Vorgeblättert

Leseprobe zu Valerie Fritsch: Winters Garten. Teil 3

04.03.2015.
In jeder Kindheit sind die Alten unaussprechlich alt, und jede Kindheit ist stets jemandes spätere Verzweiflung. Als Anton erstmals überlegte, den Garten zu verlassen und in die Stadt zu ziehen, waren die Großeltern längst auf ihrem letzten Weg. Sie träumten vom Tod wie von einer künftigen Tatsache und wollten sterben, wenn die letzten Blätter von den Bäumen fielen oder winters das Haus einschneite und der Schnee durch die Fenster stöbe. Der Tod wird irgendwann ein stiller Wunsch in den Winkeln des menschlichen Körpers. Oft in Antons Kindheit starben die Alten tatsächlich im Herbst, wenn das Land kahl und verletzlich wurde, so als wären sie Früchte, die schlussendlich geerntet und mitgenommen wurden. Während die Kinder wuchsen, schrumpften sie schon wieder und wurden klein, um durch die Ritzen zu passen, durch die man die Welt verlassen konnte. In den Jahren vor ihrem Tod saßen die Großeltern alt und ledrig wie Echsen auf der Holzbank im Garten. Ihre Beine standen mager in den Gummistiefeln, so dass sie den getrockneten Gräsern und Ästen, die aus den Vasen der Veranda ragten, ähnelten. Sie wurden mehr und mehr Teil dessen, was sie betrachteten. Ein Gehäuse, angefüllt mit Erfahrungen, an dem die Welt vorübertobte, um die finalen Spuren zu hinterlassen. Sie verwitterten mit den Jahreszeiten und blühten auf mit ihnen. Sie alterten schnell und unaufhörlich. Biologie und Zeit, Zufall und Zerfall verdichteten sich in ihren Leibern. Ihre Körper dienten den anderen als Chronometer, an denen sie ablesen konnten, wie sehr die Zeit vergeht und schon vergangen war. Sie schauten mit verkörnten Blicken ins Sonnenlicht, und die trockenen Lippen waren aufgesprungen wie Blattgold, das sich von Statuen löst. Irgendwann schien ihnen die Welt voller Geister, und sie begannen einander zu verwirren, wenn sie lichte Momente hatten und einander davon erzählten. Aus der Wahrnehmung wurde ein Wackelkontakt zur Wirklichkeit. Oft stritten die Großeltern, die sich schon ihr ganzes Leben kannten, erbittert darüber, wo sie waren oder wie etwas geschehen war, und schliefen nachts doch gemeinsam in dem großen Bett, in das man sie brachte. Es war, als irrten sie gemeinsam von der Erde davon, so wie sie ihr ganzes Leben zusammen auf ihr verbracht hatten. Wenn die Sonne unterging nach den Nachmittagen im Garten, dachten sie, es wäre die ganze Welt. Die Großmutter weinte manches Mal, wenn sie hörte, dass man sagte, sie würde zu einer anderen, und konnte sich nicht erinnern, wer sie vormals wohl gewesen war. Die Alten vergaßen immer mehr von dem, was jemals passiert war, und konnten nicht glauben, dass es nach jeder Nacht noch einmal einen neuen Tag geben sollte. Sie verwechselten die Zeiten mit Orten und die Gedanken mit Gefühlen und Tatsachen. Sie lebten losgelöst von der äußeren Welt und kollidierten doch mit ihr. Sie wurden chaotische Akkorde, die in der Harmonie des Gartens ertönten. Jenseits der großen Zuneigung kam eine unbeholfene Traurigkeit unter den Familienmitgliedern auf und jene peinliche Berührtheit, die entsteht, wenn die gut gemeinten Ratschläge und Erfahrungen der Alten nicht mehr hilfreich sind, weil sich die Zeiten so sehr verändert haben, dass sie es nicht einmal bemerkt haben, und nichts mehr ist, wie es war.
Anton beobachtete vor allem die Großmutter aufmerksam und prägte sich diese letzten Momente ein, immer darauf vorbereitet, sie als seine abschließende Erinnerung zu behalten, sollte es nötig sein. Und unermüdlich erzählte er ihr, dass er sie lieb habe, damit sie es nicht, wie so vieles andere, vergaß und um die Furcht vor ihrem Tod zu lindern, nicht für sie, aber für ihn selbst.
An Tagen, an denen niemand Zeit hatte für die beiden, saßen die alten Menschen still wie Lampen im Schlafzimmer und leuchteten im Abendlicht unter ihrer Pergamenthaut.

Es war eine heilige Kinderzeit in diesem Garten und in diesem großen, todesvernarrten Haus, in dem Anton Winter so sehr zu Hause war und nichts anderes lernte, als ein großer Mensch zu werden und am Ende so klein zu sein wie alle anderen und keine Angst davor zu haben. Die Kinder, so schien es, fürchteten sich vor nichts, und so gehörte ihnen alles : vor allem das Leben. Die Enge und Weite der Natur waren unergründliche und eindrückliche Erfahrungen gleichermaßen, die den glatten Charakter, mit dem man geboren wurde, aufrauten. Anton Winter dachte später oft wehmütig an die Orte seines Heranwachsens, den Garten, die Streuobstwiesen und die Kürbisäcker, die Urwälder, die man durchstreifte, die alten Bergwerke, zu denen man an der Hand des Großvaters hinabstieg, und das Goldgelb des sitzengebliebenen Gugelhupfs, der einen erwartete, wenn man im Sommer müde heimkehrte ins Haus. Diese Dunkelheit und die herzbeklemmenden Landschaften, in die man zog, um sich dann wieder in den Schutz des Hauses und der Familie zu flüchten, vergehen mit den Jahren nicht, wohl aber die Geborgenheit, wenn man groß wird, die sie einem erträglich macht.
Noch viele Jahre später stand Anton Winter, wenn es zu kalt wurde, um hinauszugehen, in seiner Wohnung im obersten Stock des Hochhauses in der Stadt und sortierte nostalgisch die Dinge, die ihm geblieben waren aus dieser Zeit. Die Erinnerungen an die Toten gingen durch ihn hindurch, wie die Gegenstände und Besitztümer durch seine Hände gingen. Die Liebe zu jenen Menschen seiner Vergangenheit blieb stets groß genug, dass sie ihn noch Jahrzehnte später er- und überfüllte. Wenn er an damals dachte, dachte er an das Kind, das er einst gewesen war, und an die Alten. Er stand ihnen um so vieles näher als den eigenen Eltern, die er in seinen Erinnerungen kaum fand. Sie waren verblasste Scherenschnitte, die im Hintergrund lehnten. Er erinnerte sich an die Sommer bei den Großeltern wie an ein Königreich, aus dem man vertrieben worden war. Er dachte an die Butterblumen und die Marillenknödel. Die handtellergroßen Hollerblüten eingelegt in Zucker. An diese Großmutter, die sie alle so liebten und die den Kindern, wenn sie Kleider und Strümpfe stopfte, lachend Knöpfe auf den Handrücken nähte, in die oberste Schicht der Haut, um die fassungslosen Buben und Mädchen zu erschrecken und ihnen zu zeigen, dass es gar nicht weh tat. Er hörte wieder die vertraute Stimme, die in der Küche Das Glück ist ein Vogerl - wann fliegt es zu mir sang. Er erinnerte sich an den Mond und seine alarmierende Schönheit im Dunkel, wenn sie aus dem Fenster zum Himmel zeigte, bevor sie die Läden schloss in der Stube. Er rief die Bilder der Wiesen zurück, und ihm schien, als sähe er, wie im Garten gleichermaßen die Köpfe der Löwenzähne und die Häupter der Großeltern erst weiß wurden und dann kahl im Wind der Jahre. Wie diese gesunden Menschen mit den Apfelbacken und den Zahnlücken schrumpften. Wie die ledrigen Bauernhände aufrissen und blaue Adern im Marmor der bleichen Haut der Alten wuchsen. Wie alles alt wurde. Wie vieles verschwand. Wie der Großvater starb und alle mit gebeugten Rücken standen am Grab. Wie die Großmutter in ein kleineres Zimmer zog und alleine Kuchen buk, an dem sie sich die Hände wärmte. Wie sie ihren Atem schwer mit sich zog wie einen Schatten. Wie sie dem Großvater bald folgte. Wie der Raps leuchtete im Frühjahr unter dem Nebel. Wie das Eis rauchte, wenn es regnete im Winter. Wie nur diese unaussprechlichen Landschaften blieben, der Mond und eine unbestimmte Abwesenheit, die nichts mehr barg, das man ungestraft lieben konnte. Als Kind liebt man so viel und trägt so wenig von der Verantwortung, die damit einhergeht. Als Kind liebt man alle Dinge, die einem nah sind, und später muss man viel allein sein, um zu lieben. Anton war nun lange erwachsen, ein hagerer Mann, der nicht schlief, weil die Vögel in der Stadt Tag und Nacht schrien und die Welt unterging. Und der erstmals wieder liebte.

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags

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