Vorgeblättert

Leseprobe zu Lisa Kränzler: Export A. Teil 1

02.02.2012.
1.

Die Mendenhall Subdivision liegt ca. 120 km nördlich von Whitehorse. Wer die Gegend nicht kennt, wird die Ausfahrt verpassen, weiter dem Alaska Highway folgen und nach Norden treiben, vielleicht bis Old Crow.
     Der Sog, der von diesem Nichts ausgeht, das manche Weite oder Himmel oder Busch nennen, ist stark. Man kann nie wissen, wen er wohin mit sich reißen wird.

Schwester und Schwager allerdings kennen sich aus und biegen rechtzeitig mit mir ab. Über Schlamm und Schotter rumpeln wir über ein großes Stück Land und ein kleines Stück Lichtung, beides im Besitz meines Schwagers. Die beiden frischverheirateten Landbesitzer haben diesen September eine zweifache Verantwortung übernommen: für ein Versprechen, bis dass der Tod sie scheidet, und für mich, eine 16-Jährige, die offizielle Aufsichtspersonen benötigt, um im Ausland leben zu dürfen.
     Aus dem kniehohen Gras der Lichtung erheben sich eine winzige Holzhütte und ein blauer VW-Bus, Baujahr 1979. In der Hütte steht ein Ofen, im Bus eine Petroleumlampe.
     Gestern schlief ich noch unter dem Dach meiner Eltern, in einem Zimmer mit mannshohen Fenstern nach Norden; heute schlafe ich ein, dicht unter dem Busdach, ohne Fenster, dafür im Norden, während ich auf die heulenden Schlittenhunde und das stöhnende Ehepaar lausche.
     Am Morgen spüre ich meine Zehen nicht mehr. Es hat geschneit. Der Schnee beendet mein Wildcamper-Dasein.
     Wider Erwarten treiben wir schon binnen einer Woche eine neue Bleibe für mich auf. In der Zwischenzeit gewöhne ich mich an die weißen Flocken und finde ausreichend Platz zwischen dem VW-Bus-Mobiliar für meine Liegestützen - die beste Art sich aufzuwärmen.
     Die Woche ist voll von ersten und letzten Malen. Zum ersten Mal gelber Schulbus, zum letzten Mal schwesterliches Lunchpaket, um nur diese beiden zu nennen ?
     Ich erinnere mich daran, wie ich den "fruit-to-go"-Streifen, eine pürierte, getrocknete, klebrige Fruchtmasse, 14 Gramm leicht, etwa von der dreifachen Größe eines Kaugummistreifens, aber im Gegensatz zum Kaugummistreifen aus zwei aneinandergeklebten Hälften bestehend, aus der Lunchbox fische. Mit dem Daumennagel fahre ich zwischen Vorder- und Rückhälfte und ziehe die dünnen Blättchen auseinander. Meine Finger halten 7 Gramm getrocknetes Erdbeer-Fruchtpüree gegen die schwächsten und schrägsten Sonnenstrahlen, die ich je gesehen habe.
     Ahmt die Innenseite, das Unterfutter meiner Haut, diese glühende Erdbeerfärbung nach, überlege ich, oder ist bereits zu wenig Licht in mir und nichts als Dunkel, ein violettes Dunkel?
     Ich breche meine Überlegungen ab, rolle die roten Hälften zusammen und stecke sie, eine nach der anderen, in den Mund. Den Rest meines Lunchs schiebe ich mit aufmunterndem Nicken in Richtung Kat.
     Die schräge Sonne, die frühen weißen Flocken, die Kälte im Bus und dieser Sog, dieses Ziehen an meinen Gliedern, das Gefühl einer nahenden Dunkelheit, haben mich alarmiert. Ich spüre, ich werde hier mit dem Nötigsten auskommen müssen. Es wird mir zu wenig sein, viel zu wenig. Es wird die Grenzen dessen, was ich mir ertragen zu können zutraue, verschieben, mich an die unmöglichsten Orte ziehen.
     Ich wiederhole mein Zunicken. Schließlich reagiert Kat. Sie greift und beißt zu, während meine Blicke besorgt zwischen Sonne und Schuluhr hin- und herwandern.


Kat.


Kat wird keine wichtige Rolle spielen. Aber sie war die Erste, die mich ansprach. Alle Worte, die auf sie zutreffen, schmecken irgendwie süß, und ich habe beschlossen, mir diese süße Sünde zu genehmigen:
     Kat heißt eigentlich Kaisha, ist etwas jünger als ich und kommt aus Kamloops (Kamloops, Fruitloops, da geht?s schon los), einer Stadt in British Columbia. Sie ist klein, ihr Kopf reicht mir gerade bis an die Schultern, und solange ich sie kannte, wechselte die Haarfarbe dieses Kopfes von Rosa zu Rot, von Rot zu Orange, von Orange zu Blau und schließlich zu Wasserstoffblond. Ihre Fingernägel waren stets in der entsprechenden Komplementärfarbe zu ihrer jeweiligen Haar- oder Lidschattenfarbe lackiert. Auf ihren Lippen glänzte, glitzerte und roch es nach einer ganzen Palette von künstlichen Farb- und Geschmacksstoffen. Im Unterricht schrieb sie mir kleine Zettel, einige habe ich bis heute aufbewahrt. Sinnlose Sprüche und Wortfetzen wie "feet are pink, trees are purple". Um die Schrift rankten sich Nadelbäume in verschiedenen Violetttönen und mehrere Paare pinkfarbener Füße.
     Kats Augen zierte ein auffälliges, kühn geschwungenes Brillengestell mit dicken Gläsern. Sie hatte einen schönen, vollen und ständig offenen Mund. Sie hielt sich für eine begnadete Sängerin. Wenn wir auf dem Schulklo Hosen tauschten - sie war versessen darauf, ständig Kleidungsstücke auszutauschen, und verließ das Schulgebäude selten so, wie sie es am Morgen betreten hatte - kreischte sie mir ihre Songs, meistens Pophymnen der 80er Jahre, ins Ohr.
     Kat ist ein Klischee. Vielleicht hätte ich doch darauf verzichten sollen, all diese zuckrigen Worte in Sätze zu schmelzen? Jetzt karamellisieren sie hier und verkleben die Seiten.
     Wer Kat erleben will, kann sich den Umweg über diese Zeilen sparen und einfach beim nächsten Einkauf vor dem Süßwarenregal stehenbleiben, sich eine Packung Smarties (viele, viele bunte) und eine Tüte Skittles (taste the rainbow) herausnehmen und sich intensiv der Betrachtung von Produktdesign und Inhaltsstoffen widmen - das wäre dann ihre äußere Erscheinung.
     Will man tiefer in ihr Wesen eindringen, etwas über ihren Charakter erfahren, so sollte man eine Packung kaufen, eine andere aber stehlen; anschließend die gekaufte Packung ungeöffnet in den nächstbesten öffentlichen Mülleimer werfen, während man sich den Inhalt der gestohlenen, schon aufgerissenen Packung entweder mit beiden Händen in den Mund schaufelt, oder wahlweise eine einzelne, bunte Zuckerkugel minutenlang andächtig in der Daumen-und-Zeigefinger-Zange hält, bevor man sie vorsichtig, als handle es sich um den Leib Christi, mit der Zunge empfängt, um sie genüsslich aufzulutschen. Unter Umständen motiviert der Zucker den Lutschenden zu tänzerischen Zuckungen, was wiederum die Stimmbänder zum Vibrieren bringen könnte ?
     Mehr braucht es nicht, um Kat zu kennen. Kat aus Kamloops. (Fruitloops).


2.

Ich beziehe ein Zimmer in der Fir Street, ästhetisch gesehen ein Rückschritt, in Sachen persönlicher Freiheit jedoch ein gewaltiger Fortschritt. Der VW-Bus war für mich ohnehin kein "Designklassiker", sondern schlicht Schlafplatz. Eine entlegene, eiskalte Schlafstätte, von der ich mich bereits um 5.30 Uhr aufrappeln musste, um 6.10 Uhr in den Schulbus zu steigen und zwei Stunden Fahrt durch den Busch auf mich zu nehmen, wenn ich pünktlich zum Unterricht erscheinen wollte. (Ob ich "wollte" oder nicht, war allerdings keine Entscheidung, die ich hätte treffen dürfen. Ich musste).

Wenn Himmel und Horizont weit und das Elternhaus noch weiter entfernt sind, entwickelt man schnell ein Bewusstsein für die Zwänge, für die "musts", denen man unterliegt. Man bildet Widerstände und einen Abscheu gegen die Gönnerhaftigkeit aus, mit der Aufsichtspersonen und Erziehungsberechtigte "Freiheiten" und "Privilegien" zuteilen oder vorenthalten. Was man als sein gutes Recht auf Freiheit ansieht, stellt sich als "Privileg", das man "genießt", heraus. Den volljährigen Machthabern gänzlich ausgeliefert sieht man sich mit dem Unterschied zwischen Recht und Privileg konfrontiert, der offensichtlich darin besteht, dass Privilegien entzogen werden können.
     In der Hoffnung, meinen Freiheitsdrang mehr oder weniger konfliktfrei ausleben zu können, ziehe ich also in das schrecklich möblierte, dunkelbraune Zimmer im ersten Stock eines gelben, zweistöckigen Holzhauses und kritzle "des Menschen Wille ist sein Himmelreich" auf Hefte, Ordner, Rücksäcke und Klowände, den schwarzen 3000er Edding stets griffbereit.
     Es wird Oktober. Das Thermometer zeigt 20 Grad unter null. Die öffentlichen Verkehrsmittel streiken, und ich kann nirgends hinfahren, geschweige denn laufen. Die Wochenenden sind unendlich lang. Ich sitze in der Falle; einer dunkelbraun möblierten Falle. In meiner Verzweiflung nehme ich mir das Oxford English Lexikon vor und fange bei A an:

abandon,
abandoned (ich),
ability,
able (nichts kann man tun, nichts!),
about,
above,
abroad (ich),
absence (of friends and family),
absent,
absolute (solitude),
absolutely,
absorb (these words),
abuse,
academic,
accent (trying to loose mine),
acceptable (NOT!),
accept (I won?t!),
access,
accident ⁠?

Ich lerne, lese und kommentiere, bis alle Wörter ununterscheidbar und die Kopfschmerzen unerträglich werden. Und Liegestütze! Liegestütze, bis meine Arme zitternd nachgeben, und ich schweratmend mit dem Gesicht voran in den widerlich stinkenden, abscheulich gemusterten Teppich falle.
     Zwischenzeitlich schalte ich den kleinen Fernseher ein und spreche die Dialoge der Sitcoms nach - ehrgeizige Bemühungen, meinen "german accent" auszumerzen. Fernsehschauen ⁠? Eine Beschäftigung, die Untätigkeit und stilles Sitzen mit sich bringt, und damit Traurigkeit sowie ein überdeutliches Bewusstsein meiner Einsamkeit und Hilflosigkeit.
     Im Versuch, diese unerwünschten Gefühle niederzubrennen und die Isolationshaft, in die ich da geraten bin, erträglicher zu machen, entfache ich kleine, wütende Feuer; sprinte hitzig zwischen Zimmer und Bad hin und her, springe an die Zimmerdecke, putsche mich tüchtig auf und bearbeite mein Kopfkissen mit Faustschlägen. Ich vermesse die Längen und Breiten des Zimmers in Fuß- und Handlängen, dusche mehrmals täglich brandheiß-eiskalt-brandheiß-eiskalt und rede mir ein, es ginge mir nur um Abhärtung und Stärkung der Abwehrkräfte.
     Leider fällt mir, nachdem ich mich mehrmals durch diesen Parcours gehetzt habe, doch wieder ein, dass, selbst WENN ich auf die Straße ginge, ich außer dem Supermarkt keine weitere Anlaufstelle hätte, und bei den gerade herrschenden Temperaturen jeder Fußmarsch länger als 15 Minuten ohnehin Selbstmord wäre.

Apropos Supermarkt. Da ich weder geübt, noch besonders gut darin bin, mich selbst zu versorgen, kaufe und ernähre ich mich fast ausschließlich von runden Brötchen mit Loch in der Mitte. Eine Tüte Kringelbrötchen (die Kanadier sagen "Bagels") deckt meinen Nahrungsmittelbedarf für mehrere Tage. Von wegen "der Mensch lebt nicht vom Brot allein" ⁠?
     Wenn im gelben Haus im braunen Zimmer die Vesperzeit anbricht, stelle ich mir vor, wie meine Ration Brot und Milch durch eine Luke geschoben wird, wie es milchig aus dem Blechbecher schwappt und das Kringelbrötchen aus der Tellermitte rutscht: Der Wärter hat das Tablett eine Idee zu fest mit dieser kleinen automatischen Bewegung aus dem Handgelenk, in die er all seine Verachtung für mich legt, geschubst. Bevor er zur nächsten Zelle weitergeht, spuckt er aus. Ich kenne das Geräusch.

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