Vorgeblättert

Leseprobe zu Tamta Melaschwili: Abzählen. Teil 1

13.02.2012.
Konfliktzone
Mittwoch


     Mutter sagt: Meine Milch ist versiegt, deshalb weint es.
Ihre Milch ist versiegt, deshalb weint es, sage ich zu Ninzo. Sagt Ninzo: Was hast du vor? Einen anderen Ausweg als wieder zu Gwelesianis gibt es nicht. Sie rüttelt an der Klinke der Hoftür. Sag ich: Gestern hatte es einen Krampf, vor lauter Weinen. Da hab ich den Finger in Wein getunkt und ihm in den Mund gesteckt. Da ist es wieder eingeschlafen. Glaub mir, die Apotheke der Gwelesianis ist der einzige Ausweg. Wir müssen es tun. Sag ich: Sie bringt mich um. Mir ist zum Kotzen. Sagt Ninzo, die Stimme immer dünner: Es stirbt euch weg, das Kind, dann kann deine Mutter jammern, Gott holt die Engel zu sich. Sag ich: Läster nicht. Warum seid ihr beide bloß so blöd, deine Mutter und du? Ich halte Ninzos Hand an der Klinke fest. Hör mit dem Gerüttel auf, das Geräusch geht mir auf die Nerven. Na gut. Ninzo lässt los. Sag ich: Du weißt doch, wie sie ist? Stundenlang hat sie wegen der gestohlenen Makkaroni und dem Tee aus Mananas Laden mit mir geschimpft. Hä, sagt Ninzo und zerrt wieder an der Klinke, woher weiß sie das? Hast du ihr nicht gesagt, die Frau von der humanitären Hilfe hätte dir das gegeben? Hab ich ihr gesagt, aber vergessen, die Preisschilder abzuziehen. Warum bist du auch so blöd? Warum? He, nimm die Hand von der Klinke! Lass du zuerst los! Nein, du! O.?K.! Wir starren einander eine Weile stumm an. Sagt Ninzo: Komm mal kurz in den Hof, und nachher gehn wir. Sie schaut an mir vorbei. Im Hof sitzt Saur und glotzt vor sich hin. Er trägt einen alten Anzug, voll mit dem ganzen Schrott, den er damals bekommen hat. Sagt Ninzo: Schau, der hat sie nicht mehr alle, sitzt den ganzen Tag rum, die Brust voller Medaillen. Sagt Saur: Schau, wie die herumläuft. Eine richtige Schlampe wird das mal. Aus dir wird auch mal eine Schlampe. Dabei liegt deine Oma oben im Sterben. Sagt Ninzo: Großvater, geh ins Haus. Siehst du nicht, sie fliegen wieder. Dass bloß nichts passiert. Sagt Saur: Ach was, und schaut zur Seite. Ninzo hat im Hof Erde umgegraben für Blumen, ich trample drauf herum. Sagt Ninzo: Ich geh mich umziehen und komm gleich wieder. Saur wiederholt: Ihre Oma liegt im Sterben. Ich antworte nicht. Sagt Saur: Was ist das für ein Krieg?, das ist kein Krieg. Die einen hier, die anderen dort und mittendrin nichts. Sag ich: Sie werden einen Korridor öffnen. Was? Wer behauptet das? Was für einen Korridor? Sag ich: Die Leute reden darüber, der Vater meines Klassenkameraden hat es gesagt. Ach was, sagt Saur, sie werden keinen Korridor öffnen. Du wirst schon sehn. Sie werden uns alle vernichten. Sag ich: Sie werden einen öffnen, der Vater meines Klassenkameraden hat es gesagt. In den nächsten Tagen werden sie einen öffnen. Sagt Saur: Der Vater meines Klassenkameraden, der Vater meines Klassenkameraden, und zieht eine Grimasse. Lass die Erde in Ruh, trampel nicht ständig drauf herum. Er schaut nach oben. So wie die heute fliegen. Sag ich: Was heißt so? So halt. Sie werden uns vernichten. Sag ich: Werden sie nicht, sonst hätten sies schon längst getan. Sagt Saur: Sag mal, Mädel, wem traust du eher, mir oder dem verkrüppelten Vater deines Klassenkameraden? Sag ich: Dem Vater meines Klassenkameraden. Ach was, sagt Saur und verstummt. Komm, lass uns gehn, sagt Ninzo und zieht die Tür hinter sich zu. Sie trägt ein blaues Kleid. Schreit uns Saur hinterher: Sie klaut meinen Tabak, die Schlampe. Ninzo stellt sich taub, als ob sie es nicht hört, schaut nur auf ihr Kleid. Schau mal, Zknapa1, ist es nicht wunderschön, ich hab nur die Taschen abgetrennt. Und sie wedelt mit dem Saum ihres Kleids. Dann erkenn ich das Kleid. Du Diebin!, sag ich. Du Diebin! Sagt Ninzo: Komm schon, was soll das? Ich hab dich doch gebeten, das Kleid nicht mitgehen zu lassen. Du Diebin, wie oft hab ich dir gesagt, du sollst nichts mitnehmen? Sagt Ninzo: Fang nicht schon wieder an, kapierst du nicht, von einer Toten zu klauen, ist kein Diebstahl. Woher weißt du, dass sie tot ist? Woher weißt du das? Sagt Ninzo: Keine Ahnung. Ich kenn nur ihr verlassenes Haus, da find ich mich mit verbundenen Augen zurecht. Und überhaupt, ich habs satt, hör auf damit. Sag ich: Schon gut, o.?k. Sagt Ninzo nach einer Weile: Jaja, ich lass wirklich nichts mehr mitgehen. Das Kleid hat mir halt gefallen, es ist blau, so wie meine Mutter eins getragen hat. Sag ich: Schon gut, ist ja gut. Außerdem hab ich eine Überraschung für dich. Wir kommen auf die Hauptstraße. Sie ist leer. Eine Überraschung?, wiederhole ich gedankenlos. Ninzo wird ungeduldig: Beeil dich, bringen wirs hinter uns, dann gibts die Überraschung. Gut, sag ich, unter einer Bedingung. Na schön, sag mir später, was für eine Bedingung das ist. Frag ich: Wieso gehn wir hier lang? Sie werden uns sehen. Andersherum ist es zu weit. Sag ich: Ninzo, sie werden uns sehn. Ja, ist ja gut. Ninzo schaut mich groß an. Ist ja gut. Wir nehmen den andern Weg. Sag ich: Schau dich um. Sagt Ninzo: Niemand zu sehn. Ich kletter als Erste rüber, Ninzo folgt mir. Ich flink, sie etwas langsamer. Vorsichtig öffnen wir das kaputte Schloss und schleichen uns rein. Wir brauchen etwas Zeit, um uns an die Dunkelheit zu gewöhnen. So ein dunkles Haus. Nicht dran zu denken, die Vorhänge aufzuziehen. Sagt Ninzo: Komm mal her, ich zeig dir was ganz Besonderes! Frag ich: Wann warst du denn schon hier? Sagt Ninzo: Was weiß ich, vielleicht vor zwei Tagen, Kwernadse hat das Schloss aufgebrochen. Sag ich: So ein Arsch. Sagt Ninzo lächelnd: Oh, Zknapi, bist du aber unanständig! Gott wird dich strafen. Sag ich: Tu doch nicht so, und schubs sie an der Schulter. Wir gehen ins Schlafzimmer. Ninzo öffnet den Schrank. Hier, davon hab ich dir erzählt. Sag ich: Na und? Ich sag es irgendwie lustlos. Sagt Ninzo: Wieso na und? Ein Player! Sogar CDs dazu, schnallst dus nicht? Bestimmt haben sie ihn übersehn und hier stehn lassen! Funktioniert sogar. Sie ist begeistert. Geil, so viel CDs. Sag ich: Stell die Musik leiser. Die Anlage hat bestimmt Dato gehört. Ganz sicher gehörte sie ihm. Kannst du dich noch an Dato erinnern? Ninzos Augen funkeln. Dato! Das war ein Typ. Echt cool. Irgendwie seriös und erwachsen. Aber du kannst dich wohl nicht an ihn erinnern. Wann hast du dich schon für Männer interessiert?, feixt Ninzo, du bist ja noch ein Kind. Das hat schon was, dieses Nest hier, oder? Sag ich: Ja, sicher, aber stell die Anlage leiser. Ninzo richtet sich auf. Komm, Zknapi, lass uns tanzen, komm schon. Sag ich: Keine Lust. Ach, komm doch. Ninzo wartet nicht mehr auf mich und beginnt zu tanzen. Das ist so toll! Ninzo schwebt mit erhobenem Kopf durchs Zimmer. Und die Überraschung, frag ich, wo bleibt die Überraschung? Warte. Hier, da ist sie. Was ganz Besonderes. Ninzo zieht eine Schachtel Zigaretten aus ihrem BH. Frag ich: Woher hast du die? Mensch, was soll das, ist das ein Verhör? Ninzo bleibt stehen. Sie tanzt nicht mehr, stellt die Anlage aus. Zknapi, was ist? Ich erkenn dich kaum wieder. Was hast du? Ist es wegen dem Kind? Mir ist zum Kotzen: Sag, woher hast du die? Sagt Ninzo: Von dem mit den blauen Augen. Sie schaut an mir vorbei. Ninzo, sag ich, Ninzo! Bist du wahnsinnig? Bist du dort gewesen? Wieso dort, mein Gott, ich war unterwegs, Spitzwegerich ausstechen, für Lamara. Warum regst du dich so auf? Er war allein am Wachposten und hat mich zu sich gerufen. Ich bin hingegangen. Sag ich: Ninzo! Was denn? Ich hab ihn gefragt: Hast du ’ne Kippe für mich?, und dachte, der gibt mir ein oder zwei. Er hat mir die ganze Schachtel geschenkt. Sag ich: Ninzo, du weißt, wie gefährlich es dort ist! Oder wenn unsere dich gesehen hätten? Mir wird kotzübel. Sagt Ninzo: Ist mir scheißegal. Das ist ein toller Typ. Der hat blaue Augen und so einen klasse Körper. Ich könnt schwören, er mag mich. Hättest seine Augen sehn sollen, wie er mich angeschaut hat. Soll ich dir was sagen? Er hat gesagt, er hätte mich schon öfter zusammen mit einem kleinen Mädchen gesehn. Damit warst du gemeint. Ja, hab ich gesagt, das ist meine kleine Schwester. Dann hat er die Schachtel aufgemacht. Sag ich: Blöde Kuh! Warum lügst du, sag? Du bist selber blöd. Würd der glauben, dass wir gleich alt sind? Ninzo schaut auf ihren Busen. Sag ich: Du bist unmöglich. Und dann? Was dann? Dann hat er mir die Schachtel gegeben, ich hab ihn angelächelt und bin gegangen. Ninzo zündet sich eine Zigarette an. Er hat mich noch angelächelt und mir ins Gesicht geraucht. Sag ich: Du bist unmöglich, zum Kotzen, und stichle: Was willst du noch, hast ihm ja schon fast alles über mich erzählt. Sagt Ninzo: In der Tat. Und wenn das Ganze hier vorbei ist, gehn wir zu Walentina und bedanken uns; vielleicht gibt sie dir dann eine bessere Note. Ninzo schaut mich an, sie schaut mich so an, dass ich nichts mehr sagen kann. Ich zünde mir auch eine Zigarette an. Nach einer Weile drückt Ninzo ihre Kippe in die Streichholzschachtel und sagt: Kwernadse will was mit uns besprechen. Sag ich, wiederhol es gedankenlos: Kwernadse? Was ist? Du tust ja grad, als hättest du den Namen noch nie gehört. Es gibt was zu erledigen, was Wichtiges. Ninzo wird auf einmal ernst. Sag ich: O.?K., wenns Kwernadse ist. Ninzo gibt mir einen Klaps. Was ist denn los? Ich könnt bei der Seele meiner Mutter schwörn, dass du in den letzten Tagen komisch drauf bist. Der Tabak ist irgendwie anders, ziemlich mild, oder? Nicht wie unserer. Sag ich: Ja, der ist gut, ich muss nicht husten. Der ist gut. Kein Problem, ich kann noch mehr besorgen. Ninzo lächelt. Sag ich: Ninzo! Schon gut, schon gut. War nur ein Witz. Sagt Ninzo: Was machen wir jetzt? Sie schaut sich im Zimmer um. Oben auf dem Schrank liegen ein paar Bündel. Komm, hilf mir, die holen wir runter. Sag ich: Nein, wir haben uns doch was versprochen. Sagt Ninzo: Was haben wir uns versprochen? Na, was?, sag ich: Du weißt schon, was, dass du nichts von hier mitnehmen wirst. Sagt Ninzo: Wart mal, erst will ich sehn, was drinsteckt, und dann entscheiden wir. Sag ich: Ninzo! Sie stellt einen Stuhl an den Schrank und beginnt, die Bündel eins nach dem andern runterzuwerfen. Ich will ja nur sehn, was drin ist, ich nehm noch nichts mit. Bloß mal schauen. Sag ich: Ninzo! Ninzo, Ninzo! Ninzo schreit: Ich habs satt! Sie steigt vom Stuhl. Ich bin es leid. Entweder hilfst du mir oder?… überhaupt, deine Anständigkeit steht mir bis hier! Die sind von hier abgehauen! Kapierst du das nicht? Ein für alle Mal: Sie sind weg! Und weißt du, warum? Das waren nicht so arme Hunde wie wir, die hatten Geld! Sie haben gezahlt und durften hier raus! Und ich? Und du? Wir krepiern hier, weil wir nicht so dicke Ärsche haben wie die! Die werden leben, weiterleben, und ich Todgeweihte darf mir nicht mal ihre Lumpen nehmen? Na, was? Was? Ninzos Schläfenadern treten dick hervor. Schau! Ich werd alles mitnehmen, alles, was noch im Haus ist! Ich nehm alles mit! Sie schubst den Stuhl um. Sie schreit: Alles! O.?K., sag ich leise. O.?K. Wie du willst. Schon gut. Ich stell den Stuhl wieder auf und sag: Steig rauf und reich mir die Bündel. Ninzo schaut mich an, sagt: Gut so. Hättest mir auch gleich helfen können. Sie steigt auf den Stuhl und reicht mir ein Bündel. Sag ich: Das sind Klamotten, altes Zeug und noch irgendwelche Gardinen. Sie schreit von oben: Sehr gut! Die Gardinen zerreiß ich für Lamara! Schau mal, schau! Sie zeigt mir ihre Hände. Wie sie vom Waschen ihrer Lappen aussehen! Schau! Das Zeug kann ich als Einlagen benützen und dann wegschmeißen! Wir sortieren aus, zwei Bündel voll. Den Rest werfen wir in die Ecke. Sagt Ninzo: Ich bring die Sachen weg, wenns dunkel ist, sonst sieht man mich, und es gibt Ärger. Sag ich nach einer Weile: Ninzo, du hast es mir doch geschworen. Was? Ninzo tut ganz verwundert. Du hast geschworen, nichts mitzunehmen. Du hast es bei meinem Namen geschworen. Sagt Ninzo: Ach, komm schon, Zknapi, dabei hab ich die Finger über Kreuz gehalten. Sag ich: Über Kreuz? Sagt Ninzo: Na klar, wenn ich bei deinem Namen schwör, halt ich die Finger immer über Kreuz. Sag ich: Hier sind noch Frauenkleider, willst du die auch? Sagt Ninzo: Lass mal sehen. Ich zeig sie ihr: Hier. Natürlich will ich die, kichert Ninzo. Hihi, schau dir mal an, wie die aussehen. Aus welchem Jahrhundert das Zeug wohl stammt? Frag ich: Nehmen wir das auch mit? Ich reich ihr jedes Teil einzeln. Ninzo muss lachen: Klar, ich werd für Lamara und Saur eine Modeschau veranstalten. Du bist doch dabei, oder? Bitte! Na gut, sag ich und muss auch lachen. Ninzo schmeißt die Sachen in die Ecke und steigt vom Stuhl. Lass uns gehn, das Zeug hol ich später. Kommst du mit, Spitzwegerich ausstechen? Wir haben keinen mehr. Sag ich: Gut, aber erst muss ich zu Hause vorbeischaun. Geh schon vor. Ich hör noch ein bisschen Musik. Sie holt den Player. In einer Stunde bei mir. Gut, sag ich und schließ die Tür hinter mir. Ich hab keine zwei Schritte getan, da hör ich Ninzos Stimme. Sie singt.

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