Vorgeblättert

Eric Rohmer: Elisabeth, Teil 2

09.12.2003.
"Wohin willst du denn?"
"Keine Ahnung. Schwimmen zum Beispiel. Es ist derart heiß. Keine Lust?"
"Und du?"
"Nein. Ich dachte an dich. Du hast doch gesagt, dass du dich ein wenig . . . schlaff fühlst." Er grinste.
"Und du glaubst, das könnte mich wieder entschlaffen?
Sehr charmant!"
"Du hast ja Recht. Wir machen heute nur noch, was uns Spaß macht. Es war nur wegen . . ."
". . . den Robys?"
"Wegen Bernard. Er hat mich heute früh gefragt, ob ich mitkomme. Aber du hast Recht, das ist nicht wichtig." 
"Hast du ihm abgesagt?"
"Ich glaube schon."
Sie lachte.
"Du wirst doch wohl wissen, was du ihm gesagt hast?"
"Ich habe ihm gesagt, dass ich wahrscheinlich nicht mitkomme. Aber ich weiß nicht, ob er jetzt denkt, dass ich mich noch nicht entschieden habe oder dass ich nur aus Höflichkeit nicht sofort abgesagt habe."
"Und?"
"Nichts und. Kann gut sein, dass er hier vorbeikommt, um uns abzuholen. Aber wir können immer noch absagen. Oder zusagen. Da fällt mir ein: Ich muss dir noch was erzählen - jetzt wo das geklärt ist. Es geht heute den ganzen Morgen um Bernard. Ich habe dir, glaube ich, erzählt, dass die Robys, zumindest Bernard und Claire, nach Dieppe fahren wollen. Der Doktor und Frau Roby bleiben hier, aber es fährt noch jemand mit dem Auto hin. Und zwar Herr Naulet mit seinen Kindern. Verstehst du, was ich meine? Ich hatte das Gefühl, Bernard legt Wert auf unsere Gesellschaft.
Schwer zu sagen, warum. Irgendwas steckt dahinter. Eigentlich kann uns das natürlich egal sein. Oder würdest du gern mitfahren?"
"Oh nein, überhaupt nicht", sagte Irene,"was sollen wir unter all den Kindern."
"Ich dachte nur. Vielleicht hast du ja Lust, Percy für eine Weile zu verlassen? Für mich ist das was anderes. Aber du? Vielleicht willst du ja mal . . . kann doch sein, dass du dich hier langweilst."
"Wie kannst du so etwas sagen, Michel! Du redest manchmal. Und wenn?s nur das wäre! Kein Mensch weiß, was du eigentlich denkst. Dabei weißt du genau, dass ich mit allem einverstanden bin, was du gerne machst, nur . . . Siehst du. Du bringst mich noch dazu, dummes Zeug zu sagen." Sie legte ihre Hand auf seine Schulter und küsste ihn.     
"Was hast du denn?", wandte er ein."Letztes Jahr war unser Ausflug doch sehr schön. Wir haben es jedenfalls nicht bereut. Natürlich ist die Situation dieses Jahr anders. Aber das ist doch kein Argument. Hier können wir uns nach wie vor nicht frei bewegen, selbst jetzt noch nicht. Im Grunde genommen ist alles beim Alten geblieben: Solange wir nicht offiziell verheiratet sind, ändert sich nichts."
"Ja, das stimmt", sagte Irene.
      Sie ließ ihre Hand fallen. "Aber du musst zugeben, dass du die Dinge manchmal komplizierter machst, als sie sind. Aber gut: Wir haben ja noch Zeit, über die Sache nachzudenken. Wann wollen sie fahren?" 
"Samstag."
"Heute haben wir Mittwoch."
"Wir könnten drei, vier Tage da bleiben. Ich wäre danach noch ein, zwei Tage hier."
"Eben", sagte sie."Klingt nicht sehr verlockend. Lass uns das später entscheiden. Gehen wir runter?"
"Na gut", sagte Michel."Behältst du dein blaues Kleid an?"
"Wieso? Gefällt es dir nicht?"
"Ich kann nicht behaupten, dass es mir gefällt, aber das wollte ich gar nicht sagen. Du meintest vorhin, dir sei zu heiß."
"Heiß? Im Garten ist es doch nicht heiß. Und außerdem ist das Kleid nicht wärmer als irgendein anderes. Aber ich zieh mich um, wenn du möchtest. Bitte, kein Problem."
      Er rieb den Kleiderstoff zwischen den Fingern, ließ ihn aber gleich wieder los.
"Nein, schon gut. Ist wirklich komisch - das hat jetzt nichts mit deinem Kleid zu tun. Ich dachte gerade daran, als es um Bernard ging: Ich bin jetzt schon drei Tage hier und wir haben noch überhaupt nichts unternommen."
     "Was wolltest du denn unternehmen?"
"Nichts Spezielles." Er lachte."Eben deshalb dachte ich ja an diese Reise. Ist doch keine schlechte Idee, oder?"
"Erst dann hättest du den Eindruck, etwas zu unternehmen?"
"Nein, aber . . . Es stimmt schon. In gewisser Hinsicht ist es hier zwar sehr schön, aber bisher haben wir jedes Mal etwas zusammen unternommen. Wenn ich abgereist bin, hatte ich immer etwas, woran ich mich besonders erinnern konnte. Das hat mir gefallen. Diesmal habe ich den Eindruck, dass alles miteinander verschmilzt. Das liegt vielleicht an der Hitze. Ich fand es immer schon furchtbar, wenn es so heiß ist."
"Was soll?s", sagte Irene."Bald musst du nicht mehr weg, zumindest fast nicht mehr."
"Ja, stimmt: fast nie mehr", sagte er."Du hast Recht."
Er zog sie an sich, ohne sie zu küssen. Durch ihre Haare hindurch spürte sie, wie sich seine Wange beim Sprechen bewegte.
"Immerhin noch drei Monate! An manchen Abenden in der Woche kann ich vorbeikommen, so weit ist es ja nicht. Und Tellier wollte mich nach Portugal schicken!"
"Nach Portugal?"
"Ja. Nach Portugal. Ich habe dir doch erzählt, dass unsere Firma dort Quecksilber abbaut. Am Samstagmorgen kam er damit an, kurz bevor ich gefahren bin."
"Und du sollst da hin?"
"Ja. Aber nicht für lange. Ein dreimonatiges Praktikum -eine seiner typischen Ideen. Er meint, ich könnte auch ein oder zwei Jahre dort bleiben. Allerdings müsste ich sofort nach Portugal fahren, und es ist ja klar, dass wir nicht zusammen dahin können. Außerdem habe ich auch keine Lust." 
"Und wie sieht er das?"
"Na ja. Er wollte unbedingt, dass ich hingehe. Er findet niemanden."
Michel ließ sie los und lehnte sich mit dem Rücken an dieWand. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar."Das ist einer . . . !"
"Hast du ihm von mir erzählt?"
Er lächelte.
"Ja. Ich musste ihm das ja irgendwann mal sagen. Hat ihn nicht groß beeindruckt: 'Drei Monate? Das ist doch genau die richtige Wartezeit', hat er gemeint."
"Das hat er gesagt?"
"Wenn man ihn kennt, überrascht das nicht weiter. 'Ihr wollt in drei Monaten heiraten? Dann ist das doch genau das Richtige für euch.' Das ist einer, sag ich dir."      
"Na ja", sagte Irene,"eigentlich geht es ihn ja nichts an... Aber andererseits . . ."
"Andererseits was?"
"Du musst dich mit ihm ja nicht streiten. Wenn es nun mal nicht anders geht, kann man eben nichts machen. Drei Monate mehr oder weniger . . ."
Er sah sie an.
"Meinst du das im Ernst?"
"Ja. Wir müssen ja deshalb nicht . . ."
Er fasste sie um die Taille und drückte sie aufs Bett.
"Es gibt Augenblicke, da könnte ich dich . . . umbringen."
Er kniete über ihr.
"Umbringen", wiederholte er lachend.
Sie brachte ihn dazu, sich wieder hinzusetzen, und küsste ihn.
"Komm mal einen Augenblick ans Fenster", sagte er.
"Sollen wir nicht langsam runtergehen?"
"Schon, aber nicht jetzt. Ich habe noch keine Lust. Ich quäl dich lieber noch ein wenig."
"Bitte. Tu dir keinen Zwang an. Quäl mich, wie du magst."
Durch den schmalen Raum zwischen Tisch und Schrankspiegel ließ er sie an sich vorbeigehen. Irene zog die orangenen Stoffrouleaus halb nach oben. Sie lehnten sich auf die schmale eiserne Querstange vor dem Fenster und sahen auf den Gartenweg hinunter, der schon im Schatten des Hauses lag. Die betonierten Treppenstufen, die zur hinteren Terrasse führten, leuchteten im Sonnenlicht. Es tat weh hinzusehen.
"Da unten werden wir gebraten", sagte Irene.
"Nicht mehr als hier. Schlimmer geht?s nicht. Aber du hast Recht", sagte er, indem er sich aufrichtete,"wir hätten früher runtergehen sollen."
Sie ließ das Rouleau wieder herunter, schloss das Fenster und eilte hinter ihm die Treppe hinunter.

                                                        3
Sie sahen Claire und Schwarz hinterher, die durchs hohe Gras davongingen. Claire schob den Träger ihres Badeanzugs hoch, der von der Schulter gerutscht war, drehte sich zu Schwarz um und sagte etwas, über das sie selbst lachen musste. Schwarz hob den Arm, als wolle er auf einen Punkt vor ihnen hinweisen und beschrieb mit der Hand einen Kreis über ihren Kopf hinweg.
"Jetzt mach schon", sagte Bernard.
"Nur mit der Ruhe", sagte Moulet.
"Beeil dich. Wir gehen flussaufwärts."
"Ich folge dir einfach. Auf welcher Seite gehen wir?"
"Erst müssen wir noch mal hoch zum Auto, Claires Tasche wegbringen", sagte Bernard. "Dann kann ich auch meine Mütze holen."
"Deine was? Die blaue? Kannst du mir die leihen? Die steht dir doch sowieso nicht. Deine Haare sind viel zu kurz."
"Meinetwegen", sagte Bernard."Hast wohl vor, wen anzubaggern, was?"
Er gab Moulet einen Klaps auf den Rücken.
"He, du Idiot", maulte Moulet.
Bernard fasste Moulet am Ärmel und zog ihn weiter.
"Beeil dich. Ich warte oben auf dich."
Bernard rannte zum Auto und warf die Tasche durch das offene Fenster.
"Die Mütze ist hinten. Ich komm nicht dran", rief er. 
Moulet schlenderte heran."Dann eben nicht. Du musst jetzt nicht . . ."
"Oh, doch", sagte Bernard. Er streckte seine Hand durchs Fenster, nahm den Autoschlüssel aus Claires Tasche und öffnete die hintere Wagentür.
"Also. Wenn du sie haben willst."
Moulet nahm die Mütze.
"Steht die mir überhaupt?"
"Hm. Ich will ja nichts sagen . . . Aber na ja. Du siehst nicht ganz so bescheuert aus wie sonst. Das ist doch schon mal was."
"Du bist wirklich ein Idiot", sagte Moulet.
Bernard schlug die Tür zu, verstaute den Schlüssel und legte die Tasche ins Auto zurück.
"Gehen wir?"
"Yes, Sir. Über die Brücke?"
"Nicht nötig. Wir können hier am Ufer bleiben und den Fluss weiter oben überqueren."
Sie kletterten wieder die Uferböschung hinab, an dünnen Pappeln und Weiden vorbei.
"Nun sieh dir das an", sagte Moulet.
Sie sahen gerade noch, wie Claire und Schwarz unter der Brücke verschwanden. Claires blonde Haare tauchten in den Schatten ein, dann kamen sie, von der Sonne angestrahlt, auf der anderen Seite der Brücke wieder zum Vorschein und verschwanden schließlich ganz hinter den Blättern der Ufervegetation. "Geht ja ganz schön ran, dein Cousinchen", sagte Moulet.
"Was?", fragte Bernard.
"Ich sagte, sieht ziemlich vertraulich aus, zwischen ihr und Schwarzie."
"Sieh ihn dir doch an! Und erzähl keinen Blödsinn."
"Der ist vielleicht ein Idiot. Aber nicht schlimmer als andere."
"Sieh ihn dir doch an", wiederholte Bernard.
"Eifersüchtig?"
"Quatsch."

Teil 3