Vorgeblättert

Leseprobe zu Alain Mabanckou: Black Bazar. Teil 3

25.01.2010.
I

Das bin doch nicht ich, der ein Loch in die Sozialversicherung frisst. Es war schon da, bevor ich herkam, sie redeten doch schon seit Jahrzehnten davon. Einige behaupten sogar, man könne einfach so auf der Straße hineinfallen, weil es keine Schilder gibt, die die Leute davor warnen, ich hatte mir also nichts vorzuwerfen, und zur Beruhigung sagte ich mir, dass diese Lochgeschichte nur das Argument einiger Oppositionspolitiker ist, die die Regierung an der Arbeit hindern wollen, damit deren Bilanz bei den Wahlen dann umso miserabler ausfällt…
     Und jetzt erklären diejenigen, die vor einer Woche im Fernsehen diskutiert haben, so wie die Dinge stünden, steuerten wir direkt auf "einen noch nie da gewesenen, fürchterlichen Kollaps" zu. Wegen denen fange ich noch an, mir ernsthaft Sorgen zu machen, vor allem, da sogar Roger-der-Franko-Ivorer verlauten lässt, dass auch ich zur Verschlimmerung der Lage beitrage, weil ich nur halbtags arbeite und meine Zeit an der Schreibmaschine verplempere…

Als ich diesen gut informierten Leuten zuhörte, die im Fernsehen diskutiert haben, glaubte ich zu verstehen, dass die Lage mehr als ernst ist, dass sie aussichtslos ist.
     Dass das Land die Schlacht und den ganzen Krieg verloren hat. Sie redeten von einem Defizit, von Misswirtschaft, von katastrophaler Führung und vielen anderen Dingen. Ich notierte dann und wann ein Wort auf die Pelforth-Etiketten der Bierflaschen, die ich am Vortag beim Araber an der Ecke gekauft hatte, ein netter Typ, der mir immer, wenn ich in den Laden trete, zuruft:
     "Der Westen hat uns zu lange mit Lügen abgespeist und mit Pestilenzen vollgepumpt … Weißt du, welcher schwarze Dichter den Mut hatte, das auszusprechen?"
Während der ganzen, sehr regen Diskussion starrte ich gebannt auf meinen Fernseher. Das war eine große Leistung für mich. Normalerweise schaue ich lieber Liebesfilme oder Sendungen an, die mir vorgaukeln, ich könne ein Auto mit Automatikschaltung gewinnen, wenn ich die Nummer unten auf dem Bildschirm wähle. Oh, davor mochte ich auch Sendungen, in denen Paare auf einer Insel in Südamerika ausgesetzt und zwölf Tage lang getrennt wurden, während derer sie rund um die Uhr den Versuchungen anderer Männer und anderer Frauen ausgesetzt waren. Damals, das stimmt, schaute ich mir jede Folge an, ich scherzte mit meiner Ex und forderte sie heraus, mit mir in dieses Abenteuer zu starten, weil die Paare anscheinend erst dort unten merken, dass ihre Liebe hält wie geleimt und gedübelt. Es ging nur darum, ob Mann und Frau am Schluss Arm in Arm nach Hause gehen oder sich die Namen von Paarhufern an den Kopf werfen und dann nie mehr ein Wort miteinander wechseln. Meine Freundin lachte nicht, als ich ihr das vorschlug, sie glaubte tatsächlich, dass ich nur davon träumte, die Blondinen, Brünetten und Rothaarigen flachzulegen, mit ihren saftigen Ärschen, die genauso sind wie bei den Frauen aus unserer Heimat, denn ich bin verrückt nach diesen Ärschen. Sie sagte, die Frauen im Fernsehen seien keine richtigen Frauen, das mache nur die Schminke, im Supermarkt und im Kaufhaus am Ende unserer Straße, wo sie einkaufe, habe sie solche noch nie gesehen. Außerdem war sie dagegen, weil es bei diesen auf der Insel ausgesetzten Männern und Frauen auch welche gebe, die vom ersten Tag an der fleischlichen Sünde verfielen, man sähe sie im Schwimmbad Unzucht treiben; andere hielten wenigstens eine kleine Karenzfrist ein, bevor sie das Verpasste nachholten und in allen Hainen dieses Paradieses herumrammelten. Ich gehörte ihrer Ansicht nach zur ersten Kategorie, derjenigen der eiligen Sünder, die gleich in den ersten dahergelaufenen Apfel bissen. Ich habe nur deshalb vor einiger Zeit aufgehört, mir diese Sendungen anzusehen, weil ich erfahren habe, dass das oft falsche Paare sind, die die Zuschauer mit Maniokmehl anschmieren. Ist das vielleicht eine Art, so etwas?

Dieses Mal schaute ich also etwas anderes, es war eine Diskussion, von der ich direkt betroffen war. Im Studio gingen sich die Gäste fast an die Gurgel. Sie wiederholten neunhundertfünfundzwanzig Mal die Wörter "Loch" und "Sozialversicherung". Es gab eine Reportage über eine Krankenversicherung und eine Apotheke. Wie per Zufall war alles in unserem Viertel gedreht worden, nur ein bisschen weiter hinten, in Richtung Rathaus. Die Männer und Frauen, die in der Reportage zu Wort kamen, kritisierten offen unser Sozialversicherungssystem, sie wussten nicht, dass irgendwo kleine Mikros und Kameras versteckt waren, damit sie nicht misstrauisch wurden, dass man sie in ganz Frankreich sehen würde, sogar in Monaco und auf Korsika. Sie erklärten, dass sie bei gewissen Arten des Missbrauchs beide Augen schließen würden, weil es ihnen am Arsch vorbeigehe und das Geld, das für die Erstattung von diesem und jenem zum Fenster rausgeschmissen werde, nicht aus ihren Taschen stamme…
     Am Ende der Sendung mussten sie wohl oder übel Lösungen präsentieren, aber man bekam nur Allgemeinplätze serviert. "Der Staat muss sich seiner Verantwortung stellen", wetterte ein Glatzkopf, der seine zwei letzten Haare aus dem Nacken über die wuchtige Stirn strich. "Es müssen umgehend drastische Maßnahmen ergriffen werden", sagte ein Mann, der schlecht rasiert war, wahrscheinlich mit der Enthaarungscreme seiner Frau. "Wir brauchen hic et nunc einen Marshallplan", warf ein Mann ein, der sowohl von der Seite als auch von vorn wie eine Flunder aussah. "Die Zügel müssen angezogen werden", forderte eine Frau mit einer Brille, die aussah wie ein Fahrrad aus der Besatzungszeit. "Wir müssen … wir müssen das Schei… Schei… Scheinverhalten der Sozialversicherten misst… misst… misstrauisch kokontrollieren und sie zu einer Änderung ihres Medi… kakamentenkonsums bringen. Und wir mü…mü… müssen die Sozialbetrüger radikakal ausrotten", antwortete ein Typ, der bei jedem Halbtakt ins Stottern geriet und kaum einen Satz zu Ende brachte. Der Schlusstrailer wurde eingeblendet, die Gesprächspartner lächelten und gaben einander die Hand, sie waren froh, sich so gut geschlagen zu haben.
     Ich wusste, dass auch mein Nachbar die Sendung gesehen hatte. Seinen Fernseher kann ich von meiner Wohnung aus hören. Was ich noch nicht wusste, war, dass er mich mit dieser Geschichte noch weiter nerven würde…


Mit freundlicher Genehmigung der Liebeskind Verlagsbuchhandlung


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