Vorgeblättert

Kressmann Taylor: Bis zu jenem Tag, Teil 1

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Stundenlang saß ich da und versuchte mich an die unvorhergesehenen Veränderungen zu gewöhnen, die jener Tag in mein Dasein gebracht hatte. Während ich mir vergeblich den Kopf darüber zermarterte, was aus meinen Zukunftspläne werden würde, kam am frühen Abend Johann herein, um mir mitzuteilen, dass die Gestapo schon eine Stunde nach meiner Flucht eine Razzia im Pfarrhaus durchgeführt und Männer dort postiert habe, die mich festnehmen sollten, sobald ich auftauchte. Freunde seien bei meiner Mutter, um ihr beizustehen. Sie wisse, fuhr er fort, dass ich in Sicherheit sei, und lasse mir mitteilen, dass ich Deutschland unbedingt verlassen solle - darauf setze sie ihre ganze Hoffnung. Oberst Beck und Rudolph seien bereits dabei, einen Fluchtplan für mich auszuarbeiten. Der Bruderrat, dem mein Aufenthaltsort bekannt sei, werde in einem oder zwei Tagen, wenn sich die Aufregung ein wenig gelegt habe, dafür sorgen, dass ich an einen weniger gefährlichen Ort käme. 
Mir blieben also höchstens zwei Tage, um meine Angelegenheiten in Magdeburg zu regeln, denn ganz gleich, was geschah - unter keinen Umständen würde ich in die Stadt zurückkehren können, in der man mich kannte. Doch ich wollte Deutschland nicht verlassen. Immerhin wäre dann meine Mutter allein, ganz davon abgesehen, dass ich Erika nicht im Stich lassen durfte. Überdies musste ich meiner festen Überzeugung nach alles in meinen Kräften Stehende tun, um für meinen bedrohten Glauben zu kämpfen. 
Johann widersprach mir heftig, doch ich wollte mich einer so gewichtigen Verantwortung nicht einfach entziehen, um meine Haut zu retten.
"In diesem Land ist deine Zukunft keinen Pfifferling wert", fuhr er mich an. "Hier bist du nicht einmal deines Lebens sicher. Warum willst du unbedingt in die Höhle des Löwen zurück, nachdem es dir gelungen ist, ihr mit knapper Not zu entkommen?" 
"Schließlich hat sich mein Vater auch nicht einfach davongemacht und seine Arbeit im Stich gelassen, wie du es von mir verlangst."
"Er hatte immerhin so viel Weitblick, dass er dir geraten hat, Deutschland zu verlassen. Ich sage dir, falls du von hier aus im Untergrund arbeiten willst, kannst du ebensogut gleich die Gestapo anrufen und denen sagen, wo du dich jetzt aufhältst. Willst du denn mit aller Gewalt wieder festgenommen werden? Hat es dir im Konzentrationslager womöglich gefallen?"
"Na hör mal! Meine Angst vor den Nazi-Gefängnissen ist so groß wie eh und je. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich die heutige Nacht nicht in einer Zelle verbringe, sondern hier und in Freiheit. Aber es gibt Dinge, die man nicht einfach aufgeben darf. Solange ich hier von Nutzen sein kann, habe ich nicht das Recht davonzulaufen. So einfach ist das."
"Du bist ein Hornochse, und wir hätten dich dann für nichts und wieder nichts gerettet", knurrte Johann. "Aber es ist dein Leben. Von mir aus wirf es weg, wenn du unbedingt möchtest."
Ich lag bis spät in der Nacht wach, hörte, wie die Regentropfen vor dem Fenster auf das Dach prasselten, und spürte den bitteren Kelch der Flucht. Ich wusste, dass ich nie wieder unter dem Dach schlafen würde, das mich von Geburt an geschützt hatte. Ich hatte mit meinem eigenen Verhalten dafür gesorgt, dass es in meinem Heimatland keinen Ort gab, an dem ich mich aufhalten konnte. Ich sehnte mich nicht nach der Rolle des Märtyrers. Obwohl ich eine gesunde Angst vor der bestialischen Gewalttätigkeit empfand, die in den Konzentrationslagern herrschte, brachte ich es nicht über mich, einfach davonzugehen.
Am Spätnachmittag des nächsten Tages kam ein Besucher. Überrascht stand ich auf, als ich ihn eintreten sah. Ich kannte ihn gut, er war ein Mitglied des Bruderrates der Bekennenden Kirche. Er hatte nach einer Mitteilung meiner Mutter mit Oberst Beck gesprochen und war gekommen, mir zu raten, Deutschland zu verlassen. 
"Ich möchte nicht fortgehen, solange ich das Gefühl habe, dass ich noch etwas tun kann", sagte ich ihm.
"Genau darum geht es", gab er nüchtern zurück. "Ich sage nicht, dass Sie anders hätten predigen sollen, als Sie es getan haben. Ihr Vater stand mir sehr nahe, und sein Verlust ist für die Kirche unermesslich. Vielleicht ist es nötig, dass man den Menschen die Wahrheit unerschrocken vorträgt, aber jemand der so redet, wie Sie es getan haben, darf nicht glauben, weiterhin sprechen zu dürfen. Für den Kirchenkampf sind Sie nicht mehr von Nutzen."
"Wollen Sie damit etwa sagen, dass ich mich den Vorstellungen der Nazis entsprechend zurückhaltend und liebedienerisch hätte ausdrücken sollen, während mein Vater als Opfer ihrer Schläger tot dalag?", fragte ich ihn aufbrausend.
"Ich urteile nicht über Sie", sagte er freundlich, "sondern sage Ihnen lediglich, dass Sie alles getan haben, was Sie für uns tun konnten. Wir haben für Sie keine weitere Verwendung. Daher rate ich Ihnen dringend, sich zu retten, solange Sie die Möglichkeit dazu haben."
"Soll das heißen, dass es für mich an keinem Ort in Deutschland mehr etwas zu tun gibt?"
"Wir könnten Sie nirgendwo brauchen. Ihnen scheint nicht klar zu sein, wie gründlich Sie es sich mit den Herrschenden verdorben haben. Man würde Sie verhaften, sobald Sie sich irgendwo sehen ließen. Alles, was wir für Sie tun können, ist, Sie zu schützen und bei der Flucht aus dem Lande zu unterstützen, so weit uns das möglich ist." 
"Aber damit würde ich doch meinen Glauben verraten! Ich käme mir vor wie ein Deserteur, der mitten in der Schlacht die Flucht ergreift."
"Mein lieber junger Mann, Sie würden die Sache Ihres Glaubens nicht fördern, wenn Sie sich entschließen sollten, ins Gefängnis zu gehen. Sie haben sich für den Dienst an Gott entschieden, und dieser Dienst endet nicht an Deutschlands Grenzen. Ihre Mutter hofft, dass Sie nach Amerika gehen. Dort können Sie Geistlicher werden und die Wahrheit umso anschaulicher und nachdrücklicher sagen, weil Sie hier für das Recht gekämpft haben, sie auszusprechen. Gottes Wahrheit ist nicht bezwungen, sie steht fest gegen Gewalt und vorläufige Siege. Wer weiß, ob nicht einmal der Tag kommt, da Sie nach Deutschland zurückkehren und die Worte Christi ohne Furcht sprechen können, der Tag, an dem den Menschen dieser fremde Glaube im Munde bitter geworden ist und sie ihn ausspeien, um zu der älteren Quelle zurückzukehren, die hell und ungetrübt sprudelnd darauf wartet, dass die Menschen kommen, um aus ihr zu trinken."

Teil 2