Vorgeblättert

Leseprobe zu Raul Argemi: Und der Engel spielt dein Lied. Teil 3

28.06.2010.
3

Der Asphalt wurde in der gleißenden Sonne zu flirrendem Wasserglanz. Der Kleintransporter verließ die Hauptstraße und hielt unter den Bäumen des Rastplatzes neben der alten Tankstelle, kurz vor der Einfahrt nach Choele Choel.
Der Mann, der aus dem Kleintransporter stieg, war genau so, wie ihn sich ein zufälliger Beobachter vorgestellt hätte. Der Kleintransporter war ein Ford mit verblichener Lackierung und ein paar Stellen mit farbigem Rostschutzmittel. Der Mann trug eine Baskenmütze, Stoffschuhe und über dem verwaschenen Hemd ein Tuch um den Hals, einer von vielen, die von den Schaffarmen heraufkamen.
Ohne Eile ging er von den Zapfsäulen und der Werkstatt zum öffentlichen Fernsprecher, wo ein Angestellter im Schatten bei laufendem Radio sich auf einem Stuhl fläzte und schlief. Er steckte die notwendige Anzahl an Münzen in den Schlitz und wählte auswendig die Nummer.
"Hallo. Hier El Negro. Irgendwas Neues?"
"Sapo hat angerufen ?" Am anderen Ende der Leitung war eine Frauenstimme zu hören. "Er hat gesagt, die vier hätten pünktlich und ohne Zwischenfall den Colorado überquert. Er fährt nach Buenos Aires zurück."
"Grüße ?"
"Noch etwas. Warte, ich habs aufgeschrieben ? Er sagt, du sollst auf den Dritten aufpassen, könnte sein, dass er Drogen nimmt. Sagt dir das etwas?"
"Wir werden sehen ? wir werden schon sehen."
Ohne ein weiteres Wort hängte er ein.
Er zog sich eine Cola aus dem Automaten und kehrte zum Kleintransporter zurück, dort setzte er sich auf eine der morschen Bänke in den Schatten, die für Touristen auf der Durchreise schon vor längerer Zeit aufgestellt worden waren.
Sapos Warnung verursachte ihm schlechte Laune, denn er gehörte nicht zu denen, die grundlos Alarm schlugen. Er versuchte, eine böse Vorahnung zu verscheuchen, die von der sengenden Sonne verstärkt wurde, und zwang sich, an das zu denken, was vor ihm lag.
Die vier Fahrzeuge hatten bereits den heikelsten Streckenabschnitt, die Provinz von Buenos Aires, hinter sich gelassen. Südlich des Colorado war weniger Polizei. Sie hatten es ohne Verspätung auf die andere Seite geschafft, also würde der Erste gleich auftauchen. Diesen und den Zweiten würde er auf den Lastwagenparkplatz bestellen, am Ortseingang von Cipolletti. Den anderen ?
El Negro verharrte so eine Minute und beobachtete, wie in kurzen Abständen Autos und Lastwagen auf der Hauptstraße vorbeifuhren. Trotz allem war es eine gute Zeit, um das Zeug hinüberzuschaffen. Die meisten auf der Strecke waren Touristen, die ihre Langeweile in der Stadt gegen die der Kordilleren eintauschten. Die anderen waren Lastwagenfahrer, die in Alto Valle Früchte abholten. Bis Cipolletti und Neuquen würde man sie nicht behelligen, wenn keiner eine Dummheit machte.
"Turco, dieses Arschloch", knurrte er. "Ich habe ihm gesagt, dass ich anständige Fahrer will, und er gibt mir einen Drogenzombie ?"
Er holte sich noch eine Cola und setzte sich wieder in den Schatten.
Eine halbe Stunde später bog der erste Wagen auf den Rastplatz ein und hielt unter den Bäumen.
El Negro warf einen Blick zur Tankstelle hinüber. Alles war noch genauso verschlafen wie zuvor.
Der Fahrer vertrat sich die Beine und grüßte ihn erst, als er neben ihm stand.
"Es ist völlig windstill ?", sagte er. "Meine Eier sind von der Hitze fast gekocht. Ist es noch weit?"
"Das kann dir doch egal sein."
"He, Alter! Ich frag ja bloß! Tu ich vielleicht nicht genau das, was du gesagt hast?"
"Bis jetzt schon, und stell keine blöden Fragen. Steig in den Wagen und fahr in dieselbe Richtung weiter. Der nächste Stopp ist in Cipolletti. Am Ortseingang ist ein Lastwagenparkplatz. Dort tankst du und isst etwas im Rodeo, einem Selbstbedienungsladen, der blau gestrichen ist. Du bleibst dort, bis du neue Anweisungen bekommst, und möglichst weit vom Wagen weg. Klar?"
"In Ordnung. Aber kann ich nicht einen Zahn zulegen? Bei hundert langweile ich mich zu Tode."
"Nein, kannst du nicht, und jetzt hau ab."
Er sah ihm nach, bis er in der Gluthitze verschwand, und musste sich entscheiden, ob er noch eine Cola holen oder seine Blase zwischen den Bäumen leeren sollte.
"Besser, ich geh pissen, wo ich gerade Zeit habe."
Er zog gerade den Reißverschluss wieder hoch, als der Zweite ankam.
Er ließ ihm keine Zeit zum Aussteigen.
Der Fahrer war ein blasser Typ mit Krawatte. Kalte Luft schlug ihm ins Gesicht, als der Mann das Seitenfenster herunterließ. Auf dem Beifahrersitz lagen eine dicke Mappe und eine Art Musterbuch.
"Besuche bei Kunden in Patagonien?", riet El Negro.
"Jeder sucht sich die Tarnung, die am besten zu ihm passt", sagte der Mann mit einem amüsierten Blick auf El Negros Baskenmütze und das verwaschene Hemd. "Und ich sehe nun mal aus wie ein Teppichverkäufer."
"Gefällt mir, gute Idee. Ich werd an dich denken, wenn ich mal wieder jemanden brauche. Jetzt sag ich dir, wohin du fährst ?"
Offensichtlich ließ der zweite Fahrer Vorsicht walten und war zudem schnell von Begriff. Er stellte nur eine einzige Frage: "Winkt die Straßenpolizei bis Cipolletti viele raus?"
"Wenn einer Kohle will, werden sie dir bestimmt auf den Zahn fühlen, bis du ein paar Pesos rausrückst. Ansonsten ist hier nichts los, das Militär hat sich erst kürzlich zurückgezogen. Hin und wieder richten sie eine Straßensperre ein, doch nur, damit die Wachleute keinen Bauch ansetzen. Das ist bloß Show."
Bis zur Ankunft des Dritten hatte er Zeit, in allen Einzelheiten ein paar Szenarien durchzuspielen.
Er entschied sich, als der Wagen unter den Bäumen hielt.
Der Typ sah wie eine Gefängnisratte aus. Eine von Drogen ziemlich mitgenommene Ratte.
"Steig aus und stell dich auf diese Seite, damit man dich von der Tankstelle aus nicht sehen kann", befahl El Negro.
Der Mann gehorchte lustlos und mit einem Lächeln, als müsste er sich eine Ungerechtigkeit gefallen lassen.
Ohne irgendwelche Erklärungen abzugeben, stieß El Negro ihn gegen den Wagen, durchsuchte nacheinander seine Taschen und tastete sämtliche Nähte ab, in denen er den Stoff versteckt haben könnte. Er fand nichts und stieß ihn beiseite. Er musste sich beherrschen, dem Typen nicht sein herablassendes Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen.
Er öffnete die Türen und durchsuchte das Auto von vorn bis hinten. Obwohl der Wagen mit heruntergekurbelten Scheiben angekommen war, verschlug El Negro ein penetranter Geruch nach Pinienduft-Raumspray und Pissoir den Atem. Das verriet ihn.
In einer einzigen Bewegung packte er den Mann und hieb ihm die Faust in die Magengrube. Dem verging das Grinsen. Vor Übelkeit verdrehte er die Augen.
El Negro wartete kurz, bis der Typ sich ein wenig erholt hatte, und schubste ihn dann zur nächsten Bank. "Setz dich hin und warte."
Der Mann sagte nichts. Er gehorchte einfach, während ihm die Hände zitterten.
Der Fahrer des vierten Wagens stieg gemächlich aus, als wäre er auf einer Spazierfahrt. Er war ordentlich gekleidet. Ein in Zellophan gehüllter, riesiger Stoffpanda saß auf dem Rücksitz seines Wagens.
"Wie gehts, Kleiner?", versuchte er es auf die freundliche Tour. "Wohin fahren wir jetzt?"
El Negro antwortete nicht. Es passte ihm nicht, dass ihn jemand "Kleiner" nannte. Außerdem hatte der Kerl mit dem Dritten einen Blick getauscht, was bedeutete, dass sie sich kannten, vielleicht waren sie sogar Freunde. Der hier war ein alter Fuchs, wegen der Jahre, die er auf dem Buckel hatte - zu viele, um einen kleinen Fahrerjob zu machen -, und weil er so tat, als wäre alles in Ordnung, obwohl Ärger in der Luft lag.
"Es gibt eine Änderung", sagte er. "Wir fahren auf dieser Straße weiter, doch in anderer Reihenfolge, und ich werde euch anleiten. Du fährst als Erster, und dieser Trottel hier fährt im Abstand von ein, zwei Wagen hinter dir her."
"Das heißt also, du fährst voraus", korrigierte der Mann mit dem Riesenpanda.
"Nein. Ich fahre hinterher und behalte euch im Auge. Wenn wir abbiegen müssen, überhole ich dich und geb euch die Richtung an. Klar?"
"Wie Kloßbrühe. Bleibst du mit dem Schrotthaufen nicht am Straßenrand liegen?", fügte er hinzu und zeigte auf den verblichenen Ford.
"Lass das meine Sorge sein, und kümmere du dich darum, den niedlichen Bären bei deinen Enkelkindern abzuliefern. Na los."
Zwei Stunden fuhren sie ohne Zwischenfall weiter. Nur in Kurven oder Senken verlor er sie aus den Augen. Die Straße war nicht gerade ein Billardtisch, und bis auf einen Fahrer, dem es anscheinend egal war, ob er die Stoßdämpfer ruinierte, fuhren alle mit der Geschwindigkeit eines Kreuzfahrtschiffs.
Zwischen dem Wagen mit dem Panda und dem Süchtigen befanden sich ein paar Touristen und ein mittelgroßer Lastwagen. Vor seinem Kleintransporter fuhren der japanische Kombi eines privaten Postzustellers und eine Familienkutsche, voll besetzt mit Kindern, Hund, Eltern und Großeltern, die auf dem Weg in die Ferien waren.
Während ein paar Kilometern hatte er Zeit zu beobachten, wie die Stimmung der Familienmitglieder wechselte. Die Kleinen machten Grimassen durch die Heckscheibe und boxten sich gegenseitig, was eine weibliche Hand unterband, indem sie Kopfnüsse verteilte und sie an den Haaren zog. Der Hund, den man in die Mitte gesetzt hatte, um die Jungs zu trennen, verschmierte mit seiner ellenlangen Zunge die Heckscheibe, und wieder schnitten ihm die Jungs Grimassen.
Unausstehlich. Nur ja keine Familie. Eher würde er sich kastrieren lassen, als solche Quälgeister zu zeugen.
Sein Puls beruhigte sich, weil der Konvoi bereits im Alto Valle war, weniger als eine Stunde von Cipolletti entfernt. Da entdeckte er in der Doppelkurve bei Cervantes die Straßensperre.
"Verdammte Scheiße!"
Er kämpfte gegen den Reflex an, umzudrehen und abzuhauen. Kein Grund zur Panik, sagte er sich.
Kein Grund zur Panik, sofern sie ihn nicht anhielten und seine Papiere überprüften. Falsch wie ein Holzzahn, dachte er grimmig und zwang sich, Geburtsort, Namen von Vater und Mutter und Wohnort herunterzubeten.
Sie waren in eine der Kontrollen geraten, die es nur selten gab. Sie war gemischt, Provinzpolizei und Militär. Sie standen über eine Länge von circa hundert Metern in einer Reihe, Streifenwagen auf der einen und Militärlastwagen auf der anderen Seite.
Er drosselte die Geschwindigkeit, bis er hinter der Familienkutsche zum Stehen kam. Nur der Hund blickte in seine Richtung. Die anderen beugten sich aus den Seitenfenstern, um das Spektakel nicht zu verpassen.
Diejenigen, die aus der Gegenrichtung kamen, wurden durchgewinkt. Sie entfernten sich langsam und vorschriftsmäßig, bestimmt nicht ohne einen heimlichen Seufzer.
Ein Lastwagen passierte die Sperre, und zwei Polizisten winkten das nächste Fahrzeug heran, um die Papiere zu verlangen.
Es war wie immer. Die Gewehre auf die Fahrzeugschlange gerichtet und verschanzt hinter der gelangweilten Routine, schmorte den Soldaten das Hirn unter den Helmen, während die Provinzpolizei lustlos die üblichen Fragen stellte - woher man kam und wohin man fuhr - und einem sicherheitshalber mit ihrem Gesichtsausdruck ein schlechtes Gewissen machte. Es war klar, dass sie lieber bei irgendeiner Einheit herumgehangen und über das Fußballspiel vom Sonntag geredet hätten, anstatt in der gnadenlosen Sonne Zinnsoldat zu spielen. Es war wie immer.
Die Schlange rollte ein paar Meter weiter, und er nutzte die Zeit, um die Papiere aus dem Handschuhfach zu nehmen und bereitzuhalten. Er erstickte beinahe und öffnete das Seitenfenster. Auf einmal hörte er ein Bellen, das nicht von dem Hund kam, der ihn hechelnd ansah.
"Verdammt ?"
Neben dem Wagen, dessen Fahrer gerade die Papiere zeigte, war ein Polizist mit einem Hund an der Leine aufgetaucht.
In einer solchen Situation - das war El Negro völlig klar - gab es nur zwei Sorten von Hunden: solche, die Sprengstoff, und solche, die Drogen aufspürten. Und zur ersten gehörte der da nicht. Was die andere Sorte betraf, hatte ihm Turco Warnes bei seiner Mutter geschworen, dass nicht einmal ein Hellseher ahnen könnte, was sie versteckt hatten. Der Turco war vielleicht ein mieser Typ, doch er wusste, was er riskierte, wenn er die Sache in den Sand setzte.
Die Sorge, die ihn quälte, betraf den Drogensüchtigen: Trotz des Gestanks nach Pinien und Pissoir in seinem Wagen würde der Hund etwas merken. Er bat inständig darum, dass sie verschont werden würden.
Es ging ein paar Meter weiter. Der kontrollierte Wagen fuhr um die Sperre herum, und der Opa mit dem Pandabär dran war.
Er sagte sich gerade, mit dem passiert schon nichts ?, als plötzlich alles aus dem Ruder lief.
Der Spürhund stürzte sich mit einem begeisterten Schwanzwedeln auf das Auto, stemmte die Pfoten gegen das Seitenfenster und begann zu bellen.
Wie bei einer Fotogeschichte - in den wichtigsten Szenen, die er, ausgestanzt von den wilden Schlägen seines Herzens, noch im Kopf hatte - sah er den Hundeführer einen Schritt zurücktreten, hörte das Bellen des Köters aus der Familienkutsche, sah den Polizisten, der die Fahrertür öffnete und die Pistole zog, sah seinen Mann aussteigen, den Kopf gesenkt wie ein Rugbyspieler. In der Hand hielt er eine Pistole oder einen Revolver, egal, den er in alle Richtungen abfeuerte.
"So ein durchgeknalltes Arschloch ?", stammelte El Negro und wünschte sich, dass sie ihn töteten, damit es endlich aufhörte und weil er es verdiente hatte.
Der Selbstmörder ging nur ein paar Schritte neben dem Polizisten, den er in den Unterleib getroffen hatte, zu Boden.
Da verlor der Drogentyp, der wohl sein Freund war, die Nerven. Sein Wagen raste los, prallte gegen den Lastwagen vor ihm und legte sich dann in eine scharfe Kurve, um vor der Straßensperre abzuhauen. Jedoch eine Kurve in die falsche Richtung, nämlich zum Seitenstreifen hin, was nicht funktionieren konnte, da er das Gaspedal am Anschlag hatte und die Räder durchdrehten und nicht griffen. Deshalb kam er nur langsam in Fahrt, spie verbrannten Gummi und geriet ins Schleudern, wodurch er sich wie auf dem Präsentierteller befand, gerade so, als hätte er sich für eine Schießübung zur Verfügung gestellt.
Nicht alle schossen. Die Soldaten, überzeugt, dass es sich um eine Routinekontrolle handelte, hatten nicht aufgepasst. Doch diejenigen, die am nächsten dran waren, ballerten drauflos, als sie glaubten, dass er sie über den Haufen fahren würde.
Der Wagen des Süchtigen drehte sich wie eine Ente ohne Kopf anderthalbmal im Kreis und kippte dann seitlich in den trockenen Straßengraben.
Es fielen noch ein paar Schüsse von denen, die verzögert reagiert hatten, dann war nur noch das Trappeln von Stiefeln zu hören. Sogar die Hunde waren verstummt. Dann hörte man die Schreie und das Schluchzen aus der Familienkutsche, wo alle die Köpfe eingezogen hatten und sich aneinanderklammerten.
El Negro legte den Kopf aufs Lenkrad und schaltete den Motor aus, bevor das unkontrollierte Stakkato seiner Beine den Ford in Bewegung setzen und ein weiteres Unglück verursachen würde.
Er versuchte, sich zu beruhigen, indem er tief durchatmete. Verzweifelt bemühte er sich, der Gedankenflut Herr zu werden, die sein Gehirn überschwemmte, bis ihm wieder einfiel, was der Polaco gesagt hatte: "Wenn etwas schiefgeht, werde ich dir nicht die Schuld dafür geben." Da entspannte er sich und richtete den Blick wieder auf die Umgebung.
Der verletzte Polizist wurde eilends an Füßen und Schultern fortgetragen. Provinzpolizisten und Soldaten rannten wild durcheinander.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis jemand das Kommando übernahm und sie sich in drei Gruppen aufteilten. Die kleinste, die nur aus Polizisten bestand, bildete eine ungleichmäßige Reihe aus winkenden Armen, die die Autoschlange antrieben.
Langsam, mit stotternden Motoren, weil die Fahrer ihrer Angst nicht Herr wurden, fuhren die Wagen auf die Straßensperre zu. Wenn sie passierten, starrten die Polizisten sie mit einem Blick aus Wut und Scham an und suchten nach verdächtigen Gesichtern. Die Baskenmütze, das verwaschene Hemd und der Kleintransporter mit seinen Antirostflecken waren eine gute Tarnung für El Negro.
Sein Herz klopfte noch immer heftig, und seine Kehle fühlte sich rau wie Zement an, doch er versuchte nicht mehr, sich zu beruhigen, weil er den Polaco sagen hörte: "Wenn etwas schiefläuft, zittern die Leute, schauen irgendwohin, wo sie nicht hinschauen sollen, und benehmen sich seltsam. Wer das nicht macht, verrät, dass er Dreck am Stecken hat."
Deshalb schaute er sich die Spuren der Katastrophe an, obwohl ein Polizist ihm zurief: "Schauen Sie weg, verdammt! Oder legen Sie es darauf an, verhaftet zu werden?" Soldaten hatten mit gezückten Waffen den Wagen umringt, der in den Graben gestürzt war, und gingen langsam darauf zu.
Er fuhr ein paar Meter weiter. Der Polizeihund bellte, als hätte er Lust, mit dem in Zellophan gehüllten Panda zu spielen. Den Fahrer sah er nur flüchtig, zwischen den Füßen mehrerer Uniformierter. Ein graues, totes Ding.
Jetzt war alles klar.
"Verdammter Hurenbock. Der hat dem blöden Drogenschnüffler den Stoff gegeben. Er hat ihn im Panda versteckt. Außerdem hat er meine Weisung nicht befolgt und war bewaffnet!"
Je weiter er sich von der Sperre entfernte, desto wütender wurde er. Mit einem Schlag hatte er die Hälfte der Ware verloren, und daran waren diese beiden Dummköpfe schuld, die den Tod verdienten. Nur dass er nicht sicher war, ob sie den anderen erledigt hatten. Vielleicht war er nur verletzt, schließlich hatten die netten Soldaten mit mehr Angst als Treffsicherheit abgedrückt.
"Falls er noch lebt", sagte er sich, "weiß er zwar nichts von dem Treffpunkt in Cipolletti. Doch wenn er auspackt, werden sie sogar den Papst anhalten. Ich muss so schnell wie möglich ans Ziel kommen."
Plötzlich spürte er seinen trockenen Mund und brennenden Durst, doch er hatte keine Zeit zu verlieren und durfte nicht anhalten. Er trat auf das Gaspedal, und die acht Zylinder des Fords drückten ihn in den Sitz. Der Turco hatte ihm einen schnellen Wagen besorgt, was ihm von außen nicht anzusehen war, und er ließ die anderen Wagen hinter sich, als wären sie eingeschlafen.
Er würde die Geschwindigkeit nur an den kurzen Baustellenabschnitten drosseln. Die restliche Strecke bis zum Parkplatz in Cipolletti würde er im Tiefflug absolvieren.

 
IV

"Wir hatten keine Gelegenheit zum Reden", sagte der Polaco.
In den blauen Gläsern seiner Brille spiegelten sich die Punktzahlen der Spielsteine.
"Wir hätten reden müssen. Was bedeutet schon eine Frau für die Freundschaft zweier Männer: nichts. Und wir hätten uns dieses Problem erspart ? Schließlich ?", wiederholte er und hielt inne, um einen großen Schluck Wodka zu trinken, "ist sie fortgegangen."
"Irma war schon immer eine Nummer zu groß für dich, Polaco", sagte ich und erinnerte mich ganz genau an jenes Vollweib mit den goldenen Augen. "Die Paraguaya war einfach zu sehr Frau, für dich und für jeden anderen."
Plötzlich wurde mir klar, dass ich ihn zum ersten Mal duzte. Dass acht Jahre Wut die Lage verändert hatten. Dass diese Distanz, die man Respekt nennt, nicht mehr existierte. Vielleicht, weil aus ihm ein Greis geworden war und aus mir beinahe ein alter Mann.
Er straffte die Falten, die von der Nase bis zu den Mundwinkeln verliefen, als wollte er seinen Ausdruck oder die Worte abschwächen, und streichelte die Dominosteine. "Du warst schon immer ein frecher Hund, Negro. Und in all den Jahren hinter Gittern hast du anscheinend nichts dazugelernt ? Vorher warst du ein dummer frecher Hund, aber man konnte dir das nachsehen, weil du noch jung warst. Das war dein Vorteil bei der Paraguaya; jetzt spielt das keine Rolle mehr."
"Stimmt, jetzt spielt das keine Rolle mehr. Schließlich war das mit Irma nicht so wichtig ?"
"Du wirst es nie begreifen, Negro. Natürlich war es wichtig. So sehr, dass du Jahre damit zugebracht hast, mich wegen nichts und wieder nichts zu hassen", sagte er und hielt inne, um zwei hastige Schlucke zu nehmen. "Ich habe dich nicht verraten. Ich will, dass du das weißt. Früher war es mir egal, was du geglaubt hast. Aber heute will ich, dass du das weißt. Es war Pech, das Schicksal, nenn es, wie du willst. Es ist nicht gut ausgegangen für dich, aber niemand ist schuld daran. Stimmt schon, dass ich dich aus Devoto hätte rausholen können. Das war nur eine Frage des Geldes und des besten Anwalts. Aber ich wollte nicht, ich hatte einfach keine Lust ?"

Mit freundlicher Genehmigung des Unionsverlages

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