unbehagen im Hintergrund. Bis meine Freundin S. Sch. sagte: "Nicht schlecht, aber für einen Titel doch etwas betulich. Genau! "Älter werden" fand Gnade bei ihr.

Jetzt: "Vielleicht solltest du dir doch noch einen anderen Titel überlegen", sagt mein Lektor, der ein Freund ist, am Telephon. Er ist zwanzig Jahre jünger als ich. "Warum?" frage ich. "Es könnte sein, daß sich von dem Titel "Älter werden" nur Ältere angesprochen fühlen", sagt er. "Warum?" frage ich tückisch weiter. "Älter wird man doch vom ersten Tag des Lebens an." Er lacht etwas genervt.
Er hat natürlich recht. Ab der Mitte des Lebens steht das Altern anders im Bewußtsein als in den vorangegangenen Jahren. Das Buch "Älter werden" hätte ich mir ohne Empfehlung im Alter von dreißig Jahren wahrscheinlich nicht gekauft. Ich ändere den Titel trotzdem nicht.

"Würdest du ein Buch mit dem Titel "Älter werden" kaufen?" frage ich am gleichen Tag meinen Freund Th. J., der auch zwanzig Jahre jünger ist. "Auf keinen Fall", sagt er. "Warum?"
- "Es klingt wie ein Ratgeber-Buch."
Ich überlege, ob ich den Titel nicht doch ändern sollte.

Wenige Stunden später ruft mich mein Freund A. G. D. an - auch er ist erheblich jünger. Ich frage ihn, was er von dem Titel hält: "Guter Titel", sagt er, "lakonisch und einfach." Ich bin froh, er war mir immer ein guter Ratgeber und Anreger für meine Texte. Wie angenehm sind doch Ratschläge, die den eigenen Neigungen entgegenkommen.


Seenot

MS. Ich wußte früh, daß dies die Abkürzung für Motorschiff ist. Wenn ich die Abkürzung oder das Wort Motorschiff hörte, assoziierte ich eine Zeitlang ein kleines Boot, das ich als Kind besaß. Es war etwas zu groß für die Badewanne. Aber wenn wir im Sommer an einen See fuhren, kam es zum Einsatz. Es war weiß, hatte einen großen Schornstein, einen Kajütenaufbau, war bunt bewimpelt, und am Bug stand MS Esperanza.
Aber dann, noch in satter Jugend, mußte ich erfahren, daß MS auch die Abkürzung für eine tückische Krankheit ist, die mich befallen hatte. Rasend schnell drehte sich der Assoziationswind. Plötzlich befand sich das fröhlich befl aggte Schiffchen, das einst einen sommerlichen Ausflugsspaß verhieß, in schwerer See.


*

Unzeitgemäß
"Die Wahrheit ist (...), daß man vernünftigerweise nicht gegen die Zeit stehen kann, ihr nicht nachjagen darf, aber auch nicht den Ausweg hat, sich aus dem Zeitlauf herauszunehmen. " (Jean Amery)


Zu meiner Zeit
"Zu meiner Zeit" - höre ich mich doch tatsächlich sagen: Zu meiner Zeit? Wie kam diese alberne Formulierung in meinen Sinn?
Du liebe Zeit, wann ist oder vielmehr war das denn: meine Zeit? Bin ich schon aus einer allgemeinen Zeit herausgefallen? Lebe ich bereits im Takt einer eigenen Zeit, die ins Verflossene changiert? Ist das Bezugsnetz meiner Assoziationen veraltet? Vielleicht. Es kommt jetzt häufig vor, daß von jemandem gesagt wird, er oder sie sei ein Star oder zumindest sehr bekannt, und ich habe keinen blassen Schimmer, wer das sein könnte, und - was schlimmer ist - will ihn auch nicht haben.
Bin ich schon in Teilen meiner Existenz unzeitgemäß? Das Unzeitgemäße hat mich früh schon interessiert. Als junge Frau glaubte ich an den "veralteten" Frisuren älterer Frauen erkennen zu können, wann sie ihrerseits glaubten, ihre beste Zeit gehabt zu haben. Hatten sie die Frisuren einfach aus Gewohnheit beibehalten, oder sollte die Haarformation aus besseren und jüngeren Tagen einen alten Glanz konservieren? Lagen den geschmacklosen, weil altersunangemessenen modischen Empfehlungen, die ich meinen lebenszeitlich vorangeschrittenen Eltern für ihre Bekleidungen und Frisuren gab, der Wunsch zugrunde, sie in der für mich aktuellen zukunftsgerichteten Zeit zu halten? Aber wie vertrug sich dieser liebevolle Wunsch mit den Bosheiten auf gleichem Felde: "Hinten Lyzeum, vorne Museum", sagten wir über eine keineswegs alte Lehrerin, die sich eine kleine Samtschleife an den Hinterkopf gesteckt hatte.

Teil 3