Tagtigall

Der Trick ist ...

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
10.07.2025. Die österreichische Autorin Verena Stauffer schreibt Lyrik und Prosa. Ihr vierter Gedichtband "Kiki Beach", der im Juni auf der österreichischen Bestenliste stand, ist von virtuellen Welten und Wünschen durchtränkt und  beleuchtet mit der Sprache unmittelbar Glanz und Elend der Liebessehnsucht im 21. Jahrhundert.
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Auf dem Umschlag von "Kiki Beach" sieht man eine stilisierte Palme, ganz in rosa und hellblau gehalten, im Hintergrund ein Orangenmond. Ein Bild wie ein Ausschnitt aus einem dieser kitschigen Bildschirmschoner. "Liebesgedichte" lautet der Untertitel. Doch mit der Liebe ist es auch im 21. Jahrhundert bekanntlich so eine Sache: Wir brauchen sie, wir sehnen uns nach ihr, sind von ihr mitunter besetzt, besessen; ob Songs, romantische Flausen, ob Filmsequenzen, ob diverse Vorlieben oder (auch mal exzentrische) sexuelle Praktiken - alles würden wir unternehmen, um uns in Liebe zu sonnen - und sei es für einen AugenBlick. Doch trotz aller Schützenhilfen von Dating-Apps, social media, Internet-Plattformen usw. geht die Liebessuche auch im 21. Jahrhundert zu selten gut.

Die Gedichte in "Kiki Beach" sind von virtuellen Welten und Wünschen durchtränkt. Als Grundformel dient Stauffer eine Floskel:  "... der Trick ist ... " Tricks setzt man gewöhnlich ein, um ein Spiel zu gewinnen, das schon verloren scheint. Mit Tricks werden Wahrnehmungen manipuliert - die eigene wie die der anderen. Wir tricksen uns aus und werden ausgetrickst. So kaschieren wir, was wir nicht sehen wollen.  

Tricks greifen auch in "Kiki Beach" ineinander. "Der Trick ist, jenen Menschen zu vergessen, der nie da war", heißt es einmal oder: "Der Trick ist, leer zu sein wie ein Krug / Und sich dann dem andern gleich zu machen" oder auch "Der Trick ist, ein Vampir zu sein, Adern begehren". Die Gedichte umzingeln die Liebe wie ein Gespinst. Dabei wird in diverse Trickkisten realer wie virtueller Welten gegriffen. Sprachlich wie bildlich.

Mit der Leichtigkeit und Ironie der Verzweiflung versuchen die Texte, den Schalter umzulegen, aus der Einsamkeit herauszugelangen. Mit jedem "Klick" könnte sich der Rausch neu entfachen ...

Wenn du schreibst, fühl ich mich nicht allein
Die Fülle unsrer Köpfe, Fantasieknospen
Oder wie Euphrat und Tigris, ein Zusammenspiel
Aus dem ein neues Land entsteht aus
Virtualität und Realität - beides ist echt

"beides ist echt", das ist eines der Geheimnisse des Bandes. Denn der Trick von "Kiki Beach" ist: sich eben alles auszumalen. Auch Gewalt, auch Versatzstücke aus Schlagerwelten. "Ich liebe den Blick, den du auf mich hast, / ich liebe, dass du meinen Hintern magst", heißt es einmal nach dem Prinzip: Reim-dich-oder-ich-fress-dich.

Kürzlich postete die Verlegerin Daniela Seel: "Wer schreibt einmal über dieses vertrackte Verhältnis von Unangemessenheit, Feminismus, Sexpositivität, radikaler Angreifbarkeit verinnerlichter Mysogynie und Scham." Besser kann man den Stauffer'schen Cocktail der Liebessehnsuche kaum zusammenfassen.

Unter den Stimmen, bei denen Stauffer explizit Schützenhilfe sucht, findet sich der Rapper Travis Scott, ferner der Oscar Wilde zugeschriebene (homoerotische) Roman "Teleny" ("Wie heißt du eigentlich wirklich, Teleny? - Das wirst du nie erfahren.") sowie die Liebesarie an eine Platane aus Händels Oper "Xerxes" ("Ombra mai fu"); außerdem liegt einem der sieben Zyklen des Gedichtbandes das "rage, rage" aus Dylan Thomas' Gedicht "do not go gentle into that good night" zugrunde. "rage, rage against the dying of the light" heißt es darin, und ein solches "wüte, wüte" durchwirkt subversiv auch die Sanftheit von "Kiki Beach". Es ist, als woll(t)e Verena Stauffer sagen: Wüte, ja wüte gegen das Sterben des Liebeslichts in diesen sich rasant verfinsternden Zeiten.

Gleich in den ersten Zeilen wird das zypriotische "Orangental" als Sehnsuchtsort beschworen.

Wenn keiner weiß, wo das Orangental liegt
Dann ist der Trick, dem Instinkt zu folgen
Sich nicht abbringen lassen von der Ahnung
Weiterzugehen und nicht daran zu denken
Was passiert, wenn es der falsche Weg war

Wenn es der richtige Weg war, so erfahren wir, dann kann man, dort angekommen, selbst ein Orangenbaum werden. Sich sonnen und sich selbst bestäuben, denn Orangenblüten tragen sowohl männliche als auch weibliche Fortpflanzungsorgane.

Eine der zentralen Figuren ist Amaltheia, jene Nymphe, die den als Kleinkind ausgesetzten Zeus mit der Milch einer Ziege aufzog. "Mäk, mäk, mäk, Götter weg, Götter weg", hallt es durch den Band. Gemeint sind dabei auch die Götter der Correctness und die Götter in Weiß.

Ich liebkose dich virtuell, Ziege
Es kommen immer die falschen zu mir, GOAT
Ich hol mir immer die falschen ins Boot, GOAT
Dann schicke ich sie fort, GOAT
Weil ich dich will, GOAT

und an anderer Stelle heißt es:

Ich frage: Du willst wirklich meine Milch?
Why? Ich press sie aus mir, damit du sie trinkst
Ich press sie aus mir, als wärst du mein Kind
Es ist wie ein Trick: In Brüsten ist Milch

Die Nähe der Ziege zu Gott - god, goat!

Die enorme Körperlichkeit von Stauffers Sprache ist ein Phänomen. Ein Körper, der sich allem aussetzt und allem ausgesetzt sieht. Mensch und Natur sind schicksalhaft verwoben. In einer Welt, in der die "Gletscher im Norden zu Seen schmelzen", vermeint auch das lyrische Ich, "die inneren Gletscher der Brust schmelzen zu spüren". Stauffers Texte stellen sich dem Schmerz und entfachen ein Feuerwerk an Bildern und Rhythmen.

Kinky Bitch

Wenn ein Flügelchen schlägt, dann auch das andere
Der Trick ist abzuheben, zuerst nur einen Zentimeter
Dabei nicht aufzuhören, die Häutchen zu schlagen
Höher steigen. Höher und höher, schweben
Magnetismus überwinden, schwerelos gleiten

    Vervollkommnung der Gedanken. Gedanken zu Worten
    Abheben in ein No-where, ein Wortland aus Träumen
    In ein: Wo ist das, wo bin ich, mit wem spreche ich?
    Voice Message. Brüchige zarte Stimme. Ist da mehr?

Gedankenbilder formen sich am Screen
Fantasien für eine neue Welt, ich lebe da jetzt
Erfüllung im virtuellen Traum. Absolute Begegnung
Im Chat der Geborgenheit und Freiheit
Es wird ein Gleiten in eine Realität geben. Aber wie?

    Wenn die Blätterspitzen zweier Palmen
    Sich fast berühren, das werden unsere Finger sein
    Die über einen langen Zeitraum hinweg
    Sich einander nähern. Ein Windhauch wird sie verbinden

Dieser virtuelle Raum sprüht. Grün, blau, orange
Fliegende Sterne, Sonnen, ein Kreiseln auf Wänden
Zwei Menschen. In der Ecke eine Palme, ein Sofa
Weihrauch, Myrrhe, Kerzenlicht, Wein aus alten Reben
Stille Musik, vier Augen, vier Hände, du und ich

    Ich frage: Du willst wirklich meine Milch?
    Why? Ich press sie aus mir, damit du sie trinkst
    Ich press sie aus mir, als wärst du mein Kind
    Es ist wie ein Trick: In Brüsten ist Milch

Saugen als Licht, Trick & Trink
Ich sage: Trink meine Milch, du liebst sie so sehr
Ich geb dir zurück, du willst immer mehr
Du hast gesagt, gib mir deine Milch
Und ich? Ich habe dich gestillt

    Lieber nicht sagen. Lieber nicht spüren
    Den Strang zwischen Säugen und Eingeweiden
    Lieber warten, bis es prickelt, fließt
    Fluss Nahrung, Fluss Milch, Fluss Kraft
    Lieber weiße Tropfen, Rinnsale auf Poren

***

Verena Stauffer, "Kiki Beach". Liebesgedichte, kookbooks 2025, 70 Seiten, 24 Euro

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