Vorgeblättert

Leseprobe zu Ulf Erdmann Ziegler: Hamburger Hochbahn. Teil 2

08.03.2007.
Die Halle des Supermarkts krönte ein Shopping Center alten Typs, mit einem Signetmast an der Straße und dem dahinter gelegenen Parkplatz, der einen Marktplatz unfreiwillig persiflierte. Über den gigantischen Einkaufswagen gebeugt, ließ er sich durch die Gänge der Kaufhalle gleiten, Konsumentenstraßen durch eine Stadt der Waren, mono­lithisch gereiht die Artikel der Körperhygiene, in die Tiefe gestaffelt die Milch- und Saftcontainer, aufgeschüttet in geneigten Behältern das Gemüse, das Obst, die Kräuter. Die Rhetorik dieser Ordnung suggerierte, daß es nichts gab, was es nicht gab, eine autarke Festung, verteidigt durch eine Phalanx halbdurchlässiger Pforten, die Kassen. Tom lud in den Wagen, was ihn an damals erinnerte: die riesigen Backkartoffeln, sour cream, Okra, eine Gallone Milch. Er mußte in sich hineinrufen, um die Müdigkeit zu verscheuchen, und wurde in dem Moment gewahr, daß er jemanden verfolgte: eine monströse Lady in ausgetretenen Freizeitschuhen, die ihre Beine wie unabhängig voneinander operierende Türme vorwärts schob. Sie hielt sich an ihrem Einkaufs­wagen fest, den sie stoßweise, links und rechts ausbrechend, bewegte. Was Kleidung betrifft, hatte sie aufgegeben: An die größten Formate der amerikanischen Damenuniformen war schon lange nicht mehr gedacht, die ausladendsten aller Bluejeans waren längst verschenkt, vererbt, weggeworfen; übrig nur noch ein Set grauer und weißer Baumwollwäsche, der man einen Unterschied von Nacht- oder Tagkleidung, drinnen oder draußen, Beruf oder Freizeit nicht mehr ansah. Die riesigen Lappen mußten unter schwer vorstell­baren Mühen über die Beintürme gestreift, über den gewaltigen, wulstigen Oberkörper gezogen worden sein, auf dem sie sich, trotz oder wegen der Nachgiebigkeit des Stoffs, nicht mehr symmetrisch darstellen wollten. Ihr Wagen war randvoll bepackt mit Lebensmitteln und Süßwaren. Tom drehte ab, um sich von dem Anblick zu befreien, vom harten Griff des Neuen. Ohio war das nicht.
Im Windfang waren, teils am Schwarzen Brett und teils wild darüber hinaus, Hunderte von Aushängen angebracht, die neueren über den alten. Auf blassen farbigen Bildern aus Computerdruckern sah man Autos, Waschmaschinen und Computer. Ein Aushang war zwanzig- oder dreißigmal vorhanden, eine unbebilderte, handgeschriebene Liste von Lampen und Möbeln im Postkartenformat, deren Objekte, wie sich zeigte, als Tom die Beschreibungen entzifferte, auf verschiedenen Listen in unterschiedlicher Kombination aufgeführt wurden. Darunter stand eine Telefonnummer ohne Namen. Tom nahm eine Liste an sich, auf der, in einer von zwölf Zeilen, "eine große Schreibplatte auf H-Untersatz" für achtundzwanzig Dollar und fünfzig Cent angeboten wurde. Denn obwohl Thomas Schwarz seit zehn Jahren keine Fassade mehr gezeichnet hatte, und auch nicht das Innere eines Hauses und auch nicht die Einfassung eines Fensters, hatte er an seiner Vorliebe für riesige Tische festgehalten, Tische, deren hintere Kante man sitzend mit ausgestrecktem Arm nur dann erreichte, wenn man sich halb darauf legte.
Zwei Stunden zuvor ein Fremdling und eine Stunde zuvor ein neuer Mieter, dessen Name Rätsel aufgegeben hatte, wurde ihm von Fred bei der Rückkehr vom Supermarkt die äußere Schwingtür aufgehalten, während die innere Tür, warmes Holz und Messingteile, bereits offenstehend blockiert war, so daß Tom mit den zwei braunen henkellosen Papiertüten von Schnuck?s, wie die rote Schrift sie auswies, empfangen wurde wie ein angestammter Bewohner der Dorchester Apartments. Die Sessel gegenüber dem Empfangstresen waren okkupiert von einem hochgewachsenen jungen Schwarzen und einer fülligen Blonden im maßgeschneiderten Kostüm und in Pantoffeln; ein regungsloses Hündchen auf den zweiten Blick. Die beiden, verstrickt in ein amüsiertes und laut geführtes Gespräch, hatten auch Fred mit ihrer Heiterkeit angesteckt, der über ihre Stimmen hinweg Tom wissen ließ, daß ihm "Shwortz" doch bekannt vorkomme, als Zutat, wie er sich ausdrückte, im Namen des Generals Schwartzkopf und auch des Schauspielers Schwar­zenegger. Das wurde bestätigt. Violinen schäumten aus Freds unsichtbarem Radio, während die Fahrstuhltür hinter Tom Shwortz rumpelnd zufiel.
Der Geruch der Medikamente sprang ihn an, als er die Tür des Apartments aufschloß. Er suchte Elise und fand sie schlafend auf dem Bett des kleinen Schlafzimmers, ein Handtuch um den Kopf gesteckt wie eine holländische Magd. Er war dabei, die Tür hinter sich zu schließen, als die Kugel, die er statt eines Griffs in der Hand hielt, ihn an die amerikanische Regel erinnerte, die Tür nur anzulehnen.
Das Kajütenstilleben auf dem Glastisch wurde nun ergänzt durch eine Flasche Cabernet Sauvignon kalifornischer Herkunft. Er fand Vergnügen an der Grobheit, aus der Flasche zu trinken. Der Verkehr auf dem Boulevard hatte nachgelassen. Der Park sah aus wie ein schwarzer Würfel, den jemand in ein leuchtendes Nachtbild geschoben hatte, wovon die hellen Ränder, weit entfernt, eine ­Ahnung gaben. Wenn er den Aufriß der Stadt richtig verstanden hatte, dann saß er mit dem Rücken zur Stadtgrenze von St. Louis und sah über den Park hinweg auf Downtown zurück, auf das halbe Land, das Elise und er in der frühen Dunkelheit überflogen hatten. Jedenfalls bildete die Kompaßnadel eine Parallele zum Skinker Boulevard, und das "E" deutete in das Dunkel des Parks. Er ließ sich ins Sofa rutschen und verfolgte wieder den Schein passierender Autos an der Decke, ein flackerndes Bild - der Alkohol kroch in die Ritzen seiner Schläfrigkeit -, in dem er das Netz der Staaten glaubte zu sehen, in dessen Mitte er offensichtlich gelandet war. Ohio, Indiana, Illinois, Missouri; nicht "Mißuri", wie seine deutschen Landsleute sagten, sondern "Misurra", ein Wort, das sogar Pferde verstehen.
Elise war abgetaucht in die tiefe Dunkelheit des Schlafs, undurchdringliche Schwärzen und gefilterte Lichterfiguren in ungewisser Ferne, die auf sie zeigten und nach ihr griffen, ohne sie zu berühren. Sie sah sich in einem Saal, oder war es ein Park, kurz vor dem Beginn einer Zeremonie. Sie wußte nicht, was erwartet würde, und mußte dennoch das Ritual vollziehen. Sie ahnte, daß die Gemeinschaft, die Augen auf sie gerichtet, einem Aberglauben verfallen war. Dennoch, die Zeremonie würde gleich beginnen.
Tom lag auf dem Sofa und starrte hoch zu den beweg­lichen Schemen an der Decke, und als ihm die Augen zufielen, sah er sie immer noch vor sich. Das Paff-paff der Heizung wurde seltener und verstummte schließlich. Eero Saarinens Bogen flüsterte ihm zu vom Ufer des großen Flusses und hüllte sich schließlich, etwas gekränkt, im Nebel ein. Elises Atelierkoffer öffnete sich einen Spaltbreit und wunderte sich, sich schließend, über die Verschiebung in der Zeit.
Tom, unterwegs im Bildschirmgestöber von Misurra, ließ alle Zügel schießen. Er schwebte über einer weißen Steppe. Er besichtigte grellerleuchtete Lagerhallen. Er bewegte sich ungesehen durch Gruppen zünftig gekleideter Männer, die er für Viehhändler hielt. Dann wurde ihm klar, daß der Versammlungsort abschüssig war, ein Halbrund mit verwitterten Bänken, ausgerichtet auf eine Bühne, eingefaßt von einem geschwungenen Rahmen, in den Miniaturen europäischer Städte gezeichnet waren. Er war schließlich der letzte, der sich setzte, als lautlos der Vorhangfiel. Das Bühnenbild zeigte das Rathaus von Hamburg an einem Wintertag. Tom erschauerte. Er fror.

Leseprobe Teil 3

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