Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Andre Bernold: Becketts Freundschaft. Teil 2

27.02.2006.
Ich begegnete Beckett auf der Straße, am Eingang meines damaligen Domizils. Zwischen uns hatte es einige Jahre zuvor einen Briefwechsel gegeben. Ich hatte ihm als ganz junger Mann aus der Provinz geschrieben. Er hatte geantwortet - ich glaube, dass er fast immer antwortete. Sein erster Brief besteht aus einem einzigen Wort, meiner hatte um nichts weiter gebeten. Er hatte mich beim Wort genommen. Das seine lautete: "Ja".
Ich begann mein Studium in Straßburg, bewarb mich mit Erfolg an die Ecole Normale Superieure in Paris, zog dort ein und machte mich sofort auf die Suche, indem ich mich im 14. Arrondissement herumtrieb. Nichts geschah. An einem Samstag im November, als ich zur Ecole in die Rue d'Ulm heimkam, stand er vor dem Gittertor des Hauses Nr. 45. Er sah zum Fenster im zweiten Stock links, über dem gewölbten Eingang. Später sagte er mir, dass er nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder hier vorbeigekommen war. Ich machte kehrt und entfernte mich, kam zurück, er ging gerade, ich folgte ihm ein wenig, wollte ihn aber nicht beschatten und überholte ihn deswegen, hörte ihn nicht mehr, ging langsamer, ohne mich umzudrehen. Die Zufälligkeiten des Verkehrs stellten uns nebeneinander vor einen Fußgängerübergang. Ich bat ihn, mir seinen Namen zu bestätigen, und stellte mich vor. Sein irischer Akzent fiel mir auf. Wir durchschritten zusammen eine Straße. Beckett ging am Rand des Bürgersteigs, sehr langsam, und ich, in der Gosse, passte mich seinem Tempo an. Mir war das Komische an dieser Situation sehr bewusst, aber auch Becketts Verlegenheit. Daher verabschiedete ich mich ziemlich schnell. Da überstrahlte ein Lächeln sein ganzes Gesicht, er streckte mir die Hand hin und sagte folgendes: "Wenn Sie irgendetwas brauchen, lassen Sie es mich wissen." Dann ging er davon. Ich schaute ihm nach. Ich glaubte nicht, dass ich ihn je wiedersehen würde. Und doch waren "es wissen lassen" und "irgendetwas" bereits vertraute Redeweisen, die wiederkehren sollten.
Dieses zweite Treffen gefiel mir ebenso wie das erste ("Ja"), und zwar nicht, weil es mir selbst widerfahren war, sondern weil es fast im Leeren stattgefunden hatte, weil es leer geblieben war, obwohl es zugleich ein wahrer Glücksfall war. Beides war mir gleichermaßen bewusst, und beides gefiel mir. Ich wollte nichts weiter. Leer, aber nicht vergeblich. Denn unsere Bahnen, anstatt sich auf immer zu trennen, kreuzten sich nach einer kurzen Strekke wieder, an einem singulären Punkt, und dann wiederholte sich die Überschneidung. (Dem vergeblichen Zusammentreffen, seiner unausweichlichen Wiederholung, diesem Grauen, das er in seinem Werk beschwört, sind wir entkommen.)
Was geschah dann? Die Geschehnisse kamen in Gang. In unserer Fernpartie spielte jeder zwei artige Züge. Man konnte nicht ahnen, wie sich der Stil der Partie ändern würde. Drei Monate später (die Zeit setzt aus) schickte ich Beckett vier Zeilen von Malherbe (vom Besten). Was geschah dann? Ich weiß es nicht. Am Tag darauf nannte eine Karte Tag, Stunde und Ort eines Treffens. Das war also das erste Treffen, es dauerte genau eine Stunde, in fast vollständigem Schweigen. Ich erinnere mich an kein Wort. Wir saßen uns gegenüber und blieben königlich stumm. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir uns ein wenig nach vorne geneigt hielten, um das weite Atmen dieser Stille abzuhorchen.
Man hat viel über Becketts Schweigen gesprochen. Für mich war es ganz und gar natürlich. Es kam von einem Mann, der dem in seinen Büchern Gesagten nicht viel hinzuzufügen hatte. Dass ich solche Gewohnheiten achtete, verstand sich von selbst. Im übrigen hatte ich fast dieselben: Ich hatte nichts Sagbarem irgendetwas hinzuzufügen. Und überhaupt: Ich hatte keine Fragen, die ich stellen wollte.
Schon begannen wir, den Mechanismus einzustellen, der dieses Minimum zu voller Wirksamkeit bringen könnte. Wir brauchten ein System aus einer kleinen Zahl unbestimmter Zeichen. Dass wir so leicht schweigen konnten, war eine gute Ausgangsbasis. Dies einmal gesetzt, mussten wir die verfügbare Menge an Wörtern aufteilen. Sam nahm es in seiner üblichen Großzügigkeit auf sich, zunächst mehr zu sprechen als ich; beim nächsten Treffen war ich angenehm überrascht, als er Erzählungen begann, die er im Lauf der Jahre je nach Laune fortführte und vervollständigte. Aber es musste bald eine Art Gleichgewicht zustande kommen, und dies setzte das folgende Problem als gelöst voraus: Was sollte ich ihm sagen?
Aber das war kaum ein ernsthaftes Problem. In der Humanität bot sich eine Ressource.(3) Nun ging es natürlich nicht darum, Konversation zu treiben. Über Fragen der Praxis oder über technische Aporien haben wir nur selten und kurz gesprochen. Was dann? Einander Gesellschaft leisten? Das war schon nicht schlecht, aber er bedurfte der Gesellschaft weniger als ich, und in Dingen der Freundschaft sollte alles ausgewogen sein.
So gab es also doch Konversation, aber auf eine besondere Art. Wir verbrachten unsere Zeit damit, uns zuzuwinken, uns Zeichen zu geben, von weitem wie von nahem. Was verstanden wir darunter? Ein "Zeichen", das war ein Teil der aktuellen oder virtuellen Situation, in der wir uns gemeinsam befanden, dergestalt dass, wurde es von einem von uns gesendet, es bereits einen Teil dessen vorwegnahm, was der andere antworten würde. Ein Zeichen war für uns nur dann als "Zeichen" brauchbar, wenn die Art, in der es sich "vom Hintergrund abhob" (vom Hintergrund, den unsere Beziehung bildete), einen Hinweis darauf gab, wie man es an anderer Stelle in diesen Hintergrund wieder einfügen könnte. Man erkennt hier eine Form des Spiels und vielleicht das Prinzip jeder Höflichkeit. Eine reziproke Form, da ja jedem Spielzug sozusagen der folgende vorausgeht, antizipiert wird in einem Merkmal des Zugs, der danach gespielt wird. Dies kam dem Musizieren nahe. Und es hatte auch viel Ähnlichkeit mit manchen Passagen aus seinem Theater.
Ein solches Vorgehen lässt sich, von seiner Natur her, kaum in Beispielen beschreiben, da es untrennbar mit dem Ganzen verbunden ist, für das es steht. So schritten wir also voran, jeder entzifferte seine eigene Partitur und überflog die des Partners. Wir setzten ein Mosaik zusammen, ein einfarbiges Mosaik, ein leichtes Puzzle, das natürlich grau war, ohne Bild, wo aber jedes gesetzte Teil gleichzeitig zwei Lücken besetzte.
Gelegentlich jedoch blieb eine Lücke leer. Der Grundriss entschwand, faltete sich senkrecht zusammen, bedrückendes Erlöschen, das aus einem einfachen Funken zwischen den einen Augenblick voneinander abgewandten Polen sprang, dann negativer Bogen, der von einem zum anderen sich spannte. Da war nichts mehr zu machen. Wir blieben noch eine lange Weile da, und wir trennten uns fröhlich, denn unsere Langeweile hatte keinerlei Wichtigkeit, nicht einmal für ihn, nicht einmal für mich; und auf der Straße schon empfing uns das Vergessen.
Er interessierte sich kaum für sich selbst: daher seine Eleganz. Ich sehe noch die merkwürdige Eleganz seines Ganges, der ruckartig war, entschlossen, gleichsam gegen ein Hindernis anging. Sie hatte etwas Unbeugsames und schien doch bei jedem Schritt umkehren zu wollen

de pied ferme
tout en n attendant plus
il se passe devant
allant sans but

Festen Fusses,
ohne noch länger zu warten,
zieht er an sich vorüber und
geht ziellos einher
. (4)

Er ging langsam, seine Langsamkeit war aufmerksam und eigensinnig, in kleinen Schritten also, vermutlich damit beschäftigt, diese tatsächlich zu zählen; ganz gerade, aber die Augen zu Boden gerichtet, sehr leicht auf dem linken Fuß hinkend, von dem ich den Eindruck hatte, dass er ihn vorsichtig aufsetzte, ein wenig schief. Dies verursachte ein unmerkliches Achselzucken, in dem ich fast ein Bekenntnis sah. Wenn ich versuchte, mir über unsere Freundschaft Rechenschaft abzulegen, vermutete ich, dass wir in etwas, das - ins Unkörperliche übertragen - diesem Achselzucken entsprach, eine uns gemeinsame Eigenschaft erkannt hätten.
Ich möchte auch glauben, dass unter den gesendeten Zeichen einige entscheidende, unsichtbare mir entschlüpft waren und ihn ohne mein Wissen erreicht hatten. Daher war jener gemeinsame dunkle Hintergrund, das war mir von vornherein völlig deutlich, von uns beiden nicht ablösbar. Auf diesem Hintergrund liefen also, dies spürte ich ebenso gewiss wie flüchtig, einige Fäden, die sich von seiner eigenen Jugend gelöst hatten. Es waren lose Fäden, hin und wider wandernde Linien, die seine Existenz querten und auf kurzen Strecken an meine rührten. Beckett schien gelegentlich unseren Altersunterschied zu vergessen, und er rief mich zum Zeugen von Vorfällen auf, an die er sich erinnerte und von denen ich wissen sollte. Mich rührte das sehr. "Marcel Duchamp wohnte rue Halle, weißt du noch?" Er erinnerte an die Schachpartien gegen ihn: "Er gab mir einen Turm vor, und er gewann!"; und an die Schönheit von Duchamps Frau. Zu ihnen hatten sich Beckett und Suzanne nach der Gestapo-Durchsuchung zuerst geflüchtet(5). Beckett sollte seine letzten Tage ganz in der Nähe dieses Ortes verbringen.
Wir sprachen gern von Grenzgängen. Dem kamen Erzählungen von Kriegsereignissen entgegen, und auch von Reisen zwischen Frankreich, Irland, Deutschland, England. Dass ich viel Deutsch las, ließ Beckett nicht gleichgültig; er tat es auch, und es war oft Thema unserer Gespräche über Literatur. Wir kamen auf seine Reisen durch Deutschland Anfang der dreißiger Jahre zu sprechen, die noch intensiv in ihm lebten. Von Kassel aus hatte er im Trinity College gekündigt. Fliehen, erinnerte er, alles im Stich lassen (er sagte es auf Deutsch), das war in manchen Fällen seine Haltung gewesen.
In einer ebenso tiefen, ebenso beschützten Schicht lag die Erinnerung an Joyce, die ihm viel bedeutete. Er erzählte mir oft von ihm, von seiner Persönlichkeit, seiner Familie und seiner Umgebung; aber über ihre Beziehung sprach er immer nur in konventionellen Formeln. Diese Beziehung war nicht darstellbar. Joyce' Persönlichkeit gehörte der Öffentlichkeit, Beckett begnügte sich damit, das Porträt zu retuschieren. Eines Tages, ganz unerwartet, fragte er sich laut: "Ich frage mich, wann Joyce schrieb. Vermutlich nachts." Wenn Joyce anrief, hinterließ er seine Nummer, die der Concierge mit dem singenden Akzent des Midi wiederholte. Ich habe noch immer diese Stimme im Kopf, sagte mir Sam, die Stimme des Concierge mit dem Midi-Akzent, wenn er mich bat zurückzurufen (und er sang die Nummer). Ich höre diese Stimme von einer Stimme, bewahre dieses Zeichen vom Zeichen eines Zeichens.
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(3) "Lass uns menschlich sein": Dieser isolierten Anmerkung aus Wittgensteins Vermischten Bemerkungen (Frankfurt am Main, Suhrkamp 1977, S. 492) antwortet die Diagnose aus dem Namenlosen: "Ich allein bin Mensch und alles Übrige ist göttlich." [Werke 3, S. 409. Übertragung von Elmar Tophoven.] Beckett sagte mir, er habe in Dublin nie von Wittgenstein gehört: "Niemand kannte ihn. Ich werde mich erkundigen." (20. Mai 1984)

(4) Werke 5, S. 256. Übertragung von Elmar Tophoven.

Teil 3