Vorgeblättert

Dimitri Verhulst: Problemski Hotel. Teil 3

10.08.2004.
Schon zwei negative Bescheide hat Asia bekommen; sie hat noch eine letzte Chance, dann wird sie wieder ins Flugzeug gesetzt. Reisen bildet.
Früher flogen abgelehnte Asylbewerber noch mit der Sabena zurück. Spinner An Bord, Eh Nichts Anderes. Diese Fluggesellschaft steuert im Moment geradewegs auf den Bankrott zu, sodass die Ausgewiesenen in naher Zukunft möglicherweise mit der Lufthansa in ihren Heimatschlamassel zurückbefördert werden. Die Uniformen der Stewardessen und der Service an Bord können auf dem Rückflug nur besser werden, meint Eizee, der jetzt bereits seinen dritten Versuch unternimmt, in Belgien Asyl zu bekommen; die Werbefilme über Belgien, mit denen die Passagiere im Flugzeug unterhalten werden, kennt er praktisch auswendig.
Fakt ist, dass man heute keinem Afrikaner etwas von der Erderwärmung erzählen darf. Erst mal ist das ein zu vernachlässigendes Problem, und dann ist im Moment, um die Sache damit auch gleich abzuschließen, keine Spur davon zu bemerken. Zu kalt, um in einen Container zu kriechen. Wenn es stimmt, dass die Welt von ein bisschen Umweltverschmutzung wärmer wird, dann wird es höchste Zeit, dass mehr Chemikalien in den Kanal nebenan geleitet werden. Die Fabriken hier und ein Stück weiter vorn können gar nicht genug stinken. Es friert, es gibt Raureif, und die Afrikaner haben nicht wie die Tschetschenen das Glück, von ihrem Gott mit Frostschutzmittel im Blut erschaffen worden zu sein. Das Völkchen aus dem Kaukasus läuft selbst heute kurzärmelig herum. Ein bisschen provozieren. Ein bisschen lachen mit Nigger Nicki. Aber erst mal abwarten: wenn ihre Akte bis zum Sommer liegen bleibt und das hier zu einem Pizzaofen im Schatten wird ? Mal sehen, ob sie noch die Zähne zeigen können, wenn die Schwarzen dicke Pullover anziehen, um sie zu ärgern, wenn die Schwarzen diese trockengeschwitzten Eisbären frech mit den Worten begrüßen: Alles dobre bei mir ? Dann heißt es wieder Kickbox, hombre

An dem verfluchten Tag, an dem man von schnurrbärtigen Uniformierten aus dem Lastwagen geholt wird, in der schwarzen Stunde, in der ein Scanner die steif gefrorenen Glieder von einer Ladung Apfelsinen unterscheidet und man hier im Asylantenheim landet, bekommt man keine Lebensmittelgutscheine, sondern Punkte. 1500 Punkte, um genau zu sein. Damit kann man Kleider kaufen. Ein Vorteil ist, dass der Punkt keiner Abwertung unterliegt, 1500 Punkte bleiben 1500 wert. Die Kleiderkammer ist ein kleiner Saal, in dem die ausrangierten Kleidungsstücke belgischer Familien ordentlich aufgereiht hängen und eine Wahlkabine als Umkleidekabine dient. Für eine Wollmütze, um nur ein Beispiel zu nennen, muss man fünfundzwanzig Punkte berappen.
Die Hausordnung schreibt vor, dass wir nur einmal pro Woche in die Kleiderkammer dürfen, weil wir sonst aus lauter Langeweile den ganzen Tag nichts anderes täten, als Klamotten anprobieren. Letzteres trifft bis zu einem gewissen Grad für die Frauen zu, aber ganz bestimmt nicht für das Mannsvolk. Frauen haben Glück, weil belgische Damen ziemlich modebewusst sind, gern im neuesten Modell herumstolzieren und daher schneller etwas wegzugeben haben. Im Gegensatz zu belgischen Männern. Die stiften ihre Socken erst dann für einen guten Zweck, wenn sie an jedem Zeh fünf Löcher haben. Aber wir beklagen uns nicht. Wir sind schon froh, wenn wir ein Sieb an den Füßen tragen dürfen. Danke, vielen Dank.
Die Schwarzen stellen fest, dass sie vielleicht im Land bleiben können, wenn sie eine Jacke oder eine Unterhose aus sich machen lassen, denn afrikanische Haut steht in der Modewelt hoch im Kurs. Nur sind sie in ebendiesem Moment nicht unbedingt an Tigerslips oder sonstiger afrikanischer Tierhaut interessiert. Eine Mütze wollen sie. Eine dicke. Und Fäustlinge. Und einen Schal. Und weiß Gott, was noch alles. Nasenwärmer? Gibt es so etwas überhaupt? Das ist kein Wetter. Schon gar nicht, um sich in einem Container zu verstecken. Bei den Temperaturen kann man nur hoffen, dass kein Einschreiben im Briefkasten landet. 


Niemand schneidet Haare wie Ramona

Frauen haben ihm schon immer Angst gemacht, das stimmt, aber was die Dorffriseuse mit Rajib anstellt, übertrifft alles. 

Seine Haare sind so lang, dass sie sich schon im Nacken kräuseln und entfernt an eine Hängematte erinnern. Haar wächst anscheinend auch noch weiter, wenn man schon drei Wochen tot ist; bei manchen Völkern bekommen die Toten denn auch eine Schere mit ins Grab. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass auch Asylbewerber hin und wieder zum Friseur müssen. Auch wenn Rajib immer wieder sprachlos vor dem Spiegel steht, weil doch noch so etwas wie flaumiges Unkraut auf seinem armen Kopf Wurzeln schlägt. Nennen Sie?s Hoffnung, wenn auf dem eigenen Körper noch was wächst, und sei es nur ein bisschen Haar. Aber seine Pickel ist er hier losgeworden, seine Visage wird beim Rasieren nicht mehr zum Blutbad. Jegliches Fett kann er gut gebrauchen, sein Körper hat keinerlei Veranlassung mehr, den Eiter nach außen zu treiben. Er ernährt sich von kleinsten Sekretmengen. 

Wenn man schon fast über seine Haare stolpert, bekommt man an der Rezeption einen Bon, der zu einem Haarschnitt im Friseursalon Ramona berechtigt, mit einem rostigen Fahrrad etwa zwanzig Minuten vom Asylantenheim entfernt.
Ramona stinkt. Schweiß ist es nicht, glaubt Rajid, sondern einfach ein Körpergeruch, der perfekt zu ihrem Äußeren passt. Sie ist dick, ohne üppig zu sein, ihre Hautfarbe könnte man fauvistisch nennen, und ihre Brüste ragen trotz ihrer Unnahbarkeit bedrohlich in die Gegend. Die Haare hat sie sich offensichtlich selbst geschnitten und geföhnt. Und obwohl sie nicht sein Typ ist, kann Rajid nicht anders: Er muss fortwährend an ihre Möse denken, die in ihrer altmodischen Unterhose vermutlich im eigenen Saft schwimmt. Eine kandierte Möse. Das war bei ihm schon immer so: Abstoßende Frauen machen ihm Angst, und die Überzeugung überkommt ihn, dass ihre ganze Widerwärtigkeit zwischen ihren Beinen anfängt und von dort ausschwärmt, sich aussät, über ihren ganzen unheilvollen Körper. Das ging ihm auch bei seiner Mutter so. 

Er legt seinen Bon auf Ramonas Theke und lacht sie und die Damen, die unter ihren Raumkapseln ihre Frisuren trocknen lassen, freundlich an. Er fürchtet, lächerlich auszusehen. Ramona studiert den vom Asylantenheim abgestempelten Bon und mustert Rajib von Kopf bis Fuß. Sie rümpft die Nase. Einen Sekundenbruchteil lang sieht er sich der stattlichen Person an die Gurgel gehen. Er muss daran denken, wie er als Kind das Hühnerschlachten lernte. Sein Großvater erklärte ihm, dass er auf die Vagina des Tieres achten müsse. Wenn es den Geist aufgab, entspannte sich alles an dem Huhn und weißer Glibber lief aus der Öffnung. Dann war der Augenblick gekommen, den Würgegriff zu lockern. So würde er es auch bei Ramona machen. Er glaubt, dass auch sie ihn nicht besonders mag. Streng und stumm zeigt sie auf einen Stuhl, und er schließt daraus, dass er dort Platz nehmen soll. Zwischen zwei Türmen aus Zeitschriften über mühelose Diäten und prominente Schnepfen. Die Bademode für das nächste Jahr scheint viel versprechend. Die Titten dürfen wieder etwas größer sein, Blau wird die vorherrschende Farbe, ein Metallstift durch den Nabel ist in.
Ein kleiner Hund, ein Pekinese, der Ramona oder einer ihrer Kundinnen gehören muss, ist an seinem Bein aufgeritten; nur nadelspitze Schuhe können ihn im Moment glücklich machen. 

Rajib spürt, wie ihn die alten Schachteln unter ihren Lockenwicklern und hinter ihren Revolverblättern hervor begaffen. Sie reden über ihn und denken keine Sekunde lang daran, dass er ja ihre Sprache verstehen könnte, auch wenn sie den Dialekt eines Kaffs sprechen, in dem die Inzucht seit Jahrhunderten vom Pfarrer eingesegnet wird. Von einem Ausländer haben sie?s, einem Schmutzfink, und dass der Hund so hitzig sein rosa Ding an seinem Bein reibt, ist für sie der unumstößliche Beweis dafür, dass seine Ahnen Vierfüßer sind. Sie raten, woher er kommt, denken sich den Job des Kackeaufklaubers hinter der Bimmelbahn für ihn aus.
Die Schlampe mit den lackierten Fingernägeln kennt er. Vom Sehen. Das ist die Frau des Rechtsanwaltes, der hier den Ortsverein der faschistischen Nationalen Front gegründet hat. Er steht auf dem letzten Listenplatz einer Partei, die für nichts, aber gegen alles ist. Würde Rajib seine Frau anrühren, würde sie wahrscheinlich augenblicklich der Schlag treffen. Vielleicht sollte er sie abknutschen. Vierfüßer tun so was, die schlabbern ihrem Frauchen mit der Zunge übers Gesicht. 

Ramona fordert ihn auf, im Friseurstuhl Platz zu nehmen, und da sie das mit dem gebührenden Respekt tun will, spricht sie ihn mit Herr an.
Herr Mokka.
"Wie hätten Sie die Haare denn gern, Herr Mokka? Eine Krause? Rastalocken? Soll ich eine Tonsur reinscheren?"
Die Zicken brechen in kollektives Gemecker aus; gleich verschlucken sie sich noch an ihren dritten Zähnen.
Um auf andere Gedanken zu kommen, könnte er ihre Falten zählen. Aber er hat anderes im Kopf. Messer. Die Fangzähne des Pekinesen.
Er ignoriert die demonstrativen Gesten, mit denen Ramona nach dem Läuseshampoo greift und ihm das Zeug ins Haar schmiert. Eine ganze Tube. Es brennt.
"Das nennt man Waschen, Herr Mokka. Sprechen Sie?s mal nach: Waschen!"
Warum wäscht der Europäer Haare, die zwei Minuten später auf dem Boden liegen?
Er schließt die Augen und konzentriert sich auf Ramonas dicke Finger, die ihm das Entlausungsmittel ins Haar kneten. Als wäre seine Birne ein Teigklumpen. Nicht, dass sie es sanft täte. Sie ist näher herangerückt, ihre Euter ruhen auf seinen Schultern, und sie lässt die Zunge heraushängen, um ihre groben Wurstfinger mit aller Kraft in seinen Schädel rammen zu können. Sie zwickt und kneift, und womöglich geht sie gleich noch mit der Schere auf seine Ohren los. Das Wasser, mit dem sie ihm die Haare ausspült, wird arktisch kalt sein, der Haarlack könnte ein Insektenspray sein. Oder ein Mittel gegen Gestank in der Toilette. Aber er genießt es. Er hält die Augen geschlossen und lässt sein Geschlecht seelenruhig anschwellen. Wenn sie nur mal kurz hinschauen würde, diese Ramona, damit sie seinen Ständer sieht. Er kann nichts dafür, und krank ist er auch nicht. Es ist einfach zu lange her, dass ihn irgendjemand berührt hat, egal, wie.

Mit freundlicher Genehmigung des Claassen-Verlages

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