Vorgeblättert

Leseprobe zu Leila Guerriero: Strange Fruit. Teil 3

14.04.2014.
Es ist Freitag. Aber das ist egal.
     Junge Frauen, die unterschiedliche Formen urbaner Un­gezwungenheit zur Schau tragen - Piercings, Baggy Pants, ein paar T-Shirts übereinander -, machen sich über den Labor­tischen zu schaffen. Wie von endlosen Gezeiten launisch angespült, verändern sich die Skelette - mehr oder weniger vollständig, mehr oder weniger glänzend - Woche für Woche.
     "Die sind wild durcheinander. Ich habe hier schon fünf Kiefer, fünf Individuen mindestens", meint Gabriela, während sie zwei Knochenteile zusammenfügt.
     So vergehen die Stunden: hinsehen und kleben und dann den komplementären Verletzungen, die von Schlägen oder Schüssen herrühren, nachgehen und dann noch die Bürokratie: die unendlich vielen Karteikarten, auf denen das alles verzeichnet wird.
     Mariana Selva - helläugig, die Nägel kurz und rot lackiert - bereitet einige Überreste fürs Röntgen vor: ein Schädel, der Kiefer.
     "Manchmal siehst du die Knochen eines Jungen von zwanzig Jahren mit neun Kugeln im Kopf und sagst dir, mein Gott, diese Brutalität. Aber du kannst es dir nicht leisten zu weinen und auch nicht über diese Tode nachdenken, weil du sonst nicht mehr zum Arbeiten kommst."
     Analía González Simonett trägt einen Nasenring und meistens einen Haarreif. Mariana und sie gehören zu den Neuankömmlingen.
     "Was ich immer schrecklich finde, ist das mit der Kleidung. Ein Grab ausheben und zu sehen, dass da noch die ­Bekleidung ist. Und die Rückgabe der Überreste an die Angehörigen. Wir hatten hier mal die Rückgabe an eine Mutter. Sie hatte zwei verschwundene Söhne, und beide sind von uns identifiziert worden. Wir brachten sie zu den Überresten des einen. Bevor wir die in eine Urne legen, breiten wir sie noch mal aus, auf einem Tisch wie diesem hier. 'Mein kleiner José', flüsterte sie und berührte die Knochen. 'Ach, José, das gefällt ihm …' Die Art, wie sie die Knochen berührte, war so sanft. Und plötzlich fragte sie: 'Darf ich ihn auf die Stirn küssen?'"
     Am 6. Januar 1990 wurden die Überreste Marcelo Gelmans öffentlich beigesetzt. Zuvor wollte die Mutter, Berta Schubaroff, sich allein verabschieden. Hinter verschlossenen Türen, im Büro des Teams, dreizehn Jahre nachdem sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte, küsste sie die Knochen ihrer Leibesfrucht.

Auf dem Schreibtisch von Miguel Nievas liegen ein Plastikschädel, der als Aschenbecher dient, ein Fingerabdruck, ein Modell der DNA-Doppelhelix, ein paar Bücher, Karten. Der Raum hat nur ein Fenster, zum Hof, und wenig Licht. Miguel Nievas ist gerade mal dreißig. Er stammt aus Rosario, einer Stadt im Hinterland, und er kam Ende der neunziger Jahre ins Team.
     "Ich habe in Rosario in der Gerichtsmedizin gearbeitet und einige Knochenreste untersucht, und ich brauchte Hilfe. Also rief ich hier an. Ich sprach mit Patricia, und sie fragte mich, ob ich mit den Knochen nach Buenos Aires kommen könnte. Und das tat ich dann. Ich habe anschließend bei ­bestimmten Sachen von Rosario aus mit ihnen zusammen­gearbeitet, bis sie mich im Jahr 2000 fragten, ob ich in den Kosovo gehen könnte. Ich sagte zu, obwohl ich in Wahrheit keine richtige Vorstellung davon hatte, wohin ich aufbrach. Als mein Flieger in Mazedonien landete und ich Panzer und Soldaten sah, dachte ich: 'Verdammt, wo bin ich hier eigentlich?' Ich sprach kein Wort Englisch, und im Leichenschauhaus nahmen wir jeden Tag vierzig, fünfzig Obduktionen vor. Wir mussten einen Kurs zum Thema Sprengstoff machen, aber da ich kein Englisch konnte, war das Einzige, was ich verstand, don't touch. Nach meiner Rückkehr habe ich hier weitergearbeitet. Ich bin an der Arbeit in Argentinien hängengeblieben. Wenn man anfängt, so einen Fall zu untersuchen, kennt man die betreffende Person am Ende, als sei man befreundet. Man braucht Abstand, weil wenn man sich die ganze Zeit damit beschäftigt, trägt man das am Ende körperlich aus. Jeder hat da sein eigenes Ding."
     "Und deins ist was?"
     "Schuppenflechte. Und dass ich mich seit Jahren an keinen Traum erinnern kann."

Patricia Bernardi sagt, dass sie an gewissen Berufskrankheiten leidet. Die offenkundigste: Sie achtet sehr genau auf Zähne.
     "Das fällt mir gar nicht auf. Ich rede mit jemandem und betrachte dessen Gebiss. Weil wir ja immer Sachen an den Zähnen feststellen. Und neulich kam unser Buchhalter mit seinem Röntgenbild vorbei, und ich meinte zu ihm: 'Pass auf, warum lässt du nicht für alle Fälle mal eins hier, nur für alle Fälle.'"
     Sie lacht. Aber sie lacht ja immer.
     "Ich konnte die Toten nie ertragen. Da kriege ich Panik. Wenn ich eine frische Leiche sezieren muss, sterbe ich. Aber Knochen machen mir nichts aus. Die Knochen sind trocken. Und schön. Ich finde es ganz angenehm, sie zu berühren. Ich fühle mich den Knochen nahe."
     Sie blättert in einem Fotoalbum.
     "Das hier ist der Sektor 134, in Avellaneda."
     Ein von Unkraut überwuchertes Areal. Dann lehmiger Boden. Dann offene Erde. Dann die Knochen. Und eine morsche Hütte, an der Kornblumen emporwachsen.
     "Das ist das Leichenschauhaus, in dem die dort arbeiten."
     Die.
     "Sie haben zur Straße hin einen Durchbruch gemacht, um die Leichen direkt reinbringen zu können. An der Tür des Leichenschauhauses hing ein Schild, auf dem stand 'Drinnen bitte nicht scheißen'. Als wir mit der Arbeit begannen, taten wir das nicht öffentlich. Wir fürchteten uns vor Öffentlichkeit. Es gab auf dem Kommissariat damals eine Sicherheitspolizei, die den Schlüssel hatte, um ihre Leichen direkt in das Grab zu werfen."
     Kurze Zeit später klingelt es, und Patricia läuft die Treppe hinunter, eine kleine Urne im Arm. In der Urne befinden sich die Überreste von María Teresa Cerviño, die im Mai 1976 erhängt von einer Brücke baumelte, um den Hals ein Schild - Ich war eine Montonera -, über dem Kopf ein Sack, Klebeband über Augen und Mund. Alle Indizien deuteten darauf hin, dass sie am Ende in dem Massengrab von Avellaneda gelandet war. 1988 begann der Strafprozess, und ihre Mutter berief das Team zu Sachverständigen, die die Überreste ihrer Tochter finden sollten. Während all der Jahre wusste Patricia, dass María Teresa Cerviño dort war, irgendwo unter all diesen Knochen.
     "Ich sagte mir: 'Ich weiß, dass sie hier ist, aber wo und welche Knochen?' Und vergangenes Jahr, neunzehn Jahre später, fanden wir sie."
     Es gibt solche Orte. Orte, an denen die Ernte sehr spät eingebracht wird.

Als Darío Olmo ins Team kam, 1985 und auf Patricia Ber­nardis Einladung, war er ein 28-jähriger Student der Archäologie und litt ziemlich an dem eintönigen Job, den er damals machte: Am Empfang einer Regierungsniederlassung nahm er Akten entgegen.
     "Den Alten, Snow, fand ich prima. Ich verstand kein Wort Englisch, aber wir verständigten uns in der Universalsprache des Trinkens. Diese Arbeit rettete mich. Ich trank damals recht viel, mein Job bestand darin, den Eingang von Akten zu vermerken, und ich war kein guter Student. Das hier war was ganz anderes. Eine Arbeit unter Freunden, und wir hatten gleich eine ganz eigene Beziehung, sehr ungewöhnlich. Eine Kollegin wurde krank, und Patricia hatte gerade Geld, weil sie ihre Wohnung verkauft hatte, und sie gab ihr alles. 'Gib es aus, so wie du's brauchst', meinte sie zu ihr. Das hier sind die Menschen, die ich am allerbesten kenne und die mich am ­allerbesten kennen. Im Guten wie im Schlechten. Die Arbeit macht mich nicht kaputt. Im Gegenteil. Sie ist das Interes­santeste, was mir in meinem ganzen Leben widerfahren ist. Wie kann denn ein Archäologiestudent wie ich den Kongo besser kennenlernen als mit so einer irren Arbeit wie dieser? Die Leute finden das schrecklich. Man erzählt denen, dass man durch die Gegend fährt und nur Massengräber, Leichenschauhäuser und Friedhöfe sieht, und den Leuten kommt das entsetzlich vor. Mir hingegen würde es schwerfallen, in einem zwei Quadratmeter großen Kiosk zu hocken und darauf zu warten, dass wer reinschaut und Bonbons kauft. Das einzig Üble an der Arbeit sind in Wahrheit die Journalisten. Ein Journalist ist jemand, der unbedarft zu einem Thema kommt und erst mal eine Art Intensivkurs machen muss und sich alles aufschreibt, wobei es natürlich schwer ist, diese ganze Komplexität wirklich zu erfassen. Mir wäre es lieber, sie würden sich ganz einfach nicht dafür interessieren."

Es ist Freitagabend, sieben Uhr, und in einem Hörsaal der Medizinischen Fakultät der Universität von Buenos Aires geben Sofía Egaña und Mariana Selva vor einer kleinen Gruppe von Studenten einen Kurs über Knochen im Allgemeinen und Verletzungen im Besonderen.
     "Der noch frische Knochen hat einen gewissen Feuchtigkeitsgehalt und reagiert auf eine Fraktur anders als ein trockener Knochen. Der Knochen bleibt noch über den Tod hinaus frisch. Dann wird dem Verlauf der Fraktur und deren Färbung nach eine Diagnose erstellt", sagt Mariana Selva, während sie Bilder von Knochen an die Wand wirft, gebrochen und trocken, gebrochen und feucht, gebrochen und weiß.
     "Die Spuren des Lebens finden sich in den Knochen", wird Sofía Egaña später sagen, über einem ausgebreiteten Skelett. "Sehen Sie die Arthrose-Stellen hier? Was sagt Ihnen dieser Kiefer? Berühren Sie den mal, nehmen Sie den mal in die Hand. Was bedeutet dieser Zahndurchbruch?"
     Als das Team sich bildete, gab es im Land die Forensische Anthropologie als Disziplin noch nicht. Sie lernten auf den Friedhöfen, indem sie Menschen ausgruben, die so alt waren wie sie selbst - und sich übergaben, als sie entdeckten, dass sie die gleichen Schuhe trugen -, und indem sie die grünlichen Schmauchspuren an den Innenseiten der Schädel lasen. Und dann brachten sie es sich gegenseitig bei, immer noch auf sich selbst gestellt. Jetzt teilen sie ihr Wissen großzügig. Sie streuen die Saat, die ihnen eingepflanzt wurde.

Der Tag ist grau. Patricia Bernardi greift zum Hörer, wählt eine Nummer, jemand geht ran.
     "Hallo, guten Tag, ich würde gern mit Frau X sprechen."
     "…"
     "Ja, guten Tag, hier spricht Patricia Bernardi von der Argentinischen Arbeitsgruppe für Forensische Medizin. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, womit wir uns beschäftigen."
     "…"
     "Gut, vielen Dank, tschüs."
     Patricia klingt sanft, und sie wirkt nicht verärgert, als sie auflegt - als man nicht mit ihr reden will. 2007, zum Todestag Ches, brachte sich die Medienmaschine in Stellung, und alle stürzten sich auf die Mitglieder des Teams, das im Auftrag der kubanischen Regierung dort gewesen war.
     "Manchmal fühle ich mich verpflichtet zu beteuern, dass es eine große Ehre war, an dieser Exhumierung teilzunehmen, aber es war alles sehr angespannt. Wir waren fünf Monate vor Ort, zogen dann ab und kamen wieder, als die Kubaner im Juli 1997 das Grab Ches entdeckt hatten. Sie riefen mich eines Samstags an. Ich kann mich nicht erinnern, ob es der kuba­nische Konsul oder der Botschafter war, jedenfalls meinte er: 'Wir haben Knochen gefunden.' Als wir eintrafen, herrschte vor Ort schon Gerangel darum, wer das beste Foto schießen durfte. Für mich gab es ein Vorher und ein Nachher, die entscheidende Episode war El Petén in Guatemala. 1982 richtete ein Armeekommando Hunderte von Anwohnern hin. Wir bargen 162 Körper. Die meisten davon Jungen unter zwölf Jahren. Und alle ohne Schusswunden, weil man sie, um Pa­tronen zu sparen, kopfüber in den Schacht geschmissen hatte. Irgendwann gewöhnt man sich an diese winzig kleinen Knochen, weil sie so niedlich sind, so schön und so vollkommen. Aber was einen dann wieder in die Wirklichkeit zurückholte, war das, was mit dabeilag."
     Was mit dabeilag.
     "Spielzeug."
     Im Gebäude nebenan ein Friseur und ein Enthaarungsstudio. Man kann sie von hier aus erkennen, tagein, tagaus, die Frauen mit den Plastikumhängen, ihre in Nylonnetze gewickelten Haare sehen aus wie feine Baiser. Aber das ist egal: Niemand hier beachtet sie.

Im Büro von Carlos Somigliana - Maco - liegen Unmengen an Zetteln herum, Kinderzeichnungen, wüste Stapel von Dingen, wie in einer winzigen Kajüte. Seit er zum Team gestoßen ist, im Jahr 1987, hat er sich dem Verknoten loser En­den verschrieben und den anderen beigebracht, das Gleiche zu tun: Angehörige befragen, Beweismittel sammeln, Informationen ordnen.
     "Während die staatliche Repression unbemerkt weiterging, konnte man aber bestimmte Veränderungen am Verwaltungsapparat feststellen. Das ist wie ein großes und ein kleines Rad. Man kann erkennen, was mit dem großen Rad passiert, indem man das kleine im Auge behält. Heute ist unsere Arbeit ziemlich dringlich, was sich früher ganz anders dargestellt hat, und das hat damit zu tun, dass die Menschen, die wir benachrichtigen können, allmählich sterben. Man kommt in eine Familie, um denen zu erzählen, dass man ­einen Angehörigen identifiziert hat, und dann heißt es: 'Tja, mein Vater ist vor einem Jahr gestorben.' Und wenn das häufiger passiert, sagt man sich eben: 'Ich muss mich ranhalten.'"
     "Könntest du mit dieser Arbeit auch einfach aufhören?"
     "Ja. Ich würde gern damit Schluss machen. Ich finde es wichtig zu glauben, dass ich darauf verzichten könnte. Diese Arbeit war für viele von uns ziemlich ungerecht, im Sinne verpasster Möglichkeiten im Leben."
     "Und hat die Arbeit dein Privatleben sehr beeinträchtigt?"
     "Ja."
     "Auf welche Weise?"
     "Auf eine Weise, die nicht veröffentlicht werden sollte."
     "Also gibt es schlimme Seiten."
     "Natürlich gibt es schlimme Seiten. Stell dir vor, du bist der Angehörige von einem Verschwundenen, du musstest lernen, mit diesem Verschwinden zu leben, hast es irgendwie angenommen und dich dreißig Jahre lang damit arrangiert. Hast dich daran gewöhnt. Und plötzlich taucht einer auf und sagt dir, nein, schau mal, es war alles ganz anders, als du dachtest, und außerdem haben wir die Überreste deines Sohnes oder deiner Tochter gefunden. Das ist eine gute Nachricht. Aber es geht einem auch verdammt an die Nieren. Das ist wie eine Operation, die ist zwar für was gut, aber es tut einem weh. Und du merkst, dass der Schmerz ziemlich heftig ist und was für eine Qual es bedeutet, in solchen Sachen rumzuwühlen. Aber es gibt nichts Gutes ohne was Schlechtes. Was zu dem verstörenden Umkehrschluss führt: Es gibt nichts Schlechtes ohne was Gutes."
     Irgendwo sagt eine Frauenstimme: "Mein Bruder verschwand am 5. Oktober '87", und dann schließt jemand behutsam eine Tür. ...


Auszug mit freundlicher Genehmigung des Ullstein Verlages
(Copyright Ullstein Verlag)

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