Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Daniel Odija: Das Sägewerk. Teil 3

24.07.2006.
Und so kam es, daß Marcin Panek durch das Land zu fahren begann. Mysliwski war mit dem neuen Mitarbeiter zufrieden. Panek brachte von Zeit zu Zeit kleine Bestellungen, und obwohl die in Summe nicht einmal die Ausgaben des Sägewerks deckten, von einer Rückzahlung der Kredite gar nicht zu reden, setzte Mysliwski weiterhin Vertrauen in Paneks Organisationstalent. Um so mehr, als ihm dieser große Bestellungen versprach, die in ungefähr einem halben Jahr einlangen würden. Ein halbes Jahr war zwar eine lange Zeit für Mysliwski, doch er wußte von Panek, daß der im ganzen Land politische Verbindungen besaß, und Verbindungen sind das Wichtigste für Geschäfte. Panek hatte diese Verbindungen, und das garantierte den Erfolg, das heißt große Bestellungen. Und große Bestellungen bedeuten das große Geld.
     Sein ihm angeborener Optimismus sagte Mysliwski, daß ihm in dieser Gegend einmal jeder Busch gehören würde. Wenn er wollte, würde er dann für jedes Scheißen hinter einen Busch eine so hohe Strafe einheben, daß es sich jeder Delinquent, der es eilig hatte, zweimal überlegen würde, bevor er die Hosen herunterließ. Das war schließlich das gute Recht des Grundbesitzers. Die Banken, bei denen Mysliwski verschuldet war, hatten wiederum ihre eigenen Ansichten.


Wenn man einen Baum in der Mitte durchschneidet, erscheint das Innere in Wirbeln erstarrt. Es fehlen darin die Bewegungen der runden Wellen, die ein ins Wasser geworfener Stein erzeugt. Die Innereien eines Baumes sind leblos, doch jeder Ring steht für einen Zeitraum zwischen dem Aussamen und dem Fällen. In dieser Unbewegtheit der verholzten Ringe ist die Geschichte des Windes und des Wassers, der Luft und des Lichts und von allem, was sich bewegt, aufgezeichnet.
     Für den Menschen, dessen Inneres von Blut und Fleisch pulsiert, sind die Eingeweide eines Baumes tot. Wahrscheinlich sind deshalb alle Versuche, aus ihnen abzulesen, was in all den Jahren mit dem Baum, um den Baum herum und im Baum geschehen ist, stets erfolglos geblieben. Da eine gemeinsame Sprache und Vorstellung fehlen, müssen sich diese Versuche auf Vermutungen stützen, in denen sich kein einziger Gedanke findet, der imstande wäre, die Welt der Pflanzen mit jener der Tiere zusammenzuführen.
     Wenn man einen Baum in der Mitte durchschneidet, klingt er nur kurz. Erst wenn die Säge der Länge nach schneidet, kreischt er hoch und mißtönend. Diese Stimme ist jedoch zu verschieden von der Stimme des animalischen Kehlkopfes, als daß sie uns beschäftigen würde. Sie ruft höchstens ein Schaudern hervor, weil sie so unmenschlich klingt. Ein Ton wie die Zeit, die mit uns umgeht, wie es ihr gefällt, ohne sich etwas daraus zu machen. So wie wir uns nichts aus einem durchgeschnittenen Baum machen. Höchstens ein Möbelstück oder Wärme, die wir immer nur für einen Augenblick spüren.


Felder und nicht nur

Hier beugt sich von zwei Seiten der Wald vor. Die Bäume sind so nah, daß sie die Fenster beschatten. Die übrigen Seiten der Welt öffnen sich auf Felder. Im Sommer sind die Felder flach wie die Tafel eines Sees, im Winter sind sie flach wie Eisbahnen. Der Blick gleitet darüber hinweg und zerschellt an seinen eigenen Begrenzungen, die ihn nicht weiter, über den Horizont hinaus, schauen lassen. Von dort her weht immer Wind. Er jagt über die freie Fläche und schlägt einem mit voller Wucht ins Gesicht. Er preßt einem die Tränen hervor - das ist unangenehm.
     Die gepflügten Felder sind leer. Auf solchen Feldern ist die Erde leichter. Sie wird von keinen Wurzeln gehalten. Aus solcher Erde dreht der Wind flüchtige Wirbel. Die existieren nur einen Windhauch lang. Der Moment, den er braucht, um Atem zu schöpfen, zerstört sie, und der Staub fällt in kraftlosen Wellen zu Boden.
     Auf vielen Feldern wird Getreide, ein wenig Roggen, Hirse oder Raps angebaut. Dann wird einem ganz gelb vor den Augen. Der Geruch des Rapses ist so stark, daß er zu einem betäubenden Gestank wird. Einmal ging ein Mädchen in ein Feld hinein. Sie wurde rasch von Schlaf übermannt, aus dem sie nicht mehr erwachte. Nach ein paar Tagen wurde sie gefunden - und das ganze Unglück nur wegen des betäubenden Rapsgeruches.
     Es gibt auch Erdbeerfelder. An heißen Sommertagen lockt der Duft der Früchte von allen Seiten Frauen an, die bei der Ernte ein paar Groschen fürs nötigste Essen verdienen wollen. Die Frauen hocken, zur Erde gebeugt, und ihre hochgestreckten Hintern haben nichts Aufreizendes an sich. Sie sind müde. Die Sonne verbrennt ihnen die Köpfe, und der Schweiß lockt Insekten an, die sich an die Haut kleben und in die Körper beißen. In diesen vierzehn, fünfzehn Stunden, von fünf Uhr morgens bis zum Abend, sehen die Frauen nur den Boden und grüne Büsche. Von denen pflücken sie sorgsam die Erdbeeren. Man darf sie nicht zerdrücken. Der Geruch der Erde wird unerträglich, vor allem weil die Sonne unablässig herunterbrennt und der Staub die Kehle ausdörrt. Man möchte etwas ausspucken, was es gar nicht gibt. Man hat keinen Speichel. Man mag nicht essen.
     Die Frauen schwatzen nicht. Sie wollen ihre Kraft nicht für Worte vergeuden. Schweigend füllen sie ihre Körbe. Ihre Hände sind mit roten Flecken bedeckt, die auch nach Stunden nicht vergehen. In der Nacht stöhnen sie leise. Da machen sich die Knochen bemerkbar. Sie schmerzen, als erwachte Leben in ihnen. Als wollten sie sich vor Schmerzen zu einem Ausflug aufmachen und den kraftlosen Sack voller Sehnen und Muskeln auf dem Bett zurücklassen. Doch die Müdigkeit ist so groß, daß die Frauen trotz Schmerzen in einen kurzen Schlummer sinken. Von Zeit zu Zeit fahren sie schweißgebadet hoch. Auch im Traum schuften sie auf den Feldern.
     Der Tagesanbruch beendet die Träume. Wieder geht alles von vorn los. Man muß nur etwas anderes tun, unter etwas anderen Bedingungen. Es beginnt zu regnen, oder die Hitze nimmt zu. Vielleicht kühlt es ab, doch am Ende kommt es dazu, daß die Blätter dürr werden und daß es zu schneien beginnt. Statt Erdbeeren kann man Steine klauben oder Waldbeeren sammeln. Auf jeden Fall beendet der Einbruch der Nacht den Tag.
     Doch nachts rufen die Felder Ängste wach, die einen nicht atmen lassen. Denn vor uns und hinter uns ist es leer, und über dem Kopf befindet sich ein Raum, den unsere Vorstellung fürchtet, und die Füße stehen auf der Erde, die es seit jeher nach uns gelüstet.

Mit freundlicher Genehmigung des Paul Zsolnay Verlages, Wien

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