Vorgeblättert

Joseph J. Ellis: Seine Exzellenz George Washington. Teil 1

08.08.2005.
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Erster im Krieg

Zu dem Zeitpunkt, als Washington das Kommando über die Armee übernahm, hätte er unter keinen Umständen wissen können, daß dies der längste erklärte Krieg der amerikanischen Geschichte werden würde. Als er Mount Vernon verließ, um nach Philadelphia zu reiten, war er 43 Jahre alt. Bei seiner Rückkehr nach Mount Vernon am Heiligabend 1783 war er 51 - nunmehr der berühmteste Mann der Welt. Er begann seine Odyssee in der Annahme, daß er einen Krieg für die amerikanische Unabhängigkeit führte - nicht mehr und nicht weniger. Er beendete sie mit der Einsicht, daß aus dem Unabhängigkeitskrieg die Amerikanische Revolution geworden war. Und das heißt, daß das Unternehmen, an dessen Spitze er stand, nicht nur zwei britische Armeen zerschmettert und das erste British Empire vernichtet hatte; es hatte auch eine politische Bewegung in Gang gesetzt, die auf Grundsätze verpflichtet war, welche die monarchischen und aristokratischen Dynastien der Alten Welt stürzen sollten.
     Die Amerikanische Revolution war das zentrale Ereignis in seinem Leben, die Feuerprobe für seine spätere Entwicklung zum bedeutenden Politiker und Nationalhelden. Und wenngleich eifrige Bürgerkriegsfachleute diesen Anspruch bestreiten könnten, war die Bewegung, an deren Spitze Washington sich gestellt sah, auch das folgenreichste Ereignis in der amerikanischen Geschichte, die Feuerprobe, in der die politische Persönlichkeit der Vereinigten Staaten Gestalt annahm. Tatsächlich geschah es, daß sich der Charakter des Mannes und der Charakter der Nation in einer Zeitspanne von acht Jahren gleichzeitig festigten und wuchsen. Washington konnte nicht vorhersehen, welches Ziel die Geschichte als nächstes ansteuerte. Von Anfang an war ihm jedoch klar, daß er und Amerika, welche Richtung auch immer die Geschichte einschlug, den Weg gemeinsam gehen würden.
     Mit nur wenigen Ausnahmen - zu nennen sind seine Verhandlungen mit dem Kontinentalkongreß und sein kurzer Aufenthalt in Mount Vernon auf dem Weg nach Yorktown im Herbst 1781 - verbrachte Washington den gesamten Krieg im Felde bei der Kontinentalarmee. Er war durchaus kein militärisches Genie, und er verlor mehr Schlachten, als er gewann; ja, er verlor mehr Schlachten als irgendein siegreicher General in der neueren Geschichte. Überdies waren seine Niederlagen häufig ein Ergebnis seiner übermäßig selbstgewissen und aggressiven Persönlichkeit, besonders in den frühen Phasen des Krieges, als er nur deshalb mit heiler Haut davonkam, weil die britischen Generäle, denen er gegenüberstand, an der Art von Vorsicht zu ersticken schienen, die sich Washington angesichts der ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen als Strategie hätte zu eigen machen sollen. Doch abgesehen davon, daß er Glück mit seinen Gegnern hatte, war er mit persönlichen Qualitäten gesegnet, die in einem langwierigen Krieg am meisten zählten. Er war gefaßt und unermüdlich, und er vermochte aus seinen Fehlern zu lernen. Er war davon überzeugt, daß er auf der Seite des Schicksals stehe - oder, in hochmütigen Momenten, sicher, daß das Schicksal auf seiner Seite sei. Selbst seine Kritiker räumten ein, daß er sich nicht bestechen, korrumpieren oder kompromittieren ließ. Betrachtet man seine Tapferkeit in mehreren Schlachten, so war er anscheinend der Meinung, er könne nicht fallen. Trotz all seiner Fehler schienen sich die Ereignisse seinen Instinkten anzubequemen. Er begann den Krieg bei der Belagerung Bostons in der festen Absicht, den regulären britischen Soldaten, die disziplinierter und kampferprobter waren, einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Als er den Krieg mit der Belagerung von Yorktown beendete, hatte er genau dies getan.
     Ein Vorfall aus der letzten Phase des Krieges liefert einen Hinweis auf den Wandel in seinem Charakter, den die intensive Erfahrung herbeigeführt hatte, so lange als singuläre Verkörperung des Engagements für die amerikanische Sache zu dienen. Im Jahre 1781 berichtete Lund Washington, ein britisches Kriegsschiff sei auf dem Potomac in der Nähe von Mount Vernon vor Anker gegangen, vermutlich mit dem Befehl, Washingtons Gut zu verwüsten. Als der britische Kapitän versicherte, daß er keine feindseligen Absichten hege, schickte ihm Lund zum Zeichen seiner Dankbarkeit für seine bewundernswerte Zurückhaltung eine Bootsladung Lebensmittel. Als Washington von diesem Vorfall erfuhr, schalt er Lund: "Es wäre für mich ein weniger schmerzliches Ereignis gewesen, wenn ich erfahren hätte, daß sie, wenn du ihrer Aufforderung nicht Folge geleistet hättest, mein Haus niedergebrannt und die Plantage in Schutt und Asche gelegt hätten." Das Gut, auf dessen Errichtung er so lange Zeit verwendet hatte, verblaßte jetzt im Vergleich zu dem Ruf, den er sich als oberstes Symbol der amerikanischen Unabhängigkeit erworben hatte. Lund Washington schützte die Interessen des fuchsjagenden virginischen Gutsherrn, der in den Krieg gezogen war. Doch dieser Mann war, wie sich Washington zu erklären bemühte, zu etwas anderem herangewachsen.

Vorahnungen in Cambridge

Die Geschichte der Belagerung Bostons läßt sich in einem einzigen Satz wiedergeben: Washingtons provisorische Armee hielt über 10.000 britische Soldaten mehr als neun Monate lang in der Stadt eingekesselt, und dann segelten die Briten nach Halifax davon. Der Konflikt, weniger eine Schlacht als ein Marathon-Match im gegenseitigen Belauern, ließ die anomalen politischen Verhältnisse zutage treten, die der Kontinentalkongreß geschaffen hatte. Er war bereit gewesen, einen Krieg in Gang zu setzen, obgleich er erst ein volles Jahr später soweit war, die amerikanische Unabhängigkeit zu erklären. Obwohl Washington später behauptete, er habe im Frühherbst 1775 gewußt, daß Georg III. entschlossen war, keine politische, sondern eine militärische Lösung der imperialen Krise anzustreben, schloß er sich der weitverbreiteten Fiktion an, daß die britische Garnison in Boston "Ministerialsoldaten" beherberge, und das hieß, daß sie nicht so sehr die Wünsche des Königs repräsentierten als vielmehr die Politik böser und irregeleiteter Minister. Und obgleich er schließlich seine Frustration über die gemäßigte Fraktion des Kontinentalkongresses äußerte, die sich "immer noch von der erlesenen Speise der Versöhnung nährte", erkannte Washington gleichfalls an, daß die radikale Fraktion unter der Führung von John Adams alle diplomatischen Alternativen ausschöpfen und geduldig darauf warten mußte, daß sich die öffentliche Meinung außerhalb von Neuengland den neuen Gedanken der amerikanischen Unabhängigkeit zu eigen machte.
     Wenn aber die Belagerung Bostons mehr ein anomales Vorspiel war als das Hauptereignis, dann war sie auch Washingtons Debüt als Oberbefehlshaber. Hier stand er erstmals vor den logistischen Herausforderungen, mit denen er im Laufe der nachfolgenden Kriegsjahre konfrontiert sein sollte. Er begegnete vielen von den Männern, die dann während des Krieges seinen Generalstab bildeten. Und hier demonstrierte er sowohl die strategischen Instinkte als auch die Führungsqualitäten, die ihn bis zum ruhmreichen Ende tragen und bisweilen in die Irre führen sollten. Das Feldlager von Cambridge war also ein Vorgeschmack turbulenter künftiger Attraktionen.
     Ereignisse von bleibender Bedeutung spielten sich ab, bevor Washington in Cambridge eingetroffen war. Am 17. Juni 1775 unternahmen etwa 2.200 britische Soldaten drei Frontalangriffe auf Milizeinheiten aus Neuengland, die sich auf Breed?s Hill verschanzt hatten. Dieser Kampf, später fälschlich als die Schlacht von Bunker Hill bezeichnet, war ein taktischer Sieg für die Briten, aber das um den entsetzlichen Preis von mehr als eintausend Gefallenen, fast der Hälfte der Angreifer. Als die Nachricht von der Schlacht in London eintraf, bemerkten mehrere britische Offiziere sarkastisch, es bedürfe nur noch einiger derartiger Siege, dann wäre die gesamte britische Armee vernichtet. Auf der amerikanischen Seite betrachtete man Bunker Hill als großen moralischen Triumph, der die Lehren von Lexington und Concord bekräftigte; daß nämlich Freiwillige in Milizeinheiten, die für eine Sache kämpften, der sie sich aus freien Stücken verschrieben hatten, disziplinierte britische Söldner besiegen konnten. In mehreren Zeitungsartikeln wurde ein Zusammenhang zwischen der Niederlage Braddocks am Monongahela und Bunker Hill hergestellt, der darauf zu deuten schien, daß eben der Mann, der einst die Rotröcke gerettet hatte, nun begeisterte amerikanische Amateure zu einem schnellen und leichten Sieg führen konnte, indem er ihre überlegene Tugend gegen schwerfällige Berufssoldaten mobilisierte.
     Hier konvergierten zwei verführerische Illusionen. Die erste bestand in dem Glauben, den beide Seiten zu Beginn der meisten Kriege immer wieder hegen, daß es sich nämlich um einen kurzen Konflikt handeln werde. Die zweite Illusion, die dann zum zentralen Mythos der amerikanischen Militärgeschichte wurde, besagte, daß freiwillige Angehörige einer Miliz, die für ein Prinzip kämpfen, bessere Soldaten abgeben als ausgebildete Berufssoldaten. Washington war gegen die erstgenannte Illusion nicht völlig immun, wenngleich seine Auffassung von einem raschen amerikanischen Sieg davon abhing, daß Kommandeur Gages Nachfolger, General William Howe, gewillt war, seine Truppe in Wiederholung des Szenarios von Bunker Hill in eine Entscheidungsschlacht vor Boston zu schicken, was die Minister des Königs dann dazu veranlassen würde, akzeptable Friedensbedingungen vorzuschlagen. Weder Howe noch das britische Kabinett waren bereit, auf dieser Basis zu kooperieren, und da die einzig akzeptablen Friedensbedingungen auf amerikanischer Seite -Unabhängigkeit von der Autorität des britischen Parlaments - in diesem Stadium auf britischer Seite kein Verhandlungsgegenstand waren, hatte selbst Washingtons schmale Hoffnung keine realistische Basis.
     Gegen die zweite Illusion, der zufolge eine Miliz von Natur aus überlegen sei, war Washington durch und durch gefeit. Basierend auf seinen früheren Erfahrungen als Kommandeur des virginischen Regiments, verstärkt durch das, was er Tag für Tag in seinem Feldlager in Cambridge miterlebte, gelangte er zu der Überzeugung, daß eine Armee von kurzfristig dienenden Freiwilligen den Krieg nicht gewinnen konnte, so sehr diese der gemeinsamen Sache ergeben sein mochten. "Wenn man von rohen und undisziplinierten Rekruten denselben Einsatz erwartet wie von altgedienten Soldaten", erklärte er, "dann heißt das, etwas zu erwarten, das nie geschehen ist und vielleicht nie geschehen wird." Seine Überzeugungen in diesem Punkt vertieften und verfestigten sich im Laufe der Jahre nur noch, aber von Anfang an war er der Ansicht, daß Milizen nur periphere Ergänzungen des harten Kerns darstellten, den eine Berufsarmee disziplinierter Soldaten bilden mußte, die sich ebenso wie er für die Dauer des Krieges verpflichteten. Sein Vorbild war tatsächlich die britische Armee. Das war natürlich reichlich ironisch, denn die Ablehnung eines stehenden Heers war in den Vorkriegsjahren eine bedeutende Quelle kolonialer Proteste gewesen. Leuten gegenüber, die darauf beharrten, eine Milizarmee sei besser mit revolutionären Grundsätzen vereinbar, äußerte sich Washington mit brutaler Offenheit: Diese Grundsätze können nur dann gedeihen, behauptete er, wenn man den Krieg gewinne, und das ließe sich nur mit einer Armee regulärer Soldaten bewerkstelligen.
     Auf seinem Weg nach Cambridge kam es noch zu einer weiteren bedeutsamen Entwicklung, die weniger ins Auge fiel als die Schlacht von Bunker Hill, aber dafür weitreichendere Folgen hatte. Sowohl die gesetzgebende Versammlung von New York als auch die von Massachusetts schrieben Glückwunschbriefe, die an "Seine Exzellenz " gerichtet waren, und das wurde schon bald seine offizielle Bezeichnung für den Rest des Krieges. "Seine Exzellenz" ist zwar nicht ganz dasselbe wie "Seine Majestät", aber im Sommer und Herbst 1775, während Delegierte des Kontinentalkongresses noch bemüht waren, an der Fiktion festzuhalten, daß Georg III. nach wie vor ein Freund der amerikanischen Freiheit sei, ersetzten Dichter und Balladenschreiber bereits den britischen George durch eine amerikanische Version gleichen Namens.

Teil 2