Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Natasha Radojcic: Du musst hier nicht leben. Teil 2

23.01.2006.
Mutter und ich leben allein. Einen Monat nach meiner Geburt verließ Mutter frisch vermählt ihr Liebesnest auf dem Dachboden eines Hauses, das einzige, das sich Vater leisten konnte, und kehrte zurück in die Wohnung meiner Großmutter. Jetzt leben wir direkt neben der Siedlung für Zigeuner, die arbeiten. Die Siedlung ist ein Ergebnis von Titos Idee von Brüderlichkeit und Einigkeit unter den vielen Völkern unseres Landes, sogar den dunkelhäutigen. Jetzt dürfen Zigeuner mit Arbeit die kleinen mit Holzplanken und Schlamm abgestützten Papphütten bewohnen. Solange sie als Reinigungskräfte für eine nahe gelegene Bahnstation arbeiten, können sie sich ein festes Dach über dem Kopf leisten.
     Leute kommen zu Besuch in unsere Wohnung. Wir sind angesehen, einen Besuch wert. Ein Klopfen an der Tür, Salaam Aleikum, wenn die Besucher Moslems sind, oder einfach ein Hallo, wenn Gott keine Rolle spielt. Die Schuhe bleiben draußen. Wir sind Kommunisten, aber drinnen barfuß laufen ist ein ungeschriebenes Gesetz in muslimischen Häusern, das nicht mal die Revolution brechen kann. Der Kaffee ist gemahlen, das Wasser gekocht, die Beine im türkischen Stil unter die Körper geschlagen.
     Ich bin jung, also höre ich zu. Es gibt Beschwerden über die gottlosen Zigeunertänze, den gefährlichen Handel mit dem Fleisch junger Mädchen und wie die Regierung und die Polizei weggucken. Von Krieg ist die Rede. Von Wunden und Heldentaten. Onkel zieht sein Hosenbein hoch und zeigt sechs Löcher.Drei Dumdumgeschosse. Ich küsse die Wunden. Das ist meine Pflicht.
Die Wände imWartezimmer des Spezialisten sind voll mit merkwürdigen Bildern von Kindern und ihren Eltern. Sie tun alltägliche Dinge, reden, gehen. Das Lächeln auf ihren Gesichtern ist extrem. Ich frage mich, warum die so viel lächeln. Das sozialistische Irrenhaus ist neu, aber die Politiker stehlen immer den Beton und Sand für ihre Geliebten und ihre Familien. Der Boden ist schon abgesackt und der Stuhl der Sprechstundenhilfe rollt immer weg.
     Der Spezialist sieht in seinem teuren blauen Anzug vertrauenswürdig aus. Er möchte zuerst mit Mutter sprechen. Ich bin gespannt, was er zu meinem Leiden sagt. Jeder hat eine Theorie, aber ich erwarte von ihm die genaueste. Ich stelle mir eine Reihe Diagnosen vor. Ich esse zu viel, schlafe zu wenig. Ich bin keine eifrige Schülerin. Ich falle bei den Nachbarn in Ohnmacht, um nicht nach Hause gehen zu müssen. Mutters älteste Schwester, Tante Dika, sagt, die kleine Füchsin ist erwacht, hat zwischen ihren Beinen nach unten geschaut und gemerkt, dass sie einen Schlitz hat, der gefüllt werden möchte. Also hat sie sich vergessen. Verheirate sie.

Mutter schwebt elegant und unnahbar hinaus wie immer. Meine schöne Mama, die ich immer küssen will. Sie trägt den gleichen Gesichtsausdruck, wie sie ihn allen gegenüber trägt, die unter ihr stehen. Unserem Fleischer, der Putzfrau, ihrem diversen Herrenbesuch. Der Spezialist folgt. Das Gesicht zu Boden gesenkt, wie ein guter Junge, der erwischt wird, wie er sich das erste Mal dem Bösen ergibt. Das Geld für den Anzug war reinste Verschwendung. Was auch immer er sich erhofft hatte, er wurde zurückgewiesen. Mutter bleibt vor mir stehen.
     Du und ich gehen jetzt, sagt sie. Onkel kommt zum Abendessen.

Onkel ist Ingenieur. Der Beste in seiner Klasse. Mutter ist Lehrerin. Sie sind hellhäutig und beide des anderen Liebling. Ich bin wie mein dunkelhäutiger Vater, der zum Teil von Zigeunern abstammt und den ich nie erwähnen darf. Onkel hat seinen ältesten Sohn mitgebracht. Cousin hat blaue Augen und blonde Haare. Alles, was er macht, ist perfekt. Mutter bewundert seinen athletischen Körperbau, die Symmetrie seiner Muskeln. Nennt ihn Sohn. Er grabbelt mit seinen Fingern zwischen meinen Beinen, während Onkel Mutter für ihre Kochkunst Komplimente macht.

Es ist dunkel. Eine entfernte Polizeisirene dringt durch das Fenster und ich habe Angst, dass Cousin davon aufwacht, der schließlich eingeschlafen ist. Mutter sagte, Cousin soll wieder zu dir ins Zimmer kommen, auch wenn er auf dem Boden schlafen muss. Er hat so einen guten Einfluss. Mutter und ihr Lieblingsbruder freuen sich darüber, dass sich ihre Kinder so gut verstehen. Ich habe Angst, dass er wieder auf mich klettert und mir zwischen den Beinen wehtut, wie er das immer macht, wenn wir ein Zimmer teilen, und ich schlafe nicht. Wenn er sich herumrollt und es so aussieht, als würde er gleich aufwachen, tue ich so, als müsste ich auf Toilette, und bleibe dort so lange, wie ich kann.
     Meine Zeichnungen sind auf dem Fußboden verstreut. Ich wünschte, ich hätte etwas Spitzeres als einen Bleistift, um ihm wehzutun. Er schnarcht ein wenig. Seine blonden Locken fallen wie frische Blätter über sein hübsches Gesicht. Er ist fast so hübsch wie Mutter. Das erspart ihm Ärger. Ich wünschte, wir wären nicht verwandt. Ich wünschte, so ein süßer Junge wie er, jedermanns Liebling, hätte Interesse an mir, echtes, nicht nur nachts. Dann könnte ich mit seiner Liebe angeben. Dann könnte ich mögen, was er tut.
     Ich will mein Geld zählen. Ich habe jetzt zwei Jahre gespart. Aber ich habe Angst, dass er aufwacht und es klaut. Der Morgen graut und die Züge rattern herein, bringen Putzfrauen, Brot, Fleisch, Milch und Käse frisch für den Markt, Körbe voll Kartoffeln. Ich hoffe, unser Frühstück wird üppig, Eier mit Schinken. Wir essen alle Schinken. Sogar Großmutter. Wir haben sie angelogen und gesagt, dass es gebratene Hühnerhaut sei, sie verschlang sie und sagte, das sei die beste gebratene Hühnerhaut, die sie je gegessen habe. Wir wussten, dass sie langsam geworden war und uns glaubte; aber wir wussten auch, dass, wer auch immer einen Moslem hinterlistig dazu bringt, einen guten oder Ex, den dreckigen Domuz zu essen, landet am Jüngsten Tag in der Hölle, wenn Allah für die Auferstehung aller Toten sorgt und über jede Person gemäß ihrer Taten sein Urteil spricht.


2
Ich dachte, Mutter würde mich, weil ich weggerannt war, schlagen. Sie hatte mich schon vorher geschlagen, ein paar Mal mit einem Gürtel, aber meistens jagte sie mich mit einem Hausschuh oder Holzlatschen um den Tisch im Esszimmer. Einmal schlug sie mich stärker, als sie meinte, dass ich es verdient hätte. Da kam sie abends in mein Zimmer und kämmte und flocht mir die Haare, etwas, was sie seit Jahren nicht getan hatte.
     Dieses Mal nichts. Ein ruhiger kurzer Blick auf mich und danach woandershin, dann sammelte sie ihre Kissen ein, die kleinen Sachen, die neben ihrem Bett standen - Großvaters tapferes schwarzweißes Armeefoto, eine Flasche eines französischen Damencognacs, über und über mit Kerzenwachs betropft, die Bronzestatue eines Huhns, über ein Nest mit Eiern wachend, das Bettzeug für warmes Wetter, die dünne Decke -, und zog leise ins Wohnzimmer. Ich saß auf dem Bett und blieb die ganze Nacht so sitzen. Am Morgen klopfte sie zweimal an meine Tür. Das wurde unser neues Zeichen - Zeit für dich, da herauszukommen zu den normalen Menschen.

Teil 3