Vorgeblättert

Leseprobe zu Victor Serge: Die große Ernüchterung. Teil 2

03.09.2012.
Seit langem wurde Romaschkin von einer Idee bedrückt. Er übte die Funktionen des stellvertretenden Chefs des Lohnbüros im Trust "Moskau-Konfektion" aus, aber er würde niemals in diesem Amt bestätigt werden, weil er der Partei nicht angehörte, noch seiner Tätigkeit enthoben, es sei denn durch Verhaftung oder Tod; denn als einziger unter den hundertsiebzehn Angestellten der Zentraldirektion, die von neun bis sechs die vierzig Diensträume oberhalb des Alkoholtrusts, oberhalb des Syndikats der Karelischen Pelzproduzenten, neben der Vertretung der Baumwollerzeugung von Usbekistan füllten, kannte er von Grund auf die siebzehn Kategorien der Gehälter und Besoldungen, zuzüglich der sieben Vergütungsarten für Stückarbeit, die Kombinationen von Grundgehalt und Produktionsprämien, die Kunst der Neueinteilungen und nominellen Aufbesserungen, die das gesamte Lohnbudget auf keinerlei Weise belasteten. Man sagte zu ihm: "Romaschkin, der Direktor läßt Sie bitten, die Anpassung des neuen Rundschreibens der Plankommission an das Rundschreiben des Zentralkomitees vom 6. Januar vorzubereiten, wobei Sie dem Beschluß der Konferenz der Textiltrusts Rechnung zu tragen haben; Sie wissen schon."
     Ja, er wußte. Sein Bürochef, ein früherer Arbeiter in einer Mützenfabrik, Parteimitglied seit letztem Frühjahr, wußte nichts: Er konnte nicht einmal rechnen; dafür hieß es, daß er mit dem Geheimdienst in Verbindung stehe - der Überwachung des technischen Personals und der Arbeiter. Dieser Funktionär sprach in autoritärem Ton:
     "Sie haben verstanden, Romaschkin? Für morgen, fünf Uhr. Ich bin bei der Direktionssitzung."
     Die Büros waren oberhalb der Passage St. Barnabas, im dritten Hof eines Backsteingebäudes, dessen Fenster breiter als hoch waren; kümmerliche Bäume, von dem Schutt eines abgebrochenen Hauses halb erstickt, ließen unter dem Fenster ein rührendes Blätterwerk sprießen. Romaschkin begann zu rechnen; und es stellte sich heraus, daß die vom Zentralkomitee veröffentlichte Erhöhung der Grundgehälter um 5 Prozent, kombiniert mit der Neueinteilung der Arbeiter der 11. Kategorie, rückversetzt in die 10., und anderer, die von der 10. in die 9. rückversetzt wurden, um die Lebensbedingungen der geringer Bezahlten zu verbessern, was nur billig war und der Weisung des Syndikatsrates entsprach, gemäß einer maximalen Auslegung zu einer Herabsetzung der gesamten Gehaltssumme um 0,5 Prozent führte. Nun verdienten die Arbeiter der beiden Fabriken zwischen 110 und 120 Rubel; die Erhöhung der Mieten wurde mit Ende des Monats anwendbar. Romaschkin ließ seine Schlußfolgerungen bekümmert auf der Maschine kopieren … Jeden Monat führte er diese Kalkulationen unter den verschiedensten Vorwänden von neuem durch, hielt seine Aufstellungen für die Buchhaltung auf dem laufenden und wartete, bis es ein Viertel vor fünf war, um sich langsam die Hände zu waschen; dazu summte er "tra-ta-tata" oder "mmmmmm hmm", wie eine schwermütige Biene summen würde. Er speiste in der Kantine der Fabrik, las den Leitartikel der Zeitung, die täglich mit der gleichen Stimme erklärte, man sei auf dem Vormarsch, in vollem Fortschritt, in höchstem Aufschwung, unvergleichlich, siegreich trotz allem, und das alles für die Größe der Republik, das Glück der arbeitenden Massen; das bezeugten die innerhalb eines Jahres eröffneten 210 Fabriken, der glänzende Erfolg der Anlage von Getreidevorräten usw.
     "Ich aber", sagte Romaschkin eines Tages zu sich, während er den letzten Löffel kalten Grieß schluckte, "ich presse aus der Not das letzte heraus."
     Die Zahlen bewiesen es. Er verlor seine Gelassenheit. Alles Böse kommt daher, daß man denkt, oder vielmehr daher, daß in dir ein Wesen ist, das denkt, ob du willst oder nicht, und dann plötzlich mitten in das Schweigen des Gehirns einen scharfen kleinen Satz fallen läßt, einen unerträglichen Satz, nach dem man nicht mehr leben kann wie vorher. Romaschkin war entsetzt über diese zwiefache Entdeckung; daß er dachte und daß die Zeitungen logen. Er verbrachte die Abende damit, bei sich zu Hause komplizierte Berechnungen zu überprüfen, Milliarden von Warenrubeln Milliarden von nominellen Rubeln gegenüberzustellen und Tonnen von Getreide den Massen menschlicher Wesen. Er durchsuchte die Wörterbücher der Bibliotheken bei den Bezeichnungen Besessenheit, Manie, Wahnsinn, Geisteszerrüttung, Paranoia, Schizophrenie und kam darauf, daß er weder ein Paranoiker noch ein Zyklothymiker, weder schizophren noch nervenkrank, sondern höchstens von einer geringfügigen manisch-hysterischen Depression befallen war. Das äußerte sich darin, daß die Zahlen ihn verfolgten, in einem Hang, allenthalben die Lüge zu entdecken, in einer beinahe fixen Idee, die er sich scheute auszusprechen, so heilig war sie, die alle Unruhe in seinem Geist beherrschte, alle Lügen vernichtete - eine Idee, die man unablässig vor Augen haben mußte, sonst wäre man nichts als eine armselige kleine Kanaille, ein Untermensch, bezahlt, um den anderen das Brot abzuknapsen, eine Mauerassel, in dem Backsteingebäude der Trusts verkrochen … Die Gerechtigkeit war im Evangelium, aber das Evangelium, das war der feudale und vorfeudale Aberglaube; ganz bestimmt war die Gerechtigkeit bei Marx, obwohl Romaschkin sie dort nicht zu finden wußte; sie war in der Revolution, sie wachte in dem Mausoleum Lenins, sie erleuchtete die einbalsamierte Stirn eines rosigen und fahlen Lenin, der unter dem Kristall lag, bewacht von reglosen Soldaten: In Wahrheit bewachten sie die ewige Gerechtigkeit.
     Ein Arzt der neuro-psychiatrischen Poliklinik, den Romaschkin in Chamowniki aufsuchte, sagte zu ihm: "Reflexe ausgezeichnet, nichts zu befürchten, Bürger. Wie steht's mit Ihrem Geschlechtsleben?" - "Wenig, nur gelegentlich", erwiderte Romaschkin errötend. - "Ich rate Ihnen, mindestens zweimal im Monat zu koitieren", sagte der Arzt trocken, "und was die Idee der Gerechtigkeit angeht, so machen Sie sich keine Sorgen. Das ist eine positive soziale Idee, die der Sublimierung des ursprünglichen Egoismus und der Verdrängung der individualistischen Instinkte entspringt. Sie ist berufen, in der Periode des Übergangs zum Sozialismus eine große Rolle zu spielen … Mascha, lassen Sie den Nächsten eintreten. Ihre Nummer, Bürger?" Schon trat der Nächste ein, die Nummer zwischen den zitternden Fingern. Ein Geschöpf, durch ein tierisches Lachen entstellt. Der Mann in weißer Jacke, der Arzt, verschwand hinter seinem Wandschirm. Wie mochte er wohl aussehen? Romaschkin erinnerte sich bereits nicht mehr daran. Er war mit seinem Besuch beim Arzt zufrieden und scherzte in Gedanken: "Der Kranke, das bist du, Bürger Doktor … Ursprüngliche Sublimierung, haha, du hast niemals etwas von der Gerechtigkeit begriffen, Bürger."
     Aus dieser Krise ging er stärker, erleuchteter hervor. Die Empfehlung sexueller Hygiene führte ihn einmal im Halbdunkel auf eine Bank des Boulevards Trubnoi, wo geschminkte, betrunkene junge Mädchen herumstreichen, die mit weicher Stimme eine Zigarette erbetteln … Romaschkin rauchte nicht. "Es tut mir leid, Fräuleinchen", sagte er in einem Ton, den er für lebemännisch hielt.
     Das Mädchen zog eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie langsam an, um merken zu lassen, daß ihr Profil hübsch, ihre Nägel gefärbt waren. Sie preßte sich an ihn.
     "Du langweilst dich?"
     Er nickte.
     "Komm auf die Bank gegenüber; dort ist man weiter von der Straßenlampe entfernt, und du sollst sehen, was ich alles kann. Drei Rubel, was?"
     Die Idee der Not und der Ungerechtigkeit bedrückte Romaschkin; welche Beziehung aber bestand zwischen diesen Ideen und diesem Mädchen? Und ihm und der sexuellen Hygiene? Er schwieg, denn er glaubte, eine bestimmte Beziehung zu erkennen, dünn wie jene Silberstrahlen, die in klaren Nächten die Sterne miteinander verknüpfen.
     "Fünf Rubel, und ich nehme dich mit zu mir", sagte das Mädchen. "Du zahlst im voraus, Liebling, so ist es die Regel."
     Er war zufrieden, daß es auch in Geschäften dieser Art eine Regel gab. Das Mädchen führte ihn zu einer jämmerlichen Baracke, die im Mondlicht von einem achtstöckigen Bürohaus erdrückt wurde. Sie klopfte leise an eine Fensterscheibe, und eine arme Frau, den Schal um die eingefallene Brust, kam ihnen entgegen.
     "Es ist gut drin", sagte sie, "es gibt ein wenig Feuer. Ihr braucht euch nicht zu beeilen, Katjuschenka, ich kann ganz gut hier draußen warten und eine Zigarette rauchen. Weckt nur die Kleine nicht auf; sie schläft am Ende des Betts."
     Um die Kleine nicht zu wecken, legten sie sich, beim Schein einer Kerze, auf den Boden. Sie hatten von dem Bett, in dem mit offenem Mund ein kleines bräunliches Mädchen schlief, ein Oberbett als Unterlage genommen.
     "Paß auf, daß du keinen Lärm machst, Liebling", sagte das Mädchen und öffnete seine Kleider über einer farblosen, kaum lauwarmen Haut. Um sie herum, vom schmutzigen Plafond bis zu den überfüllten Ecken, war alles widerwärtig. Die Ungerechtigkeit durchbohrte Romaschkin wie ein Frost, der bis auf die Knochen dringt. Ungerecht auch er, ein ungerechtes Vieh: Durch ihn hindurch spreizte sich die Ungerechtigkeit über einem leichenfarbenen, armseligen Mädchen. Die Ungerechtigkeit erfüllte die unendliche Stille, in die er sich mit wütendem Ekel stürzte. In diesem Augenblick entstand in ihm, schwächlich noch, fern, zaudernd, eine andere Idee. So zuckt aus einem vulkanischen Boden eine ganz kleine Flammenzunge auf, die dennoch verrät, daß die Erde zittern, sich spalten, unter dem teuflischen Auftrieb der Lava zerbrechen wird.
     Nachher gingen die beiden, das Mädchen und er, wieder nach dem Boulevard. Das Mädchen war zufrieden und schwatzte. "Ich muß heute noch einen finden … das ist kein Spaß. Gestern bin ich bis zum Morgengrauen da gewesen, um schließlich einen Besoffenen aufzugabeln, der nicht einmal ganze drei Rubel hatte; stell dir das mal vor. Cholera! Man ist zu hungrig. Die Männer denken gar nicht mehr daran, zu Mädchen zu gehen." Romaschkin stimmte höflich zu; er war damit beschäftigt, dem Flackern der kleinen Flamme in seinem Inneren zu folgen. "Ja, es ist wahr, die sexuellen Bedürfnisse werden von der Ernährung beeinflußt …"
     Das Mädchen faßte Vertrauen und sprach davon, was draußen auf dem Lande vorging.

zu Teil 3