Vorgeblättert

Leseprobe zu Jean Rolin: Boulevard Ney.Teil 2

18.05.2009.
S. 126 ff

"Der Kollege, der aus dem achten Stock sprang", erzählt einer der städtischen Bediensteten, "prallte unten auf wie ein Schwamm." Dabei verblüfft ihn nicht so sehr, dass ode rauf welche Weise sich der Typ umgebracht hat, sondern dass er in den letzten Stunden vor seinem Sprung aus dem Fenster seinen Wagen von oben bis unten gewaschen hat. "Und außerdem", fügt er noch hinzu, "hat seine Frau keine Woche gewartet, um mit einem anderen zusammenzuziehen.
Jetzt profitiert der andere von dem blitzblank geputzten Wagen."

Die städtischen Bediensteten bei Gerard sind zu zweit, beide regelmäßige Besucher, und sie haben kleine Geschenke mitgebracht - Glühbirnen, Neonröhren -, die sie irgendwo abgeknapst haben. Der kleinere von beiden ist auch der gesprächigere, der größere, wortkarge, trägt eine Schildpattbrille. Der kleine ist Fachmann für Klempnerarbeiten, der große erledigt verschiedenerlei Wartungsarbeiten. Beide erwecken den Eindruck einer abgrundtiefen, aber mit einem bestimmten Humor getönten Verzweiflung, jenem volkstümlichen "Pariser" Humor, der bis auf Ausnahmen nur noch Geschichte ist. Ein wenig theatralisch könnte man ihre Rede als eine Prosopopöie der der "Arbeiterklasse" oder dessen, was von ihr noch übrig ist, bezeichnen, zumal sie tatsächlich wie auf der Bühne einen Dialog führen, bei dem der eine die angefangene Rede des anderen zu Ende führt. Dabei überlässt der kleinere das letzte Wort immer seinem größeren und weniger gesprächigen Kollegen, von dem er sagt, er "könnte auch Lehrer sein". Der lehnt den Ricard, den Gerard ihm anbietet, höflich, aber entschieden ab mit dem Hinweis, er stehe unter "Antidepressiva" - das Erstaunliche daran ist nicht die Tatsache selbst, sondern dass er es so unumwunden sagt. Für den anderen, den Klempner, ist das offenbar völlig normal: Der Anteil städtischer Bediensteter, die unter psychischen Störungen leiden, sei sehr hoch, betont er, eine Erscheinung, deren Ursachen seiner Meinung nach vielleicht in der Entwertung ihres Berufs liegt und auch darin, wie er eingesteht, dass sie immer weniger zu tun hätten, denn viele von ihnen hätten jetzt zu viel Zeit zum "Wiederkäuen", wie er wortwörtlich sagt (und dann stellt er noch klar: "wie die Kühe"). Diese Untätigkeit vor ihren Chefs zu verbergen ist eine anstrengende und nutzlose Energieverschwendung. Und wenn man trotzdem häufig beim Nichtstun überrascht wird oder aus irgendeinem anderen Grund die Vorgesetzten gegen sich aufbringt, schicken sie einen "zum Pariseraufsammeln in die Parks" mit einem Werkzeug, das nach der Beschreibung des depressiven Arbeiters dem Regenschirm des "Regenschirmmörders" ähneln muss. Derselbe erwähnt neben anderem Unrat auch einen Haufen Toilettenpapier, den er vom Dach einer Schule in der Rue Petit wegschaffen musste und in dem sich, wie er versichert, ein Fötus befand (nach reiflicher Überlegung glaube ich mich an ein Presseecho auf diesen Fund erinnern zu können). Kurz, das Leben der städtischen Bediensteten, die mit der Instandhaltung öffentlicher Gebäude betraut sind, kennt seine Freuden. Laut dem Depressiven, dessen Befinden man immer besser verstehen kann, ist das alles noch gar nichts im Vergleich zu anderen städtischen Diensten, bei denen er gearbeitet hat. Dann klettert er einige Stufen höher auf der Leiter des Lyrismus und erzählt von mit dem Stemmeisen gebrochenen Knien, als er beim Bestattungsdienst aushelfen musste: Anders hätten die zu großen Leichen nicht in die Särge der Standardgröße gepasst, die die Stadt für "Mittellose" zur Verfügung stellt. Wenn es darum geht, was mit mittellosen Bürgern ohne Angehörige nach ihrem Tod passiert, ist der Typ unschlagbar. Tatsächlich sind seinen Worten nach nicht einmal die ein wenig besser gestellten Toten vor bösen Überraschungen sicher, so seine Großmutter, die sich entschieden hatte, ihren Leichnam der Wissenschaft zu vermachen; Letztere berechnete der Familie Transportkosten von 3000 Francs.

"Allerdings", fügt der Depressive noch hinzu, "ist kaum noch etwas an ihr dran gewesen, eigentlich nur noch das Skelett ?"


Am Trottoir des Boulevard Macdonald steht in Höhe der Wiese, auf der manchmal die Zirkuspferde grasen, mit einem Mal eine nagelneue Bushaltestelle, als wäre sie gerade aus der Erde hervorgewachsen. An alles hat man gedacht, an den Papierkorb ebenso wie an die Werbeflächen, den Fahrplan und den Namen der Haltestelle, "La Clôture", der in schwarzen Buchstaben auf dem üblichen RATP-grünen Grund steht. Nur dass eine Bushaltestellean dieser fast unzugänglichen Stelle niemandem dient - würde die RATP neue Haltestellen schaffen, damit es die Nutten oder das Personal der Zirkusschule bequemer hätten, hätte sich das herumgesprochen - und dort im Übrigen kein Bus hält. Es handelt sich also um eine Attrappe, eine Filmkulisse. Das bestätigt der Aufbau eines perfekten Drehorts auf dem Grünstreifen an der Rue de la Clôture samt dem ganzen Aufmarsch von Filmtechnikern und den kilometerlangen Kabeln.

Seltsam: Was für ein Film könnte an der Rue de la Clôture gedreht werden? Wie zu erwarten war, eine Nuttengeschichte. So sehr symbolisieren nun dieser dreieckige Grünstreifen und die leicht abschüssige Böschung, an der Ginka Trifonowa tot aufgefunden wurde, die Prostitution und ihre Leiden: eine Art Mauer der Föderierten für die Mädchen aus dem Osten (und außerdem ist die Regisseurin Coline Serreau Stammgast der Zirkusschule).

Gerard und Roger sollen in einer Szene des Films mitspielen, die Szene spielt allerdings bei den Hallen: Zum fraglichen Zeitpunkt braucht es viel Geduld, um Gerard zu überzeugen, eine so weite Reise zu unternehmen, und am Drehort muss man sich erst recht gedulden, scheint es ihm doch um ein Vielfaches ratsamer zu sein, an der Theke des nächsten Cafes einen Ricard zu trinken. Gerard und Roger spielen zwei Clochards, eine Rolle, bei der sie nichts sagen
müssen: Für ihn selbst sei es eine "gespielte Rolle", da er nie gebettelt habe, wie Gerard betont, während es für seinen Bruder lediglich darum gehe, vor einer Kamera dasselbe zu mimen, was er ohnedies jeden Tag in der Rue Petit mache.

Die Ironie bei der ganzen Geschichte: Natürlich musste man zuerst die echten Nutten von ihrem Stammplatz vertreiben, damit die unechten sie dann spielen konnten. Das Mädchen, das in der Szene auf dem Grünstreifen die Hauptrolle spielt, ist eine hübsche Brünette, groß und mager, die genauso gekleidet ist wie die Mädchen aus dem Osten, daran ist nichts auszusetzen, aber sie spielt ein wenig mit der Ausdrucksweise aus dem Cours Florent - unabhängig davon, ob sie je einen Kurs an jener Schauspielschule besucht hat -, was den ganzen Unterschied ausmacht.

Besonders deutlich wird diese Diskrepanz bei der letzten, in der Rue de la Clôture gedrehten Szene. Zunächst hat sich die große Magere mehrmals am Stamm einer echten Platane hingekniet, um zwischen den Wurzeln nach einem kleinen Gegenstand zu suchen, der inmitten unechter Abfälle verborgen ist: Obwohl es dort zuhauf echte Nutten gibt, kommt es für die Dreharbeiten nicht in Frage, sie zu benutzen, sie könnten ja gefährlich sein. Kurz vor neun Uhr abends, als die Sonne untergeht und Wind aufkommt, der die Planen knallen und die Platanen säuseln lässt, sind alle Schauspielerinnen, die Prostituierte spielen, auf der Grünfläche versammelt; und ein wenig im Hintergrund stehen die Albanerinnen und warten gelassen, aber spöttisch lächelnd darauf, dass ihr Platz wieder frei wird, den Schauspielerinnen sehr ähnlich und zugleich Lichtjahre von ihnen entfernt.

Teil 3