Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Andre Gorz: Brief an D. Teil 1

09.08.2007.
Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag.

Ich muss Dir unbedingt diese einfachen Dinge noch einmal sagen, bevor ich auf die Fragen eingehe, die mich seit kurzem quälen. Warum nur bist Du in all dem, was ich geschrieben habe, so wenig präsent, während doch unsere Verbindung das Wichtigste in meinem Leben gewesen ist? Warum nur habe ich in Der Verräter ein falsches Bild von Dir gegeben, das Dich entstellt? Dieses Buch sollte zeigen, dass mein Engagement Dir gegenüber die entscheidende Wende gewesen ist, die es mir ermöglicht hat, leben zu wollen. Warum aber ist dort keine Rede von der wunderbaren Liebesgeschichte, die wir sieben Jahre zuvor zu leben begonnen hatten? Warum sagte ich nicht, was mich an Dir fasziniert hat? Warum habe ich Dich als ein beklagenswertes Geschöpf dargestellt, "das niemanden kannte, kein Wort französisch sprach, sich ohne mich zugrunde gerichtet hätte", während Du doch Deinen Freundeskreis hattest, einer Theatertruppe in Lausanne angehörtest und in England von einem Mann erwartet wurdest, der Dich heiraten wollte?

Ich habe die gründliche Erforschung, die ich mir vornahm, als ich Der Verräter schrieb, nicht wirklich geleistet. Es bleiben noch viele Dinge, die ich verstehen, klären muss. Ich muss die Geschichte unserer Liebe rekonstruieren, um sie in ihrem ganzen Sinn zu erfassen. Denn sie hat es uns ermöglicht, zu werden, was wir sind, durch einander und für einander. Ich schreibe Dir, um zu verstehen, was ich erlebt habe, was wir zusammen erlebt haben.

Unsere Geschichte begann auf wunderbare Weise, fast wie ein coup de foudre - Liebe auf den ersten Blick. Am Tag unserer Begegnung warst Du von drei Männern umringt, die Dir das Pokerspiel beibringen wollten. Du hattest üppiges rotbraunes Haar, die perlmuttschimmernde Haut und die hohe Stimme der Engländerinnen. Du warst frisch aus England gekommen, und jeder der drei Herren versuchte in rudimentärem Englisch, Deine Aufmerksamkeit zu erregen. Du warst souverän, unübersetzbar witty, schön wie ein Traum. Als unsere Blicke einander begegnet sind, habe ich gedacht: "Bei ihr habe ich nicht die geringste Chance." Später erfuhr ich, dass unser Gastgeber Dich vor mir gewarnt hatte: "He is an Austrian Jew. Totally devoid of interest."

Einen Monat später bin ich Dir auf der Straße begegnet und war wieder fasziniert von Deinem tänzerischen Gang. Dann habe ich Dich eines Abends durch Zufall von ferne gesehen, als Du von Deiner Arbeit kamst und die Straße hinuntergingst. Ich bin gerannt, um Dich einzuholen. Du gingst schnell. Es hatte geschneit. Der Nieselregen kräuselte Dein Haar. Ohne allzu sehr daran zu glauben, habe ich Dir vorgeschlagen, tanzen zu gehen. Du hast einfach ja gesagt, why not. Es war der 23. Oktober 1947.

Mein Englisch war ungeschickt, aber passabel. Es hatte sich dank zweier amerikanischer Romane angereichert, die ich gerade für den Verlag Marguerat übersetzt hatte. Im Laufe dieses ersten Beisammenseins habe ich verstanden, dass Du viel gelesen hattest, während und nach dem Krieg: Virginia Woolf, George Eliot, Tolstoi, Plato ?

Wir haben über die britische Politik gesprochen, über die verschiedenen Strömungen innerhalb der Labour Party. Auf Anhieb hast Du das Wesentliche vom Beiläufigen unterschieden. Angesichts eines komplexen Problems schien Dir die zu treffende Entscheidung stets auf der Hand zu liegen. Du hattest ein unerschütterliches Vertrauen in die Richtigkeit Deiner Urteile. Woher nahmst Du diese Sicherheit? Dabei hattest doch auch Du entzweite Eltern gehabt; hattest sie, nacheinander, früh verlassen, hattest in den letzten Kriegsjahren allein gelebt mit Deinem Kater Tabby, mit dem Du Deine Lebensmittelrationen teiltest. Schließlich bist Du aus Deinem Land geflüchtet, um andere Welten zu erkunden. Was konnte Dich an einem mittellosen Austrian Jew interessieren?

Ich verstand es nicht. Ich wusste nicht, welche unsichtbaren Fäden sich zwischen uns entspannen. Du sprachst nicht gern über Deine Vergangenheit. Nach und nach sollte ich verstehen, welch grundlegende Erfahrung uns sogleich einander nahe brachte.

Wir haben uns wiedergesehen. Wir sind wieder tanzen gegangen. Zusammen haben wir Den Teufel im Leib mit Gerard Philipe gesehen. Darin gibt es eine Szene, in der die Heldin den Weinkellner bittet, die bereits angebrochene Flasche auszutauschen, weil sie, wie sie behauptet, nach Korken rieche. Wir haben diese Szene in einem Tanzlokal nachgespielt, und nach Überprüfung hat der Kellner unsere Diagnose angefochten. Als wir darauf bestanden, hat er sich gefügt, uns jedoch gewarnt: "Betreten Sie dieses Lokal nie wieder!" Ich habe Deine Kaltblütigkeit und Deine Unverfrorenheit bewundert. Ich sagte mir: "Wir sind für einander geschaffen."

Am Ende unseres dritten oder vierten Treffens habe ich Dich endlich geküsst.

Teil 2

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