Vorgeblättert

Jorge Edwards: Der Ursprung der Welt. Teil 1

21.02.2005.
I
Man ist nirgendwo, wenn man überall ist. (Seneca)


Angefangen hat alles am Montag oder Dienstag Vergangener Woche, vor dem Bild. Es begann mit einem plötzlichen Gedanken, einer Frage. Eigentlich war es nur ein Scherz gewesen, aber seit letzten Montag nacht, als wir die Leiche fanden, hatte dieser Scherz, den ich nicht vergessen hatte, eine beunruhigende, weniger leichte Färbung bekommen. Eine dunklere, wenn man so will.

"Weißt du was?", hatte ich Silvia leise gefragt, nachdem ich das Bild im großen Saal mit den Courbets ein paar Minuten lang angesehen hatte.
"Was?"

"Es sieht dir ähnlich."

"Du bist verrückt!", rief Silvia aus, rot wie ein Schulmädchen und wütender als ich es vorhergesehen hatte, und sie schaute sich um, denn spanische Touristen waren immer da, vor allem um diese Jahreszeit, mitten im Sommer.

"Das ist deine guatita", erklärte ich ihr irritiert und mußte innerlich lachen, die Spanier hatten diesen chilenischen Ausdruck bestimmt nicht verstanden, "dieselben kräftigen, wohlgeformten Schenkel, sogar dieselben Haare, dieselbe ?"

"Du Schwein!" rief Silvia, immer noch erzürnt, aus. "Halt den Mund!" Und dann trat sie den
Rückzug an, mitten durch den Saal, direkt auf die Ausgangstür zu, an den Bronzetieren vorbei, die
in jahrelanger Arbeit unter den Hammerschlägen der Bildhauer entstanden waren und die Eßzim-mer unserer Großmütter zierten. Nachdenkliche Hunde, Wildschweine in Angriffsstellung, schlaftrunkene Löwen.

"Felipe Diaz", machte ich weiter, als hätte ich keine andere Wahl, "hat ein Faible dafür, seine Geliebten nackt, in obszönen Posen zu fotografieren."

"Woher willst du das wissen?", fragte sie, wieder ruhiger, zumindest dem Blick ihrer Augen nach zu urteilen, doch der anfängliche Ärger war keineswegs verflogen.

"Alfredo hat es mir erzählt, er ist ein wahrer Experte, was Felipes Geschichten angeht."

"Eigenartig", murmelte Silvia nachdenklich. "Es ist schon vier Sonntage, einen ganzen Monat her, daß Felipe nicht mehr bei uns zu Mittag gegessen hat und er gibt kein Lebenszeichen von sich."

"Wir sollten ihn anrufen", sagte ich.

"Ich habe ihn schon ein paar Mal angerufen", sagte Silvia. "Ich habe ihm eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, aber er ruft einfach nicht zurück. Es wird ihm doch nichts passiert sein?"

Es ärgerte mich, daß Silvia ihn angerufen hatte, ohne mir etwas davon zu sagen, obwohl es dafür gar keinen Grund gab, es sei denn, ich hätte damals schon den Verdacht gehabt. Ich wurde nachdenklich. Ich hätte es nicht zu erklären vermocht, nicht einmal mir selbst, aber es mußte mit dem Bild zu tun haben. In jener Nacht bat ich sie, dieselbe Pose einzunehmen, sie sollte sich nackt auf den Rücken legen, die kräftigen Schenkel gespreizt, das Gesicht vom Laken bedeckt. Ich zog sogar eine Reproduktion des Bildes aus der Tasche meines Pyjamas, ich hatte sie extra eingesteckt, was im Strafrecht ein Indiz für Absicht, ja Heimtücke, ist und betrachtete sie eingehend.

Die Stellung mußte so getreu wie möglich sein!

"Ich weiß nicht, was dich gebissen hat!" rief sie aus.

"Das kann doch nicht schaden", erwiderte ich, "jetzt, in unserem, oder besser gesagt, in meinem Alter ?"

"S'il te plait!" zischte sie.

"? ein bißchen erotische Stimulation ? Außerdem könnte ich dich fotografieren. A la Felipe Diaz ?"

Sie, die ihr Gesicht bedeckt hatte, stieß einen durch das Laken erstickten, unentzifferbaren Schrei mit dem Echo der Jugend, dem Hof der Nonnenschule, aus.

"Oder wäre es dir lieber, Felipe Diaz würde dich selbst fotografieren ??"

"Laß mich bitte schlafen", flehte Silvia. "Ich bin todmüde."

Am Tag darauf antwortete Felipe Diaz auf Silvias Nachrichten, um vier Uhr nachmittags, zur Zeit der Siesta, die uns heilig war, was er genau wußte. Er hinterließ eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, und als Silvia später zurückrief, war er schon wieder abgetaucht. Es machte den Eindruck, als wollte er uns bewußt aus dem Weg gehen, und ich muß gestehen, ich war verärgert, beleidigt. Ich habe Silvia nichts davon gesagt, um kein Öl ins Feuer zu gießen, denn ich ahnte schon seit längerer Zeit, und dafür brauchte ich die Episode von Montag nacht nicht, daß die Angelegenheit für sie heikler war als für mich. Bedeutend heikler.

"Zumindest lebt er", seufzte Silvia, und ich sagte dasselbe, wenn auch in einem anderen Tonfall: "Zumindest lebt er."

Er lebte, aber ich hatte so eine Ahnung, die die andere überlagerte und die in mir ein Gefühl von Bestürzung und tiefer Angst auslöste, als würde sie all meine Schemata, meine grundlegendsten Gewißheiten einreißen: er würde nicht mehr lange leben. Eine zutreffende Ahnung, wie sich wenige Tage später herausstellen sollte. Felipe war keine fünfzig mehr, er ging stramm auf die sechzig zu. Menschen, die wie Felipe leben, sterben früh, dachte ich, er lebte bereits auf Pump. Aber vielleicht dachte ich das, muß ich gestehen, aus Berufsblindheit. Wir Ärzte glauben, die Regeln der Medizin seien zu etwas nützlich und ihre Übertretung würde immer von irgendeinem dunklen, uns bestimmten Gott bestraft werden. Jedes Mal, wenn wir jemanden treffen, der von diesen Regeln ausgenommen scheint, der sich unseren Prognosen widersetzt, jemand, der etwa wie ein Loch säuft und dessen Leber in einwandfreiem Zustand ist, der zu fett ißt und nicht dick wird, tun wir so, als ob wir uns freuen, wegen seiner Stärke, wegen seiner beneidenswerten Gesundheit, aber im Grunde genommen sind wir verärgert, wir fühlen uns mutwillig und ungerechterweise Lügen gestraft. Unsere vernünftigen Ratschläge, unsere Aufrufe zur Achtsamkeit mit ihrem unheilverkündenden Ton bekommen einen lächerlichen Klang. Warum soll man sich das Leben vermiesen, nur um die Haut zu retten!

Ich war also von einer berufsmäßigen und vielleicht auch ideologischen Deformation beeinflußt. Denn ich war mein ganzes Leben, zumindest mein Leben als erwerbstätiger Erwachsener, Sklave einer extremen Form von Rationalität, eines umfassenden, totalen und totalisierenden Gedanken- und Verhaltenssystems. Ich glaubte, mich im Alter davon befreit zu haben, aber das dogmatische Monster meldete sich immer dann zu Wort, wenn man am wenigsten damit rechnete, und schlug in meinem armen Kopf mit dem Schwanz. Nun, Felipe tauchte plötzlich wieder auf, er kam aus der Tiefe seines persönlichen Chaos, aus dem scheinbar, wirklich nur scheinbar ruhigen Delirium wieder an die Oberfläche, und mir war schon in den ersten Sekunden klar, daß er ein anderer war. In den Tagen, an denen wir uns nicht gesehen hatten, hatte er in den Abgrund, in die Hölle geblickt, und mit einem Bein war er schon dort.

Das Treffen mit Felipe ereignete sich am Freitagmorgen vergangener Woche, einer Hochsommerwoche voller Zeichen, Prophezeiungen und vieler anderer, noch ungeahnter Dinge, die mit unserem auf den ersten Blick unschuldigen Ausflug zu dem Bild von Gustave Courbet angefangen hatte, dem man den pompösen und zugleich ironischen Namen Der Ursprung der Welt gegeben hatte, wer weiß, ob er vom Künstler selbst stammte, und das nach mehr als einem Jahrhundert im verborgenen jetzt ausgestellt wurde. Es geschah vor dem Dôme, an der Ecke der Rue Delambre und dem Boulevard de Montparnasse, um die sich bekanntlich viele Mythen ran-ken, südamerikanische natürlich, aber auch metaphysische.

"Wie ist es dir ergangen, Felipe?" fragte ich ihn und dachte sofort, daß meine Frage indiskret, brüsk war, denn seine Gesichtsfarbe, die Augenringe, der ausweichende Blick, der überhaupt nicht zu ihm paßte, und das offenkundige Zittern der Hände, der Lippen, verrieten, daß es ihm nicht gut ging, dies-mal war es etwas Ernstes, vielleicht sehr Ernstes. Bis zu diesem Morgen war Felipe trotz seiner häufigen Saufgelage der ewige Sieger gewesen, der Mann, der sich in der ewig jammernden Welt nie beklagte, der am weitesten von jeder Depression entfernte Mensch, den ich in meinem Leben, dem beruflichen und dem anderen, kennengelernt hatte, und ihn plötzlich so blaß, niedergeschlagen, zitternd und mit scheuem Blick zu sehen, und das bei vollem Tageslicht, versetzte mich in Alarmbereitschaft. Vielleicht läßt mein Gedächtnis, der Puls, die Sehkraft und das Gehör allmählich nach, ganz zu schweigen von der Kraft der Beine, die einst auf den Fußballfeldern von Iquique und Santiago de Extremadura berühmt waren, aber mit meinen etwas über siebzig Jahren habe ich immer noch meine nicht minder berühmte Diagnosefähigkeit.

Er sagte, es ginge ihm gut, wie man das in solchen Fällen immer tut, und dann schlug er plötzlich einen anderen Ton an, als hätte er begriffen, daß er mich nicht täuschen konnte (oder konnte er mich täuschen, posthume Frage, und hatte er, hatten sie mich jahrelang getäuscht?), faßte mich am Arm und fügte noch etwas hinzu.

"Weißt du, Patito", sagte er, (den chilenischen Diminutiv von Patricio, meinem Namen, verwendend), "es ist Zeit abzutreten, ich lese Seneca, um mich zu trösten, aber ganz aufgegeben habe ich noch nicht, warum soll ich dir etwas vormachen, schlafen kann ich nach wie vor nicht ?"

"Und die tägliche Whiskyration", fragte ich ihn, "wie steht es mit der?"

"Ziemlich hoch", gestand er, mit dem Gesichtsausdruck von jemandem, der sich etwas eingesteht und genau weiß, ihm fehlt die Kraft, etwas daran zu ändern.

"Ziemlich hoch!"

Teil 2