Vorgeblättert

Colin McAdams: Ein großes Ding. Teil 1

27.08.2004.

Die Geschichte von Jerry McGuinty

Dreizehn Siedlungen, fünftausend Dächer, dreißigtausend Außenwände und ein steinhartes Paar Hände. Das habe ich gebaut. Ich habe Eisen verlegt, ich habe Moniereisen verlegt, ich habe mehr Eisenspäne eingeatmet als die Männer, die die Eisenbahn gebaut haben. Und ich habe gegipst.
Mein Vater war Gipser. Sein Vater war Gipser. Der Vater seines Vaters war Gipser (und Gipsen war der Tod seines Vaters). Ich, mein Freund, bin Gipser. Beugen Sie sich mal vor, dann zeige ich Ihnen meine Karte. Ich bin Mitglied des Internationalen Verbands der Gipser und Zementmaurer der Vereinigten Staaten & Kanadas, Ortsgruppe eins-eins-fünf. Wir haben 50000 Mitglieder, und ich bin der beste. Mein Vater war der beste. Sein Vater war der beste. Der Vater seines Vaters war der beste. Und das alles dank zweier Dinge: Wille und ein Geheimnis. In meine Mischung kommt nur Portland-Zement, und in meinen Mörtel, da kommt gerade eine Messerspitze Kalk rein. Das ist mein Geheimnis.
Wille. Solange Sie nicht wissen, wie es ist, zehn Millionen Backsteine zu verbinden, erzählen Sie mir nichts von Wille.
Zweitausend Hektar habe ich mit meinen Schöpfungen bedeckt. Jawohl. Ich habe die Erde gewürgt, geschändet und gequält, mein Freund, und am Ende ist sie nun mächtiger als zuvor. Erzählen Sie mir was über die Natur, und ich zeige Ihnen ein Paar Hände.
Wir sind in Ottawa, der Hauptstadt Kanadas, nichts weniger: Und nun sehen Sie mal hier auf den Plan. The Oaks: von mir. The Hunt: von mir. Pine Grove: von mir. Vieles davon: von mir. Später zeige ich Ihnen mehr. Ich fahr Sie mal rum. Bei ein paar hat mir Edgar Davies geholfen.
In meinem linken Zeigefinger habe ich kein Gefühl mehr. Ich habe bei mehr Nägeln danebengehauen als Sie bei Schätzungen, und mir ist das seit einunddreißig Jahren nicht mehr passiert. Der Frost hat mir beide Ohrläppchen weiß gefroren, die Sonne meine Unterarme zu Wildleder gebrannt. Noch ohne Stahlsohlen bin ich in fünf Nägel getreten, schon mit Schutzhelm zweimal dem Tod entgangen.
Ich habe eine Frau geliebt.
Ich besitze meine eigene Firma.
Ich habe zehntausend schweinische Witze gehört und erzählt.
Mein erster Tag auf einer Baustelle ohne meinen Vater war derjenige, an dem mein Leben begann. Ein Januartag, kalt wie ein Nagel. Meine Lehrzeit war um, und ich bekam Arbeit bei Leuten, die mich nicht abkonnten, weil das auf dem Bau bei jedem Neuen so ist.
"McGuinty! Du dumpfnasige Arschfotze, putz los, du Arschficker-Wandfotze!"
Ich erinnere mich an den Polier.
"McGuinty!"
Einmal hat er eine Katze verspeist.
"McGuinty, du Hurenfotze, mach die gefickte Scheißwand gerade, oder ich reiß dir den Arsch auf!"
Ich konnte die Finger nicht bewegen, und der Putz war langsamer als die Zeit. Beim Mittagessen saß ich bei einem Mann, Johnny Cooper, der gerade fünf Jahre wegen schwerer Körperverletzung abgesessen hatte. Das wußte ich nicht, und er wirkte einsam.
"Setz dich näher, und ich hau dir die Gedärme durch den Arsch", sagte er.
Ich putzte eine halbe Wand und half dann einem der Maurer, einem Kerl namens Mario.
"Jerry", sagte ich.
"Mario", sagte er.
"Was soll ich tun?", sagte ich.
"Lutsch mir den Schwanz", sagte er.
Nach Feierabend nahm mich der Polier beiseite, stellte mich vor die halbe Wand, die ich verputzt hatte (noch naß), und drückte mich ohne ein Wort langsam mit dem Gesicht hinein. Ich trat zurück und sah den Abdruck eines angstblassen Jerry McGuinty.

Ich lernte sprechen.
"Ich find meine gefickten scheiß Nägel nicht, hast du sie gesehen, du Hurensack?"
"Was?"

Damals bauten wir alles. Wir bauten Hangars fürs Militär und Häuser für seine Leute. Die Häuser waren aus Pappe, nichts als Spanplatten und Gipskartonplatten, Krampen und Leim.
Ich erzähl Ihnen mal, wie das ist, wenn man mit Gipskartonplatten baut.
Ich erzähl’s Ihnen später.
Es war die große Zeit des Baugewerbes, das sag ich Ihnen, falls Sie’s interessiert, und ich kannte eine Menge Jungs, die so hart arbeiteten, daß sie später ihre eigene Firma aufmachten. Wir bauten die Hangars und Häuser, die Supermärkte, Tankstellen, Musterhäuser, die vier Wochen hielten. Jeder hatte die Finger in allem, und jeder vergoldete sie sich.
Aber in jenem ersten Januar. Träger klebten an meinem Fleisch wie Bratpfannen, und mein Werkzeugkasten sah mich an wie eine Bedrohung. Jeder Hammer, jeder Schraubenschlüssel, jede Kelle in meinem Besitz fand unterschiedliche Formen, mir Schmerzen zuzufügen. An einem Tag spürte ich meine Finger nicht mehr, am nächsten schrien sie mich an. Legen Sie mal einen Tag lang die Hand in den Kühlschrank, wenn Sie die Zeit dazu haben, und dann drehen Sie eine Schraube in eine Mutter. Erzählen Sie mir nicht, wie sich das anfühlt.
"Aua!"
"McGuinty!"
Und die Männer, mit denen ich arbeitete. Italiener, Iren, Kanadier, die übliche trübe Mischung. Auf der ersten Baustelle, da war ich eine Woche, als Johnny Cooper aus heiterem Himmel daherkam und mir in die Fresse haute. Das tat weh. Tony Espolito schüttelte mir bei unserer ersten Begegnung die Hand so kräftig, daß er mir den kleinen Finger aus der Pfanne zog. Später brachte er sich mit dem Hammer um. Wir waren zu zehnt auf dem Bau, das waren neun haarige Tiere zu viel, das sage ich ohne alle Hemmungen. Ich dachte, ich wüßte, was ein Mann ist.

Jeder vergoldete sich die Finger, und die Erde hungerte nach Häusern. Als ich mittendrin war, war mir nicht klar, wo mittendrin ich war. Es dauerte ein paar Jahre, ein paar schlaflose, stinkende Jahre, bis ich merkte, daß es der größte Boom war, den dieses Land je erlebt hatte. Einer der größten jedenfalls. Wir machten ein Vermögen, wir konnten gar nicht anders.

Ich bin Jerry McGuinty.

Man muß Stärke zeigen, und man muß korrekt sein. Akkurat. Auf dem Bau überlebt keiner, wenn er Sachen nacharbeiten muß. Die besten, mit denen ich auf dem Bau gearbeitet habe, waren wie Profisportler. Kleine, Große, Dünne, Dicke, für das, was sie machten, ideal gebaut. Zimmerer haben die ruhigsten Hände und auch die schnellsten. Tony Antonioni konnte einen A-Rahmen in anderthalb Stunden aufstellen, wenn er sein Werkzeug dabei hatte. Auch Winkel konnte er. Er konnte ein Brett exakt auf 32° sägen, mit nichts als einer Handsäge, wenn er an das Holz gedacht hatte.
Ich wurde ein klasse Maurer, aber Putz - alles putzen - überzog meinen Stolz mit einem cremigen Goldschicht. Um auch nur die schlichteste Wand zu verputzen, braucht’s Grazie, Geduld und ein solides Gefühl dafür, wie die Welt steht. Manche meinen, sie steht aufrecht. Manche meinen, sie ist geschwungen wie Hüften. Ich sage, sie steht, wie ich’s ihr sage. Meine Wände verändern Ihr Leben.
Gehen Sie mal zur nächstgelegenen Wand in Ihrem Haus und klopfen Sie daran. Klingt sie hohl, ist es eine Gipskartonplatte, und dann sollten Sie sich aufmachen und Geld verdienen. Klingt sie hart hart hart und cremig, ist es Gips, mein Freund, und dann nehmen Sie mal Ihre häßlichen Bilder ab, treten Sie zurück, setzen Sie die Brille auf oder nehmen Sie sie ab und werfen Sie einen ordentlichen, kräftigen Blick darauf. Macht sie den Raum größer? Kleiner? Wird Ihnen ein bißchen übel? Eine kräftige Wand ist an den Rändern solide gegipst, aber in der Mitte, da lebt sie. Ein bißchen Druck auf die Kelle, und Sie lieben Ihre Kinder, ein bißchen weniger, und Gott helfe Ihnen beim Atmen.
Grinsen Sie auf eigene Gefahr.

Im ersten Jahr wohnte ich noch bei meinen Eltern, aber im Januar darauf, immer der verwarzte Januar, stieß mich mein Vater aus dem Nest, und meine Mutter gab noch einen Schubs dazu. Ich mietete ein Zimmer bei Mrs. Brookner im Souterrain, und schon bald mochte ich sie ebenso gern, wie ich mit dem Kopf gegen einen Balken hämmerte.
Jeden Morgen war ich um halb fünf auf, und Mrs. Brookner machte mir Eier und verkohlte Kartoffeln.
Um sechs war ich auf der Baustelle, egal, wo sie lag, den Blick auf eine Wand, und meine Gedärme hangelten sich zum Mund hinauf. Diese Anfangstage waren die hungrigsten in der Geschichte meines Magens. Schlag acht kamen die Imbißwagen, und noch heute rieche ich sie kommen: Jack’s Kleiner Grill; Der Alte Lunch-Wagen. Essen auf fettigen Rädern, mein Freund, und nie war es süßer. Ein Becher heiße Knorpel morgens um zehn im Januar (damals noch frisch), das war für uns heiße Milch und Honig. Um zwölf kam das Fett noch mal vorbeigerollt und dann wieder um vier.

Teil 2