Vorgeblättert

Annette Pehnt: Insel 34

11.08.2003.
 In der Schulbibliothek fand ich einen Bildband mit historischen Aufnahmen aller vierunddreißig Inseln vor unserer Küste. Weil die anderen mich hänselten, na gehst du wieder pauken, traute ich mich selten in die Bibliothek und achtete darauf, daß mich niemand auf den mit grünem Teppich beklebten Stufen erwischte. Der Teppich, den sie nirgendwo anders im ganzen Gebäude verlegt hatten, war fleckig und aus Kunststoff, und wenn ich mit den Schuhen darüberschabte, lud ich mich elektrisch auf und knisterte an den Fingerspitzen. Weil ich das Gefühl mochte, schlurfte ich über die Stufen und entlud mich mit einem wohligen Schreck am Türgriff der Bibliothek. Vielleicht könnte ich Bibliothekarin werden, dachte ich und horchte in mich hinein, aber mein Herz schlug nicht schneller. Die Bibliothekarin hielt mich wohl für einen Bücherwurm, aber ich war genauso oft in der Turnhalle, wo ich an Tauen bis zur Decke kletterte, am Reck die Beine spreizte und Medizinbälle auf dem Kopf balancierte, oder im Musikraum, wo ich mich zwischen Flöten, Klavier und Bongos nicht entscheiden konnte und stundenlang herumzupfte und in die Tasten griff, bis man mich auf den Schulhof schickte, schön, daß du dich so interessierst, aber jetzt geh mal an die frische Luft zu deinen Freunden. Die Lehrer ermüdeten oft schneller als ich, sie hatten sich ja auch schon entschieden und mußten nicht alles gleichzeitig machen und dazu noch gemocht werden. Zwischen den Bildbänden stieß ich auf einen abgestoßenen Lederrücken mit kaum leserlicher Goldschrift: Die Inseln damals und heute. Das Heute war lange her, auf den neueren Inselfotos hatten die Autos noch gerundete Kühlerhauben, und Eselskarren verstopften die schlammigen Dorfstraßen, aber vielleicht ist es ja dort immer noch so, dachte ich, blätterte zurück und kam zu den älteren Aufnahmen, bräunlichen, leicht verwischten Bildern, auf denen sich Leute mit strengen Mienen zu ordentlichen Grüppchen aufgestellt hatten. Manche hielten feuchte Fische in die Kamera, andere hatten Ziegen oder Schafe neben sich in die Reihe gezerrt und legten ihre Hände besitzergreifend auf Tierhälse und Hörner. Einer hielt eine Art sperrigen Dudelsack mit krummen Pfeifen unter dem Ellbogen. Die Kinder waren glattgebürstet und hatten eckige Köpfe. 
Ich wendete langsam die Seiten um, nicht ganz bei der Sache, weil gerade die Klimaanlage der Schule anfing zu brausen, wie immer um Viertel nach vier, als mich von einer halb herausgelösten Seite ein Kind direkt anschaute. Es hatte weit aufgerissene Augen, Grübchen in den Backen, obwohl es nicht lächelte, und geradegewachsene Augenbrauen, die sich über seiner Nase trafen, noch nie hatte ich bei einem Kind solche Augenbrauen gesehen. Die Augen schaute ich mir genauer an, beugte mich dicht über das wolkige Papier, bis sich der beharrliche, versunkene Blick auflöste in Kratzer und Punkte. So will ich auch aussehen, dachte ich und zog meine Augenbrauen zusammen, aber sie berührten sich nicht. Der macht, was er will.
Dann suchte ich nach anderen Bildern von Insel Vierunddreißig, fand eine einzige neuere Aufnahme vom Meer aus, auf der Vierunddreißig aussah wie ein aufgeschwemmter Pfannkuchen in einer riesigen Pfütze, und blätterte zurück zu dem Kind. Wenn ich jemals so aussähe, dachte ich, nähme mein Vater mich sofort in die Mangel. Ich starrte auf seine Stirn, den geraden Strich seiner Augenbrauen und sein verwaschenes Kinn, bis der Fünfuhrgong ertönte, ein unsauberer elektronischer C-Dur-Dreiklang, das absolute Gehör hat sie auch, sagte der Musiklehrer oft, was meinen Vater zu großen Hoffnungen bewegte, und die Bibliothekarin schaute verständnisvoll, aber entschlossen zu mir herüber. Ich wandte mich ab und riß mit einer lautlosen Bewegung das Bild aus dem Buch, faltete es und schob es in die Hosentasche. Dann stellte ich den Bildband zurück zwischen Antarktis und Beduinen, er hätte dort gar nicht stehen dürfen, und schlurfte über den grünen Teppich nach draußen, bis ich die elektrische Ladung unter den Fingernägeln spürte. 

Warum waren wir eigentlich nie auf den Inseln, fragte ich meine Eltern am Abendbrottisch, der wie immer sehr aufwendig gedeckt war mit Tonkrügen voller Saft, frisch aufgeschnittenem Brot und Vaters Lieblingskäse, einem pelzig verschimmelten Ziegenweichkäse, der mich anwiderte. Die Inseln, wieso, sagte mein Vater, kennst du etwa irgend jemanden, der schon einmal dort war. Die Antwort war meines Vaters nicht würdig, er tat nie Dinge, bloß weil irgend jemand sie tat oder nicht tat, und das sagte ich auch. Er stutzte und nickte mir dann anerkennend zu, vielleicht ahnte er schon die ersten Vorläufer meiner neugeborenen Leidenschaft, dafür hat er ein Gespür wie ein Bluthund. Die Inseln, sagte mein Vater und überlegte, die Inseln sind teuer, trist und klimatisch benachteiligt. Ich nahm mir vor, etwas über das Klima auf den Inseln herauszufinden. Man schläft dort nicht gut, sagte meine Mutter. Es gibt dort nichts, was eine Reise wert wäre, sagte mein Vater, ganz und gar nichts, was sollte das auch sein, die Fischer sind doch längst ausgestorben. Nehme ich jedenfalls an. Das ist ein komisches Völkchen dort draußen, sagte meine Mutter, die kommen ja nie da weg, die braten im eigenen Saft, und das schon seit Jahrhunderten. Jahrtausenden. Plötzlich fiel ihnen immer mehr ein, die Unterhaltung wurde ungewöhnlich lebendig. Ich trank Kirschsaft und sagte nichts mehr, sie hatten meine Frage vergessen und tauschten Inselgeschichten aus, aber woher wissen die das alles, dachte ich.
Bald begann die Leidenschaft aufzukeimen und unübersehbar zu werden. Mein Vater merkte es als erster. Du siehst anders aus, sagte er, als ich drei Stunden zu spät aus der Schule kam, weil ich in der Bibliothek Studien über das Leben in ländlichen Gemeinschaften gelesen und mich mit der Bibliothekarin über die Insel Achtundzwanzig unterhalten hatte, auf die sie beinahe früher einmal gereist wäre, ich war drauf und dran, sagte sie mit einer bangen, leicht schwankenden Stimme, drauf und dran. Ganz erhitzt siehst du aus, sagte mein Vater mißtrauisch und hoffnungsvoll, wo hast du denn gesteckt. Ich beschloß, ihm und mir von nun an das Leben zu erleichtern, und sagte so abweisend wie möglich, ich mußte etwas nachsehen. Nachsehen, sagte mein Vater, was denn nachsehen, wenn man fragen darf. Ich wandte mich ab, holte den Spiralblock aus der Tasche, in dem ich von nun an alle Inselnotizen sammelte, und vertiefte mich in mein Gekritzel. Was hast du denn da, sagte mein Vater und stellte sich hinter mich, was denn nachsehen. Über die Inseln, murmelte ich, da gibt es so einiges. Aha, sagte mein Vater laut und trat einen Schritt zurück, die Inseln also. Halt mich auf dem laufenden.

Mit freundlicher Genehmigung des Piper-Verlages

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