Vorgeblättert

Kressmann Taylor: Bis zu jenem Tag, Teil 3

An jenem Abend verließ ich Magdeburg heimlich und gelangte in eine Nachbarstadt, wo ich wiederum bei Angehörigen der Bekenntniskirche Unterschlupf fand. Von dort aus begann auf verschlungenen Wegen eine sonderbare Reise von einem unbekannten Ort zum anderen. Ich verbarg mich in Scheunen und auf Dachböden und einmal in einem Herrenhaus, entkam einer Gestapo-Razzia um wenige Minuten, verirrte mich nachts und legte mich während der Stunden der Dunkelheit in ein Weizenfeld. Nach einer Weile begann es zu regnen, ich war bis auf die Haut durchnässt und zitterte vor Kälte, als ich schließlich im Morgengrauen einen Wegweiser sah, der mich auf den richtigen Weg zurückführte.
Endlich erreichte ich ein dunkles altes Haus in einem kleinen Grenzstädtchen, dessen Namen ich nicht nennen darf. Drei Tage später öffnete die rundliche alte Frau, die mich dort versteckte, lächelnd die Tür zu meiner Dachkammer und schob Rudolph herein. Er und sein Vater hatten diesen Ort ausgesucht, weil sie überzeugt waren, dass man von dort aus die Grenze am ehesten überqueren könnte. Jetzt brachte er mir meine Papiere und alle Informationen, die sie hatten beschaffen können: eine genaue Karte des Geländes unterhalb einer alten Mühle, über das ich versuchen sollte zu entkommen, die Stellen, an denen mit Posten zu rechnen war, die Zeiten ihrer Kontrollgänge und die Hindernisse, die ich überwinden musste. 
Er erklärte mir alles zweimal genauestens, dann stand er auf und ergriff meine Hand.
"Ich darf nicht zu lange hier bleiben", sagte er. "Das könnte gefährlich werden."
Wir standen da und schüttelten einander die Hand, doch war es sehr schwer, auf Wiedersehen zu sagen. Zu viele gemeinsame Erinnerungen verbanden uns. Künftig würde eine sehr hohe Schranke zwischen uns liegen.
"Sieh unbedingt zu, dass du dir eine dunkle Nacht aussuchst", flüsterte Rudolph ein drittes Mal. "Und zeigt dich keinem, bevor du die Grenze nicht mindestens acht Kilometer hinter dir gelassen hast."
Unsere Augen sagten einander Lebewohl.
"Wie soll ich dir nur dafür danken", brachte ich schließlich heraus. "Du darfst sicher sein, dass ich dir das nicht vergessen werde."
"Viel Glück", sagte er knapp. "Trotz allem, was vor dir liegt, wäre ich liebend gern an deiner Stelle." Er drückte mir die Hand noch einmal, dass die Knochen knackten, und wünschte mir erneut Glück. Dann wandte er sich um und ging. 
Den ganzen folgenden Tag verbrachte ich damit, die kleine Karte aufmerksam zu studieren, bis ich sie auswendig kannte. Als der Abend kam und Nieselregen einsetzte, verbrannte ich sie und machte mich bereit. Ich hoffte, dass die Nässe den Eifer der Posten dämpfen würde, und da es sehr dunkel war, bot mir die Nacht eine willkommene Deckung. 
Um Mitternacht tastete ich mich an kaum kenntlichen Landmarken entlang. Die Dunkelheit war so undurchdringlich, dass sie mich behinderte und ich mir äußerst unsicher war, ob ich die richtige Richtung einschlug. Aber niemand war zu sehen, und ich dankte dem Regen dafür. Auf dem Bauch glitt ich durch den Schlamm, lauschte mit angehaltenem Atem und hörte schließlich einen Wachposten in nicht besonders großer Entfernung vorübergehen. Meine Hand ertastete die Zweige eines niedrigen Busches, neben dem ich mich an den Boden drückte, während sich die Schritte gefährlich näherten. Ich lag reglos, während der Posten ohne anzuhalten nur einen oder zwei Meter entfernt von mir vorüberging. Im Lichtkegel einer Taschenlampe, der über den Boden tanzte, sah ich die Regentropfen, doch leuchtete er nicht in meine Richtung. Erst, als von den Schritten nichts mehr zu hören war, schob ich mich langsam wieder vorwärts. Ich kam an einen niedrigen Hügel, den ich nach der Karte zu erkennen glaubte, und auch ein Bächlein war dort, wo ich es zu erwarten hatte. Ich durchquerte es unter großen Schwierigkeiten, aber dankbar, da ich überzeugt war, dass die Richtung stimmte. Nasser, als ich war, konnte ich nicht mehr werden, Nach wenigen Minuten schob ich mich wieder auf festem Boden auf Händen und Füßen voran, wobei ich immer schneller wurde, mich aber nach wie vor bemühte, keinerlei Geräusch zu verursachen. Als nach langer Zeit immer noch kein Alarm aus dem Dunkel der Nacht ertönte, wagte ich es, mich aufzurichten. Während sich meine Augen fest auf ein erleuchtetes Fenster richteten, das ich in größerer Entfernung vor mir sah, schritt ich in der Dunkelheit kräftig voran. Ich war mir sicher, dass ich die Wachposten auf beiden Seiten der Grenze hinter mir hatte. Mein Herz schwoll vor Jubel an, als mir aufging, dass Deutschland und all die von Furcht verdunkelten Jahre hinter mir lagen.
(...)

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Hoffmann und Campe

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