Vorgeblättert

Dmitrij Prigow: Lebt in Moskau!, Teil 3

So war es auch diesmal gewesen. Nachdem letzte Fragen, zum Beispiel ein möglicher nächtlicher Küchenbesuch des Gastes, besprochen waren, man einander zugelächelt und eine gute Nacht gewünscht hatte, der Hund hinausgebracht und eingesperrt war, war jeder zu Bett gegangen. In der unruhigen, zugleich überaus öden riesigen Stadt herrschte Ruhe, alles schlief, ruhte. Vereinzelt wurde noch ein Fenster von einer flackernden Kerosinlampe oder - noch schlimmer - einer Kerze erleuchtet. Derartigen Luxus konnten sich nur wenige leisten, entweder lebten die hier tatsächlich wie Sybariten, oder, was auch möglich war, sie hatten dringende Arbeiten zu erledigen. Derartige Verschwendung kam in diesen froststarren Nächten, in denen außer dem Klirren eines sich bewegenden Baumes oder dem Scheppern frierender Knochen nichts zu hören war, äußerst selten vor. Außerdem hatte zu dieser Stunde keiner mehr die Kraft, etwas zu tun.

Auch in unserem Haus schliefen alle. Mitten in der Nacht mußte der Dichter allerdings auf die Toilette. Er stand auf, tastete sich im Dunkeln die Wände entlang, mit dem Knie stieß er gegen irgendwelche herumstehenden Möbel. Als er zu seinem Diwan zurückging (genauer gesagt, gehörte ihm der Diwan nur halb, möglicherweise zu einem Viertel, vermutlich stand ihm aber nur ein Achtel zu, denn sieben Achtel waren Eigentum des Hundes), vergaß er, die Badezimmertür fest zu verschließen. Das in seiner Ruhe gestörte Tier wachte auf und machte sich sofort auf zu seinem gewohnten Schlafplatz. Der Hund bemerkte den Eindringling, dachte nicht lange nach, sprang in einem Satz über den schlafenden Körper und ließ sich zwischen diesem und der Wand nieder. Dann warf er in einem geschickten Manöver, bei dem er alle vier Beine gegen die Wand stemmte, den nichtsahnenden Dichter aus dem Bett. Dieser fuhr aus dem Schlaf, verstand nicht, was geschehen war, hatte auch keine Möglichkeit, etwas zu verstehen, tastete mit den Händen im Dunkeln herum; schließlich stellte er fest, daß ein weicher, großer und warmer, pelziger Körper seinen Platz eingenommen hatte. Jetzt verstand er. Er kam zu sich, war ob der Erniedrigung durch das ungehobelte Tier unglaublich gekränkt. Ohne seine Gastgeber über den Vorfall zu informieren und ohne sich mit dem gewissenlosen Tier, das ihn derart beleidigt hatte, näher auseinanderzusetzen, zog er seinen Mantel über den halbnackten Körper, drückte die Mütze ins Gesicht und stürzte durch das dunkle, stinkende Treppenhaus nach unten auf die unbeleuchtete und menschenleere Straße. Es herrschte klirrende Kälte, der Wind pfiff, eine Ausgangssperre war verhängt worden, von nah und fern waren Schüsse und die wilden Aufschreie der von Patrouillenkugeln Getroffenen zu hören.

Am nächsten Morgen waren die Gastgeber ratlos. Sie schauten den geliebten Hund an, der sich genüßlich streckte, gähnte und dabei freudig winselte. Sie schauten Sir voller Befremden an. Natürlich erzählte er nichts von dem für ihn nicht ganz vorteilhaften Vorfall.

"Wo ist denn Boris Leonidowitsch? Wo ist Boris Leonidowitsch hingekommen?" Sie liefen in der Wohnung herum, die eigentlich gar nicht so groß war, wie sie zu sein schien, allerdings gab es unzählige Winkel, in denen sich auch ein großgewachsener Mensch ganz leicht hätte verstecken können. Ratlos streckten sie die Hände aus, sahen einander und dann den Hund mit besorgter Miene an. Sie wählten die Telefonnummer des Dichters. Pasternak weigerte sich allerdings, etwas zu erklären. Später nahm er den Hörer einfach nicht mehr ab und löste die Verbindung zu ihnen gänzlich. Überhaupt sprach er nie mehr ein Wort über diese erniedrigende Begebenheit. Es ist also höchst unklar, wie jemand davon erfahren konnte - auch ich habe keine Erklärung dafür. Allerdings geht es darum auch gar nicht.

Auf der Straße angekommen, bemerkte Pasternak, daß es überall ganz deutlich nach Rauch roch. In dieser Nacht waren Sondereinheiten in die Stadt gebracht worden; sie sollten mit speziell für diese Operation angefertigten Werkzeugen das erwähnte, mittlerweile wie eine Eisenschwelle harte Körper-Fleisch-Gerüst zersägen. Mit Hilfe einer leicht entflammbaren Lösung, die für diesen außerordentlichen Fall in geschlossenen Spezialeinrichtungen eigens entwickelt worden war, wurden die Teile gleich an Ort und Stelle angezündet. Sogleich war die Stadt in alle Richtungen wieder offen. Der Dichter ging durch die vom Widerschein der bestialischen (weil von menschlichem Brennmaterial genährten) Feuer erleuchtete Stadt, wärmte seine Hände an den Feuerstellen, mitunter wechselte er ein Wort mit den Soldaten.

"Na, Väterchen, ist dir kalt geworden?" fragte ein Posten voller Anteilnahme. Merkwürdigerweise war ihm der mitternächtliche Unbekannte sympathisch. "Wie das brennt!" fuhr er durchaus ehrerbietig fort, er machte nicht einmal Anzeichen, den Verirrten aufs Wachzimmer zu schleppen oder an Ort und Stelle zu erschießen. Das Gesetz hätte es erlaubt, eigentlich sogar befohlen, der Posten war aber offenbar gut gelaunt. Boris Leonidowitsch murmelte in sich hinein: "Und die haben gesagt, man würde mich nicht erkennen." Hörbar gab er etwas Unverständliches von sich, etwas wie: "Wie doch alles in dieser Welt miteinander verwoben ist."

"Ja, ja", stimmte der Mann mit dem Gewehr ein.

"Meine Datscha ist in der Nähe. Wahrscheinlich ist sie verbrannt."

"Ja ... Was für ein Feuer! Die brennen hervorragend."

"Wie in der Hölle", bemerkte der Dichter mit tiefer Stimme.

"Ja." Der Gesprächspartner widersprach nicht.

"Ich gehe", sagte Boris Leonidowitsch und verschwand unter dem aufmerksamen Blick des bewaffneten Postens in den Dampf- und Rauchwolken, die die ganze Umgebung erfüllten. Er verschwand endgültig.

Mit freundlicher Genehmigung des Folio Verlages.

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