Vorgeblättert

Bill James: Tote schreien nicht, Teil 3

Drei

Harpur konnte über den eleganten Gangster auf Stippvisite nicht so lange nachdenken, wie ihm lieb gewesen wäre. Am Abend war ein Treffen mit jemandem angesetzt, den er vorläufig als seinen neuen Arbeitgeber bezeichnen musste, womit nicht die Polizeibehörde gemeint war.
"Colin", sagte Keith Vine, "ich möchte, dass du mit mir einen kleinen Ausflug machst, um dir was anzuschauen ? na ja, was Unangenehmes ? ja, unangenehm. Sofort. Wir brauchen deine Erfahrung als Polizist."
"Schön", sagte Harpur. "Zeit, dass ich mir mein Honorar verdiene."
Es war dunkel, aber Harpur erkannte, dass sich auf Vines viereckigem Gesicht mit dem großen Kinn ein Stirnrunzeln abzeichnete. "Red nicht so, Col. Allein, dich mit in der Firma zu haben - nötigenfalls auf dich zurückgreifen zu können -, reicht, um die Ausgaben zu rechtfertigen."
"Danke, Keith", antwortete Harpur.
"Unbedingt. Wunderbar, zu wissen, dass du in der Lage sein könntest ? ich sage nur könntest ? ich weiß, wie schwierig das für dich ist, glaub mir, als Detective Chief Superintendent ? dass du den Druck von mir ? von der ganzen Firma, genauer gesagt ? nehmen könntest ? was Strafverfolgung betrifft oder das Aushandeln von Strafanträgen und so weiter, falls mal irgendwas schief laufen sollte. Was nicht passieren wird, niemals, mach dir keine Gedanken ? nicht solange Keith Vine das Sagen hat."
"Ich werde immer versuchen, mich um dich zu kümmern, Keith."
Eigentlich hatte es nur eine geheime Geschäftsbesprechung zwischen Vine und seinem bestochenen Kriminalbeamten sein sollen, aber Keith war offensichtlich von einer plötzlichen Krise beunruhigt, die möglicherweise sein klares Denken beeinträchtigt hatte: Er redete davon, sofort zu verschwinden, rührte sich aber nicht. Er und Harpur hatten sich an einem ihrer üblichen geheimen Treffpunkte eingefunden, den Überresten einer Luftabwehrstellung aus dem Zweiten Weltkrieg auf einem bewaldeten Hügel, von dem aus man die Stadt überblickte. "Col", sagte Vine, "eins würde ich niemals tun ? und das war bei dieser schönen Vereinbarung von vornherein klar ? und zwar, dich auf irgendeine Weise so in unser Geschäft hineinzuziehen, dass du entdeckt werden könntest."
"Danke, Keith."
"Wenn das passieren würde, wäre das Abkommen gestorben. Zu deinem Schaden, klar, aber auch zum Schaden der Firma, zu meinem persönlichen Schaden. Das kann ich mir nicht leisten. Aber was diese besondere Sache heute Nacht betrifft, da wird das nicht passieren." Er seufzte. "Tragisch. Egal, du kannst dabei unmöglich gesehen werden, geschweige denn gesehen und erkannt werden, Col."
"Danke, Keith." Harpur würde ihm in Kürze von dem spitzenverzierten Kundschafter bei Debenham berichten, wollte Keith in seinem Redeschwall jedoch nicht unterbrechen oder ihn zu früh noch mehr beunruhigen, als er schon beunruhigt war.
"Du hast einen Anspruch auf Schutz, Col. Was ich jetzt möchte, ist, dass du mit mir kommst und einen Blick auf ? na ja ? auf einen gewissen ? einen gewissen, na ja, nennen wir?s mal Gegenstand wirfst und mir sagst, ob du irgendwelche Fehler, irgendwelche Hinweise findest, das ist alles. Im Hinblick darauf, ob alles wasserdicht ist. Wie immer."
"Welche Art von Hinweisen?"
"Es geht um Eleri ap Vaughan", antwortete Vine.
"Eleri kennt mich schon ewig, Keith. Die wird mich erkennen."

Da Vine einen Moment lang keine Antwort gab, blieb Harpur ebenfalls stumm. "Unvermeidlich", murmelte Vine dann.
Harpur schaute hinab auf das, was von der Stadt zu sehen war. Die Truppen, die in den frühen 40er Jahren die Stellung bemannt hatten, mussten das Gefühl gehabt haben, sie hätten eine ganze Bevölkerung in ihrer Obhut. Und oft, wenn Harpur an solchen Tagen und Nächten von hier aus über die Straßen und Lichter hinwegblickte, hatte er ein ähnliches Gefühl: und das Gefühl, dass er nicht viel mehr Wirkung zeigte, als die Waffen sie gegen das Eindringen der Heinkels gezeigt hatten. Keith würde da unten nichts weiter als einen einträglichen Drogenmarkt sehen, wenn er denn im Geschäft bleiben konnte. Schwierig. Es gab auch moderne Invasoren.
"Soll ich dir von ihr erzählen, Col?", fragte Vine. Er schrie ein bisschen. Es hörte sich nach Selbstrechtfertigung an, gereizt. Vielleicht machte Keith sich Sorgen, übertrieben zu haben, was immer es auch sein mochte, was er Eleri angetan hatte. Keith machte sich öfter Sorgen. "Col, Eleri war eine absolut erstklassige Pusherin, die sehr günstig von dieser Firma beliefert wurde. Bis kürzlich."
Wieder blieb Harpur stumm, stummer als stumm. Ja.
"Na ja, dir brauch ich ja nichts zu erzählen, Col ? ich meine die Klasse von ihren Stammkunden! Leute direkt aus diesem Mistblatt vom Innenministerium ? du weißt schon, das -" 
"Information Drogenmissbrauch."
"Ach, Missbrauch, wie voreingenommen. Über den Verkauf von Drogen an die reichen Städter. Das ist Eleris Reich. Und dann ?" Er stieß etwas zwischen einem Seufzer und einem Knurren aus. "Und dann lässt sie mich sitzen, Col." Rasch verbesserte er sich. "Lässt uns sitzen, Col." Vine brach ab, hob eine Hand und schaute ängstlich nach links und rechts. Harpur lauschte und schaute sich ebenfalls um. Er hörte nichts Ungewöhnliches und sah auch nichts. Vine war immer nervös an diesem Treffpunkt. Vielleicht sollten sie ihn von ihrer Liste streichen oder ihn nur im Winter benutzen, wenn nichts wuchs: Keith Vine hasste die Natur in vollem Saft, und Bäume ganz besonders. Er empfand dieses ganze sommerliche Grün als völlig unberechenbar und als ihm gegenüber stupide gleichgültig. Für jemanden, der erst fünfundzwanzig war und dabei schon glänzende Erfolge in krummen Geschäften aufzuweisen hatte, was so etwas kränkend. Heute Abend hallte, wenn er schrie, seine Stimme über die düsteren Eichen und die Koniferen und das Gebüsch hinweg bis hin zum Glanz der Lichter von Straßenlaternen und Häusern unter ihnen. Sie lagen verschleiert und unscharf und fahlgelb unter dem wabernden Dunst der Tageshitze. "Gehen wir?", sagte er. "?ne Scheißstelle ist das hier." Sie begannen den Abstieg vom Hügel zu ihren Autos; gelegentlich zog Vine einen dicken Batzen Schleim hoch, den er wütend gegen einen Baumstamm spuckte.

Vier

Eleri ap Vaughan lag gut verborgen unter einem von Vine aus wuchtigen Holzteilen an die Wand gebauten Verschlag. Sie befand sich in einem alten, längst aufgegebenen Spritzgusswerk auf dem Hafengelände, dem inzwischen der größte Teil des Dachs fehlte. Der Verschlag erinnerte Harpur an einen sprechenden Eselstall aus einer Christopher-Robin-Geschichte, die seine jüngere Tochter gerne gelesen hatte, bevor sich ihr Verstand mit etwa sechseinhalb gegen solches Zeug aufgelehnt hatte. Inzwischen war sie zu den Tagebüchern von Joe Orton und einem Buch über Boxjournalismus übergegangen.
Harpur räumte das Holz beiseite, schaltete seine Kugelschreibertaschenlampe ein und schaute. Nur ein einziger Schuss, dachte er, in den Hinterkopf, klassische Hinrichtung: Frag mal die Nazis. Die Kugel war knapp über Eleris rechtem Ohr ausgetreten und hatte ihr Gesicht unversehrt gelassen, jedoch ein flaches, dreieckiges Stück des Schädelknochens so nach außen gedrückt, dass man es sehen konnte. Jeder, der sie sah, würde die Botschaft verstehen, die Vine damit vermitteln wollte. Harpur verstand sie.
"Sie wurde nicht hier umgebracht?", sagte Harpur.
"Woran siehst du das?", antwortete Vine erschreckt. Seine Worte kamen als ein Krächzen heraus, hallten von den verfallenen Mauern wider und schienen eine Sekunde lang wie abgehackt unter den eingebrochenen Resten der Decke hängen zu bleiben. "Was siehst du?" Es war, als hätte er solche raschen Erkenntnisse erwartet: Der Kriminalist würde einen Blick auf die Leiche werfen und die ganze Geschichte kennen. Genau deshalb wollte er, dass sein Kriminalist sie sah, bevor die anderen es taten. "Woran siehst du das?"
"Ich sehe es nicht. Das war eine Frage", erwiderte Harpur.
"Nein, nicht hier."
"Du hast also dicht heranfahren und sie dann aus dem Wagen schleppen müssen?"
"Ja."
"In deinem eigenen Auto?"
"Ja, aber es war Nacht. Niemand hat mich gesehen, das schwöre ich. Ich habe durch die eingebrochene Wand da direkt ins Gebäude fahren können. Ich habe falsche Nummernschilder benutzt."
"Hast du sie durchsucht?", fragte Harpur. "Und ihre Wohnung durchsucht?"
"Wozu?"
"Man bringt uns bei, die Augen offen zu halten."
"Ich dachte ?"
Es hörte sich pampig an. Vielleicht hatte Vine sagen wollen, ich dachte, die Hand.
Dann besann er sich jedoch: "Ich dachte, ich überlasse die ganze Feinarbeit dir, Col. Ich könnte Indizien hinterlassen, ohne es zu wissen."

Teil 4