Vorgeblättert

Dmitrij Prigow: Lebt in Moskau!, Teil 2

Das war der Grund, warum Pasternak ziemlich oft bei ihnen über Nacht blieb. Es war zwar ein kleine, aber immerhin eine eigene Wohnung, eine Einzelwohnung, keine Gemeinschaftswohnung. Sie war durchaus gemütlich, vor allem der Umstand, daß sie von den anderen abgetrennt war, stellte ein richtiges Wunder dar.

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Nun also, offenbar handelte es sich bei Pasternaks Freunden wie bei den Eltern meines Freundes, der sich später, beim Aushecken von Abenteuern und patriotischen Aktionen, noch als höchst talentiert und erfindungsreich erweisen sollte, um Angehörige der Nomenklatur, der Führung des Landes. Dieser bedeutsame Unterschied zur restlichen Bevölkerung manifestierte sich unter anderem durch eine eigene Wohnung. Eine weitere, indirekte Bestätigung ihrer hohen Stellung und ihres (für diese armselige Zeit) zweifellos großen Wohlstands war das Vorhandensein eines gigantischen Hundes, einer Dogge mit Namen Sir. Ein winziges menschliches Wesen, das ständig nach materieller Aufwendung und Nahrung verlangte, nur durchzubringen stellte damals schon ein ziemlich alltägliches wie gesellschaftspolitisches Problem dar, von einem Hundsvieh ganz zu schweigen. Hatte jemand mit einem Kind Erfolg, war das schon großes Glück, geradezu eine Heldentat. Ganze Massen schlichen normalerweise von morgens bis abends durch die Winkel der Stadt und suchten nach Eßbarem, und war es der ekelerregendste Dreck, von dem sich der heutige, verfressene Blick sofort angewidert abwenden würde. Ausgemergelt, hungrig, mit eingefallenen Wangen und brennenden Augen, mit ausgeleierten, knirschenden Gelenken fielen sie vor den Augen der anderen zu Hunderten um; sämtliche Straßen und Plätze waren mit vertrockneten und aufgeplatzten Körpern übersät. Der Rest, mittlerweile noch mehr geschwächt, hatte nicht mehr genügend Kraft, über diese Fischleiber mit ihren abstehenden, wie Klingen spitzen, schmalen Kanten hinwegzuschreiten oder darüberzukriechen. Sie blieben auf den Erfrorenen liegen. Die solcherart quer übereinanderliegenden Körper bildeten allmählich eine harte, starre Gitterkonstruktion. In kürzester Zeit entstand daraus ein drei bis vier Meter hoher Turm, dessen Seiten- und Querflügel sich kilometerweit in die Umgebung erstreckten. Trotz größter Anstrengung und heftigster Bemühungen war es unmöglich, da irgendwie durchzukommen oder durchzufahren, ja eigentlich gab es auch niemanden mehr, der das versucht hätte. Alles war in diese weitläufigen, einigermaßen unverständlichen Konstruktion hineinverschmolzen, die bestenfalls ein Witzbold als Form umfassender Einheit und Gemeinschaft erkannt hätte; es ist ja gut möglich, daß es von einem höheren Standpunkt aus, für Gott zum Beispiel, etwas durchaus Sinnvolles und Verständliches war. Aus unserer armseligen und simplen Perspektive, von unten, war es jedoch ein absolut unverständliches, geradezu absurdes Ding. Einzelne (allerdings absolut verwilderte) Überlebende versuchten trotz ihrer Erschöpfung immer wieder, durch irgendwelche Löcher in das Gitter einzudringen. Sie kletterten unablässig hinauf, rutschten ab, fielen hinunter und versuchten es von neuem; überdies verfolgten sie einander dabei, um sich gegenseitig ihre läppischen Essensfunde streitig zu machen. Wenn es nichts mehr gab, das einer dem anderen wegnehmen konnte, begannen die Stärkeren einfach die Schwächeren zu verspeisen. Eigentlich war es für diese ja eine Erlösung und Befreiung. Hunger war dadurch freilich nicht zu stillen, außerdem klang das trockene Knacken zerbrechender Knochen in der Ödnis der menschenleeren, toten Stadt unbeschreiblich traurig. Diese Zustände führten auch dazu, daß die bereits erwähnte Ausgangssperre verhängt und diverse administrative Maßnahmen getroffen wurden. Was wäre dadurch noch zu retten gewesen? Was konnten sie schon bewirken?

An der Exklusivität des genannten Hundes und seiner Besitzer war also nicht zu zweifeln, hiermit war alles klar. Sir verbrachte seine Nächte im Gang auf seinem eigenen kurzen Diwan, der mit einer weichen, freilich schon stark abgenützten und nach all der Zeit mit Hundehaaren übersäten Decke bedeckt war; allein deren Schottenmuster stellte damals eine Sehenswürdigkeit dar. Blieb der Dichter also über Nacht, wurde der Hund in das ziemlich große Badezimmer eingeschlossen. Eine Zeitlang kratzte das Tier noch unruhig an der massiven Tür, schließlich gähnte es aber und schlief ein.

Teil 3.