Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Martin Caparros: Valfierno. Teil 3

20.07.2006.
Die Frau ist dick wie ein Faß Landwein. Sie ist jung, mit einem erfrischenden Lächeln in dem abgearbeiteten Gesicht, hat blaue, durchdringende Augen und blonde, nach hinten gekämmte Haare, die langsam grau werden, und ist dick, furchtbar dick. Wenn die Frau durch die gepflasterten Straßen geht, trägt sie nicht ihre Dienstmädchenuniform. Würde sie sie tragen, hätte sie sehr wohl ihren Platz. Doch sie trägt einen Rock, der früher einmal schwarz war und jetzt mausgrau ist, eine Bluse, die früher einmal weiß war und jetzt ebenfalls grau ist, und darüber ein rotes Schultertuch. Ihr Gang ist aufrecht, so als verdiene etwas in ihr einen respektvollen oder ehrerbietigen Blick, so als berechtige etwas in ihr sie dazu, ihren Platz als Dienstmagd des Reichsten der Stadt zu verlassen, um sich auf den gepflasterten Straßen unter die Vornehmsten der Stadt zu mischen. Sie geht spazieren, die Leute sehen sie an - mißbilligend, entrüstet sehen sie sie an -, und sie erwidert die Blicke. Stets zwei Schritte hinter ihr oder zwei Schritte vor ihr geht der Sohn, ein Junge von zehn Jahren, der jünger aussieht: dichtes, schwarzes Haar, scharfgeschnittene Gesichtszüge, Augen wie die ihren, ausgefranste kurze Hosen, geflickte Schuhe. Der Junge heißt Juan Maria und geht immer hinter oder vor seiner Mutter - auf Abstand zu seiner Mutter - durch die gepflasterten Straßen. Manchmal entwischt er ihrem wachsamen Blick und entfernt sich; manchmal geht er zwei Schritte vor oder hinter einer Dame mit hochgekämmter Frisur, Sonnenschirm und reichbesticktem Manilatuch, so als wäre er ihr Sohn. Eine Minute oder zwei, bis die Dame etwas merkt, geht er vor oder hinter ihr her und erwidert das Lächeln, das die anderen Damen und Herren, der Herr Pfarrer, der Herr Vorsteher, der Herr Richter, die Herren Anwälte oder die neureichen Geschäftsleute oder die Journalisten oder Brotverkäufer der Dame mit der hochgekämmten Frisur und mit derselben Geste ihm, dem Jungen, Juan Maria, schenken. Bis er entdeckt wird und sich davonschleicht. Manchmal ist es die Dame mit der hochgekämmten Frisur, die ihn entdeckt und ihn anfährt, hau ab, du Rotzbengel, wofür hältst du dich. Manchmal ist es seine Mutter, die seine Abwesenheit bemerkt und nach ihm ruft und, wenn er zurückkommt, zu ihm sagt, aber Bollino, was ist denn los mit dir, Bollino, mein Bollino.


Ich nehme an, daß ich ein sehr glückliches Kind war, bis ich mir bewußt wurde, daß ich es sein mußte. Bis ich sah, wie sehr meine Mutter auf jedes Detail meines Glücks bedacht war, und ich das Gefühl hatte, es müsse etwas sehr Zerbrechliches sein, wenn man so sehr darum besorgt war. Von da an war es viel schwieriger für mich, einen Zustand aufrechtzuerhalten, der - das schien meine Mutter mit ihrem Verhalten auszudrücken - Gefahr lief, jeden Augenblick zu zerbrechen.

Soll das heißen, daß uns nur die Dinge wichtig sind, die stets Gefahr laufen, zu zerbrechen?
Reden Sie keinen Unsinn, Journalist.

An den Wochenenden kehrte ich in meine Welt zurück, in das französische Herrenhaus, in mein Zimmer, zu Diego und Marianita. Wir freuten uns, uns wiederzusehen: Ich erzählte ihnen vom Internat und von den Priestern und kaum etwas von meinen Mitschülern, und Diego zeigte mir seine Zeichenhefte und fragte mich, ob mir beigebracht werde, Französisch zu sprechen, und manchmal sagte er auch ein paar französische Wörter zu mir, und ich tat so, als verstünde ich alles; aber Marianita lachte, und da merkte ich, daß ich falsch geraten hatte. Doch ich freute mich, denn es war wie früher, und sie nannten mich Bollino, wie meine Mutter, und ich aß mit ihnen zusammen, und es war wie früher. Es freute mich, daß es wie früher war.

Der Junge heißt Juan Maria, und fast alle nennen ihn Juan Maria, und so langsam hört er auf, ein Kind zu sein. Man kann darüber streiten: Wer kann schon sagen, bis hierhin ein Kind, von da an jenes andere. Grenzen, die keine Ländergrenzen sind, pflegen lange Strecken zu sein. Es ist nicht leicht, eine Grenze zu überschreiten, und noch schwerer, noch sehr viel schwerer ist es, zu wissen, ob sie bereits überschritten ist oder noch nicht. Ein Weg ohne Grenzsteine: Für einen Jungen sind es die Schatten eines Bartes, plötzliche Ausrutscher der Stimme und Pickel, die ihm anzeigen, daß er nicht mehr das ist, was er war - und daß er es nie mehr sein wird, auch wenn er es versucht. Der Junge verbringt Jahre damit, etwas zu lernen, was er noch viele Male wird lernen müssen: daß das, was er gelernt hat - Kind zu sein, wie ein Kind zu leben - ihm fortan nichts mehr nützen wird; denn wenn er meint, er hat es endlich gelernt, bedeutet das, er hat aufgehört, es zu sein. Lernen etwas zu sein, dient dazu, es nicht mehr zu sein. Und fortan wird er lernen, etwas anderes zu sein, etwas anderes jedes Mal. Eine Methode, immer dasselbe zu sein.

Señor Manuel de Baltierrez steht mit vor der makellosen Hemdbrust verschränkten Armen da, seine kleine blonde Frau rechts neben ihm, sein linker Fuß klopft rhythmisch auf den Boden. Der Señor spricht mit leiser, beherrschter Stimme, was ihn nur noch furchterregender erscheinen läßt:
"Du hast uns enttäuscht. Du hast unsere Gutmütigkeit ausgenutzt, du hast uns hintergangen. Mehr bleibt mir dazu nicht zu sagen. Morgen bei Tagesanbruch verschwindet ihr von hier, du und dein armer Sohn. Und ich will euch hier nie mehr sehen. Nie mehr, verstehst du?"
Sechs Schritte vor ihm versinkt die dicke Frau in ihrer Dienstmädchenuniform. Sie hat die Lippen zusammengepreßt und die Stirn gerunzelt vor Anstrengung, um nicht in Tränen auszubrechen, und sucht nach Worten, die - sie weiß es - ihr nichts nützen werden.
"Señor, ich war es nicht. Ich schwöre Ihnen, daß ich es nicht war, Don Manuel, ich war es nicht. Wie könnte ich so etwas tun … ?"
"Halte mich nicht für dumm, Anunciata. Du machst das schon jahrelang so. Jetzt ist Schluß."
"Aber Señor, bei Gott …"
"Laß Gott aus dem Spiel. Das Kollier befand sich in deinem Zimmer. Oder willst du jetzt behaupten, es habe sich nicht dort befunden?"
Der Windhund, der zu Don Manuels Füßen gedöst hat, steht auf und trottet ein paar Schritte zum Kamin, in dem Brennholz prasselt. Anunciata starrt in das Feuer, findet aber auch dort nichts, was ihr weiterhelfen könnte.
"Nein, ich weiß ja, daß es in meinem Zimmer lag. Aber ich versichere Ihnen, ich war es nicht. Warum sollte ich so etwas tun? Wo könnte es mir besser gehen als hier? Wo finde ich eine Familie, die mich so gut behandelt wie Sie?"
Nun weint sie doch. Anunciata weint schluchzend. Don Manuel verzieht angewidert das Gesicht.
"Nirgendwo. Ich hoffe, nirgendwo. Aber wir reden hier nicht von Logik, Anunciata. Wir reden von Gesindel, von elendem Gesindel wie dir. Weiß der Himmel, was in deinem Kopf vorgeht. Es interessiert mich nicht. Ich habe gesagt, morgen in aller Frühe, das ist mein letztes Wort. Mir tut nur dein Junge leid."

     Und Sie glauben, sie war fähig, das Kollier zu stehlen?
     Nein, Journalist. Wie können Sie so etwas fragen?
     Aber es stimmt doch, daß das Kollier sich in ihrem Zimmer befand?
     Ja, natürlich befand es sich in unserem Zimmer.
     Ja, dann?
     Muß man Ihnen denn alles erklären?


4

"Marques, darf ich Sie etwas fragen?"
"Solange Sie mich nicht fragen, ob ich Sie liebe …"
Sagt Valfierno, und ihm wird sogleich bewußt, daß das überflüssig war. Valerie behandelt ihn herablassend, geht nicht darauf ein. Sie schlürft ihren Tee und zieht sich die Lippen mit einem zinnoberroten Fettstift nach. Valfierno denkt - für einen Moment, ohne es zu wollen, ohne Absicht - an Mercedes, die Tochter von Don Simon, und es überrascht ihn, daß er an sie denkt.
"Was ist das Ausgefallenste, das Sie je gefälscht haben?"
"Ich? Gefälscht?"
"Hören Sie, Marques, so dumm bin ich nun auch wieder nicht. Dumm zu erscheinen nützt mir, aber Sie sollten sich nicht täuschen lassen, Sie nicht. Also: Was ist das Ausgefallenste, das Sie je gefälscht haben? Außer Ihrem Titel, Ihrem Namen, Ihrer Geschichte und den unechten Perlen, die Sie mir letzten Monat geschenkt haben … Manchmal glaube ich, daß sogar Ihre Staatsangehörigkeit gefälscht ist. Ich könnte Ihnen nicht sagen, warum, aber ich habe so ein Gefühl, daß Sie nicht mal Argentinier sind."
"Das Wort ›fälschen‹ gehört nicht zu meinem Vokabular."
Antwortet ihr Valfierno, doch er weiß: dadurch, daß er sich nicht entrüstet zeigt, sagt er es ihr. Und es macht ihm nichts aus, es ihr zu sagen, auf diese Weise, stillschweigend.
"Und wie nennen Sie es dann?"
Valfierno verschlingt sie mit den Augen: den lasziv hingestreckten Operettenkörper auf dem Diwan aus falschem Samt. Die Samthaut, denkt er, auf dem falschen Samtdiwan - und er sagt sich, daß er nicht so geschmacklos sein kann.
"Bestimmt benennen Sie es überhaupt nicht. Es gibt Dinge, die besser im Verborgenen bleiben, nicht wahr, Marques?"
Seit Wochen schon fragt er sich, warum er sie immer wieder anruft, sie immer wieder besucht. Seit Wochen sagt er sich, daß Brüste nicht alles sind, daß sie nicht auf seinem Niveau sind; er sagt sich auch, daß sie nichts Wissenschaftliches, nicht zeitgemäß sind: zwei hängende Fettbeutel, die das Weibchen benutzt, um mit ihren Säften das Junge zu säugen. Brüste sind die archaischsten Reste der menschlichen Rasse, denkt er, lächelt, betrachtet sie. Und wieder einmal fragt er sich, warum diese Frau - die sicherlich sehr viel lukrativere Abenteuer haben könnte - seine Einladungen weiterhin annimmt, warum sie sie duldet. Das ist das richtige Wort, denkt er: duldet. Es muß wohl dieser Mangel sein, denkt er, das, was ihr fehlt, um wirklich schön zu sein. Er muß mehr an diesen Mangel denken, sagt er sich, an das, was sie zu einer Art Lüge macht.
"Erzählen Sie keinen Unsinn, Valerie."
Es sei denn, sie braucht ihn, denkt er, sie braucht ihn für etwas, das er letztlich nicht durchschaut, und das beunruhigt ihn. Er erinnert sich daran, daß er in einem schwachen Moment sogar einmal versucht war, zu glauben, sein Charme bezaubere sie; doch irgend etwas sagte ihm damals, daß nicht das es war - oder daß das zumindest nicht alles war. Irgend etwas: sein gesunder Menschenverstand, das Wrack im Spiegel.
"Marques, darf ich Sie noch etwas fragen?"
Valerie erhebt sich von dem Samtdiwan, geht zu ihm, klopft ihm den nicht vorhandenen Staub von den Schultern, läßt zu, daß der Morgenmantel aus schwarzer Seide mit den roten chinesischen Zeichen sich öffnet. Valfierno trägt einen Anzug aus grobem Leinen, braun-weiße Schuhe, ein makellos weißes Hemd, eine maulbeerfarbene Krawattenschleife. Die Schuhe mit erhöhtem Absatz, um ihn größer erscheinen zu lassen. Er hört auf, sich zu kämmen: das schwarze, graumelierte Haar, kurzgeschnitten, der schmale Schnäuzer, die grünen Augen wie Schlitze, die gerade, so perfekte Nase, der unscheinbare Mund, die hohe Stirn. Er hat das richtige Gesicht für sein Gewerbe, denkt er: angenehm, wohlgeformt, nichts, an das man sich erinnern könnte.
"Wollen Sie nicht mit mir zusammenarbeiten, Marques?"
"Das hat mir noch gefehlt."
"Sie werden mich noch darum bitten."
"Gewiß, meine Liebe. Aber jetzt muß ich zu einem Diner, und wenn Sie sich nicht ankleiden, werde ich ein wenig zu spät kommen."
"Seien Sie nicht dumm, Marques. Es ist nicht das, woran Sie denken."
"Und woran, bitte, denke ich?"
"Das möchte ich mir lieber nicht vorstellen. Natürlich ist es nur so eine Idee. Ich möchte Ihnen lediglich soviel sagen: Eine Freundin von mir kennt einen Mann, der bis vor kurzem im Louvre gearbeitet hat. Ein Idiot, aber ohne Skrupel, was bei Dummköpfen wie ihm nicht häufig vorkommt. Sie kennen ja das Sprichwort: Je dümmer, um so moralischer. Der Kerl geht in dem Museum ein und aus wie Sie im Hippodrom von Auteuil."
"Und was habe ich damit zu tun?"
"Das weiß ich nicht, Valfierno. Denken Sie darüber nach. Sie gehören zu denen, die über etwas nachdenken können. Nicht immer etwas machen, aber über etwas nachdenken, das können Sie. Wenn wir uns Mühe geben, mein Liebling, etwas mehr Mühe als gestern nacht, dann gelingt es uns vielleicht sogar, daß Sie etwas zustande bringen."
Daß er sie haßt, ist noch milde ausgedrückt.

Mit freundlicher Genehmigung des Eichborn Verlages

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