Vorgeblättert

Leseprobe zu Valerie Fritsch: Winters Garten. Teil 1

04.03.2015.
Die Apotheke der Großeltern hatte ihr mittlerer Sohn, Antons Onkel, übernommen, als ihnen der tägliche Weg in die Hafenstadt zu weit geworden war. Manches Mal machten die beiden noch Ausflüge dorthin, setzten sich Hüte auf mit Krempen flach und schneidend wie Rasiermesser, besuchten ihren Sohn in der Apotheke und standen verblüfft am fischigen Meer, als hätten sie im Garten und in den ihn umschließenden Landschaften vergessen, dass es dieses gab. Die Stadt schien ihnen nunmehr kalt und dunkel, zu wenig grün, voller Anker und Trompetenspieler, endloser Häuserreihen und Speichergebäude, das Meer bedrohlich. Seit sie alt waren, wuchs sie ihnen über den Kopf. Dass sie einst, wie so viele andere es heute taten, in ihr gearbeitet hatten, schienen die Großeltern vergessen zu haben. Längst war sie ihnen ein Abenteuer geworden, zu dem sie aufbrachen und von dem sie abends heimkamen mit vom Wind zerzaustem und vom Meersalz verklebtem Haar, dessen Geruch die Kinder bei jeder Umarmung sehnsüchtig einatmeten.
     Der Hafen, an dem sie immer noch gerne entlangspazierten, war der Stadt wie eine Spange oder steinerne Borte umgelegt. Draußen schaukelten die Masten der Boote wie Waagenzünglein. An den Wellenbrechern machten sie erschöpft halt, saßen mit baumelnden Beinen auf den Betonformen, unterhielten sich über ihren Sohn, mit dem sie im Hinterzimmer der Apotheke neben den großen Schränken rasch einen Kaffee im Stehen getrunken hatten, bevor er wieder zwischen den Salben und Döschen verschwunden war, und kamen sich klein vor. Die Alten schauten tief ins Wasser hinein und an den großen Containerschiffen in den Werften so hoch hinauf, dass sie ihre Hüte festhalten mussten. Sie beobachteten, wie papageienbunte Dirnen die Rastplätze der Matrosen belagerten und die Köche aus den Restaurants an der Uferpromenade ganze Brotlaibe über die Straße hinweg ins Wasser warfen, auf die sich die Möwen stürzten und dann unter dem Gewicht ihrer Beute durch die Luft taumelten. Sie hielten einander um die Hüften und steckten die Nase in den Wind. Sie aßen aus Zeitungspapier hauchdünn geschnittenen Fisch mit Salz und Zucker im Gehen. Sie liefen über die Mole und kauften Brausepulver für die Kinder zu Hause. In die Konditoreivitrinen der schönen breiten Straßen schauten sie im Vorüberschlendern wie in einen Fernseher, die grauen Industrieruinen passierten sie mit raschem Schritt. Dann kehrten sie fröhlich und erleichtert heim in ihren Garten. Dort saßen sie wieder mit den anderen unter den Bäumen, legten Herbarien an, züchteten mit Vergnügen weiße Sussexhühner und pflegten Hand in Hand das Lilienbeet und die Heilpflanzen des Kräutergartens, aus denen sie winters Naturheilmittel anfertigten.
     Wenn Anton abends auf dem Schoß der Großmutter saß, roch diese mineralisch, nach bitterem Kraut und kalter Butter. Das Haar wusch sie sich mit Essig und Eidotter, damit es glänzte. Die Großmutter grub tagsüber mit knotigen Fingern Knollen und Zwiebeln in die Erde und cremte sich nachts mit Zitronensaft und Rindertalg die geschwollenen Hände ein, über die sie weiße Wollhandschuhe zog, vor denen es den Großvater schauderte, streifte sie ihn im Bett. Der Großvater stand im warmen Wind und beschnitt die Sträucher und Weinreben am Haus, an denen die Kinder gerne turnten wie Affen. Dann hielt er eine dünne Zigarette in der einen und eine rostige Schere in der anderen Hand, die in der Dämmerung auf- und zuklappte, bis die Dunkelheit zu dicht wurde, um sie zu teilen. Zur Blütezeit war die Luft satt an eigenartigen Gerüchen und Tausenden Insekten, die wie ein leises Murmeln aufstiegen. Liederlich und tropisch blühte es. Kadettenblau, kaiserblau, blassorange, zwetschgengelb. Die Akeleien schwelten. Der Eisenhut brannte. In den Regentonnen schwammen die Frösche im lauen Wasser, und Anton starrte durch die transparenten, schillernden Flügel der ertrunkenen Fliegen hindurch bis auf den Grund, wenn er sich langweilte. Im Kräutergarten wucherten die Goldruten und Schafgarben, als wollten sie aus der Erde hinaus. Es gab Arnika und Engelsüß, grüne Pfefferminze und Johanniskraut, das die Kinder zwischen den Fingern zerrieben, um einander blutige Wunden zu malen beim Indianerspielen. In den Ecken blühten die fünfzähligen Apothekerrosen, und die Großmutter setzte mit ihren Blättern Essig und Tee an, der bei Mundentzündungen half, wenn man ihn gurgelte. Stets gab es Krankheiten und Wehwehchen, Unwohlsein und zahlreiche Verletzungen bei so vielen Kindern und Alten, die es zu kurieren galt. Den Mädchen wusch sie das Haar mit Birkenwasser, das sie aus den Bäumen drechselte, und um die Bienenstiche des Sommers zu lindern, rieb sie die Schwellungen mit körnigem Salz ein und legte die Klingen der Küchenmesser auf die Haut, um sie zu kühlen.
     Wenn es Herbst wurde, standen unversehens große Krüge in der Küche, voll mit düsterem Holunderbeerensaft, der die Bewohner vor Erkältungen und der Grippe schützen sollte und den man seufzend trank, um nicht den Unwillen der Großmutter auf sich zu ziehen. Dann streckten die Kinder einander die veilchenblauen Zungen heraus und wetteiferten für Wochen, wessen Urin das Keramikweiß der Toilettenschüsseln am schönsten rosa färbte.
     Die Kräuter des Sommers wurden in altmodischen Botanisiertrommeln gesammelt und dann zwischen den schweren Büchern des Studierzimmers gepresst, den Brüdern Karamasow, Und was bleibt ist der Mensch, alten Bildbänden und Tom Sawyer. Einmal im Jahr legten sie die getrockneten Pflanzen mit behutsamen Gesten ins neue Tiefkühlfach und ließen die Staubläuse und die Museumskäfer, die stumm in den Herbarien hausten, erfrieren.
     Wenn es in den letzten Wochen der heißen Jahreszeit heftig gewitterte und Regen und Hagel fielen wie Würfel, holte man diese Pflanzensammlungen neben den Medizinlexika hervor und las in ihnen wie in Bilderbüchern, die an schöne Zeiten erinnerten. Tagelang saß man fest im Haus, während draußen alles gleichzeitig passierte. Bei jedem schwarzen Unwetter probte man den Weltuntergang. Die Gewitter fuhren übers Land und drängten die Menschen zusammen unterm Dach der Veranda oder im großen Wohnraum neben dem Apothekenzimmer. Die Kinder saßen auf den alten roten Teppichen am Boden und fuhren mit Spielzeugautos die Muster entlang, als wären es Straßen. Das gewohnte Leben setzte aus und ein unentrinnbares Warten ein. Gab es Licht, wurde gelesen und Karten gespielt, fiel der Strom aus, saß man bei Kerzenschein um den langen Tisch herum und trank Obstschnaps und Limonade oder Rotwein mit einem Schuss Bitterlikör. Wie der Regen fiel, schwer und rauschend, dass er die Fenster verdunkelte. Wie die Fliegen bei diesem Regen durch die Zimmer surrten und feist und schwarz mit dünnen Beinchen über die Haut liefen, bevor man nach ihnen schlug und sie sich auf dem Nächsten niederließen. Wie man immer in die Ecken starrte. Über die Flure und den Garten flog das Wetter hinweg. Die Vögel taumelten im Sturm und saßen dunkel und nass in den Bäumen. Die Luster schaukelten unter dem Luftzug, der durch die Fensterritzen ins Haus drang und in den Ecken erstarb. Die Donnerschläge rollten heiser über die Felder, als wären sie große schwarze Räder, und die hochgewachsenen Blumen knickten unter dem heftigen Regen streichholzgleich, wie die Großmutter ewig besorgt durch die Scheiben beobachtete. Wurden ihr die Regenstunden lang, setzte sie sich in ihren Ohrensessel und ließ die Beine baumeln, drehte abwechselnd an den zwei Weltkugeln, die im Wohnzimmer standen, und trommelte mit den Fingern auf den kleinen Himmelsglobus, bis ihr die Fingerringe über die bleichen Nägel rutschten. Sie erteilte allerlei kleine Aufgaben während dieser Wartezeiten, zupfte an einem der Sacktücher, die stets in ihren Blusenärmeln steckten und die sie immer und immer wieder verlor, und schickte die Kinder des Hauses auf die Suche nach den bereits verlegten. Dann schwärmte die Kinderschar aus und zog die Stofftaschentücher aus den Ecken und Geheimverstecken. Es war ein Spiel dem österlichen Eiersuchen gleich. Sie dankte, steckte die Nase hinein, auch wenn es nicht notwendig war, und untersuchte es im Licht auf Flecken, während der Regen an den Scheiben herabwusch. Sie unterhielt die Kinder, hob mal das eine, mal das andere auf ihren Schoß, spielte Kasperltheater mit den Spielkartenkönigen, die vor allem Anton wild beschäftigten mit ihrem ernsten Blick, dem geraden Hals, ihrem stillen Kampf gegeneinander auf den flachen Papierkärtchen.
     Die anderen Bewohner verhielten sich ruhig. Im Leuchten der Blitze waren die Menschen wie aus Stein gehauen, mit grauen Gesichtern, die hinaus in jenes schwarze nasse Land starrten, das sich vor ihren Augen in ein schreckliches Paradies verwandelte. Anton Winter fürchtete sich nicht, aber erahnte die Willkür der Natur mit besorgtem Kindergesicht.
     Nach dem Regen erwachte das Haus zu neuem Leben, und die Bewohner zerstreuten sich in alle Richtungen, gingen auf ihre Zimmer oder wanderten durch den Garten und den Wald, um diesen auf Schäden zu prüfen. In den gusseisernen Gießkannen stand das Wasser, und die Erde dampfte wie heißer Tee. Draußen auf den nassen Kornfeldern lungerten die Saatkrähen und flogen auf, wenn in der Ferne ein Zug vorbeiratterte oder neuer Wind aufkam.

zu Teil 2