Tagtigall

Auffliegende Kraniche

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
07.09.2015. Ein Porträt des japanischen Dichters Tanikawa Shuntarō, dessen Minimalgedichte jetzt auf Deutsch vorliegen.
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"Minimal" prangt als Titel in weißsilbriger Prägeschrift vertikal auf dem weißen Buchdeckel. Unten, am Fuße steht, diesmal horizontal, in dünnen schwarzen Lettern: "Tanikawa Shuntarō." Und: "Gedichte." Die Rückseite ist weiß. Ein minimaler Umschlag.

Klappt man das kassettenartig gefertigte Buch auf, so finden sich auf der Innenseite des Umschlags drei, am Bund hellblau eingefasste weiße Hefte eingeklebt. Die japanischen Gedichte sind darin jeweils in blauer, die deutschen in schwarzer Schrift gedruckt. Hellblau schimmert die Färbung der Papierrückseite durch das weiße Papier durch. Jedes der drei Hefte enthält einen Zyklus, und auf jedem Deckblatt erkennt man den Schatten eines Kranichs, der sich von links nach rechts in die Lüfte erhebt. Der Band besteht aus 3 Zyklen: Das erste Heft mit den ersten zehn Gedichten thematisiert die Spannung zwischen Alltag und dichterischem Tun; das nächste Heft berührt Themen wie Alter, Gebrechlichkeit und Traumwelt der Kindheit, während die letzten zehn Gedichte Selbstzweifel, Lüge und Tod aufrufen.

Der Autor, Tanikawa Shuntarō, geboren 1931, einer der großen zeitgenössischen Dichter Japans, hatte den Band "Minimal" 2002 aus Anlass seines 70. Geburtstags vorgelegt. Die deutsche Fassung nun hat es in diesem Herbst auf Platz 3 der Weltempfängerliste von Litprom gebracht.

Tanikawa Shuntarō hat Zeit seines Dichterlebens mit Formen experimentiert. Es gibt lyrische Gedichte, analytische Prosagedichte, Episches und auch Laut-Poesie. Die Gedichte in diesem Band sind "Minimal": Jedes Gedicht hat sei es vier, sei es fünf "Strophen", die aus je drei Kurz-Zeilen bestehen. Die Stimmung ähnelt der des Haiku. Doch Haikus hat Tanikawa Shuntarō nie geschrieben; mit dieser höchstminimalen Form sei er nicht klar gekommen, erzählt er im Nachwort des Bandes. Wie beim Haiku besteht die Kunst der "Minimal"-Verdichtung darin, dass die aus dem Weiß des Blattes auftauchenden, dem Schweigen abgerungenen Schriftzeichen und Worte in ihrer Reduktion eine umso kraftvollere Präsenz besitzen.

Der Band entstand in einer Zeit poetischer Verunsicherung. "Ich empfand ein tiefes Unbehagen, weil mir das Dichten allzu leicht von der Hand ging und ich die Wirklichkeit allmählich nur noch aus dem Blickwinkel der Dichtung zu betrachten vermochte." Einen ähnlichen Grundverdacht muss auch Ingeborg Bachmann gekannt haben: Sie habe aufgehört zu dichten, berichtete sie einmal, als sie das Gefühl hatte, sie "könne" mittlerweile auch dann Gedichte schreiben, "wenn der Zwang, welche zu schreiben, ausbliebe".

Shuntarō hat nie aufgehört zu dichten. In allen seinen 60 Gedichtbänden hat er versucht, sich durch formale Öffnung das Staunen zu erhalten, darunter auch durch Renshis oder Rengas. Das Prinzip des Renshi ist einfach und folgt, wie sein Vorläufer, der Renga, festen Regeln. Ein Autor fängt an, ein anderer schreibt weiter, und so fort. Ein Kettengedicht, wie zum Beispiel "Licht verborgen im Dunkel", das Shuntaro 2000 zusammen mit Uli Becker, Durs Grünbein, Makoto Ooka und Junko Takahashi verfasst hat. Meist gibt es ein Thema; in der Regel ist ein Renshi vierziggliedrig. Man kreiert im Moment Bilder von großer Schönheit, und reagiert damit beim Schreiben auf die Einfälle des anderen. Dieser schreib- und witzschulende Zeitvertreib, der traditionell in Kneipen stattfindet, kann von höchster Ernsthaftigkeit sein. Dabei versucht jeder Poet jeweils das, was er schreibt, von den Zeilen des Vorhergehenden so fern wie möglich zu halten. So öffnet er den eigenen Geist für neue Begegnungen und schützt sich vor eingefleischten Wahrnehmungen der Wirklichkeit.

Shuntarōs Minimalgedichte handeln von der Endlichkeit eines jeden Augenblicks und von der Unendlichkeit, die jedem Augenblick innewohnt. Es gelten für sie viele Beobachtungen, die auch für Haikus gelten: Beide gehen aus von kleinen visuellen oder akustische Sinneseindrücken, erkunden vielleicht das Verhältnis von Körper und Wort. Ein gutes Haiku ähnele einer geistigen Erschütterung, hat Roland Barthes einmal gesagt und diese Erschütterung als einen "Klick", also als ein blitzartiges Erkennen beschrieben. Der Schreibende wie der Lesende werde von dem im Gedicht evozierten Augenblick gepackt. Gedeutet werde nirgends. Die Sprache ist meist zart. Wie hingetupft.

HÄNDE FÜSSE

Ein haltloser Tag
ist das heute
doch habe ich Hände

habe auch Füße
Schultern
sogar ein Gesicht

Stoße Wörter aus
Und lasse Wörter hinein
in die Brust

über einem leer gegessenen
Teller lache ich
jemandem zu.


Die 4 x 3 Zeilen von "Hände, Füße" haben es in ihrer Reduktion und Konzentration in sich. Sie stammen aus dem ersten Zyklus des Bandes. Mit den Haikus teilen sie die Sanftheit, die Alltäglichkeit, das Schwebende und die Tatsache, dass hier nichts erklärt, nichts gedeutet wird. Viele der Gedichte führen den Moment blitzartigen Erkennens in sich, und es ist Ausdruck hoher Übersetzungskunst, wenn dieser Moment auch im Deutschen gelingt. Andere "Minimale" setzen unvermittelt Gedanken- oder Bildfetzen zusammen.

Hab einen Fisch geboren
sagt die Frau
und ihn gleich ins Meer entlassen...
 

heißt die erste Strophe und es geht weiter:

hu hu hu ich lache mir ins Fäustchen
mitten in der Stadt
wo jeder genug hat vom andern.



Schon das Kettengedicht "Sprechendes Wasser", das 2012 im Verlag Sezession erschien, war zweifarbig gedruckt (rot, schwarz), und in den Details bibliophil gestaltet. Eine standesgemäße Kleidung, möchte man ganz altmodisch sagen. Wunderschön. Auch "Minimal" ist eine enorme Verlegerleistung, Papier, Farbe, Druck. Doch: Was hat den Verlag veranlasst, den Fluss des Lesens und der Bilder durch diese aufwendige Klapp- und Leporello-Struktur zu unterbrechen? So schön sie anmutet, im Ergebnis überzeugt sie nicht.


***

Tanikawa Shuntarô, "Minimal", Verlag Secession, Berlin, 2015, 42 Euro.

Zuletzt erschien von Tanikawa Shuntarô und Jürg Halter das Kettengedicht "Sprechendes Wasser", Verlag Secession, Berlin, 2012 , 29 Euro

Tanikawa Shuntaro, "Fels der Engel", Gedichte zu Zeichnungen von Paul Klee, Waldgut Verlag, Frauenfeld CH, 2008, 22 Sfr.


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