Vorgeblättert

Leseprobe zu Sigitas Parulskis: Drei Sekunden Himmel. Teil 2

12.02.2009.
Das Gefühl, du stehst daneben. Du spürst du die Lücke, wenn du dich mit einem Menschen unterhältst. Während die Wörter, die du soeben ausgesprochen hast, diese verfluchte, kaum wahrnehmbare Lücke überwinden, verändern sie sich, und dieser Mensch versteht dich falsch. Die Lücke verzerrt den Sinn der Wörter, obwohl sie sich äußerlich durch nichts von anderen Wörtern unterscheiden. Wenn du mit einer Frau Liebe machst, kannst du es nicht mit ihr zusammen genießen, weil es diese Lücke gibt. Der Orgasmus ereilt euch zu unterschiedlichen Zeiten. Ihr verpasst euch aber nicht nur physisch, sondern auch emotional. Also nicht so sehr im zeitlichen als vielmehr im räumlichen Sinne - ihr bewegt euch auf unterschiedlichen Ebenen. Selbst wenn du Alkohol trinkst, ereignet sich deine Bewusstseinstrübung zwangsläufig in einer anderen Dimension. Obwohl du immer weiter am Tisch sitzt, immer weiter sprichst und immer weiter Gläser hebst, trennt dich diese Lücke von allem ab. Du begreifst ganz deutlich, dass du allein trinkst. Du redest, liebst, trinkst - und bist die ganze Zeit allein.

So gesehen, eine Einsamkeit nicht so sehr im Raum während er mit der ihm verbliebenen, gesunden als vielmehr in der Zeit.

Als ich das verstand, fing ich an, meine Altersgenossen zu beobachten, wenn sie herumsaßen in Bars und Cafes, wenn sie durch die Stadt liefen, an einem Fluss oder an einem See mit einer Angel herumstanden oder Auto fuhren - alle blickten in solchen Momenten aufs Meer und sahen nichts. Alle hatten denselben stumpfsinnigen
Blick. Mit der Lücke. Wie ich. Das heißt, ich bin nicht allein. Das heißt, es gibt diese Generation. Ich während er mit der ihm verbliebenen, gesunden sah im Übrigen fast nur Männer. Offenbar ist der Generationsbegriff auf Frauen nur bis zur Hochzeit anwendbar, und selbst dann nur mit Vor behalten, weil sie Mimikry lieben. Danach gehören sie zur abstrakten Weiblichkeit, die sich nach Generationen nicht mehr klassifizieren lässt.

Das Merkwürdigste daran ist, dass man sich sogar mit Angehörigen der eigenen Generation nicht verständigen kann, das heißt mit Menschen, die selbst an der Lücke leiden. Diese verfluchten Lücken unterscheiden sich voneinander.

Sie sind angefüllt mit Schimpfwörtern, mit widerlichen, während er mit der ihm verbliebenen, gesunden anstößigen russisch-türkischen Flüchen, die ihre eigentliche Semantik verloren haben und in erster Linie eine Form der Hoffnungslosigkeit sind. Es ist kein verarmter
Wortschatz, sondern eine existentielle Sprache - ein Ausdruck von Lücke und Leere: Im Arsch ist dieses Leben, das Leben in der Lücke, nicht in einem Umfeld.

Wenn also einer einen Menschen sieht, der mit völlig nichtssagendem Gesichtsausdruck in einer Düne hockt und aufs Meer starrt, dann soll er wissen, dass er es mit meiner Generation zu tun hat, die da aufs Meer starrt und nicht die Bohne sieht. Denn es trennt sie von der
Welt diese kleine, aber unüberwindliche Lücke, eine Lücke von vielleicht nur drei Sekunden.

Ich hatte beschlossen, jeden Morgen ans Meer zu gehen, im verflucht kalten Wasser zu baden, und danach schreiend im Sand herumzurennen und mich bis aufs Blut mit dem Handtuch abzurubbeln. Doch eines Morgens schlug ich eine ganz andere Richtung ein.

Der Kurort liegt auf einer Halbinsel, zwischen Meer und Haff. Aus unerfindlichen Gründen stinkt dort, auch dort, bei absoluter Windstille das Wasser nach Kotze und verdorbenem Pferdefleisch.

Am Ufer des stinkenden Haffs betrank ich mich mit einem grauenhaften Gesöff, verlor das Bewusstsein und kam, weiß der Teufel wo, wieder zu mir.

2

"Wo ist mein Arm? Gebt mir meinen Arm zurück, ihr Bastarde!" Das waren die ersten Laute, die mir - zu allem Überfluss auf Russisch - ins Bewusstsein drangen. Und ich, der ich am ganzen Körper furchtbare Schmerzen spürte, die in einem scharfen, rhythmischen Stechen im Nacken gipfelten, wiederholte automatisch: "Wo ist
mein Arm? ihr Bastarde!"

Wahrscheinlich ein Schützengraben. Ich liege in einem Schützengraben. Ich liege da mit einem Loch im Kopf nach irgendeiner Schlacht. Und neben mir wimmert Igor, der seinen Arm verloren hat. Das will ich nicht sehen. Deshalb öffne ich meine Augen nicht. So fühlt sich ein Mensch kurz nach seiner Geburt. Nur erinnert sich später keiner mehr daran. Trotzdem, interessant eigentlich, gegen wen wird gekämpft? Gegen die Deutschen? Die DDR hat die Sowjetarmee überfallen, die Fallschirmjäger? Quatsch. Rüpel sind sie, Missgeburten, wimpernlose Nazis allesamt, aber doch nicht wahnsinnig. Sie sind klug, sie haben Kant und Hegel gelesen. Wir sind dumm, aber unbesiegbar, wir sind vom Blau des Himmels, wie der Hurrikan, stärker ist keine Armee?

Vielleicht hat sich mein Fallschirm nicht geöffnet, und ich liege in der Leichenhalle?

Mit erwachendem Bewusstsein stieg mir beklemmende Kälte in die Brust. Ich musste die Augen öffnen. Und dann gleich wieder schließen. Schützengraben oder Leichenhalle wären besser gewesen. Es reichte schon, nur die Augen zu öffnen. Es reichten schon diese wenigen Augenblicke. Nicht einmal drei Sekunden braucht man, bis einen die Welt anekelt. In fahlem und dunstigem Licht, an der bläulichen Wand gegenüber (alles da war bläulich, alles in dieses leichenblaue Licht getaucht), stand eine Liege. Und neben der Liege, in der Ecke, mit dem Rücken zu mir, ein Kerl in Unterhosen. Wahrhaftig kein Geburtshelfer, kein Arzt im strahlend weißen Kittel mit einer schönen Klinge in der Hand. Der Typ in der Ecke wankte, obwohl er sich mit einem Arm an der Wand abstützte. Er stöhnte ein paarmal auf, dann war gedehntes Winseln zu hören und gleich darauf das Geräusch von Flüssigkeit, die auf den Boden spritzte. Nein, Deutsche pinkeln nicht in die Ecke. Ich musste im Gefängnis sein. Irgendetwas musste ich angerichtet haben. Dabei konnte ich mich an nichts erinnern. Irgendjemanden musste ich erschossen oder erschlagen haben.

"Wo ist mein Arm? ? Gebt mir den Arm, den Arm", war wieder aus der Ecke am anderen Ende des zellen - ähnlichen Raums zu hören. Wie schwer es mir fiel, mich zu bewegen. War ich verprügelt worden? Dann hätte ich doch die Stellen spüren müssen. Dieser Schmerz aber
kam von innen. Es tat so weh, als würde in mir das ewige Feuer brennen oder die olympische Fackel im Amphitheater der alten Griechen. Mir war, als beweinte ein Sophokles auf Kothurnen seinen zerschmetterten Gipsarm, während er mit der ihm verbliebenen, gesunden Hand eine lasterhafte Antigone schlägt für ihre Untreue
an ihrem Bruder, diesem Neger. Und immerzu von innen, aus der Tiefe, dieser Schmerz de profundis. Und außen war alles abgestorben. Und noch dazu dieses verfluchte Bohren im Kopf. Mühsam drehte ich mich auf die Seite. Immer wieder rief ich in Gedanken unnütz unseren Herrn und Gott an und warf dabei meinen Kopf zurück. Ich muss so komisch ausgesehen haben wie der von heidnischen Pfeilen durchbohrte Sebastian. Dort in der Ecke lag noch ein weiterer Körper, ein Geschöpf in Boxershorts und T-Shirt, das anstelle eines rechten Arms einen etwa fünfzehn Zentimeter langen Stumpf in die Höhe reckte. Sophokles? Admiral Nelson? Wo war ich, zum Teufel? Und wer soll ihm den Arm abgenommen haben, doch nicht etwa dieser Pisser?

Letzterer wischte sich nun den Hintern derart geräuschvoll ab, dass es klang, als klatschte er einen Heringsschwanz auf den Tisch. Dann legte er sich zu frieden hin. Damit nicht genug, im selben Augenblick fing er an zu schnarchen. Ich litt, zusammengekrümmt, nicht weniger als ein von Ungläubigen gemarterter Heiliger. Der Unglückselige in der Ecke schrie weiter immerfort nach seinem Arm. Er wimmerte wie eine Feministin beim Gebären. Und dieser pissende Hundsfott schnarchte selig. Hatte dieser Mensch denn keinen Funken Mitgefühl, dass er unter solchen Bedingungen schlafen konnte? Es gibt keine Nächstenliebe auf der Welt, wirklich nicht.

Mir war schwindlig im Kopf. Mein Rachen war ausgetrocknet. Statt Speichel kratzte mir irgendwelches Papier mit schmerzhaften Steinbröckchen am Gaumen herum. Und die Zunge wälzte sich wie Glaswolle in meinem Mund ? Mit letzter Kraft erhob ich mich von
meinem Lager. In gekrümmter Haltung, um mich nicht plötzlich zu übergeben, schlich ich hinüber zu dem etwa vierzigjährigen Schnarcher und trieb ihn an, diesen bärtigen Pisser:

Teil 3