Vorgeblättert

Leseprobe zu David Wagner: Mauer Park. Teil 1

30.09.2013.
Der einsamste Esser von Mitte

Wer einen ruhigen, durch und durch ungestörten Abend in einem riesigen Restaurant verbringen möchte, der sollte die Weltbühne, das leerste Lokal Berlins, besuchen. Er wird der einsamste Esser sein. Das leerste Lokal Berlins liegt in der Gormannstraße, hat eine sehr lange Bar, eine Klimaanlage, einen offenen Konzertflügel neben dem Tresen, eine Lounge mit Sesseln und ein Klavier im Speisesaal. Und einen Barmann, der jeden, der eintritt, euphorisch begrüßt. Der Gast hat die Wahl zwischen dreißig leeren Barhockern, leeren Stehtischen und leeren Ledersesseln. Keiner da, und doch brennt auf jedem Tisch eine Kerze.
     Für den Aperitif schneidet der Herr der leeren Weltbar, wie sie sich nennt, die erste Zitrone des Abends an. Später weist er dem Gast den Weg ins Restaurant Weltbühne, weiter hinten im Haus. Dort nimmt der Kellner dem Gast den Mantel ab und hängt ihn an die Garderobe, verzichtet jedoch darauf, eine Garderobenmarke auszuhändigen. Sein Mantel ist der einzige Mantel, alle anderen Bügel sind leer. Der Kellner sagt: "Bitte, suchen Sie sich doch einen Platz." Der Gast sagt: "Danke", und findet einen ohne jede Mühe. Alle Stühle, alle Bänke im Saal sind leer. Auf einem einzigen Tisch steht ein "Reserviert"-Schild. Es steht so da, daß es von draußen gelesen werden kann.
     Lokale in Mitte lassen sich viel einfallen, um Gäste anzulocken. In einem Restaurant Unter den Linden darf in der Herrentoilette auf Eiswürfel uriniert werden. Es gibt Bars mit Tresen aus Silber, andere mit Betten im Raum oder überlebensgroßen Bildern nackter Frauen an der Wand. Andere Orte wiederum warten mit halbprominenten Besitzern oder mobilen japanischen Nudelsuppenküchen auf, die mitten in einem großen Lokal ein Sub-Lokal eröffnen. Und damit alle Japaner der Stadt anlocken.
     Die Weltbühne - "Café, Bar und Restaurant", wie es auf der Streichholzpackung heißt - wollte wohl einfach durch Perfektion überzeugen. Vielleicht war es auch der Wunsch des Architekten, an ein großes Pariser Restaurant zu erinnern. Dunkles Holz, venezianische Lampen, Lederbezüge, direkte und indirekte Beleuchtung: gediegen und künstlich zugleich. Der Gestalter war auch Bühnenbildner, die Innenarchitektur hat Dramaturgie. Dieser Saal müßte laut und voll sein, denkt der einsame Gast. In der Stille, in die nur die Umwälzpumpe des leeren Aquariums hineinplätschert, vertreiben nur Rückblenden die Zeit. In einem Film müßte die Wahrnehmung des einsamsten Gasts von Mitte sich mit einer in Wirklichkeit leider fehlenden Geräuschsinfonie aus der Erinnerung füllen. Mit eingespieltem Frauenlachen, Silberbesteckklappern und dem Klirren voller Gläser.
     Der Kellner kommt mit der offenen Karte und sagt: "Die Penne und die frischen Cannelloni sind leider schon aus." Der Gast wundert sich über das Wort "schon", wendet den Kopf leicht nach links und sieht nur leere Tische, wendet den Kopf nach rechts und sieht auch dort nur freie Tische, die ihre weißen Tischdecken vielleicht auch, wie eingemottete Möbelstücke, als Staubschutztuch tragen. Und der Gast fragt nicht: "Haben Sie die Cannelloni ganz allein gegessen?"
     Die Peinlichkeit des Augenblicks kann der Kellner gekonnt überspielen. Ein inneres Grinsen - warum ist dieser Gast eigentlich so doof, gerade hier essen zu wollen - scheint er sich allerdings nicht verkneifen zu können. Der einsamste Gast muß denken, er sei in die Traumszenen eines Films von Buñuel geraten - dann aber passiert leider doch nichts mit dem Flügel. Und kein Fernando Rey will hier zu Abend essen. Nicht einmal Ameisen laufen dem Gast über die Hände.
     Der Kellner kommt wieder und bringt Crostini, drei sehr dünne, sehr harte Weißbrotscheiben. Die erste ist mit einem Klecks Pesto bestrichen, die zweite mit etwas, das wie gehackter Lachs aussieht. Die dritte verschwindet unter einem Häuflein Dosenthunfisch. Der einsamste Gast von Mitte traut sich nicht, die Gabe der Küche zu kosten.
     Durch die Musik und das Plätschern der Umwälzpumpe hindurch hört er ein Geräusch aus der Küche, das wie das Signal eines Mikrowellenherdes klingt. Der Kellner, der dem Gast nachschenkt, bringt die bestellten Ravioli. Die Ravioli mit Spinat und Ricotta sind sicher irgendwann "hausgemacht" worden, wie die Karte sagt. Nur mit Sicherheit nicht heute, denkt der einsamste Esser von Mitte und stochert auf seinem Teller. Der einsamste Esser stochert in seinen zähen Ravioli und hört Louis Armstrong singen, Louis Armstrong singt "Let's Do It (Let's Fall in Love)". Dreihundert leere Stühle hören zu. Perfektion in der Einrichtung kann auch Beklemmung erzeugen, denkt der Gast. Und stellt sich vor, draußen, in Mitte, sei ein Krieg ausgebrochen und die Weltbühne durch die Front abgeschnitten. Tatsächlich verläuft die Hauptkampflinie des Nachtlebens nur zwei- bis dreihundert Meter weiter südlich, um den Hackeschen Markt herum. Ein- oder zweimal nur tritt jemand, vielleicht sind es Späher, von der Straße in den offenen Hof. Und starrt, als sei der einsame Gast Teil einer Inszenierung, in den Saal. Der Späher wundert sich, erschrickt vielleicht, von der Leere betroffen, und zieht sich wieder zurück.
     Die Leere der Weltbühne hat nichts von der heimeligen, im Grunde sympathisch-verzweifelten Leere, die in den Gemälden Edward Hoppers herrscht. Für eine Hopper-Stimmung ist die Weltbühne viel zu groß. Und ein Stück zu ¬protzig. Ihre Beklemmung gleicht eher der eines Pharaonengrabs. Und der in seiner Konzentration und Professionalität nicht nachlassende Kellner einem lächelnden Grabwächter, der hier vor wer weiß wie vielen tausend Jahren mit begraben wurde. Vielleicht hat die Weltbühne deshalb, obwohl sie erst anderthalb Jahre Leere hinter sich hat, schon etwas Museales. Und so, wie Libeskinds Jüdisches Museum und seine "Voids" ohne Ausstellungsobjekte funktionieren, so funktionieren die Weltbühne und die ihr vorgelagerte Weltbar ohne Gäste. Im Gegenteil, zu viele Gäste würden die erhabene Installation bloß stören.
     Im Durchgang von der Weltbar zum Restaurant - gleich neben dem Abstieg in die Toilettenunterwelt, in der auch der Tisch, an dem ein Toilettenbetreuer sitzen könnte, verwaist ist - gibt es eine Zeitungs- und Zeitschriftenecke. Einst für alle wichtigen Zeitungen der Welt gedacht, und einst, das war zur Eröffnung, tatsächlich mit den wichtigen Zeitungen bestückt, liegen da heute die Gratisillustrierten "Feine Adressen in Berlin" und "Bärenstark - das Fachmagazin für Personalservice in Berlin". Auf der ersten Innenseite von "Bärenstark" grüßt der Geschäftsstellenleiter des Arbeitsamtes Reinickendorf. Der Mann an der Bar und der perfekte Kellner haben - wenn sie nicht gerade telefonieren oder, was allerdings nur ausnahmsweise vorkommt, einen Gast bedienen - genug Zeit, in den Fachmagazinen zu lesen.

                                                        *
Schon seit Jahren befindet sich an gleicher Stelle ein Dunkelrestaurant. Ein Dunkelrestaurant hat immerhin den Vorteil, daß der Gast nicht sieht, wie allein er ißt. - Und sonderbar, hätte mir damals, im Jahr 2001, jemand prophezeit, daß es nur ein paar Schritte weiter, auf der Torstraße (zu dieser Zeit eine ziemlich tote Straße), eines Tages etliche, fast immer gut besuchte Restaurants geben würde - ich hätte ihm nicht geglaubt. Wer hätte gedacht, daß gar nicht einsame Esser im Sommer in Trauben auf den Torstraßengehwegen sitzen und sich vom Verkehrslärm nicht stören lassen würden? Scheint so, als hätten die Steine nicht vergessen, daß hier schon einmal eine Vergnügungsmeile war mit vielen Amüsierlokalen, schon vor und wieder nach dem Ersten Weltkrieg.

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