Vorgeblättert

Leseprobe zu Abbas Khider: Der falsche Inder, Teil 2

Rasul Hamid

Erinnerungen

»Es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.«
Gottfried Benn


1

Der falsche Inder

Als Kalif Al-Mansur im Jahr 762 auf der Suche nach Ruhe und Erholung durch die unendlichen Weiten des Orients zog, erblickte er plötzlich vor sich eine idyllisch an zwei Flüssen liegende Landschaft. Ohne zu zögern befahl er seinen Soldaten, um dieses Stück Land herum einen großen Graben auszuheben, mit Holz zu füllen und in der Abenddämmerung ein Feuer anzuzünden. Als es aufloderte, schaute er von einem nahe gelegenen Hügel herab und verkündete: »Hier soll meine Stadt errichtet werden.« Und er gab ihr den Namen Madinat-A?Salam - Stadt des Friedens, die man heute als Bagdad kennt. Seitdem erlebte die Stadt des Friedens keinen Frieden mehr.Wieder und wieder steht ein anderer Herrscher auf dem Hügel und schaut zu, wie sie brennt.
In diesem Feuer, in dieser Stadt bin ich geboren, und möglicherweise hat meine Haut deswegen diese Farbe, die an Kaffee erinnert. Ich wurde sozusagen wie ein Hammel gut über dem Feuer durchgegrillt. Die Gespenster des Feuers waren für mich ständig anwesend, denn mein ganzes Leben hindurch sah ich die Stadt immer wieder brennen. Ein Krieg umarmt den anderen, eine Katastrophe jagt die andere. Jedes Mal brannten Bagdad oder Himmel und Erde im ganzen Irak: 1980 bis 1988 im ersten Golfkrieg, 1988 bis 1989 im Krieg des Al-Baath-Regimes gegen die irakischen Kurden, im zweiten Golfkrieg 1991, im selben Jahr im irakischen Aufstand, 2003 im dritten Golfkrieg und jeweils dazwischen in Hunderten von kleinen Bränden, Kämpfen, Aufständen und Scharmützeln. Das Feuer ist das Schicksal dieses Landes, gegen das selbst die Wasser der beiden großen Flüsse Euphrat und Tigris machtlos sind.
Auch die Sonne Bagdads ist mit den Feuergespenstern befreundet. Im Sommer will sie nicht untergehen. Gewaltig wälzt sie sich durch Bagdad, als sei sie eine Kutsche aus Eisen und Feuer, zerreißt das Gesicht des Horizonts und schiebt sich ziellos durch die Straßen und Häuser. Möglicherweise ist diese unbarmherzige Sonne der Grund für mein verbranntes und staubiges Aussehen. Doch mein Geburtstag ist der 3. März und somit weit entfernt vom bis zu fünfzig Grad heißen Bagdader Sommer. Daher glaube ich, dass eher die Hitze der Küche die Schuld an meiner dunklen Farbe trägt. Wenn ich meiner Mutter - wie sie selbst immer behauptete - tatsächlich in der Küche aus dem Bauch gefallen sein sollte, muss ich wohl schon als Neugeborener viele Stunden dort verbracht haben, unmittelbar neben dem Gasherd, wo oft schwarze Bohnen und Auberginen gekocht wurden. Ich vermute auch, dass der Steinofen, in dem meine Mutter unser Brot buk, das Seinige dazu beigetragen hat. Wie gern schaute ich doch, als ich noch klein war, meiner Mutter dabei zu, wie sie das fertige Brot aus dem Ofen holte und die frischen Fladen in einen großen Teller aus Palmblättern warf, der neben ihren Füßen stand. Jedes Mal schlich ich mich wieder an das heiße Brot heran. Jedes Mal wieder verspürte ich den zwanghaften Drang es anzufassen, um gleich darauf loszuheulen, weil ich mir wieder die Finger verbrannt hatte. Und jedes Mal wieder blieb ich ganz nah an diesem faszinierenden Steinofenfeuer sitzen.
Somit habe ich mehrere mögliche Erklärungen für meine dunkle Hautfarbe: Das Feuer der Herrscher und die Bagdader Sonne, die Hitze der Küche und die Glut des Steinofens. Sie sind entscheidend dafür, dass ich mit brauner Haut, tiefschwarzen Haaren und dunklen Augen durchs Leben gehe.
Wenn aber wirklich diese vier Faktoren die Ursache für mein Äußeres darstellen, müssten dann nicht auch die meisten anderen Bewohner des Zweistromlands ähnlich aussehen? Bei vielen ist das auch so, aber ich sehe so anders aus, dass man an meiner irakischen Herkunft zweifelte. In Bagdad sprachen mich mehrere Male die Fahrkartenverkäufer im Bus auf Englisch an. Dann lachte ich meistens und antwortete in südirakischer Umgangssprache, woraufhin sie mich verdutzt anstarrten, als wäre ich ein Geist. Dasselbe widerfuhr mir hin und wieder bei Polizeikontrollen. Jedes Mal musste ich lange Listen von Fragen beantworten, Fragen wie: Was isst ein Iraker gern? Welche Kinderlieder singen die Iraker? Nennen Sie einige Namen der bekannten irakischen Stämme! Erst wenn ich alles richtig beantwortet hatte und meine irakische Herkunft als erwiesen angesehen wurde, durfte ich wieder meiner Wege gehen. Die Jungen meines Viertels riefen mich »Indianer«, weil ich aussah wie die Indianer in amerikanischen Cowboy-Filmen. In der Mittelschule nannten mich die Arabischlehrerin und meine Mitschüler den »Inder« oder »Amitabh Bachchan«, nach einem bekannten indischen Schauspieler, dem ich tatsächlich ein bisschen ähnlich sehe: ein langer, dünner, brauner Kerl.
Mein Vater war der Einzige, der eine völlig andere Erklärung für mein Aussehen parat hatte. Er behauptete etwas ganz Aufregendes. Eines Tages, ich muss ungefähr fünfzehn gewesen sein, nahm er mich beiseite: »Mein Sohn!«, sagte er, »deine richtige Mutter ist eine Zigeunerin. Deswegen siehst du auch nicht so aus wie deine Brüder!« Er erzählte nur wenig, aber soviel ich verstand, war er vor geraumer Zeit mit einer Zigeunerin zusammen gewesen. Es war nur eine Affäre. Sie hieß Selwa. »Sie war eine der schönsten Frauen der Welt!«, behauptete er stolz. »Wenn sich ein Schmetterling auf ihrem Körper niedergelassen hätte, wäre er auf Grund ihrer Schönheit verwelkt.« Die Geschichte begann in Bagdad, im Viertel Al-Kamaliya, das in der Nähe des unseren lag. Sie war eine Tänzerin und eine Frau der Nacht. Und mein Vater war ihr bester Kunde. Sie hatte ihn geliebt und wollte ein Kind von ihm, und sie bekam es. Mein Vater aber wollte nicht, dass eine Zigeunerin die Mutter eines seiner Kinder wäre. Also beschloss er zusammen mit den Männern unseres Stammes, sie und ihre ganze Familie aus unserem Bezirk zu vertreiben und ihr das Baby wegzunehmen. Gesagt, getan! Ich wurde in den Stamm aufgenommen und die Zigeuner wurden verjagt. Später ging das Gerücht, die Zigeunerin sei mit ihrer Sippe in den Nordirak gezogen, habe dann aber ihre Familie verlassen, um allein in die Türkei und weiter nach Griechenland auszuwandern. Sie habe dort in einem Tanzklub bei einem Ägypter gearbeitet, bis sie sich schließlich umbrachte. Meine Stiefmutter sprach nie darüber. Sie erzog mich, als ob ich ihr eigenes Kind gewesen wäre.
Das Lustige an dieser Geschichte aber ist, dass meine beiden Mütter denselben Namen tragen: Meine Zigeunermutter hieß Selwa und meine Nicht-Zigeunermutter heißt auch Selwa. Meine Nicht-Zigeuner-Selwa behauptete, mein Vater sei ein Lügner und ich ihr leibliches Kind. Einmal brachte sie sogar eine alte Dame zu uns nach Hause, die bezeugte, sie sei bei meiner Geburt dabei gewesen. Sie schwor bei allen Heiligen, ich sei tatsächlich von meiner Nicht-Zigeuner-Selwa in der Küche geboren worden. Die Zigeunergeschichte hörte ich nur von meinem Vater. Ich bin sogar einmal ins Al-Kamaliya-Viertel gegangen, das man auch das »Viertel der Huren und Zuhälter« nannte und in dem es tatsächlich jede Menge Freudenhäuser gab. Ich fragte dort nach der Zigeunerin Selwa und ihren Leuten, aber niemand hatte auch nur die leiseste Ahnung. Und darum bezweifle ich, dass an dieser Geschichte überhaupt etwas dran ist. Ich vermute, mein Vater wollte mich damit nur bestrafen, weil ich ihn nicht ausstehen konnte.
Aber ich empfand diese Geschichte gar nicht als Strafe. Wieso sollte ich? Was war denn schon Schlimmes an den Zigeunern? Schöne Frauen, voller Feuer und Leidenschaft, die von allen Männern begehrt werden. Früher, als ich noch ein Kind war, prügelten sich die Jungen darum, sie anschauen zu dürfen, wenn sie mit ihren spärlichen bunten Kleidern halbnackt auf Hochzeiten und Festen tanzten. Ich erinnere mich, wie alle Männer sie mit hungrigen, verklärten Augen verschlangen. Auch die männlichen Zigeuner waren so hübsch, dass sich die Männer unseres Viertels genötigt sahen, die Haustüren abzusperren, damit ihre Frauen die Zigeunermänner nicht anlächeln konnten. Ich glaube, immer, wenn die Zigeuner auf einer Hochzeit bei uns gewesen waren, schwelgten die Frauen unseres Viertels noch wochenlang in der Erinnerung an diese schwarzen Haare, die tiefen, großen Stieraugen, die harten Muskeln und braunen Körper, die unter dem gleißenden Scheinwerferlicht der Hochzeitsfeier vor Schweiß glänzten; und sie wünschten sich, sie des Nachts heimlich unter ihrer Bettdecke zu spüren, während sie mit den Händen diese unerfüllte Sehnsucht zu stillen suchten. Und bei den Männern wird es kaum anders gewesen sein, wenn sie an diese vor Temperament strotzenden Zigeunerfrauen dachten.
Ich war tatsächlich einer der schönsten Jungen unseres Viertels. Möglicherweise hatte ich meine Schönheit von meiner Zigeunermutter geerbt. Und möglicherweise auch meine Hautfarbe, meine langen, dunklen, lockigen Haare und meine großen schwarzen und sanften Augen. Schließlich liebte ich die Zigeuner und ihre Lieder. In meiner Hosentasche steckte sogar lange Zeit das Bild einer tanzenden Zigeunerin. Trotzdem entschied ich mich, meine Nicht-Zigeunermutter als meine »richtige Mutter« anzunehmen. Sie war mein Schutzengel. Mich liebte sie mehr als alle meine Geschwister, ihre leiblichen Kinder.
Die Frage, ob die Zigeuner tatsächlich aus Indien stammen, wie einige Wissenschaftler behaupten, interessierte mich schon immer brennend. Ich hoffte insgeheim, diese These sei wahr. Dann nämlich könnte ich mich selbst als indisch-irakischen Zigeuner aus der Taufe heben. Und Schluss mit den Existenzfragen! Wenn nicht, dann müsste es eine andere konkrete Beziehung zwischen mir und Indien geben, denn das Land hat mich pausenlos verfolgt und immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt.
Als die Schiiten nach dem zweiten Golfkrieg im März 1991 gegen das Regime revoltierten, behauptete die irakische Regierung in ihrer Presse, diese seien gar keine echten Iraker, sondern indische Einwanderer. Im achtzehnten Jahrhundert seien sie in den Irak gekommen und geblieben. Das Problem war, dass diese These von allen namhaften Historikern abgelehnt wurde, weil es keinerlei wissenschaftliche Hinweise dafür zu geben schien. Aber sie kannten ja auch mich nicht, den lebenden Beweis dafür, dass die Schiiten vielleicht doch aus Indien gekommen sein könnten.

Teil 3