Vorgeblättert

Leseprobe zu Martha Gellhorn: Ausgewählte Briefe. Teil 2

07.09.2009.
An Campbell Beckett

                                                                       29. April 1934
                                                                       Villa Noria
                                                                       La Faviere

G. Campbell, mein Lieber:
Ich schreibe Dir heute nur (schlimm, wenn ich Dich benutze?), weil ich nach vier Tagen öder Starre, während der auf der gesamten Halbinsel keine einzige Taste geklappert hat, irgendwie zum getippten Wort zurückfinden muß. Ich habe nämlich mein zweites Buch angefangen, daher ist es für mich entsetzlich entscheidend, ob ich schreibe oder nicht; und jetzt habe ich diesen ermüdenden, halbgaren, ruhelosen Jammer am Hals, bis das verdammte Ding fertig ist - gewiß erst in ein paar Jahren, wenn man die Umformulierungen des Verlegers mitberechnet und den ganzen Leidensweg vom Hersteller zum Konsumenten.
     Ich schreibe über Frankreich, mein Lieber. Über Frankreich und die Franzosen und über mich mitten unter ihnen, suchend, verstört, schließlich zynisch. Eigentlich schreibe ich über die Jouvenels; denn ich bin viel zu klug, um über die Franzosen zu schreiben. Ein sehr schwieriges Buch, weil ich versuche, in der ersten Person zu schreiben (ein Experiment), und das ist kein Kinderspiel. Du glaubst gar nicht, wie sich die Welt verengt, wenn man ich sagt statt sie. Aber es muß sein; denn Schreiben ist mehr als das Aneinanderreihen von Wörtern auf Papier, um die Zeit auszufüllen in der Hoffnung auf Geld und einen Spritzer Ruhm: mehr als eine Tätigkeit, die das Gewissen ob des leeren Vergehens der Zeit beschwichtigen soll. Für mich bedeutet es die Reinigung von Geist und Seele: Es gibt Dinge, deren man sich auf alle Ewigkeit entledigen sollte. Es kommt eine Zeit, da man bestimmte Erinnerungen, bestimmte Aspekte der Gegenwart nicht länger im Kopf mit sich herumschleppen kann. Ich habe das schon einmal gemacht: habe mir eine Menge Zerstörung herausgeschrieben. Mein Vater hat einmal gesagt: Blondinen arbeiten nur unter Zwang. Da muß etwas dran sein. Ich weiß, was für eine Hölle das Schreiben ist. Ich weiß, wie unter dem Druck alles auseinanderfällt, unter der Angst, nicht oder schlecht zum Ende zu kommen. Das hört nie auf, und nie kommt der Augenblick - bis das Ding in fremden Händen landet - der wahren Ruhe. Das Damoklesschwert - das unfertige Kapitel ? Ich bin mir sicher, daß ich es nur tue, wenn ich nichts anderes mehr tun kann. Dieser Augenblick ist nun wieder gekommen. Denn ich habe Frankreich wirklich satt; mehr will ich nicht, mehr ertrage ich nicht. Und womöglich habe ich für dieses Leben auch von den Jouvenels genug, vom gesamten Clan.
     Ich weiß nicht, was ich mit B. machen soll, denn ich bin feige geworden. Nicht feige, was ihn betrifft; zu sehr habe ich mich unter seinem Mitleid gewunden, als daß ich nun meinerseits Mitleid üben wollte. Da bin ich mir sicher; Mitleid ist das größte Verbrechen, weil es zwei Menschen schluderig zerstört. Außerdem ist seine Welt stabil; er paßt so haarscharf in sein eigenes Muster, daß ihn im Grunde nichts aus der Bahn werfen kann. Und er ist Franzose (und hier ziehe ich meine Schlüsse), Franzosen sind Realisten, wie weder ich noch Du noch Angehörige unseres schwachen nordischen Geschlechts es je sein können. Aus gebrochenem Herzen verlieren wir den Verstand, geraten auf Abwege oder bringen uns um. Die Franzosen kehren im besten Fall zu ihrer Arbeit zurück, zu ihrem Leben, ihrem angestammten Ort, zu ihrer Position und Wirklichkeit. Im schlimmsten Fall verhärten sie sich, werden berechnend und rachsüchtig. Trotzdem machen sie weiter; und lauern auf günstige Gelegenheiten ?
     Ich sollte ihn irgendwo tief verletzen; doch diese Verletzung ist Teil des Lebens und nicht beängstigend. (Wenn man selbst schon verletzt wurde und die "Erschütterung" überstanden hat, weiß man, daß die Zeit alle Wunden heilt und Schmerz eine lohnende Investition sein kann.) Aber was bleibt - er hat einen Sohn und einen Namen, den er weiterführen muß, einen Platz in seiner Welt, der ihn fordert, und eine Rolle, die er auszufüllen hat. Und auch wenn er nie wieder jemanden ganz so lieben wird wie mich, wird er vielleicht mit einer kleineren Liebe glücklicher sein; er wird wenig verlangen, weil er anderswo aus dem Vollen schöpfen kann.
     Die Feigheit betrifft mich. Ich ziehe ganz nüchtern Bilanz. Ich weiß das alles, denn ich habe vor langer Zeit aufgehört, mich selbst zu belügen oder zu übertreiben; und ziehe eine gewisse Freude daraus, mich selbst zu kennen und einzuordnen. Ich bin 25, was nicht alt ist, wenn man etwas erreicht hat, aber kein Beginn, wenn man mit leeren Händen dasteht. Ich habe zu diesem Zeitpunkt keinen Namen: Ich werde etwas genannt und widerwillig als solches anerkannt: aber mein Paß behauptet etwas anderes. Und wie hinderlich das ist, kann nur ich beurteilen. Ich habe keine Welt, in die ich zurückkehren oder in die ich voranschreiten kann. Denn die letzten Jahre haben mich von vielem abgeschnitten - von allem: nicht nur materiell, auch gedanklich, geistig.
     Ich habe kein Geld, also keine Freiheit. In dieser Hinsicht sollte man sich nichts vormachen: Geld ist die einzige Gewähr für Privatsphäre, die einzige Möglichkeit, das eigene Schicksal zu steuern. Ich sollte arbeiten müssen - irgendeine Stelle, die nichts mit mir zu tun hat und noch mehr dieser wertvollen, schwindenden Zeit verschlingen würde. Ich sollte unterbezahlt und eingespannt sein. WENN ich Arbeit bekäme. Es ist lachhaft, aber wahr; ich könnte in Paris wahrscheinlich nur als Mannequin Arbeit finden. Man würde mich mit Kußhand nehmen: Ich gelte als ziemlich schön, mit einer guten Figur - und damenhaft genug, um diesen so begehrten Amateurflair auszustrahlen, auf den alle großen Modeschöpfer (die wahren Profis) so snobistisch erpicht sind. Und wie sollte ich Paris, derart gefangen, mit genau den Leuten, die am freundlichsten wären, am neugierigsten und triefend vor Mitleid, in dieser Rolle ertragen. Was gibt es noch. Ideal wäre ein Land, in dem man mich nicht kennt, in dem ich einige Jahre leben könnte, bis mein Leben in den Augen der Leute nach und nach verstaubt - und auch in meinem Kopf vage wird. Aber wie? Und sonst: zurück nach Hause, den Mund ausgewaschen mit Demütigung und Versagen, um mich an ihrer Großzügigkeit festzusaugen? Du siehst, ich habe zu gründlich bilanziert, und Du siehst, wo und wie ich feststecke - und wie gering der Spielraum ist. Durch Ahnungslosigkeit, Fahrlässigkeit, Stolz und Großmut: und das leidenschaftliche Verlangen, alle Brücken hinter mir abzubrechen, zu beweisen, daß ich nicht zurückzuweichen gedenke. Ich zahle für meine eigenen Taten: allem voran meinen Stolz. Denn mein Stolz liegt alledem zugrunde; mehr wahrscheinlich als alles andere. Da ich nicht zugeben würde, daß ich von Umständen, Ereignissen oder Menschen in die Knie gezwungen wurde, also - mit gesenktem Kopf - durchgestartet bin. Dafür werde ich bezahlen, lange noch. Nun kann ich, in ganz tauber und farbloser - an Gleichgültigkeit grenzender - Verzweiflung nur hoffen, daß ich nicht mein Leben lang zahlen muß. Was mich allerdings nicht überraschen würde ?
     Die Wurzel allen Ärgers ist der Körper. Ich gehe fest davon aus, daß Du Dich lieber vierteilen ließest, als diesen Brief irgend jemandem zu zeigen. Du weißt, wie sehr ich auf Dich zähle; auf Deine Klugheit und Deine Loyalität. Ich schreibe dir, um mir selbst klarzuwerden; ich schreibe mir selbst durch Dich.
     Es ist eine kolossale Ironie; ich bin mit unglaublicher Entschlossenheit gegen den Wind gesegelt und habe das gesamte Kartenhaus über mir einstürzen lassen: mit einem Mann zu schlafen - verbotenes Terrain -, einem verheirateten Mann, und das auch noch skandalös, mutig und offen - außerehelich. So daß man den Eindruck bekommen muß, es handle sich hier um eine überaus leidenschaftliche Frau - mit lautstarken körperlichen Bedürfnissen - und ihr gemeinsames Leben müsse ein ständiges Fest der Venus sein. Das ist es nie gewesen; das war der große Irrtum. Der Irrtum meines Stolzes - da ich mich zu geben entschloß (aus Stolz - weil ich meine Haut nicht retten und mich nicht fürchten wollte - und aus Zärtlichkeit für seine Bedürfnisse), gab ich weiter. Aber so sollte man nicht lieben. Das ist ganz falsch: ich - mit meinem stillen, kühlen Körper - weiß das. Ich hege tiefen Respekt für die Lust auf Leidenschaft und Befriedigung. Obwohl sie mir nicht eigen ist, aber das ist meine Tragik und meine Schuld. (Und die Schuld einer erbärmlichen Erziehung, die mich nicht lehrte, Ursprung und Grundlage allen Lebens demütig zu ehren, sondern mir nur beibrachte, etwas, das sich nicht ignorieren läßt und nie, niemals ein Geschenk sein soll, mit leichter Hand zu übergehen oder großzügig zu spenden.) Bertrand hat mich immer begehrt, bis heute, schrecklich und bedingungslos. Ich staune über mich - staune über die Jahre, die vorübergezogen sind. Denn ich habe kein solches Begehren, weder jetzt noch früher. Aber die Zeit hat anderes gebracht; er hat mich immer tiefer berührt als jeder andere, seine Gedanken haben mich stets so erheitert und erfüllt, und außerdem ist da die Zärtlichkeit - Dankbarkeit - und eine Liebe, die zwischen Freundschaft und Muttergefühlen schwankt. Sie ist stark (das zu leugnen, wäre töricht), und mit körperlicher Leidenschaft gepaart entstünde daraus eine Liebe, wie man sie selten erlebt hat, wie man sie in alten Büchern und Legenden findet. Denn ich habe für ihn gelitten und er für mich; und sehr allein sind wir zusammen durch endlose rauhe Landschaft gegangen.
     Nicht Ruhelosigkeit (Psychologen nennen so etwas Verdrängung, aber in meinen Augen haben sie unrecht) läßt das alles so deutlich werden. Ich wende mich nicht von Bertrand ab und blicke mich vage oder gezielt anderweitig um. Ich habe kein Bedürfnis nach Affären. Mein Körper verlangt seltsamerweise nicht nach dieser Nahrung - jedenfalls nicht jetzt. Eher wende ich mich ab; ziehe mich immer weiter zurück. Ich bin einfach glücklich mit mir selbst; das ist eine Waffe - Schild und Lanze. Ich bin sehr glücklich mit mir selbst, mit Land und Bäumen und den Gerüchen im Wind; und mit meiner Schreibmaschine. Ich habe genug in mir, um mein Leben zu füllen. Doch mein ganzes Leben kocht und simmert, schmort und brodelt, weil etwas von mir verlangt wird, das ich nicht wirklich geben kann. Und obgleich ich es geben würde - gegeben habe und gebe -, wenn ich mich erinnere, geht es gegen die Natur, mit dem Verstand zu erinnern, was ein freudiger Instinkt sein sollte. Also vergesse ich es - oder bemerke es nicht -, und dann zieht Sturm auf, Wut, Elend und eine Art versehrte Verzweiflung. Und ich kann nichts tun; weil ich weiß, daß selbst der Versuch, einen Instinkt zu spielen, nutzlos wäre. Und möglicherweise - ach, laß mich ehrlich sein - liegt tief vergraben darin auch ein Egoismus; der Wunsch, mich zu retten, die Ordnung und den Rhythmus meines Lebens, nicht etwas zu zügeln und aus der Bahn zu werfen, das so reibungslos läuft, allein ?
     Es kann so nicht weitergehen; was soll da weitergehen? Er kann sich Geliebte nehmen, und im Augenblick - vorausgesetzt, er wäre so zuvorkommend, sie mir nicht direkt vor die Nase zu setzen - würde es mir nichts ausmachen. Wie sollte es auch? Er hat ein Recht auf das, was ich ihm nicht gebe - nicht geben kann. Aber was ist das für eine Antwort - mehr Komplikationen, mehr Verwirrung, noch mehr verletzte Menschen in diesem Durcheinander, diesem wachsenden Durcheinander. Und derweil wäre er nicht wirklich glücklich, da er im Grunde mich will. Und wir würden ein Leben spielen, und weil wir spielen würden, wären wir nur halb lebendig. Dabei haben wir diese große Gabe: Wir können leben - wir sind fürs Leben gemacht. Und ich will, ich muß ohnehin leben - für mich; ich habe das Gefühl, seit langer Zeit ein bißchen hungrig zu sein (nicht sehr, nicht furchtbar, nicht schmerzhaft); auch habe ich das Gefühl, daß meine Lunge nicht gefüllt ist - Großer Gott! was habe ich für eine Gier nach Leben, für eine Energie; wie viel Leben ich ertragen kann und haben muß ?
     Ich bin nicht einsam, wenn ich so lebe, da ich nicht mehr erwarte, daß die Einsamkeit von jemand anders ausgeblendet werden kann; meine Einsamkeit ist mein eigener kostbarer Besitz und womöglich mein einziger. Nach zu vielen nervösen, verschwendeten Monaten habe ich das Gefühl, daß eine gewisse Ordnung in meinen Geist zurückkehrt. Und ich weiß, ich werde schreiben - vielleicht sogar besser als zuvor. Das Land ist eine Augenweide für mich; mir schwindelt regelrecht vor Glück, wenn meine Füße in Matsch, Gras und Sand einsinken; die Pinienwälder riechen nach sich selbst, und an manchen Tagen ist die Sonne heiß und nah über diesem kleinen Winkel der Welt. Irgendwie trage ich in mir (und das ist alles, was ich aus vier Jahren mitnehme; aber es ist genug - das Beste) einen Schutz gegen vergangene Ereignisse, Menschen und Umstände. Irgendwo in mir weiß ich um das Klima, das ich für mein eigenes vie interieure brauche, und ich habe es jetzt gefunden (wie ich es immer, mit genügend Zeit, auf dem Land finden sollte). Also lebe ich, zutiefst froh über jeden Tag. Wenn man nur nicht denken müßte: nächsten Monat, nächstes Jahr ? Denn ich habe keine Ahnung und strauchele durch Ahnungslosigkeit. Was kann als nächstes passieren? Ich sehe keinen Ausweg. Also mache ich einfach weiter in meinem kleinen Garten. Ein Buch will geschrieben werden. Und ich werde es schreiben. Zu Beginn dieses Briefes habe ich Dir erklärt, daß ich das Schreiben benutze, um mich von Erinnerungen zu befreien; ich benutze es auch als Mauer zwischen mir und der Gegenwart und der unvorhersehbaren Zukunft und Menschen und Angst?
Hast Du so einen Brief schon mal bekommen?
     Deine
          Marty

Teil 3