Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Daniel Odija: Das Sägewerk. Teil 2

24.07.2006.
Der scharfe Gestank des Fuchskotes hüllte die ganze Umgebung ein. Nachts heulten die Füchse vor Sehnsucht nach Freiheit. Das Gitter der Käfige zerschnitt ihre Welt zu einem Mosaik aus Draht. Instinktiv versuchten sie, es durchzubeißen. Doch als das einem tatsächlich gelang, blieb er einige Zeit belämmert über dem Loch im Boden stehen. Das bemerkte Mysliwski. Er trat ein paarmal gegen das untere Gitter, und da wurde dem Fuchs offenbar klar, daß er die Chance zur Flucht vertan hatte. Der Fuchs fletschte die gelben Fangzähne, doch das war schon alles.
     Es waren keine wilden Füchse. Seit Generationen wegen ihrer Felle gezüchtet, hatten sie in den Käfigen ihre sprichwörtliche Schlauheit eingebüßt. Dafür bekamen sie ein silbriges Fell, schwarz geflämmt oder mit Polarweiß durchzogen. Doch obwohl sie aussahen, als seien sie durch die Gefangenschaft abgestumpft und würden nichts außer die Gefangenschaft kennen, verfolgten ihre flinken Augen die menschliche Hand, um ihre Knochen zu zerbeißen.
     Die Kleinen waren nicht so wachsam. Naiv suchten sie den Blick des Menschen und eine Bestätigung, daß das Leben gut war. Wenn Maria sie ansah, verspürte sie den Wunsch, eines an sich zu drücken und zart am pelzigen Nacken zu kraulen. Doch Jozef gestattete es nicht, einen der Füchse handzahm zu machen. Später würde es einem leid tun, so einen zu töten, und er arbeitete schließlich nicht zum Vergnügen mit ihnen, sondern wegen der Pelze.
     Krzysio, der noch nicht so richtig hineingewachsen war ins Leben, gewann einen der kleinen Füchse lieb. Das war der, den die anderen am meisten bissen. Man mußte ihn wegsperren und ihm Antibiotika ins Futter mischen. Krzysio öffnete heimlich den Käfig und nahm ihn auf den Arm. Das Füchslein riß sich nicht los und biß nicht, sondern kuschelte sich an seine Brust und leckte ihm die Hände wie ein Kätzchen.
     Als Krzysio eines Tages zum Käfig kam, war der kleine Fuchs nicht mehr da. Er begann mit dem Vater zu schreien, wo der Fuchs hingekommen sei, weil er genau wußte, was der Vater mit den Füchsen machte. Doch der Vater sagte, der Kleine sei gesund und wohlauf. Er wollte ihm aber nicht zeigen, welcher es war. Krzysio konnte ihn unter den anderen nicht herausfinden. Es waren Dutzende, und alle sahen gleich aus.
     Später, wenn sie groß waren, tötete der Vater sie mit Strom. Krzysio wußte nicht, welcher seiner war. Er wußte auch nicht, wann er zu weinen anfangen sollte, und darüber vergaß er, überhaupt zu weinen, dabei war er sehr traurig. Aber er behielt die Angelegenheit in Erinnerung. Er vergab es dem Vater nie, daß er ihm heimlich das Füchslein weggenommen hatte. Und er vergaß für die nächsten Jahre, wie man weint.


Nach ein paar Saisonen mußte Jozef Mysliwski die Zucht liquidieren. Das Geschäft rentierte sich nicht mehr, als künstliche Pelze in Mode kamen. Doch er hatte etwas Geld weggelegt, das er mit den Füchsen und dem Verkauf der Käfige verdient hatte. Anstelle der Farm setzte er Apfelbäume. Er kümmerte sich aber nicht darum, und sie waren bald verdorrt. Dann kaufte er von den Nachbarn Grund. Er mußte sich jedoch etwas einfallen lassen, um an den zu kommen.
     Er sagte sich, daß es ringsum Wälder in Hülle und Fülle gebe. Diese Wälder ließen ihn nachts nicht schlafen. So viele Stämme, und die Leute jammerten, sie hätten nicht genug zum Leben, und die Bäume brächten ihnen nichts ein, außer ein Geschwür am Arsch. Keiner tat etwas, die Bäume standen bloß nutzlos herum. Mysliwski dachte ungefähr ein Jahr lang nach, bis es Veränderungen im Land gab und man schon richtige Kredite aufnehmen konnte. Da sah Jozef Mysliwski seine Chance gekommen. Für das Geld der Kredite errichtete er ein Sägewerk. Er holte gebrauchte Maschinen aus Deutschland, und von diesem Moment an verbrachte er die ganze Zeit im Sägewerk.


Als das hohe Kreischen der Säge ertönte, das die Stille schmerzhaft in Scheiben zerschnitt, wußte man, daß aus Jozef Mysliwski ein reicher Mann werden würde. Er hatte ein paar Bekannte, nicht hier, sondern in der Stadt, die ihm halfen, Käufer für das Holz zu finden. Nun konnte Mysliwski Leute einstellen. Vielleicht war das der Grund, weshalb sich die Menschen an ihn gewöhnten: weil er einigen von ihnen Arbeit gab.
     In dieser Gegend hatte ein Sägewerk gefehlt, und es fanden sich rasch Kunden, die ihre Wälder loswerden wollten. Als erster kam Sekowiak vom See. Er hatte den Grund von den Eltern bekommen, und weil seine fünf Schwestern und drei Brüder nach Deutschland gegangen und dort geblieben waren, gehörte alles ihm. Der Boden war wenig wert. Nicht, weil er unfruchtbar war, sondern weil Sekowiak ihn bearbeitete. Der stank vor Faulheit. Er dachte nur darüber nach, wie er es anstellen konnte, etwas zu verdienen, ohne sich anzustrengen.
     Er fand einen Weg. Mysliwski hatte ein Sägewerk und er jede Menge Bäume. Innerhalb von zwei Jahren fällte er alles, was sich fällen ließ. Es blieben nur junge Bäume stehen, deren Stämme zu dünn waren, um verarbeitet zu werden. Auf diese Weise brachte er einiges Geld zusammen, das er gleich wieder vertrank, weil er eben gern trank. Da kam er auf die Idee, seinen Grund und Boden an Leute aus der Stadt zu verpachten, denen es am See gut gefiel. Interessenten fanden sich genug. Aus Sekowiaks Grund wurde Dreck, und er fühlte sich wohl im Dreck.
     Sekowiak fällte, und das Sägewerk schnitt. Sekowiak rühmte sich seiner guten Geschäfte, weil er nichts hineinstecken mußte. Die Bäume wuchsen schließlich von selber. Er war der Auffassung, daß seine Wälder endlich zu etwas gut waren. Seinem Beispiel folgend, begannen alle anderen ihre Bäume zu fällen. Einige Zeit lebten sie vom Geld für das Holz, und dann verkauften sie Mysliwski den Boden für ein paar Groschen. Einigen blieb nur das Haus mit ein wenig Grund drumherum, andere zogen in die Siedlungen von Kolchosen oder noch weiter in die Stadt, weil sie keine Lust hatten zu arbeiten, und selbst wenn sie gewollt hätten, wußten sie nicht wo. Höchstens bei Mysliwski, aber bei dem waren schon alle Stellen vergeben.
     So waren die Geschäfte, die man hier machte. Das Sägewerk gewann an Bedeutung. Mysliwski kaufte für neue Kredite viele neue Maschinen, und jetzt genügte ihm die Stadt nicht mehr. Er mußte ganz Polen mit seinem Holz überschwemmen. Aber dafür brauchte er jemanden, der imstande war, andere zu überzeugen, daß sie ausgerechnet Mysliwskis Holz kaufen sollten. Ein gebildeter Typ aus der Stadt, kein Bauer, der es nicht wagte, einen Schritt vor seinen Hof zu tun. Mysliwski gab in der Lokalzeitung ein Inserat für einen Handelsvertreter auf.
     Es kamen ein paar junge, denen die Gerissenheit ins Gesicht geschrieben stand. Einer gefiel Mysliwski, Marcin Panek. Er präsentierte sich recht passabel: fließend Englisch, Doktorat aus Ökonomie, vertraut mit den Bedingungen des polnischen Marktes. Mit Holz hatte er nicht viel Erfahrung, doch vorher hatte er große Lastwagen verkauft und war damit angeblich recht erfolgreich gewesen. Man wußte ja, die Rezession: Die Firma, in der er gearbeitet hatte, war pleite gegangen, und jetzt suchte er Arbeit, sogar unter seiner Qualifikation. Im übrigen war er elegant und tadellos. So intelligent und selbstsicher, daß er geradezu fesch wirkte. Brünett, stets glattrasiert, bis auf den dünnen Strich eines gleichmäßig gestutzten Schnurrbärtchens, konnte er den Frauen schon gefallen.
     Mysliwski jedenfalls gefiel er, natürlich nicht, weil er fesch war, sondern selbstsicher - ein wichtiges Atout für einen Handelsvertreter.
Mysliwski, der sonst den Menschen eher mißtraute, faßte sofort Vertrauen in Marcin Paneks Fähigkeiten. Er gab ihm ein Firmen-Handy und einen Wagen für die Reisen. Natürlich mußten die Raten für den Wagen bezahlt werden, aber Mysliwski war überzeugt, daß der Holzverkauf mit Paneks Hilfe zunehmen würde, so daß genug hereinkäme, um die Raten zu begleichen. Er brauchte neue Kunden so dringend wie einen Bissen Brot. Er hatte schon die Stadt und die ganze Umgebung mit seinem Holz überzogen und wußte nicht, wohin er das übrige verkaufen sollte.

Teil 3