Vorgeblättert

Leseprobe zu Ulrike Ackermann (Hg.): Welche Freiheit. Teil 1

26.02.2007.
Oksana Sabuschko

Variationen auf ein Thema in zwei TV-Akten
Mit drei Intermezzos und einem Epilog (zwischen dem ersten und dem zweiten TV-Akt liegen 25 Jahre).



Von allen Erfindungen der Menschheit verachtete ich - nach den Mordinstrumenten - am meisten das Fernsehgerät, obwohl ich gerade ihm zwei sehr wichtige Motive verdanke, die ihre Zeit ironisch spiegeln und die eng mit dem Verständnis von Freiheit - oder genau genommen, mit deren Abwesenheit verknüpft sind.


Erstes Intermezzo, philosophisch
: die einzige Möglichkeit zu verstehen, was Freiheit bedeutet, ist das Ausmaß ihres Nichtvorhandenseins richtig zu bemessen. In verschiedenen Sozietäten erreicht dieses Maß unterschiedliche Amplituden, die allerdings nie ganz auf Null fallen. Einfacher gesagt, absolute Freiheit gibt es genauso wenig wie das absolute Licht. Und doch ? Ende des ersten Intermezzos


Erster TV-Akt. Ort
: UdSSR. Zeit: Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Wenn ich mich richtig erinnere, war ich damals noch ein Schulmädchen, erzogen im intellektuellen Geiste ironischer Ablehnung der schmuddeligen Realität des gerontokratischen Sozialismus?, dabei aber völlig ahnungslos, daß sich diese Realität zu einer konkreten persönlichen Bedrohung auswachsen kann. Ein Historiker könnte die Zeit dieses TV-Aktes sicher genauer bestimmen. Die Propagandamaschinerie spuckte ihre Losungen aus, jede Kremlsitzung verfolgte das Ziel, das Riesenland als Musterbeispiel für Friedfertigkeit darzustellen und zugleich zum Kampf "für etwas" (etwa für hohe Produktqualität, für die Beilegung internationaler Spannungen, für die Freilassung des Chilenen Luis Corvalan, für die Freundschaft mit dem amerikanischen Mädchen Samanta Smith usw.) bereitzustehen oder aber "gegen etwas", im Fall des ersten TV-Aktes, gegen die "Springer", also gegen jene Menschen, die häufig den Arbeitsort wechselten, was als "moralisch verwerflich " für die "Erbauer des Sozialismus" galt. Das TV-Nachrichtenjournal "Vremja", die allabendliche, gesamtsowjetische Politinstruktion in Fragen guter Lebensführung, des Kampfes "für" und "gegen" brachte wieder ein positives, zur Nachahmung für alle Werktätigen empfohlenes Beispiel: im Hintergrund ein Betriebsgelände der Schwerindustrie, ohrenbetäubender Lärm, ein Proletarier undefinierbaren Alters mit einem Dutzendgesicht, der auf einen Punkt starrt und ausdruckslos wiederkäut: - An dieser Montagestätte arbeite ich schon 19 Jahre ?
     Horror! (nicht einfach ein Schreck, sondern wahrer Horror). Einen solchen Horror erlebt man nur wenige Male im Leben - ich damals zum ersten Mal. Ich sah in einem einzigen Augenblick das ganze Leben dieses Fernsehproletariers vor mir: 19 Jahre lang (länger als ich auf der Welt war) steht dieser Mensch Tag für Tag um die gleiche Zeit in seiner typisierten Proletarierwohnung auf (Tisch, Bett, Kühlschrank, selbst das Rundfunkgerät befindet sich an den lange vorher vom Projektplan bestimmten Plätzen), er ißt seine Industriewürstchen, verläßt das Haus, setzt sich immer in den gleichen Bus, fährt immer mit der gleichen Linie, steigt immer an der gleichen Haltestelle aus, geht immer durch das gleiche Werkstor und steht immer am gleichen Montageplatz, bis der Arbeitstag endet, und um sechs Uhr abends setzt er sich stets in den gleichen Bus, steigt stets an der gleichen Haltestelle aus, steht stets im gleichen Gastronom* nach Brot und Industriewürstchen Schlange, kommt stets in das gleiche Zuhause, ißt, schaut TV (die Sendungen "Vremja" und "Kino"), geht schlafen?
     Und das 19 Jahre lang.
     Lieber Gott, beschütze mich!
     Lebenslanger Kerker ohne Hoffnung auf Freiheit.
     Das mustergültige Leben "eines einfachen Sowjetmenschen ", in dem sich nur eins ändern läßt: das Montageband für ein anderes Montageband in einer anderen Fabrik, zu der man mit einer anderen Buslinie fährt. Doch der Staat beabsichtigte auch diese letzte, mikroskopisch kleine Ahnung von Freiheit mit Hilfe seines Propagandaapparats, der Polizei, der ruhmreichen "Sowjetarmee und Flotte" zu eliminieren.
     Der Horror, den ich damals geradezu körperlich spürte, hatte auch eine besondere existenzielle Dimension, die nichts mehr mit Anekdoten über Breschnew oder flüsternd weitergegebenen Nachrichten über Verhaftungen aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern gemein hatte. Dieser Horror war die Zukunft, die dieses Land für mich, einen Teenager bereithielt, unabhängig davon, an welcher Hochschule ich studieren und welchen "ordentlichen" Beruf ich später ergreifen würde, in jedem Falle erwartete mich das Montageband, und sei es auch in einer erträglicheren Form. Eine Bahn, aus der man nicht ausbrechen konnte. Das Schicksal in bürokratischer Gestalt: die Einwohnermeldebescheinigung (ein für alle Mal an einem Ort registriert), die Arbeitserlaubnis (Schluß mit den Springern!), die Arbeitszeugnisse, die bis ins Private gingen (der Große Bruder beobachtet dich!). Das alles waren bleierne Nägel, mit denen man einen lebenden Schmetterling festnagelte, kein Geflatter mehr. Dein Leben wird fremdbestimmt. Eigentlich ist es schon fremdbestimmt, vom Moment deiner Geburt an, bis in die kleinsten Details, was einem gefällt, welche Bücher man liest (jene, die in der Bibliothek frei zugänglich sind), welche Filme man sieht (jene zensierten, die im Fernsehen gezeigt werden), welche Kleidung man trägt (das Sortiment, das es in den Geschäften gibt). Du hattest noch nicht einmal richtig zu leben begonnen, da hatte man dich schon festgenagelt, unentrinnbar, und man konnte höchstens aus dem großen in das kleinere Gefängnis, aus der Plattenbauwohnung in die Zelle mit den vergitterten Fenstern ?
     Meine damalige Verfassung als Folge dieses "Moments sozialer Hellsicht" spiegelt sich ganz gut in einigen, gut zehn Jahre später entstandenen Zeilen:
     "Jede Bestrafung empfange ich als Linderung / Nur dies, Himmelsmächte, nur dies nicht!"
     Ich bin nach wie vor davon überzeugt, daß es nichts Schlimmeres gibt als dieses unmündige, marionettenhafte Leben, oder wie Taras Schewtschenko sagte: dieses "Un- Leben". Glücklicherweise ersparte mir die Geschichte, die von den Himmelsmächten zuweilen als Pseudonym verwendet wird, ein solches Los. In dem Jahr, in dem ich aus dem Universitätshörsaal in die "Erwachsenenwelt" startete, begann die Perestroika, und bald darauf hörte dieses gewaltige Lager und Land mit fünf Buchstaben auf zu existieren.
Puh ?


Zweites Intermezzo, literaturwissenschaftlich
: bereits als Studentin schrieb ich im stillen Kämmerchen Prosa und im letzten Studienjahr nahm ich einen aktuellen Gesellschaftsroman in Angriff. Ich ließ ihn allerdings bald sein und begrub einen Haufen begonnener Episoden und Dialoge für immer in der Schublade. Der letzte Eintrag in das dicke Heft erklärt den Grund meiner, pathetisch gesagt, schriftstellerischen Niederlage: mir fehlte ein Held, ein echter Romanheld, dessen wesentliches Merkmal laut Bachtin der Chronotopos ist, die Freiheit sich die Topoi seines Schicksals in einer bestimmten Zeit zu wählen. Doch der vorläufig einzige "Topos", in dem meine Zeitgenossen existierten, war eine dem Staat abgetrotzte, handtuchgroße Wohnfläche, und all die mir bekannten "schicksalhaften Szenarien" verstrichen in langjährigen und oft unendlichen Kämpfen um die Erweiterung des "Topos". Es spielten sich dabei Dramen bis zum Abwinken ab, Schein- und anscheinende Ehen, die man einging, um eine Wohnortregistrierung in Kiew zu bekommen, geschiedene Ehen, die man dank jener Wohnortsregistrierung räumlich nicht auflösen konnte, so daß sich frühere Eheleute noch jahrelang in einer gemeinsamen Wohnung nerven mußten. Eine besondere Spielart waren die Dramen aufgrund erzwungenen Zusammenlebens in einem "Minitopos" zweier, manchmal auch dreier Generation bis in die Unendlichkeit ? Der ganze Jammer bestand freilich darin, daß keine dieser Dramen oder gar Tragödien (denn es gab auch Selbstmorde, Infarkte und ähnliches) dazu geeignet war, das Innere der Helden als Persönlichkeiten zu beleuchten, da keiner von ihnen die Chance der Wahl hatte, entscheidende Wendepunkte ihres Lebens gründeten nicht in ihren Willensakten, in ihrer freien Entscheidung, in der sich der Charakter äußert, sondern nur im verzehrenden und monotonen Überlebenskampf. Dabei gab es wie immer und überall Glückspilze und Pechvögel, doch Helden gab es laut Definition keine. Wie soll auch ein Held auftreten, wenn es keine Freiheit gibt? An welchem "Topos", wo soll der Unglückliche denn erscheinen? ? Oder wie ich damals in mein dickes Heft schrieb (furchtbar stolz auf meine Entdeckung!): "Wie kann es einen Roman in einem Land geben, in dem polizeiliche Wohnortregistrierung alles regelt?" Einige Zeilen weiter, schon "dissidentenmäßig": Der Sowjetroman stellt ein Oxymoron dar, das gleiche wie "heißes Eis".
     Bis dahin hatte ich in meinem jugendlichen Eifer ganz aufrichtig gemeint, daß die ganze unerträgliche, bodenlose Verlogenheit des sozrealistischen Romans, all diese nachmittäglichen und abendlichen Serien und Filme mit ihren in der Realität nicht existierenden ukrainischen Diplomaten und diesen aufgeblasenen, leere Worte wiederkäuenden Akademikern, Journalisten und Parteiaktivisten sich vor allem durch die fehlende Begabung der Schriftsteller erklären lasse. Doch es ist komplizierter. Die Krux dieser Generation liegt - läßt man einmal die über sie verhängte ideologische Zensur beiseite (über die eh schon viel geschrieben wurde), und vernachlässigt man die für die Literatur tödlich zensierte Sprache (worüber noch nicht so viel geschrieben wurde) - insbesondere auch darin, daß ihr für die ästhetische Aneignung nicht nur eine thematisch verstümmelte, sondern auch eine antiromanhafte Realität abgesteckt wurde. Diese antiromanhafte Realität ließ von Beginn an nur einen biographisch paralysierten Helden zu, für den es Sieg und Niederlage nur im Kampf um die polizeiliche Wohnortregistrierung gab?
     Es ist in dieser Hinsicht bezeichnend, daß Hryhir Tjutjunyk, unser begabtester Prosaautor der 1970er Jahre, sich in seinem einzigen Versuch einer breiteren epischen Form im Labyrinth der Wohnortregistrierung verrannte und seinen Helden im Bachtinschen Sinn schließlich damit rettete, daß er eine in jener Zeit als gesellschaftlichen Selbstmord erachtete Entscheidung traf, die aber zweifellos frei und souverän war: der Held spielte dieses Spiel einfach nicht mehr mit. Das bedeutete in der Praxis, alles aufzugeben und Kiew zu verlassen - wohin bleibt im Roman letztlich unklar, wohl aufs Land, ins Unbekannte, Unausgesprochene ? Hryhir Tjutjunyk sprach es später, allerdings nicht mehr in einem literarischen Text aus, er entschloß sich zu mehr, zu etwas Endgültigem und Unumkehrbaren: unter der Bedingung künstlerischer Unfreiheit beinhaltet eine solche Tat, umgesetzt von einem Schriftsteller, stets eine ästhetische Dimension. Eine allerletzte, verzweifelte Geste freien Willens, die Substitution des nicht verwirklichbaren Helden mit dem eigenen Körper. Der Selbstmord als Text. Und um ehrlich zu sein, ohne Abschweifungen und Ausflüchte kann die Antwort auf die Frage: "Wie ist ein Sowjetroman möglich?" bloß lauten: Nur so ist er möglich.


Einzig der historische Roman ließ den sowjetischen Romanschreibern eine kleine Chance, denn hier konnte man den Helden wenigstens in bestimmten, speziell dafür geschaffenen Nebenhandlungsschauplätzen seinen Willen entfalten lassen, ohne sich allzu sehr um die historische Glaubwürdigkeit kümmern zu müssen (z. B. die Figur "Marusja Tschuraj" von Lina Kostenko verrät eine verwirrende Ignoranz gegenüber den elementarsten christlichen Glaubensgrundsätzen, die für die gesamte neuzeitliche Geschichte am ehesten auf die Generation der Autorin zutrifft). Doch welcher zeitgenössische Leser des Romans schenkte der psychologischen Gestaltung einer Figur des 17. Jahrhunderts Beachtung?! Man las zwischen den Zeilen: es geht nicht um Marusja, es geht um uns! Außer diesem Ã"sopischen Genre hinterließ diese Zeit keine anderen Romane, und der jetzigen Generation obliegt es, die geistige Verfassung dieser Zeit nicht mittels schöngeistiger Literatur zu rekonstruieren, sondern mit Hilfe von Dokumenten, Memoiren, Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und natürlich auch den Archiven der Geheimpolizei.
     Der Roman an sich wurde als Kind der Freiheit geboren, und großgezogen wurde er von der bürgerlichen Gesellschaft. Ende des zweiten Intermezzos.

Leseprobe Teil 2

Informationen zum Buch und zur Herausgeberin hier