Vorgeblättert

Leseprobe zu Georg Klein: Roman unserer Kindheit. Teil 1

01.03.2010.
Regentag

 Es regnet und regnet. Aber selbst, wenn es endlos regnen würde, könnte unsere weitherzige Mutter nicht alle Kinder lieben. Ein Dutzend mehr oder minder süßer Gören gibt es allein hier im dritten Aufgang. Jeweils zehn gehören in den zweiten und in den ersten des grünen Blocks. Und auch der vordere Wohnblock des Hofs bringt es auf dreißig Kinder. Wenn die Sonne scheint, drängeln sich im Betonquadrat des Sandkastens die wühlenden, die häufelnden, die Förmchen vollklopfenden Kleinen. Die Mädchen im Puppenalter haben dann ihre Decken unter der Robinie oder unter der Eberesche ausgebreitet, weil dies die größten Bäume des Hofs sind und durch ihr lichtes feinfingriges Laub den besten Schatten für die Trance des Mutter-Kind-Spiels spenden. Die Jungen und die wilderen Mädchen, die Bubenmädchen, turnen an den Wäschestangen oder unterwerfen sich den Regeln der sechs Ballspiele, die man in der Neuen Siedlung kennt. Elf große Bälle kommen zwischen dem gelben und dem grünen Block zum Einsatz. Acht sind aus Plastik, und jeder weiß, dass so ein leichtes, lausig dünnes Ding nur einmal gegen den Stacheldraht bei den Garagen fliegen muss, um kaputt zu sein. Zwei der größeren Knaben besitzen echte Fußbälle, die man mit gelbem Schuhfett einreibt und gegen deren Ledernähte eine verborgene Gummiblase drängt.

Dazu kommt noch der eine superschwere schwarze Gummiball. Er ist schon alt und weit gereist. Frau Böhm, die Mutter der Schicken Sybille, vermochte ihn als halbwüchsiges Mädchen in ihrer durch den Krieg unendlich fern gerückten Heimat bei einer besonderen Tanzgymnastik senkrecht so himmelhoch zu werfen, dass sie unter dem Steigen, Im-Totpunkt- Stehen und Stürzen drei Pirouetten drehen konnte, bevor er mit einem gehorsam, aber zugleich missgünstig dumpfen Schmatzen wieder in ihre Ellenbogenbeugen plumpste. Bis heute und auch in Zukunft ist die schwarze Kugel mit Vorsicht zu genießen. Beim Abwerfball schießen nicht nur den Mädchen die Tränen in die Augen, wenn sie den Böhm?schen Gummiball an den Kopf bekommen haben. Einem der Zwillinge wurde nach einem Wurf von Wolfskopf einmal derart gründlich finster vor Augen, dass seiner Erinnerung bereits das Niedersinken auf den Rasen fehlt. Deshalb lässt er sich ab und zu, am liebsten vom Älteren Bruder, schildern, wie es für die anderen aussieht, wenn man wie umgekegelt daliegt, mit zitternden Lidern, mit hellem Blut in einem Nasenloch und schaumiger Spucke auf den schlaffen Lippen.

Weil das Wetter nicht besser werden will, hat die Mutter den Kindern den großen Raum neben dem Fahrradkeller aufgeschlossen, obwohl sie deswegen wieder Ärger mit Herrn Krausser, dem neuen Hausmeister, bekommen wird. Der dumme Streber, wie ihn die Mutter vor den anderen Müttern nennt, hat sie erst kürzlich, erst im verregneten Juli, kategorisch darauf hingewiesen, dass Keller und Dachboden keine zum Spielen freigegebenen Bereiche seien und dies in jedem Mietvertrag unter Paragraph soundso Wort für Wort nachgelesen werden könne. Aber die Mutter kann an einem Regentag nicht alle Kinder gleichermaßen mögen. Wenn bloß Sybille und deren kleine Schwester zu ihren Söhnen kämen, wäre es ihr schon recht. Dann trüge sie bereitwillig die gelbgepunkteten Gläser voll mit verdünntem Himbeersirup und Wurstbrote ins winzige Kinderzimmer. Fünf Kinder sind an einem Regennachmittag noch auszuhalten, wenn sie auf dem Boden Karten spielen oder sich rund um ein Brettspiel lümmeln. Dann macht es nichts, wenn sie sich im Laufe der Regenstunden ein paarmal in die Haare kriegen, wenn Sybilles kleine Schwester losheult, weil sie immer noch nicht verlieren kann und leider immerzu verliert, obwohl der Ältere Bruder schummelt wie Gott, um sie wenigstens einmal zur strahlenden Gewinnerin zu machen. Sogar wenn fünf Piraten im Doppelstockbett der Zwillinge das Kapern eines Schiffes und das Niedermetzeln seiner Besatzung üben und dabei das Holz wie unter Schmerzen quarrt, ist die Mutter imstande weiterzubügeln, als könnte nichts passieren. Aber wer die Witzigen Zwillinge und unseren großen Bruder in die Welt gebracht hat, muss an einem Regentag wie diesem damit rechnen, dass nicht nur die Töchter von Frau Böhm an der Wohnungstür klingeln und etwas erzählt bekommen wollen.

Die Mutter weiß zu ihrem Glück nicht, wie viel an ihrem Tun und Lassen, an ihrem mütterlichen Entscheiden und Vermeiden für ihre neunmalklugen Söhne bereits durchschaubar ist. Unten im Keller, in der nach abgelaugtem Fichtenholz duftenden Luft der Waschküche, ahnen die Zwillinge und der Ältere Bruder sehr wohl, dass die Mutter oben seufzend noch einen Extralöffel Instantpulver auf den Grund des hohen, gerippten Glases rieseln lässt. Die größte Tasse ist ihr längst zu klein. Von morgens bis abends trinkt sie heißen, lauen, auch kalt gewordenen, aber immer starken Kaffee aus dem dickwandigen Saftglas, von dem es nur ein Exemplar im Schrank gibt und das die Brüder bloß als das Kaffeeglas der Mutter kennen. Sie nimmt nur wenig Zucker und gerade so viel Kondensmilch, dass die Schwärze sich in ein dunkles Braun verwandelt. Zwei Runden des Minutenzeigers auf der Küchenuhr wird sie jetzt solo sein, alleine mit dem Radio, allein mit dem amerikanischen Soldatensender und einer Sendung, die siebenmal in der Woche, immer zu dieser Stunde, ausschließlich Goldene Schallplatten aus drei Jahrzehnten spielt.

Die Schicke Sybille gautscht auf dem Böhm?schen Ball herum, ihr Kleid umhüllt die Kugel, verbirgt das matte Schwarz des Gummis, aber man kann ihn auf den Fliesenrillen quarren hören. Keiner der anderen fragt, wozu sie ihren Ball mit in die Waschküche genommen hat. Am großen Tisch vor dem Kellerfenster spielen die Zwillinge Tierquartett mit dem Wolfskopf und mit Sybilles Schwester. Der fehlt zu den bereits gesammelten drei dunklen Bären, den braven Allesfressern, nur noch der vierte Artverwandte, der schreckliche, der weiße, sie ahnt sogar, in wessen Hand der Räuber die Zähne fletscht, aber just, als sie ihn herauszupft, spürt sie, dass sie auch heute, in diesem Spiel nicht und in keinem der noch folgenden, als Erste ihre letzten vier Karten auf den bleichen Holztisch pfeffern darf, und die Zwillinge, die sie aus leidvoller Erfahrung kennen und noch besser kennenlernen werden, müssen gleich die ersten Wuttränchen in ihren Augenwinkeln glitzern sehen. Der Schniefer hat in einem Obstkistchen eine Auswahl aus seiner Autosammlung mitgebracht, die weißblonden Geschwister Fröhlich aus dem vorderen Block dürfen die eisenschweren Modelle brummelnd über den Boden schieben, dürfen sie sausen und kurven und rückwärtsrollen lassen, aber absolut keinen Unfall, nicht einmal den zartesten Zusammenstoß mit den makellosen Automobilchen simulieren.

Allein Sybille, die Älteste, kann sich wie durch einen seifig trüben Dampf an die Tage erinnern, als dieser Raum wie eigentlich geplant zum Wäschewaschen diente. Inzwischen ist ihre Mutter stolze Besitzerin einer Waschmaschine und einer separaten Wäscheschleuder. Frau Böhm muss also nicht mehr, wie sie es vorher lang genug machte und es nicht wenige der Frauen weiterhin tun, den vollen Korb auf dem Fahrradgepäckträger zum Waschsalon in den Kreuztöterweg hinüberschieben. Hier unten am riesigen kupfernen Bottich will keine Mutter mehr zugange sein. Nie mehr sollen Bettwäsche und vorgespülte Windeln in einer schaumgekrönten Lauge schwimmen. Kein einziges Scheit Holz wird auf dem schwarzglänzenden Rost unter dem Kessel in Flammen aufgehen. Etwas ist endgültig aus dem Zaumzeug der Zeit gerutscht und auf dem Weg zurückgeblieben. Wenn alle, die jetzt hier unten spielen, ihre Kinderzimmer für immer hinter sich gelassen haben, wird ein Altmetallhändler, der noch zurückliegenden Juli, am Ende seines vorletzten Hilfsschuljahrs, als bleichhäutiger Lümmel im türkisen Block ergebnislos vor seinen Rechenhausaufgaben saß, sämtliche Kessel auf den Wiesen vor den Kellereingängen, also fast noch an Ort und Stelle, mit dem Vorschlaghammer zu immer anders schiefen Platten klopfen und ein gutes Geschäft mit dem für einen pauschalen Spottpreis erworbenen Kupfer machen.

Sybille quietscht mit dem Ball. Sobald sie die Augen geschlossen hält, verdecken die langen schwarzen Wimpern, die sie von ihrer Mutter geerbt hat, die unteren Lider, die immer ein wenig angeschwollen wirken und ihr eines Tages, wenn sie sich bei geselligen Gelegenheiten gern beschwipst, den Ruf eintragen werden, sie trinke notorisch zu viel Alkohol. Unser großer Bruder rutscht auf der langen Holzbank zum Waschkessel hinüber, schiebt dessen riesigen, schwarzlackierten Blechdeckel ein Stück beiseite, um hineinzuschnuppern. Das Kupfer riecht. Und wenn die Luft so feucht wie heute ist, kann er das Edelmetall sogar seltsam laugig ganz hinten auf der Zunge schmecken. Die Kesselhöhlung ist tief genug, um seinem schneller gewordenen Schnaufen ein Echo anzuhängen. Das Schimmern, die orange Reinheit, die nackte Neuwertigkeit des Potts flößen ihm stärker noch als sonst ein Unbehagen ein, verraten ihm die Verfehltheit, das dingliche Verbittern des ganzen Raums, ohne dass er sagen könnte, wer sich hier worin geirrt oder womit verplant hat. Wie schon oft spürt er den heftigen Wunsch, in den Bottich hineinzuklettern. Aber er weiß, auch wenn sein Fuß wieder ganz heil sein wird, muss er diesem Verlangen widerstehen. Es wäre unklug, vielleicht sogar gefährlich, sich allzu innig mit dem rundum lautlos grollenden Kessel einzulassen. Der Ältere Bruder ahnt, das Kupfer hadert mit den Müttern, die es nun mit den elektrischen Maschinen halten. Wahrscheinlich lauert es bloß darauf, dass ihm eines der Kinder Gelegenheit zur Rache gibt.

Obwohl die Waschküche zum Keller gehört, hat sie ein großartiges Panoramafenster. Es ist doppelt so hoch wie die armseligen Luken der Kellerabteile und des Fahrradabstellraums, und es erstreckt sich über die ganze Breite des Raums. Wäre die Waschküche ein in die Erde gesunkener hohler Kopf, könnte man sagen, sie verfüge über eine Stirn aus Glas. Die Kinder haben alle drei Flügel geöffnet. Und während der Regen so dicht niedergeht wie noch nie in diesem gewitterreichen Sommer, schauen sie hinaus, hinüber zum hinteren, zum rosa Block. Sie sehen, dass sich das Wasser vor dem verstopften Gully des dritten Aufgangs staut, beobachten, wie Herr Wischmann, der Postbote, den Anfang der gewaltigen Lache umkurvt und sein Fahrrad dann doch durch deren tiefste Stelle steuern muss, um zu den Briefkästen zu gelangen. Als er wieder wegfährt, gerade als er auf einem der glattgewetzten Pedalgummis abrutscht, auftippen muss und bis zum Knöchel nass wird, hören sie das Tuckern. Schnell kommt es näher.

Am Abend wird der Schniefer seinem Vater, der alles zu kennen beansprucht, was von einem Explosionsmotor bewegt wird, beschreiben müssen, wie die Zugmaschine ausgesehen hat. Und weil dem Schniefer-Vater der senkrecht aufragende Auspuff, das wie der Schirm einer Mütze vorstehende Dach des Führerhäuschens und die fast gleiche Größe von Vorder- und Hinterrädern nicht ausreichen, um letzte Zweifel auszuräumen, wird er beide Hände auf den Bauch legen und mit einem tiefkehligen Blubbern das Geräusch imitieren, dem die Kinder nun ausgiebig lauschen dürfen, weil der Trecker vor dem dritten Aufgang stehen geblieben ist und sein einziger, aber dafür riesiger Motorkolben weiter im Leerlauf auf- und niederhämmert.

"Das ist ein Zirkus-Bulldog!", behauptet die Schicke Sybille und befiehlt den Fröhlich-Geschwistern, die ihre Anoraks dabeihaben, weil sie aus dem gelben Block herübergekommen sind, in den Regen hinauszurennen und aus der Nähe zu erkunden, was es mit der Zugmaschine auf sich hat. Sie sollen einfach den Mann ansprechen, der eben das hölzerne Treppchen von der Tür des Anhängers herunterkippen lässt. Der Fröhlich-Junge schlüpft schon in den zweiten Jackenärmel, als das Fröhlich-Mädchen plötzlich behauptet, dass solche Zirkusleute, wie der da draußen, kleine Kinder verschleppen würden. Die müssten dann beim Auf- und Abbauen des riesigen Zeltes schuften und lägen später gefesselt, geknebelt und angekettet in einem Wohnwagen, während sich rund um die Manege nichtsahnende andere Kinder, vielleicht sogar ihre nur durch Zufall noch nicht versklavten Brüder und Schwestern in der Vorstellung vergnügten.

Sybille haut ihr eine runter, damit sie zu spinnen aufhört. Aber es ist bereits zu spät. Die Fröhlich-Geschwister weinen um die Wette, wollen auf keinen Fall als Spürtrupp zum hinteren Block hinüber, sondern nur noch nach Hause. Schließlich lässt unsere Schicke Sybille sie ins Treppenhaus entwischen, obwohl sie doppelt so stark ist wie die beiden weizenblonden Schwächlinge zusammen. Den Fröhlich- Bruder hätte sie auch jetzt noch mit einem einfachen Armverdrehen oder mit ein bisschen Haareziehen in Nullkommanichts dazu gebracht, nach Trecker und Anhänger zu sehen. Aber dann hätte das feige Fröhlich-Mädchen alles ihrer Mutter vorgejammert, und die wäre schnurstracks herübergekommen, um bei den Böhms Sturm zu klingeln.

"Der Mann zieht ein!", erklärt Sybille, und keiner widerspricht ihr, denn alle sehen den Kerl mit dem grauen Kapuzen- Poncho bereits die zweite sperrige Holzkiste durch die Tür des Bauwagens hieven, den der Bulldog genau vor den Eingang gezogen hat, damit der Weg durch den Regen möglichst kurz ist. Dann holt der Fremde einen Tisch an die Tür, lädt ihn sich auf den Rücken und patscht damit durch die Pfütze. Alle können sich denken, dass der Kapuzenmann bis heute in diesem Wagen gewohnt hat, denn jeder sieht den kleinen Schornstein auf dem tonnenrunden Dach und den karierten Vorhang am winzigen, vergitterten Fenster. Und weil alle nach dem Tisch und den zwei Stühlen auch noch die Bretter, den Federrahmen und die drei Matratzen eines Bettes erwarten, ist jeder hochzufrieden, als genau diese Teile nacheinander durch den Türspalt manövriert und ins Haus getragen werden.

Mehr als die Möbel, mehr als den wadenlangen Poncho aus grauem, allmählich durch die Nässe schwarz werdendem Stoff, mehr als die riesigen, militärisch geschnürten Stiefel sieht nur der Ältere Bruder. Er sieht den kleinen abgerissenen Tannenzweig im Fenstergitter, die ausgerupfte Wurzel der Brombeerranke, die sich um die Deichsel schlingt, und wenn der Schleppende am Fuß des Treppchens vor dem Abdrehen kurz den Kopf hebt, ahnt er als Einziger, was es mit dem knochenweiß aufleuchtenden Fleck zwischen den weit vorstehenden Kapuzenkanten auf sich haben könnte. Sybille aber, die die ganze Zeit die kurzsichtigen Augen zu Schlitzen zusammengekniffen hat, erträgt das verschwommene Bild nicht länger. Sie springt auf, lässt Waschküchen- und Kellertür gegen ihre Rahmen knallen, ihre Sandalen patschen die nasse Treppe hoch, und schon sehen die anderen sie über den Wiesenstreifen zum rosa Block hinüberrennen.

Dort steht sie nur noch da. Die Beine gespreizt, die Fußspitzen nach innen eingedreht, so, wie sie sich auch hinstellt, wenn die Jungen beim Fußballspielen noch einen Torwart brauchen und sie zum Mittun überredet haben. Dann macht sie zwischen zwei in die Wiese gerammten Stöcken den letzten Mann. Und sie hält besser als jedes andere Mädchen, auch besser als der tollpatschige Fröhlich-Junge, schmeißt sich sogar dem immer mit Gebrüll heranstürmenden Wolfskopf wacker vor Ball und Beine. Jetzt klebt ihr der Rock milchig durchsichtig auf den dicken Knien. Und der Kapuzenkerl, der, eine Nachttischlampe in der Faust, auf die Schwelle des Bauwagens tritt, den er ein halbes Dutzend Jahre seine neue Heimat nennen durfte, sieht, wie der Schicken Sybille unseres Sommers die Pony-Fransen als glatte Kringel in die Stirn gedreht sind, wie ihr das Wasser durch die Augenbrauen in die langen Wimpern perlt.

Teil 2