Vorgeblättert

Leseprobe zu Olga Tokarczuk: Unrast. Teil 3

05.03.2009.
In meinem erlernten Beruf hielt es mich nicht lange. Während einer meiner Reisen, als ich ohne Geld in einer großen Stadt festsaß und als Zimmermädchen arbeitete, begann ich zu schreiben. Es war eine Geschichte für die Reise, zum Lesen im Zug, etwas, was ich für mich selbst schreiben würde. Ein Buch wie ein Häppchen, das man ganz herunterschluckt, ohne abzubeißen.

Ich konnte mich entsprechend konzentrieren, für eine gewisse Zeit wurde ich zu einem ungeheuerlichen Ohr, das auf Geräusche, Echos und Geflüster lauschte, auf ferne Stimmen, die hinter einer Wand erklangen.

Doch nie wurde ich eine richtige Schriftstellerin oder - besser gesagt - ein Schriftsteller, denn in diesem Genus hört sich das Wort ernsthafter an. Das Leben entwischte mir immer wieder. Ich stieß immer nur auf seine Spuren, auf erbärmliche abgestreifte Häute. Wenn ich seine Position anpeilte, war es schon wieder woanders. Ich fand nur Zeichen, wie diese eingeritzten Inschriften in der Rinde von
Parkbäumen: Ich war hier. In meinem Schreiben wurde das Leben zu unvollständigen Erzählungen, traumgleichen kleinen Geschichten mit ausfransenden Erzählfäden, von weitem erschien es in ungewöhnlich verschobenen Perspektiven oder wie ein Querschnitt - und es ließen sich kaum Schlussfolgerungen auf das Ganze ziehen.

Jeder, der schon einmal versucht hat, einen Roman zu schreiben, weiß, was das für ein mühsames Unterfangen ist, es ist zweifellos eine besonders schlechte Form der Selbstbeschäftigung. Die ganze Zeit muss man in sich selbst sein, in einer Einpersonenzelle, in völliger Einsamkeit. Es ist eine kontrollierte Psychose, eine Paranoia und zugleich Obsession, die mit Arbeit verbunden ist und deshalb auch nicht mit den Federn, Rüschen und venezianischen Masken ausgestattet, die wir damit assoziieren, sondern eher mit Fleischerschürze und Gummistiefeln und einem Messer zum Ausweiden in der Hand. Aus diesem Schriftstellerkeller sieht man allenfalls die Beine der Passanten, hört das Klappern der Absätze.
Manchmal bleibt einer stehen, bückt sich und wirft einen Blick hinein, dann bekommt man ein menschliches Gesicht zu sehen und kann sogar ein paar Worte wechseln. Doch in Wirklichkeit ist der Geist mit seinem Spiel beschäftigt, das in einem hastig skizzierten Panoptikum abläuft, er stellt die Figuren auf einer provisorischen Bühne zurecht: Autor und Held, Erzählerin und Leserin, den, der beschreibt, und diejenige, die beschrieben wird; Füße, Schuhe, Absätze und Gesichter werden früher oder später ein Teil dieses Spiels.

Es tut mir nicht leid, dass ich mir just diese Tätigkeit ausgesucht habe. Zum Psychologen hätte ich nicht getaugt. Ich konnte keine Erklärungen finden, konnte in den Dunkelkammern des Geistes keine Familienfotos entwickeln. Die Bekenntnisse anderer haben mich oft gelangweilt, wie ich betrübt eingestehen muss. Ehrlich gesagt kam es öfter vor, dass ich gern die Rollen getauscht und ihnen von mir erzählt hätte. Ich musste mich vorsehen, dass ich nicht unvermittelt eine Patientin am Ärmel fasste und sie mitten im Satz unterbrach.
"Was Sie nicht sagen! Das empfinde ich ganz anders! Wenn
Sie wüssten, was ich geträumt habe! Hören Sie zu . . " Oder:
"Was wissen Sie schon von Schlaflosigkeit, guter Mann! Das
soll eine Panikattacke sein? Dass ich nicht lache! Der Patient
vor ihnen, der hat vielleicht . . ."

Ich konnte nicht zuhören. Ich wahrte nicht die Grenzen, war anfällig für Übertragungen. Ich glaubte nicht an Statistiken, nicht an die Verifizierbarkeit von Theorien. Die Prämisse der Deckungsgleichheit von Persönlichkeit und Mensch kam mir immer zu minimalistisch vor. Ich neigte dazu, das Offensichtliche zu verschleiern, felsenfeste Argumente in Zweifel zu ziehen, es war eine Angewohnheit, perverses
Yoga des Hirns, ein subtiler Genuss beim Verspüren innerer Bewegung. Urteile betrachtete ich mit Skepsis, schmeckte sie unter der Zunge und machte die keineswegs überraschende Entdeckung, dass keines echt war, dass alles künstlich war, gefälschte Marken. Ich wollte keine festen Überzeugungen, sie wären unnötiger Ballast für mich gewesen. In Diskussionen stand ich mal auf dieser, mal auf jener Seite, ich weiß, dass mich das bei meinen Gesprächspartnern nicht beliebt machte. Ich war Zeuge eines merkwürdigen Vorgangs in meinem Kopf: Je mehr Argumente ich "für" etwas fand, desto mehr
fielen mir "dagegen" ein, und je stärker ich an den ersteren hing, desto mehr drängten sich die letzteren auf.

Wie sollte ich andere untersuchen können, wenn mir selbst schon jeder Test so schwerfiel. Persönlichkeitstest, Umfragen, Fragebögen mit Kolonnen von Fragen und Skalen zum Ankreuzen der Antwort kamen mir zu schwierig vor. Diese Unzulänglichkeit wurde mir bald bewusst, und wenn wir uns in den praktischen Übungen während des Studiums gegenseitig befragen mussten, gab ich meine Antworten auf gut Glück. Ein seltsames Profil kam dabei heraus, eine schiefe Kurve im Koordinatennetz."Glaubst du, dass die beste Entscheidung immer die ist, die sich am leichtesten ändern lässt?" Ob ich glaube? Was für eine Entscheidung? Ändern? Wann? Und was heißt leicht? "Du betrittst einen Raum - nimmst du eher einen Platz in der Mitte oder am Rand ein?" Was für ein Raum? Und wann? Ist der Raum leer, oder stehen rote Plüschsofas an der Wand? Und die Fenster - wie ist der Ausblick? Und was Bücher angeht: Lese ich lieber das Buch, anstatt auf eine Party zu gehen, oder hängt es vom Buch und von der Party ab?

Was für eine Methodologie! Stillschweigend geht man davon aus, dass der Mensch sich selbst nicht kennt, doch, mit so schlauen Fragen konfrontiert, sich selbst ausspionieren wird. Er selbst stellt sich die Frage, er selbst gibt die Antwort. Und unversehens verrät er sich selbst gegenüber ein Geheimnis, von dem er nichts gewusst hat.
Und die zweite lebensgefährliche Annahme ist die, dass wir statisch und unsere Reaktionen berechenbar sind.


Das Syndrom

Die Geschichte meiner Reisen ist nur die Geschichte einer Unzulänglichkeit. Ich leide an einem Syndrom, das sich mühelos in jedem Atlas klinischer Syndrome finden lässt und das - wie die Fachliteratur behauptet - immer mehr um sich greift. Am besten greift man zu "The Clinical Syndrome" in einer älteren Ausgabe, aus den siebziger Jahren. Das ist eine Art eigener Syndrom-Enzyklopädie. Für mich übrigens eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Würde es da noch jemand wagen, den Menschen als Ganzes zu beschreiben, allgemein und objektiv? Sich voller Überzeugung des Begriffs der "Persönlichkeit" zu bedienen? Begeisterung für eine überzeugende Typologie aufzubringen? Ich glaube kaum. Der Begriff des Syndroms passt wie angegossen auf die Reisepsychologie. Ein Syndrom ist nicht groß, übertragbar, an keine schlaffe Theorie gebunden, episodisch. Man kann damit etwas erklären und es dann in den Papierkorb werfen. Ein Erkenntniswerkzeug zum Einmalgebrauch. Meines heißt Perseveratives Detoxifikationssyndrom. Ganz nüchtern und schlicht erklärt, bedeutet es nur so viel, dass es dem Wesen nach auf der hartnäckigen Bewusstmachung bestimmter Vorstellungen, ja sogar auf der zwanghaften Suche nach diesen Vorstellungen beruht. Es ist eine Variante des "Mean World Syndrome" ("Böse-Welt-Syndrom", das in der jüngsten Zeit in der neuropsychologischen Literatur ziemlich gut als eine spezifische Form der Infektion durch die Medien beschrieben wird. Im Grunde ein sehr bürgerliches Leiden. Der Patient verbringt Stunden vor dem Fernseher und sucht mit der ernbedienung nur die Sender, auf denen besonders schreckliche Nachrichten gebracht werden: Kriege, Epidemien, Katastrophen. Gebannt von dem Anblick, kann der Zuschauer die Augen nicht mehr abwenden.

Die Symptome selbst sind nicht bedrohlich, man kann in Ruhe damit leben, solange man eine gewisse Distanz behält. Dieses unangenehme Leiden lässt sich nicht heilen, die Wissenschaft begnügt sich in diesem Fall mit der bedauernden Feststellung, dass es existiert. Gelangt der über sich selbst entsetzte Patient schließlich in die Sprechstunde eines Psychiaters, wird dieser ihm raten, seine Lebenshygiene zu verbessern: Verzicht auf Kaffee und Alkohol, Schlafen bei offenem Fenster, Gartenarbeit, Stricken oder Weben.

Mein Symptomkomplex besteht darin, dass mich alles anzieht, was kaputt, unvollkommen, defekt, zerbrochen ist. Mich interessiert das Unansehnliche, Irrtümer der Schöpfung, Sackgassen. Das, was sich entwickeln sollte, doch aus irgendwelchen Gründen unentwickelt geblieben oder, umgekehrt, übers Ziel hinausgeschossen ist. Alles, was von der Norm abweicht, was zu klein oder zu groß ist, wuchernd
oder verkümmert, monströs und abstoßend. Formen, die keine Symmetrie wahren, die sich vervielfältigen, in die Breite gehen, sprießen oder, umgekehrt, die Vielzahl zur Einzahl reduzieren. Mich interessieren keine wiederholbaren Vorkommnisse, über die sich aufmerksam die Statistik beugt, die von allen mit zufriedenem freudigem Grinsen gefeiert werden. Meine Sensibilitäten sind teratologisch, monstrophil. Ich bin der unbeirrbaren und irritierenden Überzeugung, dass genau darin das wahre Sein zum Vorschein kommt und seine Natur offenbart. Eine plötzliche, zufällige Enthüllung. Ein verschämtes "Hoppla", ein Zipfel Unterwäsche unter dem sorgsam plissierten Rock. Ein abscheuliches Metallskelett dringt plötzlich durch den Samtbezug, eine Eruption der Federn im Plüschsessel, die jedwede Illusion von Weichheit schamlos demaskiert.


Kuriositätenkabinett

Für den Besuch von Kunstmuseen habe ich nie viel übrig gehabt, und wenn es nach mir ginge, könnte man an ihrer Stelle gerne Kuriositätenkabinette einrichten, wo das Seltene und Einmalige, das Absonderliche und Monströse gesammelt und ausgestellt wird. Das, was im Schatten des Bewusstseins existiert und aus dem Blickfeld verschwindet, sobald man hinschaut. Ja, mit Gewissheit leide ich an jenem unglückseligen Syndrom. Mich zieht es nicht zu Ausstellungen
in den Stadtzentren, sondern eher in kleine, zu Krankenhäusern gehörige Sammlungen, die oft in den Keller verbannt sind, als verdienten sie keinen wertvollen Ausstellungsraum, Indizien für den suspekten Geschmack früherer Sammler. Ein Salamander mit zwei Schwänzen in einem ovalen Glas, der mit hochgereckter Schnauze den Tag des Jüngsten Gerichts abwartet, wenn alle Präparate der Welt wiederauferstehen. Die Niere eines Delphins in Formalin. Die reine
Anomalie: ein Schafsschädel mit je zwei Augenpaaren, Ohrenpaaren und Schnauzen, schön wie das Bildnis einer vielgesichtigen antiken Gottheit. Ein mit Glasperlen geschmückter menschlicher Embryo, dazu ein in sorgfältiger Schönschrift gefertigtes Etikett: "Fetus Aethiopis 5 mensium". Jahrelang wurden hier die schrägen Launen der Natur gesammelt, Doppelköpfige und Kopflose, ungeboren treiben sie träge in Formaldehyd-Lösung. Oder der Fall des Cephalothoracophagus Monosymetro, bis heute in einem Museum in Pennsylvanien usgestellt, der in Gestalt der pathologischen Morphologie einer Leibesfrucht mit einem Kopf und zwei Körpern die Grundlagen der Logik als Gleichung 1 = 2 in Frage stellt. Und zu guter Letzt ein rührendes ausgemachtes
Präparat aus der Küche: Ã"pfel aus dem Jahre 1848 mit seltsamen, ganz abartigen Formen schlummern in Spiritus, weil offensichtlich jemand erkannte, dass diesen Launen der Natur Unsterblichkeit gebührt und nur das überdauert, was anders ist.

Und genau deshalb unternehme ich meine geduldigen Reisen, auf denen ich die Fehler und Reinfälle der Schöpfung aufspüre.

Ich habe gelernt, in Zügen, Hotels und Wartesälen zu schreiben. Auf den Klapptischchen im Flugzeug. Ich mache mir beim Mittagessen unter dem Tisch Notizen, oder sogar auf der Toilette. Ich schreibe auf Museumstreppen, in Cafes, auf geparkten Autos am Straßenrand. Ich schreibe auf Papierfetzchen, in Notizbücher, auf Postkarten, auf meinen Handrücken, auf Servietten, auf die Seitenränder in Büchern.

Meistens kurze Sätze, Skizzen, manchmal schreibe ich auch Stücke aus Zeitungen ab. Es kommt vor, dass mich irgendeine Gestalt in der Menge von meinem Weg abbringt, ich folge ihr eine Zeitlang, fange an zu erzählen. Das ist eine gute Methode, in der ich mich vervollkommnen will. Von einem Jahr aufs andere ist die Zeit meine Verbündete geworden, wie für jede Frau: Ich bin unsichtbar, durchsichtig geworden. Ich kann mich wie ein Geist umherbewegen, Menschen über die Schulter schauen, ihren Streit belauschen, zusehen, wie sie mit dem Kopf auf dem Rucksack schlafen, wie sie mit sich selbst reden, ohne sich meiner Anwesenheit bewusst zu sein, die Lippen bewegen, Worte formulieren, die ich ihnen laut nachspreche.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Schöffling & Co.

Informationen zum Buch und zur Autorin hier